Neue Perspektiven finden. Ein Interview mit Sibylle Fendt.

Fotoprojekte nehmen oft mehrere Monate bis Jahre in Anspruch. Gerät man dabei in eine Sackgasse braucht es Mut, um die Perspektive zu ändern und neu anzufangen. Sibylle Fendt sprach mit uns über ihre Arbeit zum Thema Flucht, für welche auch sie sich aus ihrer Komfortzone herauswagen musste.

 

Liebe Sibylle, in deinem aktuellen Projekt widmest du dich dem Thema Flucht. Wie hast du dich diesem Thema genähert?

Ich habe Ende 2014 mit meiner Arbeit „Eine Reise durch deutsches Flüchtlings(krisen-)Land“ begonnen, wofür ich ein Stipendium von der VG Bild-Kunst erhielt. In dieser Arbeit baue ich auf meiner Serie „Sehr geehrte Frau K.“ aus den Jahren 2011 und 2012 auf. Während ich mich dort mit der Situation von Flüchtlingen in Berlin auseinandersetzte, begab ich mich nun in ganz Deutschland auf die Suche nach Orten des staatlichen und bürokratischen Umgangs mit Flüchtlingen.

Bevor im Spätsommer 2015 die sogenannte Flüchtlingskrise begann, hatte ich unter ganz anderen Prämissen meine Arbeit angefangen. Zu dieser Zeit war die Zahl der Flüchtlinge noch weitaus überschaubarer. Selbst wenn es damals weniger als 80.000 Anträge im Jahr gab, so mussten Flüchtlinge sehr lange auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens warten. Und das bei teilweise unzumutbaren Zuständen in den Unterkünften.

Durch die zunehmende Zahl an Flüchtlingen im Sommer 2015 musste ich völlig neu auf mein Thema schauen und neue Kriterien an meine Bilder stellen. Mir wurde deutlich, dass Deutschland im europäischen Vergleich auch einiges besser machte. Während dieser permanenten Veränderungen, wo die heutige Situation morgen schon historisch sein könnte, habe ich mich immer wieder auf die Suche nach Orten der Krise gemacht.

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Schreibtisch eines BAMF-Mitarbeiters in der Rückführungseinrichtung Bamberg, 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Ursprünglich hast du damit angefangen Portraits von Flüchtlingen zu machen – wie kam es dazu, dass du letztendlich vor allem Orte fotografiert hast?

In meiner ersten Serie wollte ich eine Handvoll Flüchtlinge über einen längeren Zeitraum begleiten. Diese Arbeitsweise habe ich auch bei vorangegangenen Projekten verfolgt. Doch ich merkte schnell, dass bei den Flüchtlingen nur wenig passierte und ich deswegen fotografisch wenig erzählen konnte. Zur selben Zeit lernte ich viele Orte kennen, die Flüchtlinge während ihres Verfahrens durchlaufen und spürte ihren symbolhaften Wert. Ich besuchte verschiedene Behörden, die Abschiebehaft, die Ausländerbehörde und verschiedene Unterkünfte. Diese Orte haben alle ganz unterschiedliche Strukturen und sagen viel darüber aus, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird. Meine Kollegen bestärkten mich darin, mich auf die Orte zu konzentrieren um auch eine für mich neue Arbeitsweise auszuprobieren. Außerdem merkte ich, dass es mir schwer fiel nachzuempfinden, was diese Menschen erlebt haben. Ich habe nichts in meinem eigenen Leben, womit ich ihre Erfahrungen vergleichen könnte. Mir fehlte schlichtweg eine Idee um dieses Lebensgefühl darzustellen.

Traglufthalle Metten, sie wurde als Entlastung der Erstaufnahme Deggendorf errichtet, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Traglufthalle Metten, sie wurde als Entlastung der Erstaufnahme Deggendorf errichtet, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Geparkte Schlepperfahrzeuge auf dem Gelände der Bundeswehr Freyung, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Geparkte Schlepperfahrzeuge auf dem Gelände der Bundeswehr Freyung, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Registratur, BAMF Nürnberg, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Registratur, BAMF Nürnberg, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du dir gesagt hast „So wie ich das jetzt fotografiere, funktioniert das nicht, ich muss einen anderen Ansatz wählen“? Und wie schwer war es für dich, diesen neuen Ansatz umzusetzen?

Einen solchen Schlüsselmoment gab es eigentlich nicht. Es war eher eine Reaktion auf die unzähligen fotografischen Arbeiten, die in den Jahren 2015, 2016 und eigentlich auch schon vorher entstanden sind. Diese Arbeiten von heroisierten Flüchtlingen, diese dramatischen Emotionen und das Leid sowie andererseits die Dankbarkeit und Freude. Ich wollte bewusst einen Kontrapunkt setzen und nach einer Möglichkeit suchen, wie man diese Geschichten auch leiser erzählen kann.

Konntest du etwas aus dieser neuen Arbeitsweise für dich lernen?

Bei bestimmten Themen muss man über seinen eigenen Schatten springen und die bevorzugte Art und Weise zu fotografieren verlassen. Gleichzeitig habe ich es sehr vermisst, Menschen zu fotografieren. Die konzeptionelle Arbeit und die damit verbundenen Recherchen haben mich dann doch sehr angestrengt.

Bearbeitungsstraße Passau, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Bearbeitungsstraße Passau, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Essensausgabe, Patrick Henry Village, Heidelberg, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Essensausgabe, Patrick Henry Village, Heidelberg, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Container-Küche der Notunterkunft Bauschlott einen Tag vor Bezug, Februar 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Container-Küche der Notunterkunft Bauschlott einen Tag vor Bezug, Februar 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Gibt es ein Bild, das du besonders symbolhaft für das leise Erzählen findest?

Das ist schwierig. Die Geschichte ist zu komplex, um sie auf ein Bild zu reduzieren. Spannend finde ich einerseits die eher harmlosen Fotos aus den Büros. Die Aktenberge sind mal größer, mal kleiner. Mal herrscht eine gewisse Ordnung, mal eine gewisse Unordnung. Man merkt einfach, hier sitzen Beamte, abgeschottet von den Eindrücken und den Schicksalen des einzelnen Menschen. Im Kontrast dazu gibt es Bilder von Unterkünften, bei denen man schon näher an den Schicksalen der Menschen dran ist.

Auch interessant finde ich die Bilder von Flüchtlingsunterkünften, insbesondere von Notunterkünften. Hier spürt man, dass – in typisch deutscher Manier – möglichst zielstrebig und akkurat versucht wurde eine gute Unterkunft zu errichten. Doch dann bricht dieser Ordnungswille zusammen und das System muss kapitulieren, weil man schlichtweg nicht auf die Massen an Menschen vorbereitet war.

Temporärer Betraum, Traglufthalle Metten, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Traglufthalle Metten, Januar 2016, die Bewohner haben sich in einer Ecke einen Gebetsraum eingerichtet © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Temporärer Betraum, Esslingen, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Temporärer Betraum, Esslingen, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Schlafraum in der Notunterkunft Patrick-Henry-Village, Juli 2015, hier wurden im Sommer 2015 4000 Flüchtlinge beherbergt. Die Notunterkunft war im Gespräch zu einer offiziellen Erstaufnahme umfunktioniert zu werden © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Schlafraum in der Notunterkunft Patrick-Henry-Village, Juli 2015, hier wurden im Sommer 2015 4000 Flüchtlinge beherbergt. Die Notunterkunft war im Gespräch zu einer offiziellen Erstaufnahme umfunktioniert zu werden © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Woran arbeitest du gerade?

Wie das im Leben so ist, widerspreche ich mir mit meiner neuen Arbeit. Während meiner mehrwöchigen Touren durch die Bundesrepublik, bin ich im Februar 2015 auf eine Flüchtlingsunterkunft im Schwarzwald gestoßen. Sie wurde vor etwa 10 bis 15 Jahren in einer ehemaligen Pension mitten in der urdeutschen Landschaft des Schwarzwaldes eingerichtet. Zurzeit leben an die 30 Männer in dieser abgelegenen und sehr vernachlässigten Unterkunft.

Sie warten zum Teil sehr lange auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens. Im Schnitt sind die Männer dort bis zu zwei Jahre untergebracht und viele von ihnen werden danach in eine sogenannte Anschlussunterbringung verlegt.

Als ich dort zum ersten Mal war kam mir sofort der Gedanke nach einer kleinen, abgeschlossenen Geschichte vor Ort. Und zwar aus einem denkbar einfachen Grund: Wegen der Lage können die Leute dort nicht weg. Das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Zuerst dachte ich, dass ein männlicher Fotograf eigentlich besser geeignet sei dafür. Doch ich stellte trotzdem eine Anfrage und bekam erstaunlicherweise die Zusage. Nun darf ich mich dort frei bewegen und so lange und so oft fotografieren wie ich will. Dabei habe ich unendlich viel Zeit mich mit ihnen auseinander zu setzen. Unter diesen Voraussetzungen kann ich eine sehr intime Arbeit mit und über diese Flüchtlinge machen.

Danke dir für das Interview.

Sibylle Fendt ist seit 2010 Mitglied der Agentur Ostkreuz. Neben ihrer fotografischen Arbeit unterrichtet sie Fotografie an der Ostkreuzschule und der FH Hannover.

Das Gespräch führte Doro Zinn, Fotografin und Bildredakteurin bei emerge.