Hundertdreiundvierzig Zentimeter lieben.

 

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Vor einigen Tagen fiel mir eine Zeitung in die Hand, die mich erst neugierig und dann ein wenig sprachlos machte. Auf der Titelseite in nüchterner Typographie nichts weiter als eine Größenangabe: HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER. Schlägt man die Zeitung auf, werden einem wunderbare Porträts einer jungen Frau präsentiert, die mit harschen Zitaten kontrastiert sind. Beispiel gefällig? “Treib es ab und versuch es nochmal. Es wäre unmoralisch, es in die Welt zu setzen, wenn du eine Wahl hast.” Das ist ein Tweed des Biologen und Religionskritikers Richard Dawkins, der 2013 in einer Umfrage der britischen Zeitschrift Prospect immerhin zum weltweit wichtigsten Denker gekürt worden ist. Nur eine von mehreren Aussagen, in denen ein völliges Unverständnis formuliert wird – darüber, dass Mütter und Väter eine andere Wahl treffen und sich bewusst für ein Kind mit Trisomie 21 entscheiden könnten. Behinderte Menschen haben in einer Optimierungsgesellschaft keinen Platz.

Marina hat einen Platz. Sie hat eine Familie, Freunde, eine Arbeit. Sie ist 143 cm groß,  26 Jahre alt und die Schwester der Fotografin Sabine Lewandowski. Sie ist mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen. Sabine Lewandowski präsentiert ihre Schwester in einer ungewöhnlichen Porträtserie, anbei stellt sie einen überaus persönlichen Text. Auf mich wirkt das sehr lange nach…und ich möchte mehr wissen.

 

Was war der Anlass für dein Projekt?

Sabine Lewandowski: Anlass war meine bevorstehende Bachelor-Arbeit, bei der ich mich mit einem persönlichen Thema beschäftigen wollte. Aufgrund meines familiären Hintergrunds und der immer wieder aufkommenden Diskussionen zu Trisomie 21 lag es für mich nahe, meine Sicht auf fotografische Weise darzustellen und später mit den recherchierten Zitaten zu ergänzen.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Jeder will ein Buch machen. Du hast ein Journal gemacht – warum?

Meine Intention zu HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER war, die Öffentlichkeit mit dem Thema anzusprechen und zu konfrontieren. Eine Zeitung trägt im Gegensatz zu einem Buch eine gewisse Leichtigkeit mit sich, wobei ihre Mitteilungen nicht an Gewicht verlieren, sie wird für ein breites Publikum hergestellt und von unterschiedlichen Altersgruppen wahrgenommen.

Welche Auflage machst du und wo ist die Zeitung gedruckt?

Die Zeitungen wurden bei einer Druckerei in London gedruckt, die sich auf Zeitungen spezialisiert hat. Ich habe mit einer kleinen Auflage begonnen, um das Journal finanzieren zu können. Aufgrund der hohen Nachfrage, wurde mittlerweile die 3. Auflage mit je 20 Exemplaren gedruckt.

Warum arbeitest du so stark mit Zitaten, die, um im Bild der Zeitung zu bleiben, wie Schlagzeilen wirken?

Die Zitate schaffen eine zusätzliche Ebene zu den emotionalen Bildern. Sie sind der Kontrast zu den weichen Fotos und bilden eine Haltung unserer modernen Gesellschaft ab. Sie zeigen, was einzelne Menschen beschäftigt, welche Fragen gestellt werden und wie letztendlich der Umgang mit dem Down-Syndrom ist.

Geben die drastischen Zitate nicht die Vorurteile und Meinungen einzelner verwirrter bzw. konservativer Kräfte wieder, während der gesellschaftliche Diskurs schon viel weiter vorgedrungen ist? (Inklusion als pädagogisches Schlagwort, Teilhabe in neuen Berufsfeldern etc.).

Natürlich sind es nur einzelne, von mir ausgewählte Aussagen, die in der Zeitung sehr komprimiert und geballt wirken. Es gibt durchaus positive Stimmen zum Down-Syndrom. Mit meiner Arbeit ging es mir nicht darum, die Inklusion voranzutreiben. Meiner Meinung nach sollte diese je Einzelfall entschieden werden. Vielmehr hinterfrage ich die Wertigkeit eines Menschen in der Gesellschaft, Entscheidungen über ein Leben und das Streben nach Perfektion in der Welt. Alle Zitate geben eine Haltung wieder, die den Umgang mit dem Down-Syndrom aufzeigen. Es wird ein Wertesystem vorgegeben, nachdem es unverantwortlich ist, ein Kind mit Behinderung zur Welt zu bringen. Das zeigt nicht zuletzt die hohe Abtreibungsquote von über 90% bei der Diagnose Down-Syndrom.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Wie würdest du dein Konzept zu HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMENTER allgemein beschreiben?

Mir fiel es bei dieser Arbeit schwer, von Anfang an einem durchdachten Konzept zu folgen. Ich hatte einen Gedanken und ließ mich von meiner Intuition leiten. Das Konzept hat sich sozusagen Schritt für Schritt zusammengesetzt. Bei den Fotos war es mir wichtig, das festzuhalten und wiederzugeben, was mir an Marina vertraut ist, was ich kenne und auch nach außen transportieren wollte: ganz normale Momente des Alltags und unterschiedliche Facetten, die Marinas Persönlichkeit ausmachen. Als ich mich mehr mit dem Thema der pränatalen Diagnostik, persönlichen Geschichten und den aktuellen Schlagzeilen beschäftigt habe, wuchs der Wunsch, die Arbeit mit einer weiteren Ebene zu ergänzen.

Immer wieder werden fotografische Klischees reproduziert, wenn es um einen Protagonisten mit Behinderung geht. Du schaffst eine ganz eigene Ästhetik, die die Konzentration auf die Persönlichkeit legt, auf Innerlichkeit und den Gefühlsausdruck des Individuums. Wolltest du dich von den üblichen Sozialreportagen bewusst wegbewegen?

Ja. Trisomie 21 ist ein Gendefekt, der sich zuerst an äußeren körperlichen Merkmalen ausdrückt. Die damit verbundenen Klischees sind für einen Fremden erst einmal schwer zu durchdringen. Mit einer Sozialreportage hätte ich vermutlich nur ein weiteres Klischee bedient. Marinas Down-Syndrom ist für mich zweitrangig, in erster Linie ist sie meine Schwester – mit ihrer eigenen Persönlichkeit, ihren Stärken und Schwächen. Ich wollte Momente aus ihrem Alltag und ihren unterschiedlichen Facetten festhalten – die Mischung aus beidem ergibt für mich erst eine komplexe Darstellung ihres Wesens.

„Loving her is a splendid adventure“, schreibst du ganz am Ende. Ist die Geschichte also weniger eine über eine junge Frau, die mit Trisomie 21 lebt, sondern eine, die über die Beziehung zweier Schwestern berichtet?

Natürlich erzählt die Arbeit von allem ein bisschen… Es ist die harmonische Beziehung zueinander, die diese Serie erst möglich gemacht hat.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Wie lange hast du an der Serie gearbeitet?

Das Gesamtprojekt HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER ist im Zeitraum von 15 Wochen entstanden.

Wie findet deine Schwester, dass sie Hauptperson einer Zeitung ist? 

Marina blättert jeden Morgen in der aktuellen Tageszeitung. Für sie ist es etwas Besonderes, nun ihre eigene Zeitung in den Händen zu halten. Die Bedeutung, die ihre Fotos angenommen haben, ist ihr allerdings nicht bewusst.

Fiel es dir an irgendeiner Stelle schwer, dein Privatleben zu einem fotografischen Sujet zu machen?

Da es nicht nur ein Teil meines Privatlebens, sondern auch meiner Familie ist, gab es immer wieder Momente, in denen ich mein Gewissen hinterfragt habe. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe. Mein persönlicher Bezug gibt den Fotos die Nähe und die Ausdrucksstärke, die ich als Außenstehende nicht hätte festhalten und transportieren können.

Apropos privat: Wie wichtig war es dir, einen eigenen, sehr persönlichen Text am Ende einzubauen, der deine Haltung noch einmal klarmacht und deine Schwester in kluger und anrührender Weise darstellt?

Anfangs hatte ich keinen persönlichen Text vorgesehen. Ich habe immer wieder versucht, meinen Standpunkt möglichst unkommentiert durch die Fotos wiederzugeben. In Gesprächen mit meiner Familie, Freunden und Professoren wurde mir bewusst, dass mancher Leser meine Intention zu dieser Arbeit erst durch den persönlichen Text besser erfassen kann.

Wie sind die allgemeinen Reaktionen auf die Serie?

Die Reaktionen auf die Serie waren durchgehend positiv. Viele Menschen haben interessiert nachgefragt, Zeitungen bestellt und die Fotos aufmerksam studiert. Es gab die unterschiedlichsten Gespräche. Persönliche Geschichten, die sich in der Arbeit wiedergefunden haben und Rückfragen von Menschen, die bisher gar keine Berührungspunkte mit Trisomie 21 hatten. Wenn Vorurteile vorhanden sind, versuche ich diese zu hinterfragen. Gerade bei solchen sensiblen Themen, ist es wichtig, zuzuhören und ein Verständnis zu entwickeln. Erst dann wird ein wertvolles Gespräch auf Augenhöhe möglich, ohne kämpferisch auf seinem Standpunkt zu beharren.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER, 60 S., 29 x 37,5 cm,  21,00 €

Weitere Infos: http://sabinelewandowski.com

Bis zum 23. Mai ist die Arbeit auch als Ausstellung in der Stadtbibliothek Bremen zu sehen: http://www.stabi-hb.de/Veranstaltungen.html?zg1=&zg2=&bib=&vaid=5299

16Dec 2017Write a comment

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