The Projekt “Reading the Landscape”

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Wir müssen mehr den Ozean vor uns als uns vor dem Ozean schützen. Wir sind der Natur gefährlicher geworden, als sie uns jemals war. Am gefährlichsten sind wir uns selbst geworden, und das durch die bewundernswertesten Leistungen menschlicher Dingbeherrschung. Wir sind die Gefahr, von der wir jetzt umrungen sind – mit der wir hinfort ringen müssen. Hans Jonas (jüdischer Philosoph, 1903–1993)1

Während ich die Anmerkungen zu meinen Bildern und meinem Buch schreibe, ruhen mein Schreibtischstuhl und meine Füße auf Merbau-Parkett, das in den Tropen Indo­ne­siens ab­geholzt wurde und auf geschickten Pfaden seinen Weg nach Deutschland gefunden hat. Das Parkett hat mein Ver­mieter weit vor meinem Einzug hier im Büro verlegen lassen, weil es außergewöhnlich schön und robust ist. Merbau wird, wie fast alle tropischen Höl­zer, ausschließlich durch die Zerstörung von Ur­wäl­dern gewonnen und ist in Deutschland reichhaltig verfügbar. Es gibt niemanden bei uns, in der westlichen Welt, der nicht schon im Überfluss von der Zerstö­rung der pri­mären Urwälder gehört hat, und doch sind wir immer noch alle direkt oder indirekt daran beteiligt. Mein Blick wandert von meinem Computerbildschirm in den üppig grünen Garten vor meinem Fenster. Es regnet warm in Strömen. Mein Blick folgt den blaugrünen Regentropfen und gleitet mit Ihnen weiter in den tropischen Regen Indone­siens. Ich sehe mich zusammengekauert unter einer Regenplane auf einer Insel vor Sumatra auf meinen Kameraruck­säcken sitzen. Wie oft habe ich es genossen, nach meinen Aufnah­men einfach so unter meiner grünen Plane im laut prasselnden Regen zu sitzen und dem feuchtwarmen Urwald zuzuschauen – nur dazusitzen und zu staunen über diese üppige, grüne, lebendige Fülle. Doch dort, wo ich mich jetzt in meinen Erinnerungen befinde, ist kein Urwald mehr. Stattdessen schwarzer, verkohlter Ur­wald­boden, darauf verstreut leere Gehäuse von Kreb­sen, Hummern, Insekten und Schnecken. Der Boden ist verbrannt bis mehrere Meter unter den leeren Hüllen der toten Tiere. Unzählige Male bin ich bis zum Bauch in den vom Feuer ausgehöhlten Torf­böden versunken, auf der Suche nach einem Bild, mit dem ich meine Betroffenheit zu dem Vorgefundenen einfangen kann.

Meine Bilder und Videos sind der Versuch etwas zu er­zählen, was ich selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen habe und was mich deshalb sehr berührt. Seit vielen Jahren besuche ich Orte, an denen selbst­orga­nisierte Natur direkt oder indirekt auf Menschen trifft, und stelle fest, wie diese Räume leider erschreckend schnell kleiner werden. Bei meinen Recherchen zu dem Thema erschien es mir zunächst fast paradox, dass nicht nur die Zerstörung der primären Lebens­räume, sondern auch die Schutzbemühungen im Wesentlichen von der sogenannten westlichen Welt gesteuert werden. Ich stellte fest, dass die unter schlechten Bedin­gungen lebende und mangelhaft ausgebildete Bevöl­ke­rung von beiden Seiten für unsere Interessen instrumentalisiert wird. Die Menschen vor Ort können den dramatischen Veränderungen meist nur machtlos zu­sehen. Die Macht haben häufig andere. Im überwiegenden Teil der Erde haben große Konzerne in­zwischen mehr Einfluss, als es die weltweit gewählten Volksvertreter wohl je hatten. Die Macht dieser Wirt­schaftssysteme ist inzwischen so umfassend und gleichzeitig vielfältig amorph, dass diese nur sehr schwer angreifbar ist. Auf Korrekturwünsche und Ge­setze von außen reagieren die Konzerne meist nur mit strategischen Posi­ti­ons­veränderungen und fast immer zum eigenen, renditeschonenden Vorteil. Ge­mäß­igtes und nachhaltiges Handeln ist schließlich kein profitables Grund­konzept für sie. Firmenethik wird nur dort eingesetzt, wo sie nützt – als kosme­tische, jederzeit austauschbare Mas­­kerade mit dem einzigen Ziel, die eigenen Pro­dukte noch besser produzieren und verkaufen zu können. Vieles deutet inzwischen darauf hin, dass wir durch Opportunismus, hohes Anspruchsdenken, Überbe­völ­ke­rung und unsere technologischen Möglichkeiten diesen Erdball nun mit rasanter Geschwindigkeit und unkontrollierbar zum Nachteil jeglichen Lebens auf dieser Erde verändern. Nur eine rasche Gegenbe­wegung könnte die destruktiven Folgen dieses Tuns noch ab­wenden. Sollte das jedoch nicht geschehen, werden wir wohl jeg­liche Chancen für zukünftige Generationen verspielen.

 

The ocean needs more protecting from us than we need protecting from the ocean. We’ve become far more dangerous to nature than it ever was to us. But what we threaten most of all is ourselves—and this through our most extra­ordinary achievements in controlling the material world. We are the danger that now surrounds us—and it is with this danger that we must henceforth struggle. Hans Jonas (Jewish philosopher, 1903–1993)1

While I write these notes to my pictures and my book, my chair and feet are resting on parquet flooring made of merbau, a tropical hardwood that was felled in Indonesia and found its way to Germany by rather circuitous means. My landlord had the parquet flooring laid down long before I moved into this office because it is unusually beautiful and hard-wearing. Like almost all tropical woods, merbau is obtainable only through the destruction of primeval forests, and is readily available in Germany. All of us in the west have heard a great deal about the destruction of the primeval forests, and yet we all remain complicit in it, either directly or indirectly. My gaze wanders from my computer screen to the lush, green garden outside my window. Warm rain is pouring down. As I watch the blue-green raindrops falling, I am transported back to one of Indonesia’s tropical rainstorms. I see myself seated on my camera bag and huddled beneath a ground sheet, somewhere on an island off Sumatra. Often caught in a shower while out photographing, I’ve enjoyed many an afternoon sitting beneath my sheet, listening to the rain loudly pattering down and looking at the warm, humid primeval forest—just sitting there and marveling at this lush, green, living richness. However, the place my memory takes me back to is now no longer forest. Instead, it is a wasteland of black and carbonized earth, strewn with the shells of crabs, lobsters, insects, and snails. The ground beneath the dead animals’ empty husks is burned to a depth of several meters. There’ve been countless times when I’ve waded up to my stomach into the fire-hollowed peat, looking for an image that can capture something of my shock at what I’ve found. My pictures and videos are an attempt to report on what I’ve experienced, on what I’ve seen with my own eyes and what has, for that reason, deeply moved me. For many years I’ve been visiting places where human beings have encountered pristine nature, either directly or indirectly, and I’ve watched as these places have shrunk at an alarming rate. While researching the subject, it first seemed to me almost paradoxical that the so-called western world was behind both the destruction of the primary habitats and the attempts to protect them. I saw how both sides in the conflict were using impoverished and poorly-educated local populations for their own interests. For the most part, local people can only powerlessly watch as these dramatic changes take place. Power often belongs to others. In the majority of places, large corporations already probably wield more influence than the entire elected representatives of people across the world ever had. The power of this economic system has now become so extensive and so complexly amorphous that it is very difficult to grasp. Corporations tend to react to legislation and other attempts to control their actions simply by strategically shifting their position, almost always acting to their own advantage and in a manner that will protect their profits. At the end of the day, moderate and sustainable behavior is just not a profitable approach for them. Corporate ethics are applied only where they are useful—and then only as a cosmetic exercise, a pretence that can be dropped at any time, whose sole function is to promote the production and marketing of products. There is now good reason to believe that this planet is being changed ever more quickly and uncontrollably by human overpopulation, high material expectations, new technological developments, and general opportunism—and that it is a change to the detriment of all life on earth. Only a rapid countermovement could still avert the destructive consequences of this way of behaving. If that doesn’t happen, we will probably gamble away any re­maining chances for future generations.

20Nov 2017Write a comment

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