| Sprache: |
Interviews
Nach AlphabetDie 1976 in Mumbai, Indien, geborene Künstlerin Shilpa Gupta zählt zu den wichtigsten Medienkünstlerinnen Indiens und lebt und arbeitet in ihrer Geburtsstadt. 1992 bis 1997 studierte sie an der Sir J. J. School of Fine Arts in Mumbai. Guptas facettenreiches Werk ist in Institutionen wie der Tate Modern, dem Centre Pompidou und dem Mori Art Museum vertreten. Ihre Arbeit fand zunächst im Ausland starke Anerkennung auf Biennalen, bevor sie in ihrem Heimatland ähnlichen Widerhall fand. Zu ihren jüngsten Auszeichnungen zählt der Possehl-Preis für Internationale Kunst 2025. Anlässlich dieser Ehrung präsentierte die Kunsthalle St. Annen in Lübeck mit we last met in the mirror ihre erste große museale Einzelausstellung in Deutschland. Der begleitende und gleichnamige Katalog Shilpa Gupta. we last met in the mirror erschien im Januar 2026. Die raumgreifenden Arbeiten von Shilpa Gupta werden ab dem 27.03.2026 in ihre Ausstellung What Still Holds im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin zu sehen sein.
Im Gespräch mit Noura Dirani, Kunsthistorikerin und seit 2022 Direktorin der Kunsthalle St. Annen sowie Herausgeberin und eine der Autor:innen des Katalogs Shilpa Gupta. we last met in the mirror, erzählt sie von ihrem frühen Interesse an alltäglichen Materialen, welche zeitgenössische Positionen sie inspirieren und davon, was es heißt durch Kunst in einen Dialog zu treten.
Noura Dirani (ND): Du hast an der Sir J. J . School of Art in Mumbai studiert. Die Zulassungsbedingungen sind nicht einfach. Nur wenige Bewerber:innen werden aufgenommen, nicht wahr? Der Lehrplan der Schule ist auf klassische Malerei und Bildhauerei ausgerichtet. Konzeptkunst steht immer noch nicht auf dem Lehrplan, und dennoch hast Du schon früh begonnen, mit Alltags-Gegenständen zu arbeiten. Wie bist Du dazu gekommen? Welche künstlerischen Positionen – historische wie zeitgenössische – sind wichtige Quellen der Inspiration für Deine Arbeit?
Shilpa Gupta (SG): Ja, das stimmt. Das Kunststudium an der J. J. Art School – der einzige Studiengang in der Stadt, der einen Abschluss ermöglicht – zieht Tausende von Bewerber:innen an, von denen lediglich 2 bis 3 Pro-zent das Steingebäude aus der Kolonialzeit mit seinen weitläufigen Anlagen im Stadtzentrum besuchen dürfen. Es handelt sich um einen streng akademischen Studien-gang mit klar abgegrenzten Fachbereichen wie Malerei, Bildhauerei, Metallkunst und so weiter. Da ich mich jedoch schon früh mit Alltagsgegenständen beschäftigt habe, entschied ich mich für die Bildhauerei, wobei sich allerdings herausstellte, dass man sich dort sehr stark auf Aktzeichnen und Modellieren konzentrierte.
Ich begann mein Studium im Jahr 1992. Im ersten Jahr blieb die Kunstschule monatelang geschlossen, davon religiösen Sektierern ausgelöste Unruhen Mumbai, wo unzählige Migranten leben, erschütterten und den Traum von einem kosmopolitischen Zusammenleben zerstörten. Es war auch die Zeit, in der die Regierung neue Maßnahmen zur Liberalisierung einführte und sich die Stadt über Nacht mit dem Auftauchen einer Flut riesiger Werbetafeln rasch zu verändern schien. Ich erinnere mich daran, dass ich einige Monate nach Studienbeginn einen Gegenstand aus meinem Heimatortmitbrachte – von Hand fest aufgewickeltes Garn, in das ich kleine Glöckchen eingewoben hatte, die ich sorgfältig von meinem Kathak-Fußgelenkband abgezupft hatte. Kathak, eine Form des klassischen Tanzes, war etwas, das ich seit meiner Kindheit erlernt hatte – obwohl es mir nie besonders gefallen hatte. Als ich diesen etwas ungewöhnlichen Gegenstand meinem ›Sir‹, meinem Kunstlehrer, zeigte, verwies er höflich darauf, dass solche Arbeiten eigentlich in den häuslichen Kontext gehören – ghar ka kaam. Es war das Jahr 1992 – und keiner von uns kannte den Begriff ›Installationskunst‹. [...]
Eine Zeit lang arbeitete ich quasi in einer Blase, da die Lehre in den akademischen Hallen der J. J. Art School nicht über das 18. und 19. Jahrhundert hinaus-ging, und uns Picasso und der Kubismus erst in den späteren Studienjahren in Büchern begegneten. Hinzu kam, dass sich die zweieinhalb zeitgenössischen Kunstgalerien Mumbais in einer gänzlich anderen Welt befanden. Doch eines Tages führte mich eine Treppe zu einem der ganz wenigen Bücher über zeitgenössische Kunst, die uns in der staubigen Hochschulbibliothek zur Verfügung standen, die ansonsten mit Werken über Giganten der Vergangenheit vollgestopft war. Ich erinnere mich, wie ich es aufschlug und auf Joseph Kosuths One and Three Chairs stieß. Und ich dachte: Endlich, hier ist ein Freund, der mich versteht. Es war ein aufregender Moment. Und gleichzeitig ein trauriger Moment. Aufregend, weil es da draußen so viele großartige Arbeiten gab, zu denen ich einen Bezug herstellen konnte. Traurig, weil es mich des Reizes beraubte, neue Räume zu betreten.
[...]
ND: Du hast die Alltagskunst erwähnt. Deine Werke verbinden Kunst und Leben und sind häufig partizipativ. Deine Kunst ruft Ereignisse und Erfahrungen hervor, die die Betrachter:innen selbst erlebt haben, und Dein Werk scheint erst in dieser Ereignishaftigkeit seine Vollendung zu finden. Kannst Du dazu etwas sagen?
SG: Mich interessiert das schwer fassbare Wesen von Bedeutung. Wie sie entsteht, weitergegeben und transformiert wird. Wie sie manchmal statisch werden kann und manchmal, wenn wir blinzeln und erneut hinschauen, sogar für einen kurzen Moment lebendig wird. Und sich verändert. Ich interessiere mich für die Möglichkeit von Verschiebungen im Raum zwischen dem Objekt und der betrachtenden Person. Manchmal, wenn ein Werk von jemanden aus dem Publikum aus der Galerie hinausgetragen wird und sich auf den Weg durch die Straßen macht oder in einem häuslichen Umfeld seinen Platz findet, tritt es in einen gemeinsamen Bereich ein. Dort legt es einige der verkrusteten Bedeutungen von »Kunst« ab, und es eröffnet sich die Möglichkeit eines Dialogs. Wenn ein Gespräch weniger wie eine Inszenierung ist, kann es flüssiger, leichter und offener für den Austausch sein. Zudem gibt es bestimmte partizipative Werke, die dazu einladen, mitzumachen – die Spannung aufrechtzuerhalten, während man gemeinsam mit ihnen auf Reisen geht. Zum Beispiel There is No Explosive in This oder das Werk, bei der man einen Grabstein von einem nicht-markierten Grab mitnehmen kann. Keine zwei Reisen mit diesen Arbeiten sind jemals gleich. Eine Person hat den Grabstein vergraben, eine andere hat ihn ausgestellt, eine weitere konnte sich nicht entscheiden, was sie damit tun sollte, und hat ihn tagelang im Kofferraum ihres Autos herumgefahren, während jemand anderes ihn zurückgebracht hat. Wenn andere dem Werk im häuslichen Umfeld begegnen, können die Teilhabenden zu Geschichtenerzähler:innen werden.
ND: Deine Arbeiten entstehen oft aus dem erlebten Moment, aus unmittelbar erfahrener Realität. Sie befassen sich häufig mit Themen wie Grenzen, Unterdrückung und Zensur. Wie kannst Du auf diese Themen in Regionen eingehen, die selbst dadurch geprägt sind, dass um Grenzen gerungen wird? Die Teilung Indiens im Jahr 1947 war letztlich der Auslöser vieler weiterer Konflikte, die bis heute andauern. Wie gehst Du als Künstlerin mit diesen häufig politisch sensiblen Themen um?
SG: Kunst geht aus einem Ort des inneren Zwangs hervor, an dem man von Kräften angetrieben wird, die über einen selbst hinausgehen. Anfang der 2000er-Jahre befand ich mich in Srinagar, einem Ort, der durch die Schaffung zweier voneinander getrennter Länder zerrissen worden war. Diese Erfahrung führte mich später an die Grenze im Osten, wo trotz der fast vollständigen Fertigstellung des längsten Zauns der Welt, der von Indien um Bangladesch herum errichtet wurde, der Personen- und Warenverkehr nach wie vor weitergeht. Ich bin sehr daran interessiert, Alltagsgeschichten zuzuhören, wie Menschen mit solchen gewaltigen Strukturen um sie herum umgehen oder sie sogar unterlaufen. Während die Landkarten der beiden Nationen in Geschichtsbüchern scharf und klar definiert erscheinen, verschwimmen ihre Konturen vor Ort.
ND: Deine Kunst ist stark in der Stadt Mumbai verortet, die von unterschiedlichen Lebensrealitäten geprägt ist, die sich zwischen Tradition, Moderne und Globalisierung bewegen. Auf unserer Tour durch Mumbai sagtest Du, dass Deine »Kunst ohne die Stadt und das Meer nicht existieren würde«. Was inspiriert Dich dabei besonders?
SG: Es heißt, dass jeden Tag 200 Menschen am Hauptbahnhof von Mumbai aus den Zügen steigen, getrieben von Verzweiflung oder Sehnsucht. Selbst wenn die Zahl nicht stimmen sollte, so fühlt es sich doch so an – ein Ort in ständiger Bewegung. Am Hauptbahnhof auszusteigen und in die Stadt zu gehen, in ihre Basare, ihren Geräuschen und zahlreichen Sprachen zu lauschen – das geht unter die Haut. Ich habe das Gefühl, dass mein Werk ohne dies und ohne das Meer nicht dasselbe wäre – bei beiden geht es um Bewegung, Veränderung, sich treiben lassen, Vielfalt und Rhythmus.
[...]
ND: Wohin führt Dich Dein Weg? Woran arbeitest Du zurzeit?
SG: Ich weiß nicht, wohin mich meine Arbeit führen wird. Ich habe selten ein Ziel vor Augen, sondern bin einfach nur unterwegs, schaue mich um, entdecke Neues und lerne dazu. Die Schnelllebigkeit von Bildern und Emotionen, die sich mit jedem Scrollen verändern, ist etwas, womit ich mich auch weiterhin auseinandersetzen werde. Es herrschen große Verwirrung und ein wachsender Mangel an Vertrauen und Geduld, denen zuzuhören, die anders leben und empfinden. Einiges davon wird Eingang in ein öffentliches Kunstprojekt finden, an dem ich derzeit arbeite und das sich mit Texten im öffentlichen Raum befasst.
Das Gespräch zwischen Shilpa Gupta und Noura Dirani in voller Länge finden Sie in unserer Publikation Shilpa Gupta. we last met in the mirror.
Marius Glauer bewegt sich mit seinen Arbeiten an der Schnittstelle von Bild und Skulptur.
Über einen Zeitraum von zwei Jahren trafen sich Katharina Grosse und der Autor Klaus Dermutz im Berliner Atelier der Künstlerin, um eine Reihe konzentrierter Gespräche zu führen.
Frank Kunert gewährt einen Einblick in seinen kreativen Prozess, die Entwicklung seiner Werke und die philosophischen Themen, die in seinen menschenleeren Szenen stecken – von der Vergänglichkeit bis zu den Absurditäten des Lebens.
Sheila Hicks spricht mit dem US-amerikanischen Kunstkritiker, Kurator und Maler Robert Storr darüber, wie ihre Kindheit ihre künstlerische Praxis formte und wie sie durch ihre Kunst mit verscheidenden Orten und Kulturen in einen Dialog tritt.
Im exklusiven Interview mit Hatje Cantz spricht der japanische Maler Yoshitomo Nara über seinen künstlerischen Werdegang und seine prägende Zeit in Deutschland.
Jenseits der klassischen Grenzen des Kunstbegriffs forscht Sandra Knecht an den Dimensionen von Heimat und Tradition. Im Gespräch mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist spricht sie über ihren Weg in die Kunst.
Adrian Ghenie erweckt in Schattenbilder die verlorenen Werke von Egon Schiele, die nur durch Schwarz-Weiß-Fotografien überliefert sind, und löst dabei die Grenzen zwischen Realität und Abstraktion auf.
Schauspieler, Künstler und Ost-West-Wanderer Armin Mueller-Stahl spricht über den Mauerfall vor 30 Jahren, den Zustand der Republik und Augenblicke völliger Freiheit.
Gerhard Richter gibt erstmals tiefere Einblicke in die Entstehungszusammenhänge seiner berühmten 1260 Farbfelder
Man findet ihn auf der Theaterbühne oder vor der Filmkamera, im Regiestuhl oder am Mischpult – Lars Eidinger hat viele Gesichter