Kunstlexikon

Stillleben

Pieter de Ring and Harmen Loedingh,

Pieter de Ring and Harmen Loedingh, "Früchte und ein Berkemeyer und Chinesische Porzellanschüssel mit Erdbeeren und ein Römer", 1665, detail
Städel Museum, Frankfurt

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Seit Jahrhunderten faszinieren sie Künstler und Betrachter gleichermaßen: sorgfältig arrangierte "stille" Gegenstände in Gestalt üppiger Blumenarrangements, exotischer Früchte, Jagdwild, Tellern, Karaffen oder Musikinstrumenten.

»Mit einem Apfel werde ich Paris in Erstaunen versetzen.« (Paul Cézanne)

Stillleben sind nichts für schwache Nerven. Bleiche Totenschädel, Insektenfraß, Mäuse, zerbrochenes Glas. So sehen die Zutaten für ein veritables Vanitas-Stillleben aus dem 17. Jahrhundert aus (vanitas, lateinisch für nichtiges Treiben), das mahnend vermitteln will: Memento mori (Gedenke, dass du sterben musst).

Der Begriff Stillleben leitet sich vom niederländischen »still leven« (stilles Leben) ab. Es bezeichnet Bilder, für die der Künstler leblose Gegenstände auswählt und arrangiert: Dies können Früchte, Blumen und Küchengeräte, Jagdbeute und Musikinstrumente sein – oder eben auch Gruseligeres.

Vom antiken Maler Zeuxis berichtet Plinius, dass er Trauben so täuschend echt gemalt habe, dass Vögel herbeigeflogen seien, um von ihnen zu picken. Auch in Pompeji, das 79 n. Chr. vom Vesuv in Schutt und Asche gelegt wurde, hat man illusionistische Wandbilder von Blumen und Früchten gefunden. Im Mittelalter stellte die Malerei nur ein Hilfsmittel dar, um das Heilsgeschehen der Bibel zu verdeutlichen. Daher hatten Blumen oder Gegenstände immer eine religiös-symbolische Funktion, Illusionismus war kein Thema. Die Renaissance kennt Stillleben noch nicht als eigenständige Gattung, entwickelt aber großes Interesse an Naturstudien und naturgetreuer Wiedergabe. Um 1600, mit dem Beginn des Barock, tauchen erste Stillleben auf. In Italien spielen sie jedoch keine so große Rolle wie in Spanien, wo sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Gattung der »bodegones«, der Küchenstücke, entwickelt.

Die größte Bedeutung erlangen Stillleben in den Niederlanden zwischen 1600 und 1660. Holland ist zu dieser Zeit Welthandelsmacht, ihre calvinistisch-protestantischen Kaufleute bringen die Blütezeit der Stillleben hervor. Die Gemälde, oft mit sehr teuren Blumen oder kostbarsten Gegenständen, sollen den Reichtum ihrer Auftraggeber repräsentieren. Gleichzeitig stecken sie voller religiöser oder moralischer Symbolik: So stellen Brot und Wein immer Hinweise auf die Eucharistie dar; bei einer geöffneten Walnuss, an der eine Maus (das Böse) nagt, wurden die zeitgenössischen Betrachter an das Holz des Kreuzes (die Schale) und die lebensspendende Natur Christi (der süße Kern) erinnert. Eine geöffnete Nuss kann aber auch ein Vanitas-Symbol sein; viele Bedeutungen variieren je nach Zusammenhang.

Wird jemand »Blumenbrueghel« genannt, ist klar, worauf sich dieser Maler spezialisiert hat: So war es Jan Brueghel d. Ä., der die Blüten von Rubens´ Madonna im Blumenkranz, 1620, fertigte – »bilderübergreifende Hilfeleistungen« durch Spezialisten waren absolut üblich. Ambrosius Bosschaert vermied jegliche Überschneidungen, um Blumen exakt wiedergeben zu können. Damit wirkte er stilbildend. Willem Claesz. Heda und Pieter Claesz schätzte man für ihre Frühstücksstillleben mit Vanitas-Symbolen, oft fast monochrom in erdigen Tönen gehalten. Frans Snijders hatte sich auf Geflügel spezialisiert und Willem Kalff auf kostbare Silberteller und Gläser; letzterer wurde für seinen »Katzenaugen-Effekt« gefeiert, bei dem erlesene Stücke aus dem Dunkel des Hintergrundes aufleuchten.

Die Illusion von Raum und Körperlichkeit, die alle genannten Maler anstrebten, fand ihren Höhepunkt in den Trompe-l´?ils, den Augentäuschern, zu dessen berühmtesten Exemplaren Samuel van Hoogstratens Steckbrett, um 1660, zählt. Uneingeweihte schwören aus einiger Entfernung, sie hätten es mit einem echten Durcheinander aus Rasierpinseln, Kämmen und Taschenbüchern zu tun.

Eine Steigerung war nicht mehr möglich; im 18. Jahrhundert verliert das Stillleben an Bedeutung. Tatsächlich hatte es nie das Kriterium des »Erhabenen« erfüllen können und daher nach der Historienmalerei, dem Porträt, dem Tierstück und der Landschaftsmalerei immer den letzten Rang eingenommen – auch wenn Liebhaber bis zu 1 000 Gulden pro Bild bezahlten. »Ein Mensch ist eben etwas anderes als eine Schlackwurst«, bekam der französische Maler Jean Siméon Chardin zu hören. Er ist für die Klarheit seines Bildaufbaus und den Nuancenreichtum seines Kolorits berühmt. Er befreite einfache Alltagsgegenstände von jeglicher allegorischer Bedeutung und hat damit in der Zeit der Aufklärung einen Wendepunkt in der modernen Malerei, hin zum autonomen Kunstwerk, gesetzt.

Seine Leistung erfassten erst die Impressionisten im 19. Jahrhundert in vollem Umfang. Sie forderten, dass Sujets allein nach ihren malerischen Qualitäten ausgewählt werden sollten. Das diesem Text vorangestellte Zitat stellt eine Kampfansage des Postimpressionisten Paul Cézanne an Akademie und Kritiker dar. Seine Bilder von leuchtend roten Äpfeln und ähnlichen unspektakulären Dingen – etwa Stillleben mit Ingwertopf, Zuckerdose und Äpfeln, 1893/94 – trugen entscheidend dazu bei, dass Stillleben in den Rang hoher Kunst aufgenommen wurden; in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind sie ein Hauptthema der noch gegenständlichen Malerei. Cézannes Kunst, die Perspektive und Beleuchtung uneinheitlich wirken zu lassen, die Größenverhältnisse zu missachten und Gegenstände auf geometrische Formen zu reduzieren, beeinflusste zahlreiche Künstler bis hin zu den Kubisten Georges Braque, Juan Gris und Pablo Picasso, die das Genre des Kaffeehausstücks erfanden. Sie integrierten Zeitungsausschnitte oder anderes Material in ihre Bilder: Die ersten Collagen waren erfunden – und die Gemälde um den Aspekt der Dreidimensionalität bereichert.

Den endgültigen Sprung in den Raum machten die Alltagsgegenstände mit den Readymades des Dadaisten Marcel Duchamp oder den Objets trouvés, die in veränderter oder unveränderter Form als Kunstwerk deklariert wurden, so etwa Man Rays Geschenk, 1921 – ein handelsübliches Bügeleisen, das an seiner Unterseite eine Reihe von Nägeln aufweist.

Gemalt wurde aber weiterhin: Giorgio Morandis meditative Stillleben kamen mit den immer gleichen Flaschen und Krügen aus – er stand der Pittura metafisica (Metaphysische Malerei) und damit Giorgio de Chirico und Carlo Carrà nahe. Allerdings fehlt seinen Bildern die Atmosphäre von Enge und Eingeschlossensein, die deren Stillleben ausstrahlen. Dies Alptraumhafte findet sich bei den Surrealisten um Salvador Dalí, die Werke von einem geradezu »unheimlichen« Realismus hervorbrachten.

Daniel Spoerri, ein Vertreter des Nouveau Réalisme, entwickelte 1960 die Idee, seine Version eines Bankettstücks zu kreieren: Er hängte – unter dem Label Eat Art (Ess-Kunst) – die Reste einer Mahlzeit samt Geschirr und Tischplatte an die Wand. Auch die Pop-Art-Künstler, die für eine Aufhebung der Grenze zwischen Kunst und Leben plädierten, betrieben die ironische Heroisierung von Alltagsgegenständen: trivial, bisweilen beliebig – so sei das Leben nun einmal. Darum gebe es keinen Grund, nicht die Grenze zu überwinden zwischen Elite- und Massenkultur.

Der amerikanische Künstler Charles Ray arrangierte 1989 Schüsseln, Becher und anderes mehr auf einfachen Holztischen. Was wie ein klassisches Stillleben aussieht, erweist sich bei näherem Betrachten als seine Subversion: Die Objekte sind eben nicht still – sie drehen sich langsam um ihre eigene Achse.

Was ist ein modernes Stillleben? Elemente desselben finden sich heutzutage sowohl in der Malerei als auch in der Objektkunst, natürlich auch in der Fotografie, besonders der Werbung: Ist ein Food-Stylist etwas anderes als ein Bankett-Künstler? Eine glasklare Definition des Stilllebens gibt es in der Postmoderne nicht mehr, genauso wie es kein festes Weltbild mehr gibt, das durch diese Gattung transportiert werden könnte. Das Stillleben lebt dennoch weiter – pluralistisch wie unsere Zeit.

07.05.2008 Carola Eißler

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