Hold the Line. Im Gespräch mit Siegfried Hansen.

 

Aus dem Buch: Siegfried Hansen - Hold the Line

Aus dem Buch: Siegfried Hansen – Hold the Line

Eine Verabredung mit dem Fotografen Siegfried Hansen in einem Hamburger Café. Anlass ist das neue Buch “Hold the Line”. Den Fotografen, der für eine sehr eigene fotografische Ästhetik steht und im Genre der Street Photography viele Bewunderer hat, kenne ich, seitdem wir einst ins Gespräch kamen und er mir einen Buchdummy vorführte, der äußerst vielversprechend war. Das endgültige Buch ist aber noch mal ganz anders und viel besser geworden. Grund genug, dieses bei Kaffee und Kuchen zu feiern und den Fotografen zu seinen Erfahrungen mit dem Büchermachen sowie zu seiner ungewöhnliche fotografische Auffassung zu befragen.

 

Soeben ist dein erstes Buch “Hold the Line“ erschienen. War damit ein Lernprozess für dich verbunden?

Definitiv, ich hab lernen müssen, mich von bestimmten Vorstellungen, wie Bilder in Büchern funktionieren, zu lösen. Ich hatte eine Vorstellung, wie mein erstes Buch aussehen sollte und hab dann einen Dummy produziert. Bis zum endgültigen Buch hat das Buch viele verschiedene Versionen gehabt und sieht jetzt völlig anders aus als ursprünglich. Ein entscheidender Lernprozess war dabei, die „best of” –Bilder in ein adäquates Buchdesign zu bringen. Sehr schnell hab ich  gemerkt, dass ich der Graphik des Buches viel mehr Aufmerksamkeit widmen musste. Es reicht eben nicht nur, nacheinander gute Bilder zu präsentieren. Ein entscheidendes Stilmittel war schließlich, die leeren Farbseiten einzufügen und mit meinen graphischen Bildern korrespondieren zu lassen. Ich hab mir viele Fragen gestellt bei der Gestaltung des Buches: einerseits wollte ich gern eine Sachlichkeit, die etwa der Bauhaus-Ästhetik entspricht,  einbringen. Dann habe ich mich viel damit beschäftigt, wie sich gute Einzelbilder zu einem Erzählfluss zusammenfügen. Aber auch Fragen der Herstellung haben mich umgetrieben. Welches Papier ist das richtige? Welche Haptik will ich erreichen?  Von welcher Beschaffenheit soll der Umschlag sein?

 

Doppelseite aus dem Buch "Hold the Line" von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Bist du für die äußerst gelungene Gestaltung alleine verantwortlich?

Ja, aber viele Entscheidungen sind durch Fragen und Zuhören entstanden. Wenn ich sehr unterschiedlichen Leuten meine Arbeiten zeigte, hab ich deren Reaktionen inhaliert. Oft kamen nämlich entscheidende Hinweise von anderen. Meine Bilder kannte ich alle zur Genüge; die Frage war, wie könnte ich die ideale Form dafür finden.

Das eigentliche Buch ist schließlich auf einem Fotoworkshop entstanden, den ich bei Wolfgang Zurborn und Markus Schaden besucht habe. Dort traf ich auch den türkischen Graphiker Okay Karadayilar. Der hat dem Buch durch das Stilmittel der leeren Farbseiten die entscheidende Richtung gegeben. Das war die Initialzündung, das Buch so zu machen, wie es jetzt auch fertig vor uns liegt. Den letzten Schliff kriegte es dann beim Druck selbst, als mir Richard Reisen vom Kettler Verlag noch entscheidende Hinweise gegeben hat. Es ist wunderbar, wenn Leute über wichtige Erfahrung verfügen und einen daran teilhaben lassen.

 

Ist es nicht auch schwierig, sich immer wieder den Meinungen anderer auszusetzen?

Ich sperre mich natürlich auch erst mal gegen Kritik, aber dann verarbeite ich die und lerne daraus. Ich hab meine Arbeit also bereitwillig vielen Leuten gezeigt und Reaktionen abgewartet. Oft habe ich dann entscheidende Hinweise erhalten, über Farbwirkungen oder Dramaturgie der Bilder und Leerseiten. Ich hab dann immer wieder Feinjustierungen vorgenommen.

Der angesprochene Fotobuch-Workshop, der eine Woche lang dauerte, hat mir entscheidend geholfen. Mehrere renommierte Fotobuchexperten haben mich dabei unterstützt, meiner Serie den richtigen Ablauf zu verpassen. Vorher haben meine Bilder teilweise zu stark gegeneinander gearbeitet.

 

Wie lange hast du an „Hold the Line“  gearbeitet?

Eineinhalb Jahren arbeitete ich an dem Buch, angefangen mit dem ersten eigenen Dummy, über mehrere Workshops, wo ich einige Grundkenntnisse über Zusammenstellung  lernte, bis zur Abgabe im Verlag.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

 

Würdest du einem Neuling, der ein Buch machen will, empfehlen, einen Workshop mit Buchexperten zu besuchen?

Auf jeden Fall. Die Erfahrung der Büchermacher ist Gold wert. Man legt 30, 40 Bilder auf den Tisch und schaut genau, wie die Experten diese Bilder zusammenschieben.  „Kill your Darlings“ – Oft denkt man dann, auf die Idee wäre ich nie gekommen, die Bilder in dieser Weise zu kombinieren. Es ist ein Lerneffekt. Nach und nach hab ich selbst mutiger Bildstrecken zusammengefügt und Aussagen damit formuliert. Ich fand es interessant, dass die Experten ganz anders auf die Bilder schauen als der Fotograf, der ein Bild mit einer bestimmten Situation verknüpft, während der Experte völlig voraussetzungsfrei daran geht und Kriterien schafft, die dem Buch dienlich sind.

 

Wie bist du zu deinem Verlag gekommen?

Der Verlag Kettler hat damals eng mit Schadens temporären PhotoBookMuseum in Köln gearbeitet, wo auch der Workshop stattfand. Richard Reisen vom Kettler Verlag kam vorbei und hat das Buch begutachtet. Es gefiel ihm so gut, dass er spontan zugesagt hat, es zu drucken.

 

Ohne irgendwelche Bedingungen?

Wie alle Fotografen musste ich natürlich (mit-)finanzieren. Das ist ja heute üblich. Aber inhaltlich gab es keine Bedingungen – es mussten nur noch kleine Entscheidungen, etwa über den Seitenumfang, getroffen worden. Als Richard Reisen meine Arbeit auf dem Workshop für gut befand und verlegen wollte, gab mir das einen entscheidenden Schub, intensiv daran zu arbeiten und es schlüssig zu Ende zu bringen.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

 

Jetzt ist das Buch fertig. Wie gut bist du im Marketing?

Ich fotografiere seit 15 Jahren. Am Anfang habe ich nur fotografiert, alles andere hat mich überhaupt nicht interessiert. Dann kamen die ersten Ausstellungen und Auszeichnungen. Ich hab irgendwann geschaut, wie machen das andere Fotografen und gemerkt, wenn man kein vernünftiges Marketing betreibt, ist man schnell von der Bildfläche verschwunden. Es sei denn, man hat einen Förderer, der das alles für einen macht. Wenn man den Gaul vom Trab nicht in den Galopp bringt, passiert nichts.

 

Wie kann man den Buchverkauf zum Galopp bringen? Hilft es dir, dass du gut in der Street Photography-Community vernetzt bist?

Ob mir das hilft, Akteur einer Community zu sein, kann ich nicht sagen. Das wird sich zeigen. Die Buchauflage ist 500, also überschaubar. Ich werde nach einem halben Jahr wissen, ob meine Idee des Buches aufgegangen ist. Finden das nur meine Hardcore-Fans gut? Oder haben darüber hinaus auch andere Leute ein Interesse? Vielleicht sind es nur die 200, 300 Leute, die mich kennen und das Buch kaufen. Dann wird es mir eine Lehre sein, dass der Markt nur Special-Interest-Kunden bedient und ich muss daraus meine Konsequenzen ziehen, ob ich weitere Bücher mache. Das erste Buch ist ein Testballon. Womit ich gute Erfahrungen mache, um meine Adressaten zu erreichen, ist tatsächlich Facebook.  Derzeit kriege ich  jeden Tag Anfragen für Bestellungen.  Das zeigt sich ganz schön bei den Anfragen zu meiner Special Edition. Ich dachte, ich hätte mit 75 Exemplaren die Edition viel zu groß gemacht.  Aber jetzt sind schon 55 Exemplare verkauft. Was mich vor allem überrascht, ist, dass Reaktionen auf die Neuerscheinung von überall auf der Welt kommen. Gestern bestellte z. B. ein Interessent aus Brasilien, davor kamen Anfragen aus Thailand.

Auch beim Verlag selbst liefen viele Vorbestellungen auf; die Leute vom Kettler Verlag sagten mir, dass sie das in der Weise gar nicht kennen, vor allem, weil die Bestellungen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland kommen.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

 

Das zeigt, dass du auch international wahrgenommen wirst. Du stehst für eine bestimmte fotografische Position. Hat dir das einen Schub gegeben, dass du in der wichtigen Anthologie „Street Photography Now“ aufgenommen bist?

Darin ist die Creme de la Creme der Street Photography versammelt, das hat mir sicher geholfen. Außerdem ist es natürlich für die Aufmerksamkeit gut, dass ich in der Street Photography-Gruppe iN-Public bin, wo Leute wie z.B. Trent Parke mitmachen. Die Gruppe besteht aus 24 Fotografen, ich bin der einzige Deutsche darin. Die Aufnahme darin war ein kleiner Ritterschlag für mich. Und das, obwohl ich völlig anders fotografiere als meine englischsprachigen Kollegen. Meine Sehweise fällt auf, es gibt niemanden, der eine ähnliche Ästhetik verfolgt.

Deine Street Photography ist ziemlich singulär. Wie bist du zu dieser Auffassung gelangt?

Eine Initialzündung war eine Ausstellung von André Kertész, die ich vor vielen Jahren in Tokyo besucht habe. Vorher hab ich ganz anders fotografiert, aber da hat sich ein Schalter umgelegt. Plötzlich habe ich erkannt, dass man Bilder graphisch gestalten kann, um  bestimmte Aussagen damit zu treffen. Kertész hat sehr viel mit Flächen gearbeitet sowie mit Vorder- und Hintergrund. Ich hab von einer Minute zur anderen meine Fotografie komplett verändert. Dann habe ich mich mit einem weiteren Klassiker wie Cartier-Bresson beschäftigt, seine klare Bildsprache imponierte mir. Der dritte einflussreiche Fotograf war Ernst Haas, bei dem ich genauestens die Farbwirkungen seiner Fotos studiert habe.

 

Wie kann man deine fotografische Vorgehensweise beschreiben?

Ich hab ein selektierendes Sehen, ich sehe in Abschnitten und bemerke zunächst die graphischen Elemente, nicht die agierenden Menschen. Ich sehe die Graphik und dann sehe ich im zweiten Blick das, was als Situation gleich passieren könnte. Schauen wir z.B. hier aus dem Fenster des Cafés,  wo wir gerade sitzen. Ich sehe vor allem die Linien der Straße und des gegenüberliegenden Gebäudes und überleg sofort, wo müsste jetzt jemand stehen, damit es eine perfekte Komposition ergäbe. Natürlich trainiere ich das Sehen, vor allem, um schnell agieren zu können. Dinge passieren einmalig und man muss seinen Fotoapparat im Schlaf beherrschen. Was stelle ich scharf oder unscharf, es gibt keine zweite Chance! Das würde wohl jeder Streetfotograf unterschreiben. Aber man muss nicht nur den Apparat beherrschen, sondern auch das Sehen trainieren. Ich suche bestimmte Ausschnitte unserer Welt aus und dann schaue ich einfach auf das, was geschieht. Es kann dann eine Spannung zwischen rein graphischer Situation und einem bestimmten Moment entstehen, wenn z.B. ein Hund in die Szene hineinläuft.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Wartest du also geduldig, bis die geeignete Situation entsteht und machst dann dein Bild? Oder fotografierst du exzessiv und suchst das Beste aus?

Man könnte sich das so vorstellen, dass ich eine graphische Situation vorfinde und dann stundenlang warte, dass etwas Interessantes passiert. So funktioniert das bei mir aber nicht. Ich gehe durch die Straßen und entwickle eine extrem hohe Konzentration. Ich lauf also einfach los, etwa hier in Hamburg, von Ecke zu Ecke, sehe eine „Graphik“, überblicke schnell, ob was passiert, wenn nicht, bin ich schon weiter. Ich ordne jedes Mal, wenn ich weitergehe, mein Bildmaterial neu. Das ist ein permanenter Ablauf im Hinterkopf, ich achte immer auf Vorder- und Hintergrund. Es verlangt mir große Konzentration ab. Wenn dann irgendwo eine interessante Situation entsteht, fahre ich meine Aufmerksamkeit sofort hoch. Dann bin ich hellwach. Ich lauf z .B. von hier aus zur U-Bahn, beobachte dort bestimmte Sachen, steig vielleicht in die U-Bahn ein, steig wieder aus, sehe Spiegelungen im Fenster. So geht das in einem fort. Trotz aller Konzentration ist es für mich auch Entspannung, etwas Angenehmes, rauszugehen und mich treiben zu lassen und zu beobachten. Ich fühle mich in meinem Tun manchmal wie ein Musiker, der selbstvergessen auf seinem Instrument spielt und am Ende kommt ein neues Stück raus.

Viele denken, man macht jetzt 1000 Fotos und sucht sich dann die besten aus, der Rest ist Schrott. Ich denke, ich bewege mich in meinem Feld auf einem permanenten Niveau und arbeite gar nicht über die Masse. Das soll nicht überheblich klingen, denn dieses Level muss man sich hart und über lange Zeit erarbeiten. Und dann gibt es in den Bildern immer wieder Ausschläge nach oben, die einen richtig froh machen. Umgekehrt – wenn die Ausbeute mal nicht gut ist, bin ich nicht gleich beunruhigt, aber eigentlich passiert das nicht, denn ich sehe immer viel. Das merke ich, wenn Leute mich mal begleiten. Die sind erstaunt über das, was ich fotografiere, wie ich fotografiere und wie schnell ich fotografiere. Ich krieg dann zu hören: “Ich stand doch daneben und hab das trotzdem nicht gesehen.“

 

Das Buch “Hold the Line” ist bei Kettler erschienen. 56 S., 20 x 27 cm, ISBN 978-3-86206-435-9, 26,00 €.

Die Special Edition (Auflage 75 Ex.) umfasst das Buch und einen Print. Sie ist nummeriert und signiert und kostet 75,00 € (plus Versand). Es gibt noch wenige Exemplare beim Fotografen direkt: http://www.street-photography-hamburg.siegfried-hansen.de

  1. David maria Redford wrote:

    Hallo,

    leider bekommt man nirgends mehr dieses Buch. Gibt es denn keine 2. Auflage? Oder sonst noch eine Idee wo man dieses Buch noch kaufen kann?! Wir haben alles versucht, bisher – leider – vergeblich.

    Vielen Dank und beste Grüße

    David Maria Redford