Bilderbuchatmosphäre

Photobook_Bristol_07506

Der Markt für Fotobücher ist sicherlich nicht einfach. Aber es gibt ihn, ganz ohne Zweifel. Sowohl Fotografen als auch Sammler können sich auf Festivals über die wunderbare Möglichkeit austauschen, die ein Fotobuch bietet. Das älteste und die Richtung vorgebende Spezialfestival dieser Art ist das in Kassel, erstmals 2008 ausschließlich dem Buch-Thema gewidmet und seitdem sechsmal als Nonprofit-Unternehmen organisiert (Archiv: bis 2009ab 2010). Als wesentliche Bestandteile haben sich seitdem herauskristallisiert: Vorträge und Diskussionen, Workshops, ein Markt mit neuen und antiquarischen Büchern, innovative (weil ja nur für wenige Tage sichtbare!) Ausstellungen von Bildern und Büchern, die Möglichkeit für Besucher, mit Experten über eigene Arbeiten zu diskutieren („Portfolio-Viewings“), Preisvergaben für beste Bücher, Prämierungen von Buchentwürfen („Dummys“) und nicht zuletzt und ganz wesentlich die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und zur Schaffung neuer Kontakte. Dies ist selbstverständlich in den Pausen während des Festivals möglich, aber auch in besonderer Intensität während der Abendveranstaltungen nach dem „offiziellen“ Programm, entspannt bei Essen und Trinken.

Die Erfahrung der letzten Jahre hat gelehrt, dass ein Fotobuchfestival keine Massenveranstaltung sein kann – abgesehen von der ParisPhoto und der daran angebundenen Verkaufsausstellung Offprint. In Paris überwiegt der Messecharakter, die Besucherzahlen sind fünfstellig. Um wieder mehr am Kern der Sache, dem Fotobuch, seiner Geschichte und seinen Besonderheiten, zu bleiben, entschied sich der in Bristol beheimatete, für sein Metier sehr engagierte Fotobuchhändler und Fotobuchenthusiast Rudi Thoemmes zusammen mit seinem Freund und Nachbarn Martin Parr zu einem entscheidenden Schnitt, um einen neuen Typ des Fotobuchfestivals zu etablieren. Ein Teil des Festival-Standardprogramms wurde schlichtweg weggelassen, ein anderer wurde verstärkt. Übrig blieb eine auf das Wesentliche konzentrierte Mischung, bei der vor allem der Erfahrungsaustausch im Mittelpunkt stand. Photobook Bristol verzichtete auf fast jede Werbung; Informationen konnten nur über die eigene, mit viel Material über die Vortragenden gespickte Website oder über Facebook etc. gefunden werden. Die Kunde von dem Festival in England verbreitete sich in der Community in Windeseile – auch ohne Flyer, Plakate, Anzeigen oder redaktionelle Vorberichte. Ein Übriges tat das hochkarätig besetzte Vortragsprogramm, bei dem selbstverständlich Martin Parr eine zentrale Rolle als Vermittler, Moderator und Kommunikator spielte. Auf dem Podium saßen zudem mit Stephen Gill, Donovan Wylie und Paul Seawright weitere Größen aus der Fotoszene Großbritanniens und mit Jon Tonks, Anouk Kruithof, Sebastien Girard, Bart Sorgedrager und Max Pinckers weitere international bekannte Fotografen, die über ihre Fotobücher bekannt geworden sind. Das gilt auch für Peter Mitchell als Vertreter einer älteren Generation, wobei man sich fragt, warum Mitchell bislang nur die Möglichkeit zu einem einzigen Buch hatte – sein mit viel Applaus bedachter Diavortrag über seine Straße in seiner Stadt Leeds war gespickt mit trockenem englischem Humor und machte neugierig auf mehr. Ja, Mitchell projizierte tatsächlich Dias! Überaus unterhaltsam stellte auch Joachim Schmid sein eigenes Werk vor; einmal in einer Solopräsentation seiner Bücher, dann im Rahmen der Talkserie Desert Island Photobooks, bei der Stephen Bull dem Berliner Fotokünstler die Frage stellte, welche acht Fotobüchern er mit auf eine einsame Insel nehmen würde.

Immerhin war die Quote der Vorträge über Bücher, die (ausgerechnet bei diesem Thema!) statt mit Doppelseiten mit Einzelbildern argumentierten, nicht mehr so hoch wie bei anderen Gelegenheiten. Wenn man über Bücher spricht, sollte man auch Bücher zeigen, und zwar in Form der Doppelseiten und nicht isoliert in Einzelbildern. Das darf man von einem Autor, einer Autorin eines Fotobuchs, der/die diese Publikationsform ernst nimmt, im Rahmen eines Fotobuchfestivals durchaus erwarten…

Die kleinere Hälfte des Vortragsprogramms war dem Blick auf die Fotobuchgeschichte gewidmet oder betraf allgemeine Fragen der Fotobuchproduktion und -distribution. Dabei ging es in einer spannenden Präsentation um die Fotobuchgeschichte(n) Portugals und Spaniens (Jose Pedro Cortes, Andre Principe, Jose Luis Neves, Jon Uriarte, Jesus Mico, Moderation Moritz Neumüller), um den erstaunlichen Erfolg der Absolventen der Kunstakademie in Den Haag auf dem Fotobuchsektor (Corinne Noordenbos), um das Für und Wider des selbstpublizierten Fotobuchs (Bruno Ceschel, Delphine Bedel, Colin Pantall), die Abgrenzung zwischen Fotobuch und Künstlerbuch (Jose Luis Neves) und in der illuster besetzten Schlussrunde um die Zukunft des Fotobuchs überhaupt. An der Diskussion beteiligt waren einerseits die Fotografen Stephen Gill und Thijs Groot Wassink, andererseits die Verleger Michael Mack und Dewi Lewis, die nicht nur für unterschiedliche Generationen, sondern auch unterschiedliche Konzeptionen verlegerischen Handelns stehen. Souveräner Moderator dieses Gesprächs war Martin Parr. Inzwischen wurden zwei der aufgezeichneten Beiträge zum Ansehen und Anhören im www veröffentlicht: The Future of Self Publishing und The Future of Photobooks.

Parr und sein Partner Gerry Badger standen zweimal zu Not in Parr/Badger im Ring, wobei die zweite Runde als eine Art Quiz gedacht und vom Autoren dieser Zeilen vorbereitet worden war. Ergebnis: Badger hat in diesem Duo den analytischen Part übernommen, Parr den spielerischen. Die Frage, ob ein gutes Fotobuch nun unbedingt auch aus guten Fotos bestehen muss, oder man nicht aus jedem Material ein gutes Buch machen könne, beantwortete Martin Parr so lakonisch wie zutreffend mit: „If the book works, it works“. Auch kuriose Anleitungsschriften für Fahrschüler (The Art of Driving oder ähnliches) oder Kochbücher können von Interesse sein. Es braucht nicht nur diese Antipoden zum Einschätzen der Werke für den Fotobuchkanon, sondern auch viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl, um die Spreu vom Weizen trennen zu können. Parr beherrscht das hervorragend, wovon sich eine kleine Gruppe „Special Guests“ bei einer kurzen Tour durch einen Teil seiner berühmten Bibliothek überzeugen konnte.

Dies zum von Jessa Fairbrother zurückhaltend, aber bestimmt moderierten Vortragsprogramm. Die Veranstaltung fand in einem privat geführten Kultur- und Stadtteilzentrum in Bristol-Southville in der unmittelbaren Nachbarschaft des Organisators Rudi Thoemmes statt. Der Raum wird sonst für Tanzgruppen oder Konzerte genutzt, was selbst beim Fotobuchfestival nicht anders war. Denn man hatte am Freitagabend die Singer/Songwriterin Melissa Laveaux zu Gast und am Samstag mit Mik Artistik eine Band, die (fast) alle Besucher innerhalb kurzer Zeit auf die Tanzfläche brachte. Kein Wunder, ist doch Mik Artistik mit ihrem rauen, aber charismatischen Sänger die Lieblingsband der beiden Initiatoren… Beider Lieblingsbäcker lieferte die Grundverpflegung und das Team eines englischen Meisters im Grillen das Essen am ersten Abend. Das war (fast) alles im Eintrittspreis inbegriffen, zudem konnte man Tee trinken, soviel man wollte. Der wiederum kam von Canton Tea, einem der wenigen und ausschließlich lokalen Sponsoren des Festivals. Denn die Organisatoren verzichteten von vornherein auf die Akquise großer Sponsoren, um beweglich und vor allem unabhängig zu bleiben. Die Besucher bekamen ein hochkarätiges und dabei kurzweiliges Programm, wofür sie freilich einen entsprechenden Obulus zu entrichten hatten. Aufgrund des beschränkten Raums und der bewussten Konzentration auf das Wesentliche standen nur 125 Dauer- und 50 Tageskarten zur Verfügung. Die Veranstalter hätten locker das Doppelte verkaufen können…

Zurück zu den anfangs genannten Standardbestandteilen eines Fotobuchfestivals. Eine Schau der besten Bücher oder Portofolio-Viewings gab es ebensowenig wie einen Wettbewerb um den schönsten oder eindruckvollsten Fotobuchentwurf. Die Ausstellung beschränkte sich auf drei Bilder von grotesken Vogelscheuchen als Ausblick auf das nächste Buch von Peter Mitchell. Was selbstverständlich nicht fehlte, war ein Marktplatz im Obergeschoss über dem Saal. Dort gab es zwischen Fotobuchpreziosen (von Quaritch und 5 Uhr 30) und Rudi Thoemmes´ eigenem Stand RRB mit neuen und alten Büchern zwei Fachhändler für Aktuelles (Photobookstore.uk, Café Lehmitz), einige Verlagsstände sowie ein Angebot von Hochschulen und britischen Fotogalerien. Schließlich waren auch zwei Eigenverlage zugegen, nämlich Nobody Books von Stephen Gill und Rorhof Books aus Südtirol. Ich weiß nicht, wie erfolgreich die Verkäufe liefen. Aber das engagierte und fachkundige Publikum wird schon seinen Teil dazu beigetragen haben, dass sich die Reise nach Bristol auch für die Händler gelohnt hat. Bei Gill bildeten sich zum Signieren Schlangen. Der Fotograf Nicoló Degiorgis hatte an seinem Rorfhof-Stand „nur“ drei Publikationen im Angebot – sein neues Buch Hidden Islam über unscheinbare Moscheen in italienischen Städten war am Ende des Festivals ausverkauft! Vielleicht ein Zeichen sowohl für das Niveau des Buches als auch des Publikums…

Bristol hat sich also mit einem „Weniger ist mehr!“ und einer hohen Qualität im Detail im Verein mit einer im Hintergrund völlig reibungslos laufenden Organisation für ein Konzept entschieden, das der Fotobuchgemeinde ein Angebot macht, dass mit seiner angenehmen Atmosphäre, ohne Hektik und mit hohem Wohlfühlfaktor, ein Angebot macht, das man auch im nächsten Jahr nicht wird ablehnen können. Bristol ist mit dem Flugzeug von Berlin aus in zwei Stunden zu erreichen, also nicht aus der Welt. Die nächste, ähnlich konzipierte, aber nur eintägige Veranstaltung zum Thema „Propaganda“ wird schon am 12.10.2014 in Bristol stattfinden. Das nächste Photobook Bristol folgt zwischen dem 12. und 14.6.2015 unter dem schon jetzt kontrovers diskutierten Arbeitstitel „Women and the Photobook“. Mit dem eine Woche zuvor über die Bühne der Kasseler documenta-Halle gehenden 7. Fotobookfestival (4.-7.6.2015), das Martin Parr als Fotobuchautor in den Mittelpunkt stellen wird, ist eine freundschaftliche Kooperation im Werden. Wenn nächstes Jahr mit der ebenfalls in den Juni gelegten, selbstbewussten Veranstaltung in Wien gleich drei Fotobuchfestivals innerhalb weniger Tage auf Besucher warten, wird sich zeigen, wer das beste Konzept und Programm bietet. Die Bristoler jedenfalls dürften mit der klugen Strategie „Small is beautiful“ keine Probleme bekommen, ihr Potential erneut voll auszuschöpfen.

The Southbank, Bristol

The Southbank, Bristol

Not in Parr/Badger on stage…

Not in Parr/Badger on stage…

Donovan Wylie (l.) and Paul Seawright with Kent Grant (r.)

Donovan Wylie (l.) and Paul Seawright with Kent Grant (r.)

Photobook_Bristol_07543

Peter Mitchell presenting his slides

Peter Mitchell presenting his slides

The Portuguese photobook specialists

The Portuguese photobook specialists

Rudi Thoemmes, Joachim Schmid, Onny

Rudi Thoemmes, Joachim Schmid, Onny

British food: Martin Parr, Simon Baker, Manfred Heiting

British food: Martin Parr, Simon Baker, Manfred Heiting

Stephen Gill

Stephen Gill

Corinne Noordenbos, Bart Sorgedrager

Corinne Noordenbos, Bart Sorgedrager

Sebastien Girard (and others)

Sebastien Girard (and others)

Bruno Ceschel

Bruno Ceschel

Self publish be happy…

Self publish, be happy (on stage)

Self publish, be happy (after work)

Self publish, be happy (after work)

Dieter Neubert and Manfred Heiting looking at Horacio Fernandez new book „Spain – photobooks 1905-1977“

Dieter Neubert and Manfred Heiting looking at Horacio Fernandez new book „Spain – photobooks 1905-1977“

Nicoló Degiorgis, Martin Parr, Stephen Gill

Nicoló Degiorgis, Martin Parr, Stephen Gill

Max Pinckers signing his new book „Will They Sing Like Raindrops or Leave Me Thirsty“

Max Pinckers signing his new book „Will They Sing Like Raindrops or Leave Me Thirsty“

Photobook tradingroom

Photobook tradingroom

Photobook tradingroom

Photobook tradingroom

Anouk Kruithof, Martin Parr

Anouk Kruithof, Martin Parr

Ecki Heuser

Ecki Heuser

From Germany: Dieter Neubert, Ruth Lahrmann, Hansgert Lambers

From Germany: Dieter Neubert, Ruth Lahrmann, Hansgert Lambers

The future of photobooks: Stephen Gill, Michael Mack, Dewi Lewis, Thijs Groot Wassink, Martin Parr

The future of photobooks: Stephen Gill, Michael Mack, Dewi Lewis, Thijs Groot Wassink, Martin Parr

Richard Sporleder loads his car

Richard Sporleder loads his car

Joachim Schmid with his work „Other People’s Photographs“ in Martin Parr’s library

Joachim Schmid with his work „Other People’s Photographs“ in Martin Parr’s library

Martin Parr with special guests in his library

Martin Parr with special guests in his library

Photobook_Bristol_07665

24Aug 2016Write a comment

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