Von Mensch zu Mensch: Sander versus Leibl

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August Sander, Bauernpaar am Spinnrad, 1927, Gelatinesilberabzug, © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

 

Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten treten die Unterschiede oft besonders stark hervor. Diese Erfahrung kann man derzeit im Kölner Wallraf-Richartz-Museum machen, das in der essayistischen Ausstellung „Von Mensch zu Mensch“ die Malerei von Wilhelm Leibl und die Fotografien von August Sander direkt gegenüberstellt.

Und tatsächlich haben diese beiden Meister ihres Faches erstaunlich viele Parallelen, Tangenten und Schnittpunkte in ihrer Beschäftigung mit dem Thema „Mensch“. Um diese deutlich zu machen, ist die Ausstellung von Kurator Roland Krischel streng in neun kleine Kapitel wie „Söhne und Väter“, „Künstlerköpfe“, „Posieren“ und „Archetypen“ unterteilt.

Diese Sortierung wirkt anfangs etwas plakativ und vielleicht sogar unakademisch, aber vielleicht liegt gerade darin die Stärke: Krischel führt mal Offensichtliches, mal Belangloses zusammen, über das man sonst gerne hinweg sieht, so dass am Ende die große Anzahl der Gemeinsamkeiten hervorsticht – und man sich deshalb fast lieber auf die Unterschiede konzentrieren möchte. Das führt dann allerdings dazu, dass der Betrachter am Ende nicht unbedingt Leibl und Sander, sondern die Malerei und die Fotografie per se miteinander vergleicht, sie gegeneinander antreten lässt. Das klingt unzulässig und erinnert vielleicht an Äpfel und Birnen, aber es ist nun einmal Fakt, dass die Fotografie ohnehin ständig Vergleichen mit der Malerei ausgesetzt ist. Insofern liefert die Kölner Ausstellung in diesem „Duell“ eine Art Waffengleichheit.

Wilhelm Leibl, Bauernjägers Einkehr, 1893, Öl auf Leinwand,  73,4 x 86cm, Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Wilhelm Leibl, Bauernjägers Einkehr, 1893, Öl auf Leinwand, Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

Evident ist zunächst jedoch das Interesse der beiden für das Porträt, für Archetypen und dabei speziell für das einfache Volk, die Bauern. August Sander legte dazu seine „Stammmappe“ mit Porträts der Westerwälder Bauernschaft und des alten Menschen an, die er für besonders naturgebunden hielt, und auch Leibl malte ernste, fromme Alte mit dem Rosenkranz in den Händen oder dem geöffneten Gebetbuch auf dem Tisch. Teilweise gleichen sich die Motive und die Komposition so stark, dass man meint, die beiden wären zur gleichen Zeit am gleichen Ort gewesen und hätten sich zudem Atelier und Modelle geteilt.

Haben sie aber nicht. August Leibl verließ seine Heimat Köln 1864 in Richtung München, da war Sander noch gar nicht geboren, und er starb 1900 in Würzburg. Sander hingegen ließ sich erst 1910 (da war er 34) in Köln nieder, wo seine Karriere schließlich richtig Fahrt aufnahm. Dennoch kannte Sander natürlich Leibls Arbeiten. Was aber vielleicht noch wichtiger ist: Beide interessierten sich auch für das Medium des jeweils anderen. Leibl war von der Fotografie fasziniert, nutzte sie als Vorlage für eigene Gemälde und verzweifelte zugleich an ihrer Genauigkeit, hatte er doch Zeit seines Lebens mit Unstimmigkeiten bei Perspektive und Proportionen zu kämpfen. Sander hingegen wollte ursprünglich Maler werden, kam aber offensichtlich als Assistent eines Bergwerksfotografen auf den Geschmack: „Die Photographie hat uns neue Möglichkeiten und andere Aufgaben als die Malerei gegeben. Sie kann die Dinge in grandioser Schönheit, aber auch in grauenhafter Wahrheit wiedergeben, kann aber auch unerhört betrügen.“

Genau diese Unterschiede werden in der Ausstellung sichtbar. Fast selbstverständlich verfällt der Betrachter zunächst der Schönheit, der Wärme und – um es mit Walter Benjamin zu sagen – der Aura von Leibls Öl-Porträts. In einer Zeit der Bilderflut, die ja eigentlich eine Flut an Fotografien ist, nimmt das gemalte Bild heute erneut eine herausragende Stellung ein. Wie grob, profan und fast schon obszön ehrlich wirkt daneben doch die Fotografie. Und wie banal!

Doch Moment. Ist es nicht umgekehrt die Malerei, die einen verklärten, romantisierenden Blick auf die Welt einnimmt – zumal Leibl ja als Vertreter des Realismus eigentlich genau dies vermeiden wollte. Man kann sich seine Qualen vorstellen, als er von einem so groben, seelenlosen Apparat in seiner Fähigkeit zur naturalistischen Genauigkeit überholt wurde – und dazu auch noch in einem Bruchteil der Arbeits- und Leidenszeit.

Man muss nur Leibls „Bauernjägers Einkehr“ und Sanders „Bauernpaar am Spinnrad“ miteinander vergleichen. Ja, es ist ein stimmungsvolles Bild, was Leibl da geschaffen hat. Und ein Zeugnis jener Epoche und jener Menschen. Aber was ist es schon gegen die Fotografie des Weißbärtigen, dem das zugeknöpfte Jackett über der Brust spannt und dessen Blick uns direkt ins Herz trifft? Dieser Mensch hat wirklich gelebt!

In der Malerei Leibls kann man sich da nicht immer so sicher sein. Zu oft glaubt man in seinen Figuren bloß Stellvertreter für andere zu sehen, aber keine Individuen. Das Paradoxe: Genau dies wollte ja Sander mit seinen „Menschen des 20. Jahrhunderts“ erreichen: Dass der Konditor für alle Konditoren, der Handlanger für alle Handlanger und die Rundfunk-Sekretärin für alle Rundfunk-Sekretärinnen steht. Vielleicht wäre es ihm mit Pinsel und Leinwand besser gelungen. Wir können von Glück reden, dass er das nicht gemacht hat.

Wallraf-Richartz-Museum, Obenmarspforten, Köln, Di./Mi. und Fr.-So. 10-18, Do10-21 Uhr, bis 11. August. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Er kostet 22 Euro.

 

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August Sander, Selbstporträt, um 1910, Gelatinesilberabzug, 1950er-Jahre, © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

 

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Wilhelm Leibl/Johann Sperl, Leibl und Sperl auf der Jagd, um 1888, Öl auf Leinwand,
Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

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August Sander, Der erdgebundene Mensch, 1910, Gelatinesilberabzug 1920er-Jahre, © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

 

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Wilhelm Leibl, Weißbärtiger Alter, Kopfstudie, 1866, Öl auf Leinwand, Wallraf-Richartz-Museum, Köln