Y – YOUNGS NACHTGEDANKEN

Y – YOUNGS NACHTGEDANKEN

»Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reich des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt mit seinen zwei oder drei geheimnisvollen Gegenständen wie die Apokalypse da, als ob es Youngs Nachtgedanken hätte und, da es in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit nichts als den Rahmen zum Vordergrund hat, als wenn einem die Augenlider weggeschnitten wären.«* Heinrich von Kleists Zeilen über Friedrichs Mönch am Meer (um 1808–1810) sind fast so berühmt geworden wie das Gemälde selbst. [...]

Mit dem Mönch am Meer hatte Friedrich, wie Kleist erkannte, »zweifelsohne eine ganz neue Bahn im Felde seiner Kunst gebrochen«, die bis weit ins 20. Jahrhundert führen sollte. So zog der amerikanische Kunsthistoriker Robert Rosenblum Mitte der 1970er-Jahre eine Traditionslinie, die von Friedrichs »dunkel leuchtender Leere« bis zu den formal reduzierten Abstraktionen amerikanischer Maler wie Barnett Newman und Mark Rothko und zu den archetypischen Landschaftsmotiven von Georgia O’Keeffe reicht.**

Ein Textauszug aus Barbara Hess’ Caspar David Friedrich A–Z

 Caspar David Friedrich A–Z | Hatje Cantz Verlag

Caspar David Friedrich – A–Z | Hatje Cantz Verlag

*Zit. nach: Heinrich von Kleist, Clemens Brentano und Achim von Arnim, »Verschiedene Empfindungen vor einer Seelandschaft von Friedrich, worauf ein Kapuziner«, in: Berliner Abendblätter, 13.10.1810, wieder abgedruckt in: Werner Hofmann, Caspar David Friedrich. Naturwirklichkeit und Kunstwahrheit, München 2000, S. 282.
**Zit. nach: Robert Rosenblum, Die moderne Malerei und die Tradition der Romantik. Von C. D. Friedrich zu Mark Rothko [1975], aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser, München 1981, S. 11; S. 218, Abb. 303.
Bildcredit: Caspar David Friedrich, Der Mönch am Meer, um 1808–1810, Öl auf Leinwand, 110 x 171,5 cm, Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin


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