REENA SAINI KALLAT IM GESPRÄCH MIT HELEN HIRSCH

"Flüsse erkennen keine künstlichen politischen Grenzen an (...)"

Reena Saini Kallat im Gespräch mit Helen Hirsch, 2023

Der Ausstellungskatalog Deep Rivers Run Quiet befasst sich mit dem tiefgründigen Werk von Reena Saini Kallat, einer renommierten zeitgenössischen Künstlerin aus Indien. Kallats Kunst erforscht die Dynamik von Grenzen in einer von Mobilität und Interaktion geprägten Welt und beleuchtet trennende nationale und psychologische Barrieren. Ihr Werk veranschaulicht die Unterwanderung dieser Barrieren unter anderem, indem sie elektrische Kabel verwendet, die an Stacheldraht erinnern. Durch hybride Figuren und Flussmotive hinterfragt sie die gewaltsame Spaltung von Land und Natur, entlarvt letztlich die Illusion der Isolation und setzt sich für kulturellen Pluralismus ein.
Reena Saini Kallat, 1973 in Delhi geboren, ist bekannt für ihre vielfältige künstlerische Praxis, die Malerei, Skulptur, Installation, Fotografie und Video umfasst. Ihre Kunst ist stark von der Teilung Indiens im Jahr 1947 beeinflusst, einer Erfahrung, die ihre Familie väterlicherseits gemacht hat. Ihre Arbeit hat breite internationale Anerkennung gefunden. Kallat stellte bereits in angesehenen Institutionen wie dem Museum of Modern Art in New York und der Tate Modern aus.
In dem folgenden Interviewauszug aus dem Buch Deep Rivers Run Quiet spricht die Künstlerin mit der Kuratorin Helen Hirsch über die tiefen Verbindungen zwischen Flüssen, Grenzen und der menschlichen Existenz.

Helen Hirsch: Ich möchte mich den verschiedenen Inspirationsquellen, die auf so vielschichtige Weise in dein künstlerisches Repertoire einfliessen, durch den Rückgriff auf dieses Gedicht des berühmten indischen Schriftstellers Rabindranath Tagore (1861–1941) nähern. Der Fluss ist ein wiederkehrendes Motiv in seinem literarischen Werk. Durch den Vergleich und die Analogien mit dem menschlichen Körper stellt er immer wieder die Verbindung des Lebens menschlicher Körper mit Flüssen her. Die Hauptthemen deines Werks legen hingegen die politischen, sozialen und ökologischen Schichten dieser Verbundenheit von Mensch und Fluss auf nationaler und globaler Ebene offen. Durch deine künstlerische Sprache wird uns bewusst, wie sehr alles im Fluss und miteinander verbunden ist und wie wichtig es ist, das Gleichgewicht der natürlichen Kreisläufe zu erhalten. Indem sie die damit verbundenen Fragen durch eine disziplinübergreifende Sprache zusammenführen, die zugleich in ihrer persönlichen Geschichte verwurzelt und auf Engste mit den politischen Umwälzungen in deinem Heimatland Indien verbunden ist, wird uns die starke gegenseitige Abhängigkeit von Natur und Mensch auf diesem Planeten bewusst. Wir haben uns entschieden, den ersten Teil der Ausstellung im Kunstmuseum Thun deinen neueren Arbeiten zu widmen, die sich mit Flüssen beschäftigen, und wie diese durch politische Entscheidungen das Leben von Menschen und Territorien beeinflussen. Mit der Lage direkt am längsten Fluss der Schweiz, der Aare, die aus den Alpen herabfliesst und später in den Rhein mündet, bietet unser Museum dabei eine besonders geeignete Umgebung für dein Werk. Die Aare ist von den Fenstern auf der Südseite des Museums aus zu sehen, sodass ein Dialog mit deinen Flussarbeiten entsteht. Flüsse sind die Lebensader der Menschen und dienen als enorm wichtige Wasser- und Energiequellen sowie als Transportwege und Fischgründe. Seit jeher haben sich Menschen an ihren Ufern angesiedelt. Durch Indien fliesst einer der längsten Flüsse der Welt, der Indus, ein grenzüberschreitender Fluss, der auch durch China und Pakistan fliesst und dementsprechend politisch umkämpft ist. Der andere grosse Fluss Indiens, der Ganges oder in Sanskrit ›Ganga‹, trägt den Namen einer Göttin – ›Ganga Ma‹ (Mutter Ganga) – und verkörpert das Leben an sich, da er für die Hindus eng mit Leben, Tod und Wiedergeburt verbunden ist. Wie man in deinen Arbeiten River Drawings, 2021 (S. 38, 41), The Water Book, 2022 (S. 78/79), und Leaking Lines (River Drawings), 2019/20 (S. 10–13) sehen kann, sind Flüsse Verbindungsadern, können aber auch als Mittel dienen, Grenzen zu ziehen und Trennungen zu bewirken. Zugleich überwinden Flüsse auch Grenzen und verbinden Menschen so über weite, geschichtsträchtige Landschaften hinweg und werden dabei zu umkämpften Orten, Orten von Konflikt und Trauma.

Reena Kallat: Wir haben eine starke Verbindung zum Wasser sowohl im Innern des Körpers als auch ausserhalb, da Wasser der Ursprung aller bekannten Lebensformen ist und unser Körper hauptsächlich aus Wasser besteht. Während ich in Arbeiten wie Crease/ Crevice/Contour oder Woven Veins Analogien zwischen Land und Körper, Flüssen und Adern hergestellt hatte, habe ich 2010 im Rahmen meiner Teilnahme an der River Biennale im Campbelltown Arts Centre bei Sydney stärker darüber nachzudenken angefangen, wie menschliche Gemeinschaften von Flüssen abhängig sind. Sie haben in der Geschichte der Menschheit schon immer eine wichtige Rolle gespielt, waren die Lebensgrundlage ganzer Zivilisationen, und doch dreht sich ein Grossteil der Konflikte zwischen Ländern um Nutzung und Besitz natürlicher Ressourcen, sei es Land oder Wasser. Die Arbeit 2 Degrees (S. 42/43) ist aus meinem langjährigen Interesse an den Beziehungen zwischen politisch getrennten, aber historisch miteinander verbundenen Ländern entstanden. Ich dachte dabei an den Indus und seine Nebenflüsse Ravi, Beas und Sutlej, die nach Indien fliessen – und an den Jhelum, den Chenab und den Indus, die nach Pakistan fliessen – sowie an die vertragliche Trennung der Nutzungsrechte dieser Gewässer im Jahr 1960. Auch wenn der Fluss viele verschiedene Namen hat, bleibt das Wasser doch dasselbe. An verschiedenen Stellen des Flusses aufgenommene Geräusche ergaben zusammen die Töne, die in den geteilten Terrakottatöpfen zu hören waren. Die in einer Linie aufgestellten Gefässe erinnerten dabei auch an unsere Verbindungen durch die Zivilisation des Industals. Ich wollte damit auf die lange gemeinsame Geschichte verweisen, die viel tiefer reicht als nationale Teilungen. Die Wandzeichnung wurde mit Henna angefertigt, dessen Pulver zur Hälfte vom Banyanbaum und zur anderen Hälfte von der Himalayazeder kam, den beiden Nationalbäumen Indiens und Pakistans, die derselben Erde entstammen und sogar gemeinsame Wurzeln haben. Die Arbeit war der Ursprung der späteren Serie Hyphenated Lives (S. 22–25).

HH: Dein Werk verdeutlicht, wie Flüsse Geschichte geprägt haben, indem sie zu Grenzen wurden, die es zu überqueren galt. Wie siehst du die Verbindung zwischen Flüssen und Grenzen?

RK: Flüsse erkennen keine künstlichen politischen Grenzen an, sie fliessen frei und ernähren die Staaten an beiden Ufern. Die umstrittene Radcliffe-Linie, die bei der Teilung zwischen Indien und Pakistan gezogen wurde, oder die McMahon-Linie zwischen Tibet/ China und dem indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh sind willkürliche Festlegungen von britischen Kolonialbeamten. Sie zerschnitten die Siedlungsgebiete von Gemeinschaften, wie zum Beispiel die Durand- Linie zwischen Pakistan und Afghanistan durch das Gebiet der Paschtunen gezogen wurde, ohne die Menschen, Berge, Täler oder Flüsse zu berücksichtigen. Auch wenn unsere Abhängigkeit von Flüssen als geteilter Ressource uns eigentlich dazu ermutigen und befähigen sollte, die Zusammenarbeit von Ländern zu stärken und auszubauen, führt die gemeinsame Nutzung von Gewässern oft zu einer Aufteilung der Flüsse, sei es der Indus, der Nil oder der Colorado. Bei vielen Abkommen zwischen Nachbarstaaten geht es darum, wer den Zugang zu einem Fluss kontrolliert, wobei dazukommt, dass der Flusslauf durch Dämme oder andere Wasserkraftprojekte der jeweiligen Länder verändert wird.

HH: In der Vergangenheit haben sich indigene Gemeinschaften mit dem Bewusstsein um die Natur gekümmert, dass sie eines besonderen Schutzes bedarf und nicht wie eine Ware zu behandeln ist. Der auf dieser Vorstellung beruhende Kampf für die Rechte der Natur verzeichnete im Jahr 2017 einen grossen Erfolg, als vier Flüsse auf verschiedenen Kontinenten zu Rechtssubjekten erklärt wurden – in Neuseeland, Kolumbien und Indien. Solche gerichtlichen Entscheidungen zeigen die wachsende Bedeutung eines rechtebasierten Ansatzes beim Umweltschutz. Bist du der Meinung, dass Flüsse die gleichen Rechte haben sollten wie Menschen?

RK: Ein Fluss ist ein lebender Körper und muss geschützt werden, da er nicht nur für Menschen, sondern für ganze Ökosysteme von Bedeutung ist. Die juristische Anerkennung der Rechte von Flüssen in Neuseeland, Kolumbien und Indien ist in der Tat ein begrüssenswerter Schritt, da er dazu beiträgt, dass wir unsere Sicht auf Flüsse verändern. Diese Regelung kann dazu beitragen, Eingriffen in die Natur Grenzen zu setzen, da das Handeln von Menschen auch weiterhin die Landschaft verändert und beeinflusst. Anstatt einen Fluss als Ressource zu betrachten, die einfach ausgebeutet und besessen werden kann, wäre es hilfreicher, das Bewusstsein für die Rechte der Natur zu schärfen und den Fluss mittels extraktivistischer Wirtschaftsformen zu nutzen, wobei der Natur nie soviel entnommen wird, um sie negativ zu beeinflussen. Es wäre naiv, unsere Verflechtung und Verbundenheit mit anderen Lebensformen nicht zu erkennen. Unser Handeln hat Auswirkungen auf ganze Ökosysteme und Millionen anderer Arten, mit denen wir diesen Planeten teilen. Es gibt auch weitere gelungene Beispiele, von denen wir etwas lernen können, wie dem Abkommen zwischen Armenien und der Türkei über den Fluss Arpaçay und zwischen Serbien und Kroatien über die Donau – in beiden Fällen haben grenzüberschreitende Vereinbarungen bestehende Konflikte durch die Zusammenarbeit der Länder gelöst.

(...)

Das ungekürzte Interview finden Sie in unserer Publikation Deep Rivers Run Quiet.

Deep Rivers Run Quiet


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