Worldtour #4: Hamburg, Haus der Photographie / Deichtorhallen

Installationsansicht "Sarah Moon" ©Henning Rogge / Haus der Photographie, Deichtorhallen

Installationsansicht “Sarah Moon”
©Henning Rogge / Haus der Photographie, Deichtorhallen

Die Beteiligten: Ausstellungsbesucher, eine Wärterin, zwei Französinnen
Anlass: Ein Sonntag während der Schau „Sarah Moon: Now and Then“ im Haus der Photographie, Deichtorhallen

Draußen ist es schon dunkel, und das Dunkle, Mysteriöse spiegelt sich sofort wieder in den Bildern, zieht mich rein in die Traumwelt der Sarah Moon. Moon, Mond, nicht ihr richtiger Name, sie hat ihn sich selbst gegeben, als sie im Paris der 1960er Jahre erst als Model, dann als Künstlerin arbeitete. Mondsüchtig, vielleicht, und ich denke an die Moon Salutations in Goa, die Vollmondparties. Es hat etwas Spielerisches, aber nicht Leichtes, das einen umfängt in diesen Bildern. Eher schwingt eine gewisse Melancholie mit. Ich war nicht zur Eröffnung da, sonst hätte ich Ingos Rede gehört, als er über die „Verunsicherung des Bildbetrachters“ sprach, darüber, dass die Künstlerin ihn, den Betrachter, herauswerfe „aus dem Raum der geordneten Identität in die Zeit des Zwiespalts und der chaotischen Differenz“. Ingo, das ist Ingo Taubhorn, der Kurator des Hauses der Phographie. Er und seine Co-Kuratorin Brigitte Woischnik haben das Lebenswerk der Sarah Moon zusammengetragen, 350 Werke und 5 Filme, ein Ritt durch ein Oevre, vielen bislang in seinem Umfang unbekannt.

Sarah Moon: "Fashion 9, Yohji Yamamoto, 1996" ©Sarah Moon

Sarah Moon: “Fashion 9, Yohji Yamamoto, 1996″
©Sarah Moon

Sarah Moon: "L’avant dernière pivoine" ©Sarah Moon

Sarah Moon: “L’avant dernière pivoine”
©Sarah Moon

Sarah Moon: "Ohne Titel", 2008 ©Sarah Moon

Sarah Moon: “Ohne Titel”, 2008
©Sarah Moon

Ich erinnere mich noch dunkel an die Cacharel-Anzeigen, die ich als Kind sah. Ich glaube, meine Mutter trug auch Cacharel, es war die Zeit des Flanells, des Taktilen, Flower, Love & Peace, und die verführerischen, leicht verschwommenen Frauen-Antlitze der Moon passten wohl gut in diese Zeit. Vielleicht läuteten sie auch schon einen Übergang zur bewussteren, sinnlichen Ära ein, die dem knallig Bunten der Sechziger, der Space Shuttle Ästhetik à la Barbarella eine gefühlvollere, auch zurückgenommenere Weichheit und Sinnlichkeit entgegensetzte, beziehungsweise sie dahin überführte.

Installationsansicht "Sarah Moon" ©Henning Rogge / Haus der Photographie, Deichtorhallen

Installationsansicht “Sarah Moon”
©Henning Rogge / Haus der Photographie, Deichtorhallen

Installationsansicht "Sarah Moon" ©Nadine Barth

Installationsansicht “Sarah Moon”
©Nadine Barth

Installationsansicht "Sarah Moon" ©Nadine Barth

Installationsansicht “Sarah Moon”
©Nadine Barth

Die Französin beobachtet die Wellen eines Bildes, fährt mit ihren Augen die Bewegung ab, eingefroren auf den Hundertstelsekunden-Moment der Fotografie. Ich bitte sie, mir den Text, der darunter steht, zu übersetzen:
„Elle, c’est seulement à la nuit tombée qu´elle venait nager au ras de la vague,/ dans l’espoir de le rencontrer./ Et puis, il y eut les grandes marées. Septembre arriva vite.“
Es geht um das Schwimmen mit den Wellen, im Einklang mit ihnen, um die Hoffnung, „ihn“ zu treffen. Um die Gezeiten, die besonders stark daherkommen, sicher einen extremen Wellengang mit sich bringen, und das schnelle Herannahen des „Septembers“, des Herbstes, plötzlich ist er da, wohl geht es um eine Liebe des Sommers, um die Leidenschaft und Intensität, ein Sich-Vergessen, bis es vorbei ist.

Installationsansicht "Sarah Moon" ©Nadine Barth

Installationsansicht “Sarah Moon”
©Nadine Barth

Installationsansicht "Sarah Moon" ©Nadine Barth

Installationsansicht “Sarah Moon”
©Nadine Barth

In der hell erleuchteten Halle gibt es diese Inseln vor den Bildern, in denen man ganz für sich sein kann, und die meisten Besucher bleiben immer wieder stehen, schaffen für sich einen Raum, um die Vertrautheit zu begreifen, das Private, das einzelne Fotografien mit ihren Aussagen bedeuten können. Manchmal, wenn sehr viele Bilder in unmittelbarer Nähe hängen, ist es wie ein Stakkato des Intimen, und so bleiben einige Besucher länger als sonst vor den Filmen sitzen, vielleicht, um sich zu sortieren. Im Spielfilm „Missisippi One“ von 1990 geht es um die Entführung eines Mädchens, das von einem psychisch labilen Mann auf dem Schulweg mitgenommen wird. Ein fragiles, seltsames Werk über Kommunikation, über Realität und Vergessen. Sehr zart, ein wenig verstörend. Vielleicht hätte man durch Licht noch ganz eigene Inseln schaffen können, sagt die Französin. Sie arbeitet mit Licht, sie kennt sich aus. Ja, sage ich, vielleicht, und dann sitzen wir noch ein wenig auf der Bank vor einem experminentellen Schwarz-Weiß-Film mit Blumenbildern.

Installationsansicht "Sarah Moon" ©Nadine Barth

Installationsansicht “Sarah Moon”
©Nadine Barth

Installationsansicht "Sarah Moon" ©Nadine Barth

Installationsansicht “Sarah Moon”
©Nadine Barth

Installationsansicht "Sarah Moon" ©Nadine Barth

Installationsansicht “Sarah Moon”
©Nadine Barth

Zum Abschluss zeigt mir meine Lieblingswärterin noch ihr Lieblingsbild. Ganz vorn hängt es, es ist anders als die anderen Bildern, größer, fast eine Malerei, und sie sagt, das ist meins, hieran kann ich einiges erklären, die Vielschichtigkeit, die Bezüge, und wenn Kinder kommen, das ist toll, sie sehen so viel. Überhaupt, schwärmt sie, ist diese Ausstellung wahnsinnig gut besucht, die Leute sind begeistert. In der Buchhandlung fragt dann eine andere Französin nach einem Buch über Sarah Moon, das kommt aber erst im Januar. Um 18 Uhr schließen die Hallen, es ist Zeit zu gehen. Als ich an der Binnenalster vorbeifahre, werfe ich eine kurzen Blick auf den leuchtenden Weihnachtsbaum auf dem Wasser, das so still und blau wie eine Eisfläche schimmert, auf das Alsterhaus dahinter, auf den Jungfernstieg, Lichter, wie getupft. Die Pressefrau wird mir ein Bild schicken, auf dem Sarah Moon dort fotografiert wurde. Aber das weiß ich in dem Moment noch nicht.

SarahMoon_13_©NadineBarth

Sarah Moon, Hamburg, 2015 ©Isabella Hager / Haus der Photographie, Deichtorhallen

Sarah Moon, Hamburg, 2015
©Isabella Hager / Haus der Photographie, Deichtorhallen

Die Ausstellung geht bis zum 21.Februar 2016. www.deichtorhallen.de