Die Unendlichkeit

“Die unzureichende Sinneswahrnehmung widerlegt die Unendlichkeit nicht.” aus: Giordano Bruno: “Zwigespräche vom unendlichen All und den Welten”

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© Stefan Heyne und VG Bildkunst, Bonn

Ikonen sind Begriffe. Mit Ikonen betreibt die Fotografie Wortfindung. Dorothea Langes Bild-Klassiker “Migrant Mother” steht für Caritas und Mütterlichkeit, Robert Capas “Republikanischer Soldat” für Heros und Wahnsinn, Gurskys “Rhein II” für die Sinn-Begradigung der Bildenden Kunst. Jedes Bild ein neues Wort, mindestens aber ein Zitat oder eine Permutation. Doch für welchen Begriff stehen die Fotografien des Berliner Künstlers Stefan Heynet? Was heißt eine unscharfe weiße Fläche, die sich in einen schwarzen Nebel hineinschiebt? Was ein gelbes Farbfeld, das am oberen Bildrand in zartes Blau überläuft?

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© Stefan Heyne und VG Bildkunst, Bonn

Heynes Bilder sind referenzlos. Immer weniger lassen sie sich in ein System außerhalb ihrer Selbst überführen. Vor gut zehn Jahren noch, als Stefan Heyne erstmals mit seinen Fotografien an die Öffentlichkeit trat, da gab es noch schemenhaft einen vertrauten Bildcode – ein Eisenbahnfenster, ein Regalbrett, der Kiel eines weißen Ruderbootes. Doch immer mehr schienen seine Bilder begriffsstutzig zu werden. Worüber also kann man noch reden in Anbetracht roter Farbverläufe oder verschiedenster Hell/Dunkel-Schattierungen?

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© Stefan Heyne und VG Bildkunst, Bonn

Das Ende der Begriffe ist das Ende der Welt.  Der Philosoph Hans Blumenberg hat in seinem Buch “Arbeit am Mythos” darauf hingewiesen, dass ohne die ordnende Kraft der Begriffe der “Absolutismus der Wirklichkeit” über den Menschen hereinbreche. Ohne die vertraute Struktur der Codes und Zeichen werden wir überschwemmt von Unendlichkeit. Der “homo pictor” wie Blumenberg den zur (Bild-)Sprache begabten Menschen genannt hat, hält mit seiner Kamera auf das Tohuwabohu.

Stefan Heyne aber macht etwas anderes. Seine Bilder gehen den umgekehrten Weg. Sie wollen wieder so viel Chaos wir möglich wagen. Gegen die von Begriffen und Bild-Metaphern zementierte Wirklichkeit wagen sie den Weg in die unendliche Weite zurück. Alles, was auf einer Fotografie von dieser abhält, wird von der fotografischen Fläche abgeräumt. Zurück bleibt dann nur das, was in nahezu allen großen Mythen von Anbeginn da war: das Licht, das in die Dunkelheit bricht. Vielleicht ist auch die Fotografiegeschichte ein solcher Mythos. Und manchmal, wenn ein solcher in die Jahre gekommen ist, muss man ihn von allen Nebenhandlungen wieder freiräumen. Dann erst kommt man zurück zum Kern.

Alle Bilder dieses Beitrags © Stefan Heyne/ VG Bildkunst, Bonn. Zum Teil sind sie dem gerade im Hatje Cantz Verlag erschienenem Buch “Naked Light. Die Belichtung des Unendlichen” entnommen.