Kunstlexikon

Kubismus

Georges Braque, »La Roche-Guyon«

Georges Braque, »La Roche-Guyon«, 1909, Detail

Bücher zum Thema

Georges Braque

Georges Braque

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ISBN 978-3-7757-2202-5
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Picasso

Picasso
Skulpturen

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ISBN 978-3-7757-1889-9
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Fernand Léger

Fernand Léger
Paris - New York

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ISBN 978-3-7757-2160-8
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Die Kunstrichtung, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in Frankreich abspielt und den Beginn der abstrakten und nichtsachlichen Kunst bildet: der Kubismus.

»Als wir begannen, kubistisch zu malen, hatten wir nicht im Geringsten die Absicht, die Malweise des Kubismus zu kreieren. Wir wollten vielmehr nur das ausdrücken, was uns bewegte.« (Pablo Picasso)

»Es schien fast, als seien wir zwei Bergsteiger, die an einem Seil hängen.« (Georges Braque)

Den Anfang des Kubismus markiert ein Bild von fünf nackten Huren. Zwei von ihnen sind monströs deformiert, zwei andere starren dem Betrachter aus einem verflachten, eckigen Bildraum entgegen. Als Picasso in den Jahren 1906 und 1907 sein berühmtes Gemälde Les Demoiselles d´Avignon schuf, ging es ihm nicht darum, Verständnis für die Außenseiter der Gesellschaft zu wecken wie Henri de Toulouse-Lautrec oder zu moralisieren wie Georges Rouault. Er interessierte sich vorrangig für rein künstlerische Fragestellungen.

In konsequenter Weiterentwicklung der Grundidee Paul Cézannes vom architektonisch gebauten, nicht-illusionistischen Bild reduzierte er die menschliche Anatomie auf Rhomben und Dreiecke und verzichtete damit auf die Wiedergabe der natürlichen Proportionen. Picassos Vorbilder waren die archaischen Skulpturen seiner iberischen Heimat und die Gemälde El Grecos und Paul Gauguins. Bestätigt fand er sich in den Schnitzwerken der afrikanischen Volkskunst, die kurz zuvor von den europäischen Malern entdeckt worden waren.

Auf Vermittlung des Dichters Guillaume Appollinaire lernte Picasso Ende 1908 den fast gleichaltrigen Georges Braque kennen. Aus diesem Zusammentreffen entwickelte sich eine enge, jahrelange Zusammenarbeit, die in den Jahren 1911/12 zeitweilig so weit ging, dass die beiden Künstler ihre individuellen Persönlichkeiten ganz in der gemeinsamen Erforschung kubistischer Darstellungstechniken aufgehen ließen, nahezu identische Bilder malten und diese nicht signierten.

Als Braque im Herbst 1908 seine Werke in der Galerie von David-Henry Kahnweiler ausstellte, berichtete der Kritiker Louis Vauxcelles in der Zeitschrift »Gil Blas» abfällig von »petits cubes« (kleinen Kuben). An anderer Stelle gebrauchte er die Bezeichnung »bizarreries cubiques« (kubistische Bizarrerien) und gab damit unfreiwillig das Stichwort für die Bezeichnung der neuen, führenden Stilrichtung.

Zwischen 1909 und 1912 entwickelte sich aus den Anfängen die Phase des analytischen Kubismus. Gemalt wurde weiterhin gegenständlich. Die Kubisten bildeten jedoch nicht mehr die Erscheinung eines Gegenstandes ab, sondern versuchten, das »Ding an sich« als Summe seiner möglichen Erscheinungen zu malen. Die Gegenstände wurden also nicht mehr naturalistisch von einem gegebenen und somit beschränkten Standort aus dargestellt, sondern von mehreren möglichen Standpunkten aus gleichzeitig. Dieses Nebeneinander mehrerer Perspektiven wurde in verschiedenen Facetten auf die Leinwand gesetzt. Gleichzeitig verschmolzen Form und Raum. Auch die Farbe verlor ihre traditionelle Bedeutung. Die Palette beschränkte sich auf Braun-, Grau- und Blautöne.

Seit 1911 fanden sich in den Arbeiten typografische Zeichen, später wurden Zeitungsausschnitte, Visitenkarten, Textilteile, Glas und Sand hinzugefügt: Das papier collé war erfunden. Diese Realitätsfragmente beseitigten endgültig alle Reste des illusionistischen Raumes. Mit ihnen hielt auch die Farbe wieder Einzug ins Bild. Sie war nun nicht mehr von den Gegenständen abhängig und musste nicht mehr nachahmen, sondern war zum Bestandteil einer neuen Stofflichkeit geworden. Damit war die Voraussetzung für den synthetischen Kubismus geschaffen. Hier ging es nicht mehr darum, die wahrgenommenen Gegenstände darzustellen, sondern neue Gegenstände zu schaffen: Das Bild gewann an Autonomie.

An der vollen Entfaltung des synthetischen Kubismus waren Picasso und Braque zwar noch wesentlich, aber nicht mehr allein beteiligt. Bedeutend sind hier vor allem Fernand Léger und Juan Gris. Léger nahm Cézanne beim Wort und kombinierte während seiner kubistischen Phase Zylinder, Kugel und Kegel zu quasi-analytischen Raumbildern. Gris ging von der Abstraktion aus, um zur Realität zu gelangen. Er malte fast ausschließlich Stillleben. Beeinflusst von Picasso, Braque und Gris wurden auch Albert Gleizes und Jean Metzinger, die 1912 unter dem Titel Du Cubisme das erste Buch über den neuen Stil veröffentlichten. Sonia und Robert Delaunay entwickelten den Kubismus weiter und überschritten mit ihren rhythmischen und dynamischen, orphistischen Farbakkorden die Grenze zur Abstraktion.

Der Kubismus stellte die Grenzen der Kunst in Frage und markiert den Übergang von gegenständlicher zu abstrakter Malerei. Er war Impulsgeber für die gesamte europäische avantgardistische Kunst vor 1914. Als Kubisten begannen etwa Marcel Duchamp, der Erfinder des Readymades, und der Bauhauskünstler Oskar Schlemmer. Lionel Feininger entwickelte ihn weiter. Unmittelbare Einflüsse fanden sich bei den italienischen Futuristen, den Expressionisten des Blauen Reiters und der Brücke in Deutschland und den russischen Kubofuturisten. Im engeren Sinne endete der Kubismus mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges, doch die künstlerische Auseinandersetzung mit ihm durchzieht das gesamte 20. Jahrhundert – von Dada über Pop-Art bis zur Postmoderne.

05.11.2008 Monika Wolz

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