Interview

mit Kathrin Luz

Kathrin Luz

Kathrin Luz, head of communication der dOCUMENTA (13)

Bücher zum Thema

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Brief an einen Freund

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ISBN 978-3-7757-2854-6
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Die Kunstkritikerin Annette Lettau im Gespräch mit Kathrin Luz, head of communication der dOCUMENTA (13).

Seit August 2010 leiten Sie die Presseabteilung der documenta. Gleicht diese anspruchsvolle und garantiert ziemlich anstrengende Aufgabe einer Art Ritterschlag?

Das hängt natürlich von der jeweiligen Perspektive ab. Aber nach wie vor gilt die documenta ja als eine der wichtigsten Kunstausstellungen, wenn nicht sogar als die wichtigste Kunstausstellung der Welt. Für jemanden, der über zehn Jahre im Geschäft der Kunstvermittlung tätig ist, entspricht eine solche »olympische« Herausforderung natürlich genau dem, was man sich immer gewünscht hat. Da gibt es ein Team, einen speziellen Ort und vor allen Dingen die Zusammenarbeit mit den Künstlern. Mit ihnen entwickelt sich permanent etwas, entstehen neue Ansätze, Arbeiten, so dass man wirklich das Gefühl hat, zu einem besonderen Zeitpunkt an einem einzigartigen Ort dabei sein zu dürfen, wo ganz viel passiert. Was dann auch über die Kunst hinausgeht.

Wie definieren Sie Ihre Tätigkeit? Und gibt es bereits ein spezielles Mitarbeiterteam?

Meine Aufgabe als head of communication umfasst alle Bereiche, die mit Kommunikation zu tun haben und wo es ein kontinuierlich wachsendes Team in seinen individuellen Aufgaben aufzubauen, zu begleiten und auch zu steuern gilt. Dazu gehören - immer in Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung der documenta und eben diesem Team – auch das Marketing, in Teilen das Sponsoring und zudem die Pflege von bestimmten Besuchergruppen. Etwa den Freundeskreisen internationaler Museen, die die documenta in Kassel besuchen. Doch der Schwerpunkt liegt auf der klassischen Pressearbeit. Sie lässt sich natürlich nicht solo stemmen, wenn allein schon 2.000 Journalisten an der Pressekonferenz zur Eröffnung teilnehmen. Im Kommunikationssektor und in anderen Bereichen wird daher der Mitarbeiterstab permanent aufgestockt. Eine ganz wichtige Rolle spielt dabei die Projektleitung unter Christine Litz, die zusammen mit der künstlerischen Leiterin, dem kuratorischen Team und den Künstlern die Arbeiten vor Ort entwickelt. Außerdem gibt es - gleichfalls sehr wichtig - begleitende Publikationen. Es geht also im Grunde um vier Bereiche, die im Aufbau sind: die Projektleitung, die Publikations- und die Kommunikationsabteilung sowie die Vermittlung.

Haben Sie in Ihrer Funktion die Möglichkeit, auf den Planungsprozess einzuwirken?

Da muss ich biographisch werden. Ich habe einige Jahre in der Werbung, speziell im Bereich Werbekonzeption gearbeitet und das Handwerk der Kommunikation sozusagen in allen Höhen und Tiefen kennengelernt. Damit begann ich nach dem Kunstgeschichtsstudium, als ich an meiner Dissertation schrieb. Wobei es fast so etwas wie einen roten Faden gibt, war doch das Thema der Doktorarbeit der Dandyismus und die Selbstvermarktung bei Künstlern. Ich arbeitete danach als Kunstkritikerin, stellte fest, dass es im Kunstbetrieb einen großen Bedarf an professioneller Betreuung gab, gründete mit einer Kollegin eine PR-Agentur und übernahm die Öffentlichkeitsarbeit für Großprojekte. Zudem entwickelte ich Konzepte für Kunstmessen, aber auch für Ausstellungen als Kommunikationsplattformen. Im aktuellen Fall denke ich, dass man auch als Vermittlerin sehr viele Möglichkeiten hat, die Idee der documenta mit zu entwickeln, denn die künstlerische Leitung ist sehr daran interessiert, in allem, was sie tut, Kommunikation »mitzudenken«. Dass sich daraus ein anregender inhaltlicher Austausch mit ihr wie mit der Geschäftsleitung und dem gesamten Team ergibt, bei dem natürlich alle Themen gestreift werden, liegt auf der Hand. Doch was das Kuratieren selbst angeht: In diesem Bereich habe ich keinerlei eigene Ambitionen, es gibt genug – gute – Kuratoren in der Kunstwelt, der Bedarf an guter Vermittlung erscheint mir dringlicher.

Sprechen wir also über die documenta-Leitung: Schon bei den letzten vier Veranstaltungen gab es die Tendenz zur Personalisierung. Auch jetzt konzentriert sich alles auf die Persönlichkeit Carolyn Christov-Bakargievs, die bereits erfolgreich die Sydney-Biennale geleitet hat. Bisher hat sie sich eher – gleichfalls ein vertrautes documenta-Phänomen - allzu tiefschürfenden Auskünften entzogen.

Dieses öffentlich-mediale Spiel rund ums Verbergen und Enthüllen, um das Geheimnis der Künstlerliste und um die Dramaturgie der Vorbereitung ist sicherlich so alt wie die documenta selbst, auch wenn es sich inzwischen immer weiter nach oben geschraubt und seine eigene Dynamik entwickelt hat. Das hat natürlich verschiedene Gründe, es hat sicherlich auch mit der Gesamtentwicklung des Kunstbetriebs und des Kunstmarkts zu tun, vor dem man sich bisweilen auch schützen muss. Es mag sein, dass Carolyn Christov-Bakargiev am Anfang noch so erschien, als ob sie das Spiel mitmachen würde. Doch wenn man ihre Auftritte genau verfolgt, kann man sehen, dass sie sehr genau überlegt, wie man – zum Teil ironisch und auf jeden Fall subversiv – mit dieser Strategie und dieser Dramaturgie, mit diesem Spiel umgehen kann.

Können Sie das präzisieren?

Natürlich will ich hier nichts vorwegnehmen, aber vielleicht so viel: Es wird die »notebooks« geben, und da wird mancher spekulieren: Sind die Autoren auch die künftigen documenta-Künstler oder nicht? Zudem kann man im Internet, dessen Relaunch wir in Kürze vorstellen werden, sicher schon die eine oder andere Entdeckung machen. Es gibt also keine wirklich absolute Hermetik, keine rigide Abschottung. Langsam wird auch dem Publikum, wird den Medien bewusst, dass die documenta mit ihren ganzen vielfältigen Aktivitäten eigentlich schon begonnen hat. Bezeichnend dafür sind die Veranstaltungen der Künstlerinitiative AND AND AND, die bereits im Vorfeld der documenta mit verschiedenen Künstlern an verschiedenen Orten der Welt Kolloquien, Ausstellungen und Projekte inszeniert und somit den Geist der documenta auch an periphere Orte und in zu Unrecht marginalisierte Diskurse hineinträgt.

Zur großen Pressekonferenz, die Ende Oktober 2010 in Berlin stattfand : Da wurden die vorgestellten MitarbeiterInnen als Agents bezeichnet – ein im documenta-Kontext eher ungewöhnlicher Begriff...

Ja, es gibt jetzt die Agents und ebenso die Advisors, um deutlich zu machen, wer ganz konkret in die Arbeitsprozesse der documenta involviert ist oder wer als Berater und Anlaufstelle für spartenübergreifende Auseinandersetzungen fungiert. Schließlich führt die künstlerische Leitung auch einen Austausch mit Naturwissenschaftlern und anderen spartenübergreifenden Disziplinen, und wir dürfen gespannt sein, wieweit sich das am Ende wirklich niederschlägt. Zu den neuen Klassifizierungen: Vielleicht verbirgt sich dahinter auch der Versuch, von den vielfältigen Moden des Kuratierens, dem Starkuratoren(un)wesen wegzukommen. Carolyn Christov-Bakargiev geht es um Vernetzung, sicherlich auch ein wenig um das Undercover-Arbeiten, um subtilere Tätigkeiten, keine lauten Auftritte. ...

Mit Catherine David – das war 1997 – wurde die documenta stärker ideologisch aufgeladen, theorieorientierter. Jean-Christophe Ammann hat diese Entwicklung kürzlich so kommentiert: »Ich habe es satt, aufgeklärt zu werden.« Was für eine Position bezieht Carolyn Christov-Bakargiev?

Für sie ist die Welt nicht in sich linear strukturiert oder per se logisch, keine Welt, in der eben eins aus dem anderen folgt und alles seine Stringenz hat. Deswegen ist eine Kunstausstellung oder ein kuratorisches Konzept mit einer diktatorischen Strategie oder übergeordneten These kein Modell für sie. Sie bevorzugt eher ein offenes Prinzip, das das Prozesshafte, bei dem Vieles nebeneinander möglich ist, bewusst in den Vordergrund stellt. Zudem glaubt sie an die poetische Kraft von Artefakten – das zeigt zum Beispiel sehr schön das in Kassel installierte Baumobjekt von Penone, - und es zeigt auch, dass sie sehr viel und intensiv mit den Künstlern zusammenarbeitet.

Vorhin erwähnten Sie die »notebooks« im Vorfeld der documenta. Was darf man sich darunter vorstellen?

Die »notebooks«, die wir gerade zusammen mit Hatje Cantz realisieren, erscheinen in unterschiedlichen Formaten – 100 Bände sind geplant – und haben, könnte man sagen, eine charmante Unfertigkeit. Sie sind bewusst recht preisgünstig und geben die Möglichkeit, schon jetzt in den gedanklichen Kosmos von documenta einzusteigen. Ausschlaggebend ist, dass man diese Notizbücher größtenteils im Facsimile druckt, dass sie etwas »Dahingeworfenes«, Mitgeschriebenes, Impressionistisches haben. Dass sie eben die sich entwickelnden Gedankengänge von Wissenschaftlern, von Künstlern in ihrem Entstehen vermitteln...

...also ein ganz unprätentiöses Unternehmen ...

... ganz beiläufig, ohne den Anspruch, perfekt zu sein und den Zwängen der Logik folgen zu müssen. Sie sind sehr assoziativ, um nicht zu sagen »künstlerisch« im besten Sinne des Wortes. Und das lässt sich auch visuell nachvollziehen in den Bemerkungen, Skizzen, Korrekturen – dieser ganze Prozess des Gedankenfassens, des Prozesshaften bekommt damit eine sichtbare Form, die auf die documenta als groß angelegtes Ausstellungsprojekt hinführt.

29.12.2010

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