Kunstlexikon

Straßenfotografie

Fred Herzog »Mexico City Shoe Shine«

Fred Herzog, »Mexico City Shoe Shine«, 1963, Detail

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»Der Fotograf, eine bewaffnete Spielart des einsamen Wanderers, pirscht sich an das großstädtische Inferno heran und durchstreift es – ein voyeuristischer Spaziergänger, der die Stadt als eine Landschaft wollüstiger Extreme entdeckt.« (Susan Sonntag)

Das alte Paris um die Jahrhundertwende (Eugène Atget) – ein Mann mit Melone und Zigarettenspitze in einer Allee in Marseille (Henri Cartier-Bresson) – zur Arbeit eilende Menschen im Morgenlicht der Wall Street (Paul Strand) – Clochards unter dem nächtlichen Pont Neuf (Brassaï) – Liebende im Café, auf der Straße, im Park (Ed van der Elsken, Bill Brandt) – spielende Kinder in Harlem oder an der Lower East Side (Helen Levitt) – über das Straßenpflaster rennende Füße (Lisette Model) – flanierende Frauen auf der Fifth Avenue (Garry Winogrand, Joel Meyerowitz, Bruce Gilden) – Passagiere im Bus (Robert Frank) und in der New Yorker oder Tokioter U-Bahn (Walker Evans, Bruce Davidson, Nobuyoshi Araki) – eine junge Familie beim Sonntagsspaziergang in Brooklyn (Diane Arbus) …

Damit sind nur einige Motive und Meister, die zu Klassikern der Straßenfotografie avancierten, erwähnt und doch zugleich charakteristische Merkmale dieses Genres benannt. Die Straßenfotografie blickt – lässt man ihre Vorläufer im 19. Jahrhundert außer Acht – auf eine rund 120-jährige Geschichte zurück und bezeichnet im weitesten Sinne eine Fotopraxis und Aufnahmen, die auf der Straße, das heißt im öffentlichen Raum, angesiedelt sind. Die Straßenfotografie ist vor allem eine Fotografie der Stadt, jedoch keine topografische Annäherung aus einem distanzierten Blickwinkel heraus. Sie konzentriert sich weniger auf panoramaartige, unbelebte Ansichten von Straßenzügen oder Skylines und interessiert sich selten ausschließlich für Gebäude im Verhältnis zu ihrer Umgebung, deren Volumen oder das Spiel von Licht und Schatten auf den Fassaden. Die Straßenfotografie agiert – wie ihr Name sagt – hauptsächlich auf Augenhöhe, auf Straßenniveau, und widmet sich Situationen und Menschen im (zumeist) urbanen Raum, wobei ihr Ausdrucksspektrum die ganze Bandbreite von dokumentierender Reportage- bis zu künstlerischer Fotografie umfasst.

Als »Wiege der Straßenfotografie« gilt Paris. Bereits um 1850 fing einer ihrer Vorläufer, der französische Fotopionier Charles Nègre, verkehrsreiche Straßenansichten und belebte Szenen aus dem Pariser Alltag ein – wenn auch aufgrund der damaligen langen Belichtungszeiten noch ein wenig verschwommen. Rund fünfzig Jahre später dokumentierte Eugène Atget das alte, vom Abriss bedrohte Paris in traumhaft-surreal wirkenden Aufnahmen, die überraschende Motive und unkonventionelle Perspektiven bereithalten. Sein Werk war wegweisend zum Beispiel für die nächtlichen Pariser Impressionen von Brassaï, die dieser 1933 in dem berühmten Band Paris de nuit publizierte.

Atget hielt in seinen Bildern scheinbar ewig Gültiges fest, auf die vielfältigen Reize und die Dynamik der modernen Großstadt zu reagieren, ist ihm jedoch nicht in den Sinn gekommen. Er arbeitete mit einer unhandlichen Plattenkamera, obwohl es ab den 1890er-Jahren bereits erste Handkameras gab. Deren Verbreitung führte dazu, dass sich das Genre der Straßenfotografie um 1900 voll zu entfalten begann. Künstler wie Paul Martin, Heinrich Zille, George Hendrik Breitner, Arnold Genthe oder reiche Amateure wie Giuseppe Primoli, Jacques-Henri Lartigue und Alice Austen streiften außer durch Paris auch durch die Straßen von London, Berlin, Amsterdam, San Franciscos Chinatown, Rom und New York und fingen mit der Kamera spontan Situationen ein, auf die sie zufällig stießen. Manchmal posierten die Menschen, denen sie begegneten, für ein Bild, doch häufig bemerkten sie nicht, dass sie fotografiert wurden. Sie waren die anonymen Sujets fotografischer Voyeure, deren »heimliche Schaulust« wenig später durch das Aufkommen der Kleinbildkameras noch befördert wurde. Ohne dieses technische Hilfsmittel wäre die Straßenfotografie nicht denkbar.

Die Straßenfotografen des frühen 20. Jahrhunderts entwickelten »eine Art Schnappschussästhetik, die dem modernen Stadtleben […] perfekt entsprach. Die Rhythmen der Stadt wurden übersetzt in ein Zelebrieren des Momenthaften und das Akzeptieren nicht klassischer Bildausschnitte sowie eine moderate Bewegungsunschärfe. In den 1930er-Jahren wurden diese ästhetischen Prinzipien von Fotografen, die mit der Leica arbeiteten, zur Perfektion gebracht, etwa von Henri Cartier-Bresson und André Kertész«. Cartier-Bresson gab mit seiner berühmten Philosophie des »entscheidenden Augenblicks« eine adäquate Antwort auf die Hektik des Großstadtlebens, wobei er seine reflexhaft eingefangenen Motive mit einer ausgewogenen, eleganten Komposition zu verbinden verstand. Bis weit in die 1950er-Jahre hinein war er ein Vorbild für die Straßenfotografie sowohl in Europa als auch in den USA.

Ab den 1930er-Jahren erlebte die Straßenfotografie ihre Blütezeit. Paris und das Straßenleben der französischen Metropole wurden vor und nach dem Zweiten Weltkrieg außer von Kertész und Cartier-Bresson unter anderem von Lartigue, Germaine Krull, Brassaï, Robert Doisneau, Ed van der Elsken und John Van der Keuken verewigt und in zahllosen Fotobüchern veröffentlicht.

Jenseits des Atlantiks berief sich zwischen 1936 und 1963 die sogenannte New York School, zu der unter anderem Lisette Model, Helen Levitt, Robert Frank, William Klein, Weegee, Bruce Davidson und Diane Arbus zählen, auf Cartier-Bresson. Doch arbeiteten diese Fotografen mit einem stärker asymmetrischen oder dynamischen Bildaufbau, schrägen Winkeln, Verzerrungen und unzusammenhängenden Elementen, um das quirlige Alltagsleben in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft in Harlem und an der Lower East Side oder »›die zufällige Choreografie auf den Gehwegen der Stadt, das Gewimmel von Körpern an den Stränden von Coney Island, das Glühen der Straßenbeleuchtung und das grelle Licht des Times Square‹« ins Bild zu setzen. Allen gemeinsam war ein soziales Interesse, das auch Ben Shan und Walker Evans auszeichnet, die die Armut während der Großen Depression in den 1930er-Jahren eindrucksvoll dokumentierten.

In den Arbeiten von Frank, der durch seinen Fotobandklassiker The Americans(1958) über den amerikanischen Alltag der 1950er-Jahre Berühmtheit erlangte, Weegee und Klein kamen die Nervosität, Rauheit und Härte des Großstadtlebens besonders deutlich zum Ausdruck. Garry Winogrand und Diane Arbus führten diesen Ansatz in den 1960er-Jahren weiter. Ihre Werke gelten als Höhepunkt der klassischen Straßenfotografie, aber auch als vorläufiges Ende des Genres, was mit der Veränderung urbaner, gesellschaftlicher und ästhetischer Vorstellungen und Gegebenheiten in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren zusammenhängt.

Durch die zunehmende Individualisierung, das Aufkommen der multikulturellen Gesellschaft und die wachsende Bedeutung von Randgruppen zerfiel die bürgerliche Gemeinschaft im klassischen Sinne und mit ihr der öffentliche Raum. Fotografen wie etwa Bruce Davidson und Nan Goldin widmeten sich Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre Phänomenen von privaterem Charakter, bevorzugten schrille oder extreme Sujets und die Darstellung von Subkulturen.

Zu dieser Zeit hatte sich das urbane Leben bereits aus den Innenstädten hinaus in die Vororte und Randbezirke verlagert: »An die Stelle der angesagten, sprunghaften Schnappschussästhetik der Straßenfotografie trat eine neue Wertschätzung der Großbildkamera mit ihrem kühleren, langsameren und eher architektonischen und topografischen Ansatz, der zur niedrigeren Dichte der Vororte eher passte. Die führenden Richtungen der Stadtfotografie der letzten vier Jahrzehnte – Konzeptkunst, New Topographics und die neue deutsche Fotografie [der Becher-Schule] – sind durch ein topografisches Interesse oder eine Vorliebe für räumliche Strukturen gekennzeichnet, die oft durch minimalistische Abstraktion inspiriert waren.«

Die Straßenfotografie der 1980er- und 1990er-Jahre zeigt zwar Menschen in der posturbanen Landschaft, doch hat sie größtenteils die Statik der großformatigen, topografischen Stadtfotografie übernommen. Die Personen auf den Bildern von Jitka Hanzlová oder Joel Sternfeld posieren, auf den Aufnahmen von Francis Alÿs oder Erwin Wurm scheinen sie sich gar in lebende Skulpturen zu verwandeln. Jeff Wall arbeitet mit künstlich arrangierten Szenen, und Philip-Lorca diCorcia setzt eine Großformatkamera und Theaterscheinwerfer ein. Auch die Werke von Nikki S. Lee oder Beat Streuli zeigen ähnliche Strategien, die die Spontanität und Zufälligkeit des Straßenlebens nur inszenieren.

Vielleicht ist die originäre Straßenfotografie aber auch einfach nur aus dem Blickfeld geraten. Wie der 2010 erschienene Band Street Photography Nowdokumentiert, ist spätestens seit der Jahrtausendwende eine Wiederbelebung derjenigen Straßenfotografie zu verzeichnen, die in Anknüpfung an die Klassiker des Genres erneut auf Spontanität, Zufall und Schnappschussästhetik setzt, um das Straßenleben innerhalb und außerhalb der alten und neuen Metropolen auf der ganzen Welt einzufangen.

Auf der Grundlage von: Steven Jacobs, »Street Photography«, in: Lynne Warren (Hrsg.), Encyclopedia of Twentieth-Century Photography, Bd. 3: O–Z, London und New York 2006, S. 1503–1508, alle Zitate übersetzt von der Verfasserin.

30.11.2011 Anja Breloh

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