INTERVIEW MIT MARKUS AMBACH

INTERVIEW MIT MARKUS AMBACH

Markus Ambach, geboren 1963, ist ein vielseitiger Ausstellungsmacher, Kurator und Künstler. Nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf gründete er 2002 die Projektplattform MAP. Diese realisiert in Zusammenarbeit mit Städten, Museen und urbanen Akteuren internationale, kontextbezogene Kunstprojekte im Stadtraum. Ambachs Arbeiten, wie B1A40 Die Schönheit der großen Straße und Von fremden Ländern in eigenen Städten reflektieren das Verhältnis von Kunst, Gesellschaft und Urbanität. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit engagiert er sich auch politisch, unter anderem für die Etablierung einer Kunstkommission in Düsseldorf.
Im Interview mit Hatje Cantz spricht Markus Ambach über seinen Zugang zu Caspar David Friedrich und den Erkenntnissen aus Friedrichs Werken für seine eigenen künstlerischen Arbeiten.

Hatje Cantz: Haben Sie in Ihrem Leben einen ganz persönlichen Friedrich-Moment erlebt, von dem Sie uns erzählen mögen?

Markus Ambach: Als junger Künstler nicht gerade begeistert von der vordergründig realistischen Ästhetik Friedrichs musste ich gezwungener Maßen in Kunstgeschichte ein Referat über ihn halten und mich dazu mit den hinter der Bildoberfläche verborgenen Inhalten des Werks auseinandersetzen. Ein Schlüsselmoment, in dem ich die entscheidende Bedeutung der Kontextualisierung künstlerischer Arbeit in ihrem aktuellen wie historischen, politischen wie gesellschaftlichen Umfeld erstmals erkannte, die bis heute für meine Arbeit zentral ist. Darüber hinaus offenbarte sich mir in der Auseinandersetzung mit Friedrich die Kunstgeschichte als Kontext, Hintergrund und Heimat jeder künstlerischen Arbeit. Der verborgene inhaltlicher Kosmos in religionspolitisch wichtigen Bildern wie der Tetschner Altar oder dem Mönch am Meer zeigten, wie gesellschaftswirksam ein Bild sein kann. Die Collagetechnik Friedrichs verwies auf Täuschungen, denen man unterlegen ist, wenn man nicht tief in die Syntax künstlerischer Werke einsteigt, und damit gleichzeitig auf die Chance, subtile Ambiguitäten künstlerisch zu nutzen. Alles Faktoren, die für einen jungen Künstler wichtig waren.

HC: Können Sie uns sagen, welche Elemente aus Friedrichs Werk Sie in Ihren eigenen Kunstwerken aufgegriffen haben und welche Rolle diese in Ihrer künstlerischen Praxis spielen?

MA: Anfangs gab es Arbeiten, in denen im Raum inszenierte landschaftliche Sequenzen eine Rolle spielten. Später wurde Friedrichs Werk eher zum Wegbegleiter, aus dem Elemente wie der Spaziergang, die Wahrnehmung der Landschaft als Übergangsraum, die Differenz zwischen ihr und dem Mensch immer wieder in den Projekten auftauchen. Der Begriff der Landschaft selbst als kulturelles Konstrukt wurde allerdings wesentlich für unsere Projektarbeit in urbanen, peripheren oder vernakulären Räumen. Er determiniert für mich einen Raum komplexer kultureller, politischer und gesellschaftlicher Wechselwirkungen, die wir seit 20 Jahren untersuchen, beschreiben und ins Zentrum des Interesses der Projektplattform MAP stellen.

HC: Warum ist Friedrichs Werk Ihrer Meinung nach heutzutage relevant?

MA: Heute markiert Friedrich für mich eine wesentliche Schnittstelle, wenn es um unser Verhältnis zu dem geht, was wir als „Natur“ bezeichnen, obwohl wir dabei meistens über Kultur reden. In der romantischen Malerei zeigt sich die Landschaft besonders bei ihm als Interimsraum zwischen beiden Begriffen, der die unüberbrückbare Distanz zwischen Mensch und Natur artikuliert und in der der Verlust der Einheit teils nüchtern, teils schwermütig in Szene gesetzt wird. Im Schlüsselbild Wanderer über dem Nebelmeer deckt Friedrich mit der Rückenfigur das Zentrum des Bildes so weit ab, dass dem Betrachtenden der Blick auf das von ihm Getrennte verwehrt bleibt und er sich nurmehr in sich selbst widerspiegeln - und wiederholen - kann. Das Bild erfasste schon zu seiner Zeit eine tiefe Dekontextualisierung des Menschen, der fortan viel mehr auf etwas schaut als in ihm zu sein, wenn er über seine Beziehung zur Welt spricht. Wenn wir heute von „Um-welt“ reden (also dem, was uns umgibt) anstatt von der “Welt, in der wir leben“ konstituiert dies einen Zustand der Entknüpfung, der sich als Grundproblematik des Anthropozäns identifizieren lässt. Die Distanzierung, die bei Friedrich noch mit Skepsis und Schmerz einhergeht, hat es uns lange erlaubt, auf die Welt als etwas Anderes zu schauen. Diese Distanz, die heute in der Klimakrise gipfelt, wird uns im schlimmsten Fall zum Verhängnis. Friedrich und seine Zeitgenossen spielen insofern am Einstieg ins Anthropozän eine entscheidende Rolle, die uns schon damals latent vor die Frage gestellt hat, ob wir mit und in der Welt leben wollen - oder gegen sie überhaupt überleben können. 


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