„Protest on Paper“

Protest on Paper“ war der Arbeitstitel einer schließlich als Protestbox von Martin herausgegebenen Sammlung von fünf Fotobüchern, die im Kontext des Protestes gegen eine als ungerecht oder repressiv empfundene Politik, gegen Krieg oder gesellschaftliche Fehlentwicklungen herausgegeben wurden. Was das „Protestbuch“ vom „Propagandabuch“ unterscheidet, ist nicht immer einfach zu definieren. Staatlich angeordnete Propaganda kann durchaus auch den Charakter des Protestes gegen etwas haben; so war der DDR im Jahre 1960 das Algerien-Buch von Dirk Alvermann sehr willkommen, um Stellung gegen den Imperialismus zu beziehen. Auf der anderen Seite des Protestspektrums stehen sozialdokumentarische Bücher, die sich gegen Missstände wenden und informieren oder aufklären wollen. Die Grenzen der Genres sind fließend und vielleicht ist es auch gar nicht sinnvoll, eine Abgrenzung vorzunehmen.

Ein Kernaufgabe des fotografischen „Protestbuchs“ liegt in der Dokumentation bürgerschaftlichen Engagements im Rahmen von Demonstrationen, Bürgerinitiativen und Protestbewegungen. So werden die Ziele der Protestes artikuliert, so wird auf nachhaltige Weise die Öffentlichkeit erreicht. Das Buch erfüllt Funktionen als Souvenir und Chronik. Die Ästhetik der Drucksachen ist oft dem provisorischen Charakter von Transparenten oder Flugblättern angepasst. Bücher und Broschüren erhalten eine größere Dauerhaftigkeit, weil man so etwas nicht so schnell wegwirft. Die Produktion erfolgt meist rasch und in absehbar kurzer Zeit nach dem Ereignis und ohne großen Aufwand und oft im Eigenverlag. Letzteres macht diese Art der Literatur schon bald zur Rarität, weil sie nicht oder nicht vollständig von Bibliotheken gesammelt und erfasst wird. Verstärkt trat sie seit dem Ende der sechziger Jahre auf; Katalysatoren waren Studentenbewegung und Vietnamkrieg. Ein bekanntes frühes Beispiel aus Deutschland ist das Buch Demonstrationen von Bernard Larsson (1967). Eines der auflagenstärksten Fotobücher der Zeit um 1980 war Günter Zints Gegen den Atomstaat, ein Taschenbuch, das einen Vorgänger unter dem Namen Atomkraft hatte. Dessen Erstausgabe aus dem Jahre 1977 gehört inzwischen ebenso zum Kanon der wichtigen Fotobücher wie ähnliche Werke aus Italien, den USA und vor allem aus Japan, wo man unter dem traumatischen Eindruck des Atombombenabwurfs zu ästhetisch deutlich radikaleren Lösungen für Bücher und Bilder fand. Parr und Badger haben im dritten Band ihres Überblickswerks The Photobook nicht nur ein eigenes Kapitel für diese Art der Literatur bis hin zur Occupy-Bewegung reserviert, sondern auch eine ganze Ausstellung zusammengestellt, die im vorigen Jahr anlässlich der ParisPhoto zu sehen war. Ebenfalls in Paris lief bis vor kurzem eine kleine, von einem originellen Katalog in Plakatform begleitete Verkaufsausstellung mit solchen Büchern. 

Die Unruhen auf dem Maidan in Kiew sind noch nicht lange her – und schon gibt es einen Dummy Maidan – under construction mit wie arrangiert wirkenden, durch die Beleuchtung aus dem Umfeld hervogehobenen Barrikadenstillleben, im März 2014 fotografiert von Kirill Golovchenko und eingereicht beim diesjährigen Kasseler Fotobuch-Dummywettbewerb. Ein anderes Buch zum gleichen Thema liegt schon gedruckt in einer kleinen Auflage von 250 Exemplaren vor: Euromaidan von Vladyslav Krasnoshchok und Sergiy Lebedynskyy. Das von Ilkin Huseynov gestaltete Buch knüpft mit seiner rauen Optik und den düsteren, expressiven Bildern von Barrikaden und Auseinandersetzungen an die Ästhetik der früheren Protestbücher an. Die beiden Künstler der „Shilo Group“ geben sich als glühende Patrioten und Anhänger einer freien Ukraine und haben ihr Buch den gefallenen Helden vom Maidan gewidmet. Auch die anderen Fotobücher aus dem Verlag Riot Books zeigen, mit welchen Mitteln der Buchgestaltung sich künstlerischer Anspruch und politisches Engagement vereinen lassen. Solche dank moderner Drucktechnik und Zuhilfenahme von Handarbeit in kleiner Stückzahl schnell, aber sicherlich nicht überstürzt publizierten Fotobücher bewahren ihre Authentizität. Mit derartigen Publikationen lässt sich anders auf die Ereignisse reagieren als mit Einzelfotos oder Bildstrecken in Zeitungen.

Euromaidan_Cover

Euromaidan_1

Euromaidan_2

Riot_Books

Als Rückblick auf frühere Jahre der Protestkultur in der Schweiz ist eine telefonbuchdicke Neuerscheinung konzipiert. Der Fotograf Miklós Klaus Rózsa (*1954) stand auf der Seite der Demonstranten während der „Zürcher Bewegung“ und hatte deswegen Probleme mit Polizei und Behörden. Rózsas Fotos sollten Willkür und Härte seitens der Staatschützer dokumentieren so wie umgekehrt die Beamten auch die Demonstranten fotografierten, um Beweise zu sammeln. Dabei trieb der Staat einen grotesk hohen Aufwand, um die Demonstrationen zu überwachen. Die chronologisch angelegte Monografie zur Arbeit Rózsas aus den Jahren zwischen 1971 und 1989 nimmt die Protokolle und Rapporte des „Staatschutzes“ als Gestaltungsmittel und setzt die bildjournalistischen Arbeiten vor einen Hintergrund aus Akten, die über den Fotografen angelegten worden waren. Das Montage aus Fotos, oft hastig aus den Demonstrationen heraus gemacht, faksimilierten Texten (Flugblätter, Akten, Zeitungsausschnitte) und Schreibmaschinentypografie ist typisch für das Genre des Protestbuches. Die Gestalter aus dem Jahre 2014 arbeiteten wieder konsequent mit diesen Elementen, ohne freilich in Nostalgie zu verfallen. Dabei geht es vor allem um die Zuspitzung des Konflikts zwischen Beobachten und Beobachtetwerden. Wer das kräfteraubende Duell auf lange Sicht gewonnen hat? Bei Lektüre des Buches wird das schnell klar…

Protest gegen Politik, Krieg, Atomenergie, Aufrüstung, gegen die Schließung von Jugendeinrichtungen, für Frieden, Menschenrechte, Freiheit, Demokratie und und und. Leider gibt es weiterhin Anlässe, dem Protest Form und Dauerhaftigkeit mit einem Fotobuch zu geben.

Rózsa_Cover

Rózsa_1

Rózsa_3

Rózsa_2

Bibliografische Daten der genannten Bücher:

Miklós Klaus Rózsa, herausgegeben und gestaltet von Christof Nüssli und Christoph Oeschger, Zürich: cpress und Leipzig: Spector Books, 2014, 624 Seiten!, ISBN: 978-3-944669-42-7 (Elke Rüppels ausführliche Rezension zu diesem Buch finden Sie hier)

Vladyslav Krasnoshchok/Sergiy Lebedynskyy, Euromaidan, Madrid: Riot Books, 2014, (Gestaltung: Ilkin Huseynov)

Attenzione, Ausgabe Protest (zum Kommentar von Herrn Koltermann)

Attenzione, Ausgabe Protest (zum Kommentar von Herrn Koltermann)

  1. Felix Koltermann wrote:

    Interessanter Beitrag über einen wichtigen Teil des Fotobuchmarktes. Ein gutes Beispiel aus Deutschland ist unter anderem die Zeitung “Protest” des Fotografenkollektivs Attenzione Photographers, einzusehen über http://www.startnext.de/protest Wie Attenzione kommen viele der Fotografen in diesem Bereich selbst aus den sozialen Bewegungen und haben von daher ein ganz andere Beziehung zu den von ihnen bearbeiteten Themen als Fotojournalisten die von außen kommen. Es ist auf jeden Fall Wert das Thema weiter zu vertiefen.

    1. Thomas Wiegand wrote:

      .. danke für den Hinweis. Ich habe noch ein Bild dieser in der Tat interessanten Publikation nachgetragen.

27Aug 2016Write a comment

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