INTERVIEW MIT MARIELE NEUDECKER

INTERVIEW MIT MARIELE NEUDECKER

Mariele Neudecker, 1965 in Düsseldorf geboren, ist eine renommierte deutsche Bildhauerin und Installationskünstlerin. Ihr Schaffen ist geprägt von einer Verschmelzung von Natur, Landschaft und Wissenschaft. Besonders hervorstechend ist ihre Werkgruppe der Schaukästen mit Naturminiaturen. In diesen detailreichen Installationen schafft Neudecker eine Synthese aus künstlerischem Ausdruck und naturwissenschaftlicher Präzision, welche die Betrachtenden in eine Welt der Reflexion über Umwelt, Vergänglichkeit und menschliche Wahrnehmung entführt. 
Im Interview mit Hatje Cantz spricht Mariele Neudecker über ihren Zugang zu Caspar David Friedrich und die Erkenntnisse aus Friedrichs Werken für ihre eigenen künstlerischen Arbeiten.

Hatje Cantz: Haben Sie in Ihrem Leben einen ganz persönlichen Friedrich-Moment erlebt, von dem Sie uns erzählen mögen?

Mariele Neudecker: Ich glaube, ich hatte da so manche Friedrich-Momente ... es kommt darauf an, wie man das versteht. Als ich das erste mal Friedrichs Kreuz im Gebirge/Tetschener Altar, in einem Buch als Reproduktion gesehen hatte, - war es ein Schlüsselerlebnis: eine Reproduktion von einem Gemälde einer gemalten Representation von einem aus Holz geschnitzten Kruzifix- Skulptur vor mir zu haben - von 1808 - das Verständnis und die Bedeutung von Reproduktion, Repräsentation und Metaphor hatte sich in dem Moment komplett für mich geändert. Das war eine Art von Friedrich-Moment ... Oder, bei einigen Reisen hatte ich mit Sicherheit eine andere Art von Friedrich-Momenten: (ich reise gern allein) ... ich hatte einen Fensterplatz im Flugzeug, ... ich guckte raus, auf den grossen Himmel und die grosse Landschaft, nach einer unglaublichen Reise und vielen Eindrücken der letzten drei Monaten in Brasilien, - mir liefen vor lauter Glückseligkeit und Ergriffenheit die Tränen aus den Augen, – ich hatte 3 Monate in der Bienenzucht gearbeitet, den Amazonas gesehen, war auf der Biennale in Sao Paulo - es war fast zu viel des Guten - und ein sublimer und emotional überwältigender Moment der schwer zu beschreiben ist ... ... oder auch: als ich in Nordwest Grönland wo ich (fast) alleine auf dem Eis war – 360° unendliche weisse Eis-weite ... ich hatte für einige Wochen kein Netzwerk, kein Empfang, keine Elektrizität. Eine so seltene, sublime Erfahrung – auch nicht leicht zu beschreiben.

HC: Können Sie uns sagen, welche Elemente aus Friedrichs Werk Sie in Ihren eigenen Kunstwerken aufgegriffen haben und welche Rolle diese in Ihrer künstlerischen Praxis spielen?

MN: Die Intensität von seinen kleineren Gemälden – hat mich sehr beeinflusst. Ich mochte auch die komplexe Fragestellung in den Bildern. Die Menschen wurden immer sehr klein und ich sah das Nebel-Bild im Kunsthistorischen Museum in Wien, und als ich nach London zog, in der National Gallery die Winterlandschaft.

Meeresstrand im Nebel, um 1807, Öl auf Leinwand, 34,2x50,2, Österreichische Galerie Belvedere Wien

Caspar David Friedrich: Meeresstrand im Nebel, um 1807, Öl auf Leinwand, 34,2 x 50,2, Österreichische Galerie Belvedere

Beide sind im Format etwa 40 x 50 cm, relativ klein - und sehr eindringlich. Die Personendarstellung und das Menschenbild im Werk von Caspar David Friedrich ist neu und anders und bringt eine neue Form des Subjektivismus mit sich. Mich hat es endlos fasziniert, dass in der Winterlandschaft die Tanne ein kleines bisschen höher als die Kirchturmspitze war, als wäre man in ein wundersames Geheimnis eingeweiht. Ob es um Religion oder Natur ging, hat sehr mein Interesse für die Landschaft und die kulturelle und menschliche Bedeutung dieser, positiv provoziert. Die politische Bedeutung wurde für mich noch klarer und wichtiger, seitdem ich im Ausland wohnte, was ich immer noch tue. Das Dritte Reich und Hitlers Vorliebe mit 'romantischer' Symbolik wie 'Sonnenuntergängen' zu arbeiten, wurde zu einer subjectiven und fast wissenschaftlichen Diskussion. Hans-Jürgen Syberberg sagt in seinem Film: Hitler, mein Deutschland, dass 'Hitler unsere Sonnenuntergänge gestohlen hatte'. Ich machte bald nachdem ich das gelesen hatte zwei Arbeiten, die sich sehr auf Friedrich’s Lanschaftsbilder bezogen hatten, mit den Titeln: Stolen Sunsets und Looking West (Sunset), beide 1996. Mentale Konstruktionen und Konzepte konnten physische Formen annehmen und anders und neu sichtbar gemacht werden. Mir wurde wichtig dieser Bildwelt der Gipfelkreuze, Sonnenuntergänge und weiten Landschaften und Rückenfiguren wieder neue Impulse zu geben, sie menschlicher zu machen, wenngleich die ‘Menschen’ verschwanden, aber kleine Zeichen wie kleine Schilder, Strassen, Wege etc. hinterließen. CDF–Gemälde, die bisher direkten Bezug zu meinen Tank-Arbeiten hatten: Nebel (1807) war das erste originale Gemälde von Friedrich, was ich in Wien im Kunsthistorischen Museum gesehen hatte und in eine Tankabeit übernahm (Fog, 1996). Das Eismeer (1823/24). Ich machte ein Eis-Model aus Wachs - bevor ich las, das sein Vater Kerzen herstellte, was mich natürlich faszinierte (Sea of Ice 1997).

 

Das Eismeer, um 1823/24, Öl auf Leinwand, 96,7x126,9 cm, Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

Caspar David Friedrich: Das Eismeer, um 1823/24, Öl auf Leinwand, 96,7 x 126,9 cm, Hamburger Kunsthalle

Kreidefelsen auf Rügen (1818): Ich bin vor Zeiten extra nach Rügen gereist - habe den genauen Ort des Gemäldes aber nur vom Meer aus gesehen - nicht von Oben, der Orginalperspective. Das Sehen des Unsichtbaren in der Perspektive des Bildes hat mich derzeit sehr in meiner Arbeit beeinflusst, wie auch später in meinen ‘Tiefsee-Arbeiten’, wie auch mit der begrenzten, menschlichen Sichtweise in der Arktis. Morning Fog in the Mountains (1997) basierte auf Morgennebel im Gebirge (1808), drei- dimensional und in einer Nebel-Lösung. Eine Reproduktion eines Details von dem Morgennebel Bild wurde zu der Arbeit Much Was Decided Before You Were Born (1997). I Don’t Know How I Resisted the Urge to Run (1998), war meine erste Wald-Tank-Arbeit die manche Elemente von Friedrichs Bildern aufnahm – aber konkret auf einer Postkarte aus dem Neandertal, wo ich aufgewachsen bin, basierte. Der Morgen (1821/22) inspirierte Gravity Prevents the Atmosphere from Drifting into Outer Space (2001), Blick aus dem Atelier des Künstlers (rechtes Fenster) (1805/1806), wurde der Doppel-tank Who Has Turned Us Around Like This? (2002). Eine Reproduktion von der Klosterruine Eldena (1825) wurde zu 24 hours/48 hours (1+2) (2011) eine zweiteilige Installation, in zwei nebeneinanderliegenden Räumen. Viele Arbeiten basierten auf Reproduktionen aus Büchern. Oft reagierte ich subjektiv auf Details aus den Bildern, wie zum Beispiel mit Ship (1998). Es ging mir immer mehr um die Landschaft und die Präsenz des Menschen, - als Natur pur. In unserer Substanz sind wir sind Teil der Natur, was oft vergessen wird – wir sind auch Teil der Landschaft, mit unseren kulturellen Sichtweisen.
 

HC: Warum ist Friedrichs Werk Ihrer Meinung nach heutzutage relevant?

MN: Die Thematiken sind zeitlos - das Sublime, die menschliche Erfahrung, Religiosität, Spiritualität und Mystik, - Melancholie, Sehnsucht, Naturbewusstsein, wie auch das Politische - ist alles auch heute sehr relevant. Die Rückenfigur. Sie ist eine Aufforderung eine andere Perspective zu sehen; oder eher: sich einen anderen Sichtpunkt vorzustellen - die Imagination spielt eine aktive Rolle. Es ging schon immer und geht um das menschliche Verständnis vom Zustand des Lebens in der der jeweiligen Zeit – und die Möglichkeit des Sublimen im Alltäglichen.


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