Kunstlexikon

Tim Burton

Tim Burton

Tim Burton, © Sebastian Kim, 2015

Kurzbiografie

Timothy Walter »Tim« Burton (*1958 in Burbank, Kalifornien) entwickelte bereits im Teenageralter eine große Begeisterung für Horror- und Science-Fiction-Filme. Er drehte mit einer Gruppe gleichaltriger Kinoenthusiasten seine ersten Super-8-Filme. Ab 1977 wurde er am California Institute of the Arts in Valencia, Kalifornien, zum Trickfilmzeichner ausgebildet. Er erhielt eine Festanstellung bei Disney, wo er etwa an dem Zeichentrickfilm Cap und Capper (1981) mitarbeitete. Zur selben Zeit realisierte er dort die Kurzfilme Vincent (1982), Hänsel und Gretel (1983) sowie Frankenweenie (1984). 1984 verließ er das Studio und widmete sich seiner Karriere als Filmemacher. In den folgenden Jahren entstanden Filme wie Edward mit den Scherenhänden (1990), Mars Attacks! (1996), Sleepy Hollow (1999) oder Charlie und die Schokoladenfabrik (2005). Tim Burton wurde mehrfach für den Oscar nominiert, 2007 erhielt er in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk.

The World of Tim Burton

The World of Tim Burton

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-4029-6
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Meister des Grotesken

 »Zeichnen war ein Ventil für mich, um auszudrücken, was immer ich fühlte, um aus der geisttötenden Einförmigkeit der Vorstadt auszubrechen.« (Tim Burton)

 Er gilt als »begnadeter Filmemacher« (Die Welt), als »Meister des phantastischen Gruseltrips, des surrealen Leinwandspektakels« (Der Spiegel). Die Filme des amerikanischen Regisseurs Tim Burton – sei es Beetlejuice, Edward mit den Scherenhänden, The Nightmare before Christmas oder Alice im Wunderland – ziehen die Zuschauer in ihren Bann und entführen sie in grell-groteske Welten an der Schwelle zwischen Realität und Traum. Während seine Filme oft Kultstatus erreichten, ist sein bildkünstlerisches Werk weitestgehend noch zu entdecken.

Seine ersten tastenden Versuche im Zeichnen unternahm Burton in seiner Heimatstadt Burbank bei Los Angeles, »am Abgrund der Hölle«, wie er einmal drastisch formulierte: »Alles war stets gleichförmig.« Der Vorstadt-Tristesse und dem »Meer der Monotonie« entfloh er, indem er nach eigener Aussage Horrorfilme guckte, zeichnete und auf dem Friedhof der Stadt spielte.
Über 10.000 Zeichnungen, Gemälde, Filmpuppen, Maquetten und Storyboards finden sich heute im Privatarchiv Burtons und bieten faszinierende Einblicke in die bizarre Vorstellungswelt des multimedial arbeitenden Künstler-Regisseurs. Sie bilden eine Art visuelles, verschrobenes Tagebuch, ausgestattet mit überbordendem Humor: Da ist ein Mann, hinter dessen Rücken sich (s)ein Schattenungeheuer bedrohlich aufrichtet (Untitled / Vincent, 1982). Ein Frau, die buchstäblich von den aus den Höhlen herausgefallenen Augen eines Mannes ausgezogen wird (Untitled / Cartoons, um 1979–1984). Oder auch Monster mit weit aufgerissenen Mäulern, die nach unserem blauen Planeten schnappen (Surrounded / Umzingelt, 1996). Die Wesen Burtons sind oft versehrt, ja augenscheinlich zusammengeflickt wie etwa bei The Green Man (Der grüne Mann, 1999) oder Sally Parts (Teile von Sally,1993) – samt und sonders Außenseiter, ja Freaks, denen er auch in seinen Filmen Hauptrollen einräumt. In Tim Burtons bizarrem Bildkosmos ist die Abweichung Norm – ein Panoptikum schauriger wie schöner, gruseliger wie komischer Fantasien, eine wundervoll schräge Mischung aus Poesie, Humor und Horror.

Sein kreatives Schaffen spannt thematisch einen großen Bogen: Vor allem mit seinen Zeichnungen, die das essenzielle Ausdrucksmittel des Künstlers sind, sinniert Burton über das Leben in amerikanischen Vorstädten, über Andersartigkeit, über Karnevaleskes und populärkulturelle Themen wie beispielsweise Halloween, verbindet Elemente der Popkultur und B-Movies, des Cartoons und Comics. Seine Bilderfindungen, bizarre Gegenwelten zu jener vermeintlich heilen Welt seiner Kindheit, geben zudem einen Eindruck davon, wie sich seine Filme von der Idee bis hin zum Storyboard über Jahre hinweg entwickeln. Denn oft sind sie Figurenentwürfe oder Szenenbilder für Filme, häufig auch schnell dahingeworfen, auf Servietten, Zeitungsblätter oder Notizzettel: Da blickt den Betrachter etwa von einer nervös-krackeligen Tusche- und Bleistiftzeichnung aus dem Jahr 1990 Edward mit den Scherenhänden aus tiefliegenden Augen an. Von einer Tusche- und Buntstiftzeichnung aus dem Jahr 2009 schaut uns die cholerische Rote Königin aus Alice im Wunderland mit biestigem Herzmund entgegen. In ihrer unbekümmerten Kreativität zeigen die Kompositionen die Loslösung des Künstlers von Normen und akademischen Regeln: »Ich hatte einfach dieses Gefühl von Freiheit, als hätte ich irgendwelche Drogen genommen. Und bis heute ringe ich darum, mir dieses Gefühl zu erhalten – besonders immer dann, wenn jemand sagt: ›Das kannst du so nicht machen. Das ergibt keinen Sinn.‹«

Das spontane Arbeiten ohne Einschalten des korrigierenden Intellekts erinnert an den von den Surrealisten genutzten Automatismus im Sinne der »écriture automatique«. »Ich mag es überhaupt nicht, den Dingen zu sehr auf den Grund zu gehen«, äußerte Tim Burton einmal. »Ich gebe einfach einem Gefühl nach, wo auch immer, wann auch immer. Deshalb versuche ich auch, stets ein Notizbuch dabeizuhaben.« Burtons Stil wurde von der Kritik daher immer wieder mit dem Pop-Surrealismus, aber auch mit dem deutschen Expressionismus oder der Gothic-Kultur in Verbindung gebracht.
Da die Arbeiten dem Gefühl entspringen, subjektiv und oft persönlich formuliert sind, verwundert es nicht, dass sie zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Das MoMA in New York lud den Künstler-Regisseur jedoch ab 2009 zu einer großen Wanderausstellung ein und würdigte sein Schaffen mit Stationen in New York, Melbourne und Toronto. Nun unternimmt eine Werkschau im Max Ernst Museum in Brühl quasi eine Reise in den genialischen Kopf des Exzentrikers Burton – »eine Lustreise durch eine Horrorwelt« (Der Spiegel). »Ich hoffe, sie gefällt Ihnen«, schrieb Tim Burton im begleitenden Katalogbuch. Ja, tut sie. Aber schauen Sie selbst ...

20.10.2015 Stefanie Gommel

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