This Ain’t Art School: Wie Instagram und Fotografie zusammenkommen

Ist Instagram wirklich so langweilig? Posten alle nur Selfies und Essen? This Ain’t Art School zeigt einen Weg aus der Krise. 

Als ich mit einem Stipendium für meine Doktorarbeit für ein Jahr nach Paris ziehen konnte, nahm ich mir vor, die Stadt kennenzulernen. So richtig. Woody Allen hatte sich mit seiner romantischen Liebeskomödie „Midnight in Paris“ gerade in die Goldenen Zwanziger zu den großen Künstlern und Legenden der französischen Hauptstadt zurückgeträumt – seine Bilder von Straßen und Plätzen, von der Nacht und den Lichtern flimmerten vor meinem inneren Auge, während ich meine Koffer packte. Also kaufte ich mir eine Kamera, damit ich beim Flanieren genauer hinsehe und meinen Freunden und der Familie zu Hause zeigen kann, wie es ist, dieses Paris, dieser Sehnsuchtsort. Die teure Kamera kam in diesem Jahr nicht zum Einsatz. Ich hatte sie fast nie dabei. Dafür aber mein Smartphone und die App Instagram, mit der ich damals wie so viele andere meine Fotos einfach nur bearbeitete. Über jedes Bild legte ich einen Retro-Filter, um der Vergangenheit so nah sein zu können wie Woody Allens Gil, der dafür nur nachts in eine Limousine steigen musste. Da ich weit weg von zu Hause war und alles interessanter zu sein schien als der deutsche Dichter, mit dem ich mich für meine Doktorarbeit befassen wollte, blieb mir viel Zeit, mich mit meinem Smartphone, der Bildbearbeitung und dem – wie ich bald merkte – sozialen Fotonetzwerk Instagram zu befassen.

Paris sagt: "Love Me". Das Foto habe ich Jahre später gemacht, als ich längst wieder in einer deutschen Großstadt wohnte und Retro-Filter schon out waren auf Instagram.

Paris sagt: “Love Me”. Das Foto habe ich Jahre später gemacht, als ich längst wieder in einer deutschen Großstadt wohnte und Retro-Filter schon out waren auf Instagram.

Heute, fast sechs Jahre später, sind 300 Millionen Menschen täglich auf Instagram aktiv, 95 Millionen Fotos und Videos werden geteilt und 4.2 Milliarden Likes vergeben. Nie war es einfacher, mit Bildern zu kommunizieren und sie zu konsumieren. Nie konnte man sich schneller als Fotograf oder Künstler ohne an den Hütern des Tempels der Kunst vorbei zu müssen einen Namen machen oder sich zumindest so nennen und sich sicher sein, dass schon irgendwer zur Kenntnis nehmen wird, was man ist. Ein Fotograf zum Beispiel, schließlich steht es so im Profil auf Instagram geschrieben und die Facebook-Fanpage sagt auch nichts anderes. Und die Follower, die täglich zustimmend nickend, während sie zwei Mal mit dem Daumen auf das Display des Smartphones tippen, ein Like mehr, ein „WOW“ mehr, das auch immer noch schnell in das Kommentarfeld gehämmert werden muss. Das ist die Bestätigung, man kann es, das mit der Fotografie. 100 Likes lügen nicht. Während auf dem Kunstmarkt der Preis eines Kunstwerks vermeintlich Auskunft gibt über dessen Qualität, sind es in den sozialen Medien die Followerzahlen oder auch die Likes und die Kommentare, die ein Foto sammelt.

Dino Kuznik / @dinokuznik, Arizona Pastels, 2016. Bei This Ain't Art School zeigen wir unter dem Hashtag #taastakeover Arbeiten ausgewählter Fotografen und führen mit ihnen kleine Interviews, die wir auf Instagram teilen.

Dino Kuznik / @dinokuznik, Arizona Pastels, 2016. Bei This Ain’t Art School zeigen wir unter dem Hashtag #taastakeover Arbeiten ausgewählter Fotografen und führen mit ihnen kleine Interviews, die wir auf Instagram teilen.

Bis vor etwas über einem Jahr gab es auf Instagram noch die Liste der vorgeschlagenen Nutzer. Wer Instagram in irgendeiner positiven Form aufgefallen war, wurde ein paar Wochen lang auf die Suggested User List gesetzt. Meist waren das zwei Wochen, in dieser Zeit wurden zwischen ca. 15.000 und 150.000 Followern gesammelt. Und da schon bald klar war, dass Geld verdienen kann, wer viele Follower hat, oder man sich zumindest instafamous fühlen kann, arbeiteten viele Nutzer darauf hin, auf diese Liste zu kommen. Sie gingen zu InstaMeets, organisierten selbst solche Treffen, wünschten ihren Followern täglich einen schönen Guten Morgen und ein erholsames Wochenende und posteten Fotos, die zur Lifestyle-Oase Instagram passten und zu einem warmen Werbeumfeld beitrugen.

(Für Zeit Online habe ich kürzlich aufgeschrieben, wie sich mit Instagram Geld verdienen lässt und warum das nicht unbedingt so cool ist, wie es klingen mag.)

Ich fand das ziemlich langweilig, denn obwohl das Medium auf Instagram Fotografie ist, ging es nicht darum. Alle machten sehr ähnliche Fotos, fotografierten symmetrisch U-Bahnstationen, kitschige Sonnenuntergänge und Wendeltreppen, weil Kevin Systrom, einer der Gründer von Instagram sagte, das Hashtag #theworldneedsmorespiralstaircases möge er besonders gern.

Als ich dann in Berlin beim ersten großen internationalen InstaMeet war und es nur um Likes und Followerzahlen ging, kam ich nach der Lektüre eines Interviews im System Magazin auf die Idee, etwas zum Thema Fotografie zu machen. Juergen Teller sprach mit Hans Ulrich Obrist über seine Tätigkeit als Professor an der Akademie in Nürnberg und erzählte, welche Aufgaben er seinen Studenten gibt. Amazing, dachte ich, das machen wir auf Instagram. Eine Freundin und ich posteten also, wer mitmachen wolle, melde sich bitte per Privatnachricht, wir geben die Aufgaben raus, Fotos bitte unter dem Hashtag #juergentellerassignment teilen. Offenbar fanden Instagram noch ein paar mehr Leute langweilig.

Maria Moldes oder Martin Parr? Maria Moldes aus Spanien, auf Instagram: @mariamoldes. Sie möchte sich nicht über die Menschen lustig machen, ganz im Gegenteil, am Strand kann jeder so sein, wie er mag, das Gefühl sollen ihre Fotos vermitteln.

Maria Moldes oder Martin Parr? Maria Moldes aus Spanien, auf Instagram: @mariamoldes. Sie möchte sich nicht über die Menschen lustig machen, ganz im Gegenteil, am Strand kann jeder so sein, wie er mag, das Gefühl sollen ihre Fotos vermitteln.

Jedenfalls meldeten sich in wenigen Stunden über 50 Leute – also legten wir einen Account an und teilten die Aufgaben öffentlich. Innerhalb von knapp vier Wochen kamen über 2.000 Fotos von Teilnehmern aus der ganzen Welt zusammen, Kunstmagazine wie Monopol und art berichteten, ich gab im Radio Interviews, jetzt.de schrieb über die große Kunstklasse auf Instagram und Modeblogs wie Dandy Diary berichteten. Da alle Spaß hatten und wir auch, ging es unter dem Namen This Ain’t Art School. Seit drei Jahren gibt es jeden Monat eine neue Aufgabe, meist schauen wir uns das Werk eines Fotografen an und überlegen, was auf Instagram funktionieren könnte. Museen denken ja sehr oft, ach, cool, machen wir mal irgendwas auf Instagram, was irgendwie total super sein könnte. Meist finden das dann aber nur die Museen selbst total super. Sehr oft ist das auch sehr schade. Ein Beispiel: Aktuell hat das Kölner Museum Ludwig dazu aufgerufen, unter dem Hashtag #kunstausdemleben Fotos vom Tisch nach dem Essen zu teilen. Passt nicht so ganz zum sozialen Fotonetzwerk Instagram und dem, was die Nutzer auf ihren durchkuratierten Accounts sonst so aus ihrem Alltag zeigen. Die Autorin und Journalistin Kathrin Wessling hat sich auch vor ein paar Wochen etwas überlegt, das gegen den Perfektionismus, die Selbstdarstellungssucht und die viel zu aufgeräumte Instagram-Welt helfen könnte. Ihr Projekt und Hashtag heißen: #abouttherealstruggle, sie teilt Bilder (jeder kann mitmachen) aus dem Leben, für die sich vorher nicht drei Stunden geschminkt wurde oder die Wohnung neu dekoriert oder umgeräumt werden musste.

Das Problem außerdem vieler Museen: Sie haben sich keine Community aufgebaut, die sie ansprechen könnten. Museen begreifen Instagram noch immer halbherzig als Verlängerung der Website oder lassen Praktikanten herumspielen, denn die wollen ja auch beschäftigt werden. Dass mit einem Instagram-Account schon mal so viele Leute erreicht werden, wie mit einer Anzeige in einem Magazin, geschenkt, ist doch nur Social Media.

Museen übersehen auch oft, dass es auf Instagram tatsächlich um Fotografie geht bzw. dass sich das sehr viele Nutzer wünschen. Sie stellen lieber eine Selfie-Station ins Foyer ihres Museums, die Besucher werden schon Spaß damit haben und die Selfies auf Instagram teilen. Das Kölnische Stadtmuseum hat gerade solch eine Selfie-Station aufgebaut, die Besucher dürfen Selfies mit Konrad Adenauer machen und unter dem Hashtag #adenauer2017 teilen.

(Für Monopol habe ich 2016 einen Text mit dem Titel „Keine Selfie-Stationen mehr!” geschrieben.)

Selfie game strong bei Künstler Andy Kassier / Andy Kassier. Er spielt auf Instagram mit männlichen Rollenklischees und gibt den erfolgreichen Geschäftsmann. "Success is just a smile away", sagt Andy Kassier.

Selfie game strong bei Künstler Andy Kassier / Andy Kassier. Er spielt auf Instagram mit männlichen Rollenklischees und gibt den erfolgreichen Geschäftsmann. “Success is just a smile away”, sagt Andy Kassier.

Bei This Ain’t Art School also tummeln sich Instagram-Nutzer aus der ganzen Welt, die sich eh schon mit Fotografie befassen oder ein bisschen mehr über Fotografie wissen wollen. Gerade ging es in Zusammenarbeit mit der Berlinischen Galerie und den Fotografen Tobias Zielony und Heidi Specker als Juroren um das Thema Reisefotografie (#farawayassignment), der Fotograf Stephen Shore hat sich auch schon eine Aufgabe für uns überlegt, als seine Ausstellung bei C/O Berlin zu sehen war und im September haben wir Alec Soth zu Gast, wenn „Gathered Leaves“ im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg zu sehen sein wird. Er denkt sich gerade eine Aufgabe aus, die ab Anfang September unter dem Hashtag #alecsothassignment erledigt werden kann.

Hier entlang geht es zu This Ain’t Art School.

20Oct 2017Write a comment

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