INTERVIEW MIT ISABELL ALEXANDRA MELDNER

INTERVIEW MIT ISABELL ALEXANDRA MELDNER

Die junge Künstlerin Isabell Alexandra Meldner erhielt 2023 den angesehenen Caspar-David-Friedrich-Preis der Friedrich-Gesellschaft. Die Jury würdigte insbesondere ihre poetische Bildsprache sowie ihre beeindruckende Sensibilität für Farben, Licht und Schatten. Die in Berlin geborene Studentin der Dresdener Hochschule für Bildende Künste zeichnet sich durch die bedachte Verschmelzung verschiedener Medien in ihren Werken aus.
Im Gespräch mit Hatje Cantz spricht Isabell Alexandra Meldner über stetig wiederkehrende Friedrich-Momente und welche Bedeutung die Themen Natur und Zeit für ihre eigene künstlerische Arbeit haben. 

Hatje Cantz: Haben Sie in Ihrem Leben einen ganz persönlichen Friedrich-Moment erlebt, von dem Sie uns erzählen mögen?

Isabell Alexandra Meldner: Wenn ich mir die Zeit nehme, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, erlebe ich derartige Momente in alltäglichen Szenarien. Diese Perspektive entsteht meiner Erfahrung nach aus einer gezielten Form der Wahrnehmung, die wohl eher der Kontemplation von künstlerischen Arbeiten gleicht. Konkret denke ich zum Beispiel an den Moment, in dem die Sonne hinter dem Horizont verschwindet oder den Blick in die endlose Weite des Himmels oder des Meeres. Phänomene einer Größendimension, die von unserer menschlichen Perspektive aus nicht greifbar oder in ihrer Gänze erfahrbar sind, interessieren mich in meiner künstlerischen Praxis. Es sind ebendiese Momente, mit denen wir in einigen Gemälden Friedrichs konfrontiert werden und uns unserer eigenen Wahrnehmung bewusst werden. Andersherum gedacht erinnere ich mich an ein Gespräch mit Holger Birkholz vor den Gemälden Friedrichs im Albertinum in Dresden. In diesem Gespräch wurde mir bewusst, dass in der Malerei Friedrichs die Abbildung von Lichtsituationen oder Morgen- und Abendstimmung essentiell sind. Dass bereits vor über zwei Jahrhunderten derart simple, alltägliche Gegebenheiten zum Motiv wurden, lässt diese als überzeitliche Topoi erscheinen. Kunsthistorisch finde ich es spannend, wie essentielle, abstrakte Themen, wie beispielsweise Sehnsucht oder das Verhältnis vom Menschen zur Welt in einer derartigen Unmittelbarkeit der Darstellungsweise erfahrbar werden. Durch ihre Bildwerdung und Rahmung sensibilisieren die Malereien unsere Aufmerksamkeit für solche Anblicke. Während der Auseinandersetzung mit dem Werk Friedrichs in Vorbereitung meiner Ausstellung Time Takes too Long to Last im Caspar-David-Friedrich-Zentrum habe ich immer mehr Parallelen zu meiner Arbeit gefunden und dadurch einen neuen Blick auf meine eigene Praxis entwickeln können.

I am Nowhere, Sun Behind White Skies ©Isabell Meldner

I am Nowhere, Sun Behind White Skies © Isabell Alexandra Meldner

HC: Können Sie uns sagen, welche Elemente aus Friedrichs Werk Sie in Ihren eigenen Kunstwerken aufgegriffen haben und welche Rolle diese in Ihrer künstlerischen Praxis spielen?

IM: Einen klaren Bezug zu Friedrichs Werk sehe ich im Wiederfinden von Gefühlszuständen in der Welt, die uns umgibt: Friedrichs Landschaften sind in meiner künstlerischen Arbeit eher Erfahrungsräume, die zum Innehalten anregen. Dabei erzeuge ich zeitbasierte Erfahrungen, durch die Betrachtende auf sich selbst zurückgeworfen werden – auf eine ähnliche Weise, wie dies bei Friedrichs Arbeiten geschieht. Es geht mir darum, sich in Bezug zur Welt zu setzen und sich der eigenen Perspektive bewusst zu werden. Besonders wichtig ist für mich das Motiv des Fensters, das mich in mehreren Arbeiten kontinuierlich beschäftigt. Wie beispielsweise in Friedrichs Blick aus dem Fenster des Künstlers sind es auch für mich Motive der Sehnsucht und Ferne im Gegensatz zum Betrachterstandpunkt im Innenraum. Dabei verstehe ich in meinen Arbeiten den Vorhang als Symbol für die Sehnsucht nach Zuhause, aber auch der Desorientierung, Entortung und Unmöglichkeit, sich in der Welt verorten zu können. Im Gegensatz zum Ausdruck des ‘In-der- Welt-seins’ in den Landschaften Friedrichs entsteht hier oft der Eindruck einer gewissen Ortlosigkeit, die ich Ausstellungsräumen generell zuschreibe. Ein Fenster, das zum Bild wird oder – umgekehrt – das Bild als Fenster ist eine Idee, die das Konzept der Ausstellung in Greifswald grundlegend motiviert hat: die Serie Until Light Arrives (2023) thematisiert Sonnenlicht als grundlegende Bedingung für die Bildentstehung. Hier werden Fotografien der Sonne im Wolkenhimmel, einem Vorhang mit Schatten und einem Fenster gegenübergestellt und durch die spezielle Rahmung quasi architektonisch gedoppelt. Laut Theorien aus den ‘Environmental Aesthetics’ können wir häufig erst durch die ‘Rahmung’ derart grundlegende Anblicke, denen wir im Alltag jedoch kaum Aufmerksamkeit schenken, ästhetisch erfahren. In der Video-Installation Where the Sun comes up and down each day / The Earth spins (2023) werden Videos eines Sonnenauf- und -untergangs auf vier große Papiere, die jeweils vor den Fenstern an Ost- und Südfassade gehängt sind, projiziert. Durch die Unschärfe wirkt es, als würde das projizierte Bild von außen durch die Papiere durchscheinen. Die Aufnahmen sind so beschleunigt, dass die Sonnenbewegung gerade so sichtbar wird und man dadurch damit konfrontiert wird, dass wir auf einem Planeten sind, der sich dreht, ohne dass wir es spüren können. Wie der Titel ankündigt, ging es mir in der Ausstellung auch um die Erzeugung verschiedener Zeitlichkeit in den vier Ausstellungsräumen. Die Frage, inwiefern Zeit in künstlerischen Arbeiten stillgestellt wird, oder wie wir Zeit überhaupt wahrnehmen können, ist mittlerweile in meinem Ansatz sehr zentral geworden. Betrachtet man Friedrichs Das große Gehege bei Dresden, dann weiß man ganz intuitiv, dass es früh morgens ist, gerade bevor die Sonne hinter dem Horizont hochsteigt. Es sind ebendiese Momente, in denen man eine gesteigerte Wahrnehmung und unmittelbare Erfahrung der zeitlichen Dimension haben kann, die ich besonders in installativen Arbeiten zu erzeugen versuche. Licht ist hier ein inhärentes Element all meiner Arbeiten und dient als Visualisierung des Vergehens von Zeit. Auf subtile Art erzeugen Lichtsituationen Stimmungen, sind für mich aber zugleich immer auch ein Verweis auf die Sonne als Referenzpunkt, wodurch wir uns sowohl zeitlich als auch räumlich in der Welt verorten können. In der Installation I am Nowhere (2023) wird in einem vollständig mit weißen Vorhängen verhangenen, engen Raum, die Videoarbeit Sun Behind White Skies II (2023) auf eine weiße Leinwand The empty frame/ Window Pane (2023) projiziert. Hier wird die Leinwand quasi zum Fenster in verschiedene Landschaftsszenen endloser Weite. Die Videoarbeit übersetzt räumliche in zeitliche Distanz bis jeglicher Sinn für Raum und Zeit abhanden kommt. Dabei entsteht ein Vakuum tagtraumähnlicher Zustände und intuitiver Kontemplation, in dem wir etwas betrachten, während wir geistig woanders sind. Meiner Erfahrung nach erzeugt Friedrichs Malerei ebendiese Situationen des Alleinseins in aktiver Leere und wird in ihrer Offenheit zur Projektionsfläche für unseren persönlichen Erfahrungshorizont.

 

Where the sun comes up and down each day ©Isabell Meldner

Where the sun comes up and down each day © Isabell Alexandra Meldner

HC: Warum ist Friedrichs Werk Ihrer Meinung nach heutzutage relevant?

IM: Wie schon erwähnt, sehe ich in Friedrichs Werk grundlegende, sehr zugängliche Themen und Motive, die uns heute ebenso wie damals ganz intuitiv berühren können, ohne klar in einer bestimmten Zeit kunsthistorisch kontextualisiert werden zu müssen. Es ist diese Art der Überzeitlichkeit, losgelöst von einem bestimmten Weltbild oder kulturellem Gedächtnis, die den Werken anhaftet und ihre Relevanz ausmacht. Vor dem Hintergrund zeitgenössischer Kunst finde ich es besonders, dass Friedrich keine neue Welt schafft, sondern die ‘Welt’ in einer Unmittelbarkeit der Erfahrung abbildet und uns auf so direkte Art und Weise vor Augen hält, wie signifikant die Erfahrung eines einzigen Sonnenuntergangs sein kann.

 


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