Wie Motten ins Gesicht. Über die Arbeit “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Ihre Bilder fordern uns heraus. Hinter dem nüchternen Titel von Irina Rupperts „Soldaten 0008-0129“ verbirgt sich eine Ungeheuerlichkeit. Echte Insekten bilden Dekorationen auf Gesichtern unbekannter Soldaten. Die einen mögen diese Collagen taktlos finden, die anderen werden sich darüber amüsieren. Eine Reaktion rufen die Bilder in jedem Fall hervor. Man bezieht Stellung und verfällt sofort in einen Modus des Assoziierens.

Es sind unbekannte Antlitze, die uns Irina Ruppert präsentiert. Wir wissen nichts über die jungen Männer, allein die Uniformen geben uns minimale Informationen. Ihre Blicke sind schüchtern. Sie sind Akteure, die vielleicht enthusiastisch in den Krieg gezogen sind, sich haben fotografieren lassen und ihre Porträts nun von der Front an die Angehörigen und Liebsten geschickt haben. So sind die fotografischen Grüße bei den Daheimgebliebenen angekommen, während die darauf Abgebildeten vielleicht nie zurückgekehrt sind.

Junge Soldaten, die in den brutalen wie folgenschweren Zweiten Weltkrieg involviert waren, mit einem bis dahin ungekannten Maß an Waffengewalt und millionenfachem Sterben bis hin zum Völkermord. Männer, die sich möglicherweise als Feinde an den Fronten gegenüber gestanden haben. Irina Rupperts Arbeit trifft den Betrachter, wie es ein historisch-wissenschaftlicher Essay vielleicht niemals vermag. Die kommentarlose Collagierung sich widersprechender Elemente ist schwer erträglich, und dennoch ist man von der Kombination fasziniert und auf emotionaler wie intellektueller Ebene herausgefordert.

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Eigentlich sind es Bilder, die dem Vergessen im Müll entrissen sind. Sie werden mit toten Insekten kombiniert, denen wir uns ansonsten höchstens mit dem Staubsauger nähern. Als Betrachter beginnen wir ganz automatisch, Analogien herzustellen zwischen leblosen Tierkörpern und möglichen Kriegsopfern, zwischen Insektenapplikation und Uniformabzeichen, zwischen den verblassenden Oberflächen der lichtempfindlichen Fotos und den vertrockneten Hüllen der Insekten. Das geht so endlos weiter.

Irina Ruppert ist eine Fotografin, in deren Arbeiten sich immer ein großer Bodensatz an eigener Geschichte befindet. Das war bei ihrem „Blumenstück” so, Stillleben von Blumen in merkwürdigen Töpfen, die indirekt einen Verlust in ihrer Familie reflektieren, oder in ihrer  Serie „Rodina“, die  für sie eine Spurensuche ihrer Kindheit darstellt, für den Betrachter aber wunderbar leichte und poetische Szenen des Dorflebens in Osteuropa bereithält.

In der Soldaten-Serie setzt sich diese Aufarbeitung  fort. 1976 kommt die damals Achtjährige mit ihren Eltern und zwei Geschwistern aus Kasachstan als Russlanddeutsche nach Deutschland, der Rest ihrer älteren Geschwister darf nicht ausreisen. „Wir sind über Moldawien nach Deutschland gekommen. Wir durften nur wenig mitnehmen, Fotos überhaupt nicht. Ich bin also anders als die meisten ohne die typischen Familienalben groß geworden.“

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Identität, Spurensuche, Heimat werden viele Jahre später ihre fotografischen Themen, und man erhält eine ungefähre Idee, warum jemand wie sie anfängt, Bilder zu sammeln, die andere achtlos weggeben. Irgendwann hat sie eine große Sammlung zusammengetragen, vor allem Passbilder und Porträts, auf denen anonyme Menschen abgelichtet sind. Irina Ruppert sammelt sie einfach – ohne den Verwendungszweck genau benennen zu können.

In diese Sammelleidenschaft spielt noch etwas anderes Entscheidendes hinein. Eine Frage treibt sie bei der eigenen „Familienforschung” um: Welche Rolle hat der Großvater innegehabt? Dieser war als Russlanddeutscher in der Ukraine beim Einmarsch der  Wehrmacht von dieser zum Dienst eingezogen worden und konnte sich nach Kriegsende nach Hamburg absetzen, wo er 25 Jahre lebte – getrennt von seiner Heimat, seiner Frau und den Kindern. Das ist es, was Irina über ihren Großvater weiß. Alles andere in seiner Vergangenheit bleibt nebulös. „Als die russische Armee als Befreier kam, wurden eigentlich alle Kollaborateure in den Gulag geschickt. Mein Opa aber nicht, so dass sich für mich die Frage ergab: Wie hat er geschafft, das zu umgehen?”

Irina Ruppert hat sich eingehend mit dem Leben von Soldaten im Zweiten Weltkrieg beschäftigt. „Ich habe irgendwann angefangen, sehr viel zu lesen, z. B. die Abhörprotokolle deutscher Soldaten in britischer und amerikanischer Gefangenschaft von Sönke Neitzel und Harald Welzer, wo Soldaten sehr offen erzählen und man viel über deren Mentalität erfährt. Sehr persönliche Bekenntnisse. Das hat meine Auseinandersetzung befördert und immer wieder die Frage aufgeworfen: In welcher Form war unsere Großelterngeneration in diese Zeit involviert? Was ist passiert mit den Männern, wie sind sie  durch die Umstände geprägt?  Was hat die Menschen zu dem gemacht, was sie geworden sind?”

Letztlich hat sie keine konkreten Antworten über die Rolle ihres Großvaters erhalten, auch eine Recherche bei der Wehrmachtsauskunft blieb ohne Ergebnis.

An eine künstlerische Auseinandersetzung hat sie beim Sammeln der Bilder schon immer gedacht. Aber erst der Zufall spielt ihr die richtige Trumpfkarte zu: „Die Bilder hab ich in einer Schublade aufbewahrt. Eines Tages zog ich sie auf, und es lag eine Motte auf einem Gesicht.”

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Sie merkt: Es geschieht etwas mit ihr als Betrachterin. Es fügt sich etwas zusammen, was nicht zusammengehört. Die Fotografin nimmt also tote Käfer, Motten, Schmetterlinge und kombiniert sie  mit den Bildern der anonymen Soldaten. Sie drapiert sie auf die Bilder. Die Insekten werden zu Kopfbedeckungen, schmücken das Revers der Uniform, sitzen auf den Augen der Soldaten.  In der Beschäftigung damit ergeben sich viele Fragen. Sie führt ein Zwiegespräch: „Wie wart ihr eigentlich im Krieg? Welche Funktion habt ihr übernommen? In welcher Form wart ihr beteiligt? Habt ihr was Böses getan? Tue ich was Böses, wenn ich euch Insekten auf die Gesichter setze?”

Immer wieder collagiert Irina Ruppert neu. Dazu muss sie eine zweite Sammlung erschaffen: tote Tiere. Es hört sich morbide an, eine derartige Sammlung einzurichten (es sind nicht nur Insekten), aber die Künstlerin betreibt das Sammeln mit einem beinahe wissenschaftlichen Eifer, lernt viel über Konservierungsmöglichkeiten, baut kleine Aufbewahrungsboxen und stellt diese schließlich in einen eigens eingerichteten Kühlschrank.

Doch auch wenn sie sich mittlerweile zur Expertin für die sachgemäße Lagerung von Insekten entwickelt hat, ist ihr klar, dass das Projekt einen endlichen Charakter hat. Irgendwann wird Irina Ruppert die Tiere nicht weiter aufbewahren können. „Der Kühlschrank ist voll. Neulich fand ich einen Vogel, der seine Krallen von sich streckte. Ich dachte, der muss auch seinen Platz bekommen, und hab ihn einem jungen Soldaten zugeordnet.” Einmal hat sie ihre Arrangements ausgelegt, um dann auf eine längere Reise zu gehen. Als sie zurückkommt, haben sich Maden durch die Fotos gefressen.

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Ans Aufhören kann die Künstlerin derzeit noch nicht denken: „Ich habe so viele Freunde, die mir gerade Insekten zuspielen. Mein Kühlschrank ist voll mit außergewöhnlichen Insekten, überfahrenen Fröschen, Käfern aus Südfrankreich. Aber ich entwickle gerade eine Idee für eine weitere Arbeit über den Zweiten Weltkrieg.

Auch wenn sie am liebsten die  Originalfotos mit den Tieren ausstellen möchte, ist ihr bewusst, dass sie die Arrangements allein als Reproduktion präsentieren kann. Denn welche Institution könnte die richtigen Voraussetzungen für eine Ausstellung dieser ungewöhnlichen Kombinationen schaffen? Die noch viel größere Hürde: Wer wird sich  trauen, die inhaltlich provokante Arbeit auszustellen?

„Marienkäfer auf den Augen eines deutschen Soldaten. Tote Tiere als schmückendes Beiwerk auf Erinnerungsbildern. Das ist natürlich ein Tabubruch. Aber es löst gleichzeitig Diskussionen aus, und die finde ich wichtig,” sagt die Künstlerin.

Weitere Infos: http://www.irinaruppert.de