emerge

emerge räumt jungem, modernem Fotojournalismus den Raum und Rang ein, den er verdient und den er in einschlägigen Publikationen nur noch selten findet. Wir zeigen online und gedruckt, wie unterschiedlich und vielfältig junger Fotojournalismus heute ist und präsentieren erzählenswerte Geschichten von hier wie dort: Foto-Essays, die vom Leben der Menschen erzählen, Reportagen aus Krisen- und Kriegsgebieten, aus dem Alltagsleben, Geschichten von bekannten und unbekannten Orten. Seit mittlerweile sechs Jahren fassen wir moderne Multimedia-Produktionen und klassische Dokumentarstrecken auf einer gemeinsamen Foto-Plattform zusammen. So unterschiedlich die einzelnen Arbeiten auf emerge auch sind – alle eint ihr inhaltlicher Gehalt, eine spezifische visuelle Kraft und der unabhängige Blick des Fotografen/der Fotografin. Wir suchen und sichten permanent neue außergewöhnliche Foto- Dokumentationen, stetig füllt sich das emerge Online-Magazin. Unser Archiv umfasst inzwischen über 150 Reportagen. Nachdem wir im letzten Jahr erfolgreich unser erstes Print-Magazin zum Thema „Migration“ herausgegeben haben, arbeiten wir aktuell an unserer zweiten Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Naher Osten“. Zur emerge Redaktion gehören: Christoph Eiben, Anastasia Hermann, Alexandra Horn, Mehran Karimi, Max Mauthner, Kevin Mertens, Stefan Weger, Claudia Lenz und Doro Zinn.

emerge is a magazine for young foto journalism.

Colonia Dignidad: Wie Fotojournalismus aktuelle Debatten begleitet

Kaum ein Teil der deutschen Geschichte ist so skurril wie die der „Colonia Dignidad“. Der gleichnamige Film mit Emma Watson und Daniel Brühl bewirkte, dass auch die Politik sich dem Thema wieder angenommen hat. Einen fotojournalistischen Beitrag zur Debatte liefert Jann Höfer mit seiner Arbeit „Wie nasser Zement“. Ein Porträt über den Wandel einer Gemeinschaft.

Die Rückseite des Freihauses, indem Paul Schäfer sein privates Zimmer hatte. Das ehemalige Badezimmer wurde von den Bewohnern zerstört. Schäfer verging sich hauptsächlich im diesem an den Jungen der ehemaligen Colonia Dignidad. © Jann Höfer

Die Rückseite des Freihauses, indem Paul Schäfer sein privates Zimmer hatte. Das ehemalige Badezimmer wurde von den Bewohnern zerstört. Schäfer verging sich hauptsächlich in diesem an den Jungen der ehemaligen Colonia Dignidad. © Jann Höfer

 

Eine christliche Sekte verpackt in ein deutsches Musterdorf 400 km südlich von Santiago de Chile. Die Colonia Dignidad (zu deutsch: „Kolonie der Würde“) gründete sich 1961 als Folgeorganisation der 1959 in Deutschland aufgelösten „Private Sociale Mission“. Dieser radikalchristlichen Gruppe stand Paul Schäfer vor, ein evangelischer Laienprediger und ehemaliger Sanitäter der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Nachdem er in Deutschland wegen Missbrauch zweier Kinder gesucht wurde, tauchte er mit einigen seiner Anhänger unter. Zwei Jahre später tauchten sie in Chile wieder auf und gründeten den „Staat im Staate“. Nach dem Pinochet-Putsch gegen die sozialistische Regierung 1973 diente dieser Ort nicht nur zum Handel mit Waffen, sondern wurde von Pinochets Geheimpolizei auch als Foltergefängnis genutzt. Paul Schäfer selbst nutzte seine Stellung in der Gemeinschaft aus, um seiner Pädophilie zu frönen.

 

Ein autarkes Musterdorf mit Nazi-Verbindungen

Auf dem Farmgelände der Colonia Dignidad kümmerten sich währenddessen über 300 Menschen um die Versorgung der Gemeinschaft. Die Autarkiebestrebungen wurden unter härtester Zwangsarbeit durchgesetzt und bis auf wenige Güter konnte sich die Gemeinschaft komplett selbstversorgen. Nach außen wahrten sie den Anblick einer Gemeinschaft, die sich deutschen Traditionen und einem gottesfürchtigen Leben verpflichtet fühlten. Diesen Idealen hängen die weniger als 200 heute noch verbleibenden Anwohner nach wie vor an.

Bis heute ranken sich viele Mythen um die Nazi-Verbindungen des deutschen Musterdorfs. Über die „Rattenlinien“ und mit Hilfe der OdeSSA (kurz für: Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen) konnten viele Täter des NS-Regimes in Südamerika untertauchen. Eines der bekanntesten Beispiele dürfte der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann sein, der von Agenten des Mossad in Argentinien gefasst und 1962 in Israel für seine Verbrechen hingerichtet wurde. Bei der Verfolgung von NS-Tätern in Südamerika kam auch immer wieder die Colonia Dignidad in den Fokus. So gibt es mehrere Berichte, unter anderem des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal, wonach der Lagerarzt des Vernichtungslagers Ausschwitz Josef Mengele in der Colonia zweitweise Unterschlupf gefunden hat.

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Offiziell zum Schutz vor den Kommunisten, ließ Schäfer einen Zaun um die Colonia Dignidad errichten. Ausgestattet mit Stolperdraht und Infrarotsensoren diente er jedoch mehr dazu die Flucht der Bewohner zu verhindern. © Jann Höfer


„So ähnlich muss Theresienstadt gewesen sein.“

Nachdem lange Jahre sowohl die chilenische Diktatur als auch die deutschen Diplomaten vor Ort die Aktivitäten in der Colonia Dignidad gedeckt haben, begannen in den 80er Jahren in Deutschland die ersten Ermittlungen. Im Jahr 1997 wurden zum dritten Male Ermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft aufgenommen, die zu einem Haftbefehl gegen Schäfer führten. Wieder war dieser zur Flucht gezwungen und konnte erst 2005 in Argentinien verhaftet werden. Im anschließenden Prozess wurde er in 20 Fällen dem Kindesmissbrauch überführt und starb 2010 im Alter von 88 Jahren im Gefängnis in Santiago de Chile. Die Gemeinschaft auf dem Gelände der Colonia Dignidad besteht bis heute fort.

Angestoßen durch den gleichnamigen Film begann eine politische Debatte um die Verfehlungen der deutschen Diplomatie. Im April 2016 gestand Außenminister Frank Steinmeier ein, dass es Verfehlungen in der deutschen Politik gab. Um die Aufarbeitung zu befördern ließ er die geheimen Akten des Auswärtigen Amtes zu dem Thema offenlegen. Auch Bundespräsident Joachim Gauck bemüht sich um die Wiederaufarbeitung. Während seines Besuches in Chile Mitte 2016 äußerte er sich zu dem Fehlverhalten der deutschen Staatsbediensteten. Diplomaten hätten jahrelang weggesehen und das Geschehen vor Ort gedeckt. Und das, obwohl die Kolonie nicht ohne Kritik war. So notierte der deutsche Diplomat Dieter Haller nach einem Besuch in der Kolonie: „So ähnlich muss Theresienstadt gewesen sein.“ Doch es gab schon damals deutsche Politiker, wie zum Beispiel Franz Josef Strauß, die Colonia zum Teil mehrmals besuchten – ohne Kritik zu äußern.

Thomas mit Frau Elke und seinen Töchtern. Sein Vater Kurt gehörte zum engsten Kreis Schäfers. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Thomas setzt sich dafür ein, dasss er am Wochenende Freigang bekommt. © Jann Höfer

Thomas mit Frau Elke und seinen Töchtern. Sein Vater Kurt gehörte zum engsten Kreis Schäfers. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Thomas setzt sich dafür ein, dass er am Wochenende Freigang bekommt. © Jann Höfer

Aufarbeitung braucht vielfältige Perspektiven

Die fotojournalistische Arbeit von Jann Höfer liefert einen wichtigen Beitrag für eine differenzierte Debatte. Während sich die Berichterstattung und die Politik auf die Geschichte der Colonia konzentriert, zeigt Höfer, wie die Gegenwart der Menschen dort aussieht. Was ist übrig von der totalitären Sekte? Wer ist geblieben, nachdem bekannt wurde, was hinter verschlossenen Türen vor sich ging?

Was uns Jann Höfer zeigt, sind Menschen und Familien, die durch jahrelange Zwangsarbeit gezeichnet sind und zwischen Tätern und Opfern gewohnt und gelebt haben. Wir sehen das Haus, in dem Paul Schäfer reihenweise Kinder missbraucht hat und das Hotel, dass den Fortbestand der Gemeinschaft sichern soll. Der Tourismus ist zu einem neuen Standbein der radikalchristlichen Gemeinschaft geworden. Sie veranstalten Volksfeste und bieten Erholung an den Orten, wo früher Oppositionelle gefoltert und ermordet wurden.

Wie in Zukunft mit dem Ort, seiner Geschichte und Gegenwart umgegangen wird, muss sich noch zeigen. Die Arbeit von Jann Höfer zeigt den Status quo einer entwurzelten Gemeinschaft auf der Suche nach einer neuen Perspektive.

Stefan Weger ist Textredakteur bei emerge.

 

Die komplette Arbeit “Wie nasser Zement” von Jann Höfer findet ihr seit heute auf emerge.


Hiermit verabschiedet sich emerge vom Hatje Cantz fotoblog. Vielen Dank! Wer weiter an unseren Geschichten oder an unserer neuen Printausgabe zum Thema „Naher Osten“ interessiert ist, kann uns bei Facebook, twitter und Instagram folgen oder hier unseren Newsletter abonnieren.

Neue Perspektiven finden. Ein Interview mit Sibylle Fendt.

Fotoprojekte nehmen oft mehrere Monate bis Jahre in Anspruch. Gerät man dabei in eine Sackgasse braucht es Mut, um die Perspektive zu ändern und neu anzufangen. Sibylle Fendt sprach mit uns über ihre Arbeit zum Thema Flucht, für welche auch sie sich aus ihrer Komfortzone herauswagen musste.

 

Liebe Sibylle, in deinem aktuellen Projekt widmest du dich dem Thema Flucht. Wie hast du dich diesem Thema genähert?

Ich habe Ende 2014 mit meiner Arbeit „Eine Reise durch deutsches Flüchtlings(krisen-)Land“ begonnen, wofür ich ein Stipendium von der VG Bild-Kunst erhielt. In dieser Arbeit baue ich auf meiner Serie „Sehr geehrte Frau K.“ aus den Jahren 2011 und 2012 auf. Während ich mich dort mit der Situation von Flüchtlingen in Berlin auseinandersetzte, begab ich mich nun in ganz Deutschland auf die Suche nach Orten des staatlichen und bürokratischen Umgangs mit Flüchtlingen.

Bevor im Spätsommer 2015 die sogenannte Flüchtlingskrise begann, hatte ich unter ganz anderen Prämissen meine Arbeit angefangen. Zu dieser Zeit war die Zahl der Flüchtlinge noch weitaus überschaubarer. Selbst wenn es damals weniger als 80.000 Anträge im Jahr gab, so mussten Flüchtlinge sehr lange auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens warten. Und das bei teilweise unzumutbaren Zuständen in den Unterkünften.

Durch die zunehmende Zahl an Flüchtlingen im Sommer 2015 musste ich völlig neu auf mein Thema schauen und neue Kriterien an meine Bilder stellen. Mir wurde deutlich, dass Deutschland im europäischen Vergleich auch einiges besser machte. Während dieser permanenten Veränderungen, wo die heutige Situation morgen schon historisch sein könnte, habe ich mich immer wieder auf die Suche nach Orten der Krise gemacht.

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Schreibtisch eines BAMF-Mitarbeiters in der Rückführungseinrichtung Bamberg, 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Ursprünglich hast du damit angefangen Portraits von Flüchtlingen zu machen – wie kam es dazu, dass du letztendlich vor allem Orte fotografiert hast?

In meiner ersten Serie wollte ich eine Handvoll Flüchtlinge über einen längeren Zeitraum begleiten. Diese Arbeitsweise habe ich auch bei vorangegangenen Projekten verfolgt. Doch ich merkte schnell, dass bei den Flüchtlingen nur wenig passierte und ich deswegen fotografisch wenig erzählen konnte. Zur selben Zeit lernte ich viele Orte kennen, die Flüchtlinge während ihres Verfahrens durchlaufen und spürte ihren symbolhaften Wert. Ich besuchte verschiedene Behörden, die Abschiebehaft, die Ausländerbehörde und verschiedene Unterkünfte. Diese Orte haben alle ganz unterschiedliche Strukturen und sagen viel darüber aus, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird. Meine Kollegen bestärkten mich darin, mich auf die Orte zu konzentrieren um auch eine für mich neue Arbeitsweise auszuprobieren. Außerdem merkte ich, dass es mir schwer fiel nachzuempfinden, was diese Menschen erlebt haben. Ich habe nichts in meinem eigenen Leben, womit ich ihre Erfahrungen vergleichen könnte. Mir fehlte schlichtweg eine Idee um dieses Lebensgefühl darzustellen.

Traglufthalle Metten, sie wurde als Entlastung der Erstaufnahme Deggendorf errichtet, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Traglufthalle Metten, sie wurde als Entlastung der Erstaufnahme Deggendorf errichtet, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Geparkte Schlepperfahrzeuge auf dem Gelände der Bundeswehr Freyung, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Geparkte Schlepperfahrzeuge auf dem Gelände der Bundeswehr Freyung, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Registratur, BAMF Nürnberg, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Registratur, BAMF Nürnberg, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du dir gesagt hast „So wie ich das jetzt fotografiere, funktioniert das nicht, ich muss einen anderen Ansatz wählen“? Und wie schwer war es für dich, diesen neuen Ansatz umzusetzen?

Einen solchen Schlüsselmoment gab es eigentlich nicht. Es war eher eine Reaktion auf die unzähligen fotografischen Arbeiten, die in den Jahren 2015, 2016 und eigentlich auch schon vorher entstanden sind. Diese Arbeiten von heroisierten Flüchtlingen, diese dramatischen Emotionen und das Leid sowie andererseits die Dankbarkeit und Freude. Ich wollte bewusst einen Kontrapunkt setzen und nach einer Möglichkeit suchen, wie man diese Geschichten auch leiser erzählen kann.

Konntest du etwas aus dieser neuen Arbeitsweise für dich lernen?

Bei bestimmten Themen muss man über seinen eigenen Schatten springen und die bevorzugte Art und Weise zu fotografieren verlassen. Gleichzeitig habe ich es sehr vermisst, Menschen zu fotografieren. Die konzeptionelle Arbeit und die damit verbundenen Recherchen haben mich dann doch sehr angestrengt.

Bearbeitungsstraße Passau, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Bearbeitungsstraße Passau, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Essensausgabe, Patrick Henry Village, Heidelberg, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Essensausgabe, Patrick Henry Village, Heidelberg, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Container-Küche der Notunterkunft Bauschlott einen Tag vor Bezug, Februar 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Container-Küche der Notunterkunft Bauschlott einen Tag vor Bezug, Februar 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Gibt es ein Bild, das du besonders symbolhaft für das leise Erzählen findest?

Das ist schwierig. Die Geschichte ist zu komplex, um sie auf ein Bild zu reduzieren. Spannend finde ich einerseits die eher harmlosen Fotos aus den Büros. Die Aktenberge sind mal größer, mal kleiner. Mal herrscht eine gewisse Ordnung, mal eine gewisse Unordnung. Man merkt einfach, hier sitzen Beamte, abgeschottet von den Eindrücken und den Schicksalen des einzelnen Menschen. Im Kontrast dazu gibt es Bilder von Unterkünften, bei denen man schon näher an den Schicksalen der Menschen dran ist.

Auch interessant finde ich die Bilder von Flüchtlingsunterkünften, insbesondere von Notunterkünften. Hier spürt man, dass – in typisch deutscher Manier – möglichst zielstrebig und akkurat versucht wurde eine gute Unterkunft zu errichten. Doch dann bricht dieser Ordnungswille zusammen und das System muss kapitulieren, weil man schlichtweg nicht auf die Massen an Menschen vorbereitet war.

Temporärer Betraum, Traglufthalle Metten, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Traglufthalle Metten, Januar 2016, die Bewohner haben sich in einer Ecke einen Gebetsraum eingerichtet © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Temporärer Betraum, Esslingen, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Temporärer Betraum, Esslingen, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Schlafraum in der Notunterkunft Patrick-Henry-Village, Juli 2015, hier wurden im Sommer 2015 4000 Flüchtlinge beherbergt. Die Notunterkunft war im Gespräch zu einer offiziellen Erstaufnahme umfunktioniert zu werden © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Schlafraum in der Notunterkunft Patrick-Henry-Village, Juli 2015, hier wurden im Sommer 2015 4000 Flüchtlinge beherbergt. Die Notunterkunft war im Gespräch zu einer offiziellen Erstaufnahme umfunktioniert zu werden © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Woran arbeitest du gerade?

Wie das im Leben so ist, widerspreche ich mir mit meiner neuen Arbeit. Während meiner mehrwöchigen Touren durch die Bundesrepublik, bin ich im Februar 2015 auf eine Flüchtlingsunterkunft im Schwarzwald gestoßen. Sie wurde vor etwa 10 bis 15 Jahren in einer ehemaligen Pension mitten in der urdeutschen Landschaft des Schwarzwaldes eingerichtet. Zurzeit leben an die 30 Männer in dieser abgelegenen und sehr vernachlässigten Unterkunft.

Sie warten zum Teil sehr lange auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens. Im Schnitt sind die Männer dort bis zu zwei Jahre untergebracht und viele von ihnen werden danach in eine sogenannte Anschlussunterbringung verlegt.

Als ich dort zum ersten Mal war kam mir sofort der Gedanke nach einer kleinen, abgeschlossenen Geschichte vor Ort. Und zwar aus einem denkbar einfachen Grund: Wegen der Lage können die Leute dort nicht weg. Das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Zuerst dachte ich, dass ein männlicher Fotograf eigentlich besser geeignet sei dafür. Doch ich stellte trotzdem eine Anfrage und bekam erstaunlicherweise die Zusage. Nun darf ich mich dort frei bewegen und so lange und so oft fotografieren wie ich will. Dabei habe ich unendlich viel Zeit mich mit ihnen auseinander zu setzen. Unter diesen Voraussetzungen kann ich eine sehr intime Arbeit mit und über diese Flüchtlinge machen.

Danke dir für das Interview.

Sibylle Fendt ist seit 2010 Mitglied der Agentur Ostkreuz. Neben ihrer fotografischen Arbeit unterrichtet sie Fotografie an der Ostkreuzschule und der FH Hannover.

Das Gespräch führte Doro Zinn, Fotografin und Bildredakteurin bei emerge.

We need Change – Bilder im Auslandsbildjournalismus

Ein Gastbeitrag von n-ost.

n-ost ist das größte Netzwerk von Foto- und Textjournalist*innen mit Schwerpunkt auf Osteuropa. Stefan Günther leitet die Bildredaktion von n-ost. Für uns schreibt er über die Herausforderungen von Bildjournalisten in der Auslandsberichterstattung und präsentiert die Texte mehrerer internationeler Fotografen von der n-ost Medienkonferenz „Translating Worlds“.

 

In der Auslandsbildberichterstattung erliegt man noch schneller als im vertrauten Nachrichtenumfeld der Macht der einfachen Bilder. Betrachter, Redakteure, aber auch die Fotografen selbst scheuen oft die Komplexität der Welt, über die berichtet werden soll zugunsten von einfach verständlichen Mustern.

Die Aufgabe von journalistischen Bildern (oder des einen Teaserbildes) tendiert immer mehr in Richtung Werbebild oder Schubladenetikett. Die Funktion des Bildes, Interesse für ein Thema zu wecken, ist grundsätzlich gut. Gerade der Auslandsjournalismus muss oft verstärkt um Wahrnehmung seiner Themen kämpfen. Denn wen interessiert es in Zeiten von Beiträgen über reale und fiktive Probleme mit Flüchtlingen in Deutschland, warum beispielsweise die Menschen in Mazedonien auf die Straße gehen?
Trotzdem dürfen alle Beteiligten in der Bilderkette nicht der Versuchung nachgeben, das einfach lesbare und das den bereits existierenden Vorstellungen entsprechende Bild zu bevorzugen. Über (Agentur-)Bilder, die losgelöst von ihrem Entstehungskontext beliebig die These des Beitrages untermauern, wird unterbewusst vermutlich sehr stark die Wahrnehmung der Sachverhalte im Beitrag geprägt. Gerade weil die Bilder so einfach lesbar erscheinen und trotz des Wissens um das selektive Wesen der Fotografie werden sie als vermeintlicher Beleg einer These der Redaktion akzeptiert.

Die Autoren der folgenden drei ausgewählten, von n-ost in Auftrag gegebenen Thesen zum aktuellen Internationalen Fotojournalismus formulieren Lösungsansätze für die erwähnten Spannungsfelder. Dabei geht es einmal um die oben beschriebenen inhaltlichen Probleme bei der Auswahl von Bildern im Produktions- und Redaktionsprozess und der damit verbundenen Steuerung von Wahrnehmung der Welt. Zum anderen geht es um konstruktive Überlegungen, wie man mit modernen und vielleicht ungewöhnlichen visuellen Mitteln der Komplexität der Welt und der stereotypen Verwendung von Bildern in den Medien begegnen kann.

Stefan Günther, Leitung Bild bei n-ost

 

We need change / Dario Bosio

Two images from the series “On the Identity of a Tomato Picker”

Two images from the series “On the Identity of a Tomato Picker” by Dario Bosio

The complete series here.

Photojournalism needs to think beyond the frame.

The repetition of the same tropes, over and over again, has done nothing to foster a better understanding of the world.

On the contrary, it has flattened the depiction of every crisis into a handful of clichés which are quickly forgotten, and the lack of uniqueness of the images fail to make a lasting impression on the audience. Instead, we should be open to working with techniques not traditionally part of photojournalism. Photographers should borrow from portraiture, still life, or even be willing to contaminate our images with external elements. Most importantly, though, we need more openness from the publications themselves. It is futile to bend the frame if nobody publishes the work. The powers that be must break the rules and try something different because the same old thing is not working in our magazines and newspapers anymore. We must be brave enough to jump into the void and experiment, to produce and publish that which breaks the mold.

Dario Bosio specializes in documentary photography. He also works as an editor and a curator. In 2015 he worked as a photo editor at Metrography, the first Iraqi photo agency. He co-produced the project, “Map of Displacement.”

 

A New Narrative / Delizia Flaccavento

From the series, “Not only Boko Haram” by Delizia Flaccavento

From the series, “Not only Boko Haram” by Delizia Flaccavento

Although there are more photojournalists than ever operating across the globe today, images published in media outlets continue to pander to stereotypes, providing a monotonous narrative of suffering and destruction to the exclusion of all else.

As prior World Press Photo jury secretary Stephen Mayes once noted, “The afflicted, the poor, the injured are photographed way in excess of their actual numbers… 90 percent of the pictures is about 10 percent of the world…From the infinity of human experience, the list of subjects covered by WPP entrants would fill a single page, and could be reduced even to three lines: the disposed and the powerless; the exotic; anywhere but home.”

Take Nigeria, for example, which is usually only featured through the lens of corruption or Boko Haram, the terror group operating in the north. There is a lot more to Nigeria, though.

With the project, “Not only Boko Haram,” I decided to feature a group of nuns running a school for 1,000 students of all ages. The school includes room and board for 100 girls too poor to be able to afford school otherwise, a clinic for the poor and a community service and home visitation program in what was once Biafra. I chose this school to show a side of Nigeria that is often ignored by international media: joyous, despite poverty; stubborn in the face of hardship; and embracing life through sports, music and dance.

Delizia Flaccavento works as a freelance photographer, mainly focusing on social topics. She teaches documentary photography at Bahcesehir University in Istanbul and has collaborated with various NGOs.

 

Bending Visibility / Nils Bröer

From the series, "Silent Histories," by Kazuma Obara

From the series, “Silent Histories,” by Kazuma Obara

More images from this series can be found here.

The future of photojournalism will be driven by overcoming the classic narrative techniques of linear storytelling to tell stories differently.

By awarding Japanese photographer Kazuma Obara’s “Exposure” series first prize in the 2016 People stories category, the World Press Photo Jury made a point of supporting innovation – a hint as to what the future of photojournalism could look like. It also brings back an essential discussion: The question of how to integrate non-traditional and innovative layers to underscore the story visually.

The series consists of eight frames shot on medium-format film found close to the Chernobyl nuclear power plant. It explores the life of a young woman who was one of the victims of the reactor accident.

What makes this series special is the texture of the photo, which was created by merging different elements to create visual interdependency. The monochromatic images are grainy and bleached out. Radiation has put its stamp on the material – and the photo – both impairing and defining what the viewer sees – and sending an implicit message of the decay caused by radiation.

Nils Bröer studied Cultural Sciences and Media and Mass Communication Sciences. He works as a photojournalist and reporter for various magazines and also keeps busy as an author, answering questions pertaining to photographic theory.

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Die Beiträge entstanden im Rahmen des Fotoexperten-Workshops „Beyond the Frame“ auf der n-ost Medienkonferenz „Translating Worlds“ im November 2015 in Berlin.

Alle Thesen, sowie ein E-Paper mit zusätzlichen Essays von Medienexperten u.a. von Donald Weber gibt es auf ostpol, dem onlinemagazin von n-ost.

n-ost ist Medien-NGO und beliefert unter anderem Medien mit Bildern und Texten aus Osteuropa. Dabei arbeitet n-ost in seinem Berichtgebiet langfristig mit freien Bild und Textjournalisten zusammen, die entweder dort leben oder sich regelmäßig dort aufhalten. So entstehen, auch in der Zusammenarbeit mit Textjournalisten, Beiträge, die eine differenzierte Einordnung ermöglichen. Alle Informationen, auch zu den anderen Tätigkeitsfelder von n-ost: www.n-ost.org

Agnes Stubers Ästhetik der Stille

Die Digitalisierung hat unseren Umgang mit Bildern entschieden verändert. Die Frage nach einer Ästhetik des Digitalen drängt sich auf. Die neue Fotostory bei emerge zeigt prototypisch, wie sich Stille und Frieden auch im Digitalen transportieren lässt. Ein Review zu Agnes Stubers Pauli.

Ich lese gerade die letzten Zeilen des Romans die „Entdeckung der Langsamkeit“, als ich mit dem Text für diesen Blog beginne. Das Buch handelt von dem Entdecker Sir John Franklin, der 1847 auf der Suche nach der Nordwestpassage mit samt seiner Mannschaft im Polareis zu Tode kommt. Als die Verschollenen gefunden werden, heißt es:

„Die Zeit war zu lang für sie. Wer nicht weiß, was Zeit ist versteht kein Bild, und dieses auch nicht.“ Der Einzige, der nicht zuhörte, war der Photograph der Illustrated News, der eilends seinen Apparat, System Talbot, in Stellung brachte, um den Zustand der Skelette im Bild festzuhalten.

Seit dem Medienboom der achtziger Jahre wird die Gefahr der Übersättigung mit medialen Spektakeln verstärkt diskutiert. Der Kunsthistoriker Jonathan Crary meint, dass die sogenannte Kultur des Spektakels weniger darauf aufbaut, Menschen sehend zu machen als sie Zeit in einem Zustand der Ohnmacht erleben zu lassen. Die Medienwelt, so die These des Filmwissenschaftlers Thomas Elsaesser, produziere einen geradezu traumatischen Modus der Zuschauerschaft, der aus flexibler Aufmerksamkeit und selektiver Abstumpfung besteht und sich in der Flachheit von Erinnerungen und der Spurenlosigkeit von Gewalt äußert.

Aus der Serie "Pauli" von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Aus der Serie “Pauli” von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge


Vom Medienboom zur Ästhetik des Digitalen

Auch Film- und Videokünstler beschäftigen sich seither verstärkt mit der Omnipräsenz medialer Bilder in Film und Fernsehen, insbesondere deren narrativen und zeitlichen Strukturen. Sie verwenden vorgefundenes Material und verfremden dessen zeitlichen Ablauf, um die Konstruktion von Realität in den Medien bewusst zu machen oder die Aufmerksamkeit auf minimale Details und Ereignisse zu lenken. Douglas Gordon etwa dehnt den zweistündigen Hitchcock Film „Psycho“ auf vierundzwanzig Stunden aus. Omer Fast benutzt die Montage, um die scheinbare Geschlossenheit von Erzählungen aufzubrechen und die Konstruiertheit medialer Berichte aufzuzeigen. In seiner Arbeit „CNN Concatenated“ zerstückelt er Nachrichtenbeiträge und setzt sie zu neuen Botschaften zusammen, die sich direkt an den Zuschauer wenden (‘I need your attention. I need to know I’m being listened to’; ‘You recycle anything older than a day. Anything that carries a history is dangerous’). Fotokünstler und Kunstwissenschaftler Jeff Wall widmet sich in „Dead Troops Talk“ dem Thema Fotojournalismus und der Darstellbarkeit geschichtlichen Grauens. Indem er ein historisches Gemälde fotografisch reinszeniert, stilisiert und bis ins Groteske übersteigert, verwandelt es sich je nach Lesart in eine philosophische Tragödie oder Komödie.

Der Bildjournalismus allerdings kann sich im Gegensatz zum Künstler von seinem Anspruch, die Wahrheit zu dokumentieren per se nicht völlig lösen und ein Foto bietet im Vergleich zum Film oder zur Sprache kaum Möglichkeiten, sich selbst (kritisch) zu reflektieren. Trotzdem oder gerade deswegen muss der Fotojournalismus sich die Frage gefallen lassen, ob der Anspruch die Betrachter aufzuklären oder sogar durch emotional starke Bilder aufzuwecken, „realistisch“ ist.

Aus der Serie "Pauli" von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Aus der Serie “Pauli” von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Eine aktuellere Kritik bezieht sich auf die Ästhetik digitaler Bilder: die heutigen digitalen Bilder seien lärmend und dröhnend, ohne Stille, ohne Melodie und Duft, schreibt Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft in seinem Text „Bitte Augen schließen“. Er bezieht sich dabei auf Roland Barthes Studie zur Fotografie „Die helle Kammer.“ Darin heißt es: „Die Fotografie muss still sein. Das ist keine Frage der Diskretion, sondern der Musik. Die absolute Subjektivität erreicht man nur in einen Zustand der Stille, dem Bemühen um Stille (die Augen schließen bedeutet das Bild in der Stille zum Sprechen bringen).” Hans Text ist eine Kritik nicht nur an der Ästhetik des Digitalen sondern am Zustand der heutigen (Müdigkeits)gesellschaft, die die Zeit selbst in Geiselhaft nimmt. Er fordert eine Zeitrevolution, die der Zeit ihren Duft zurückgibt und eine Zeit des Anderen ist, weil sie sich der Beschleunigung entzieht.


Pauli: Nicht glücklich, aber in Frieden

Vor diesem Hintergrund gefragt: Was gibt es denn da zu sehen in der Serie Pauli von Agnes Stuber?

Aus der Ferne sieht man am linken Rand des ersten Bildes einen Mann über ein Eisfeld laufen. Er ist klein, wirkt etwas verloren in der weiten Landschaft und außerdem irgendwie an den Rand gerutscht. Bildbeherrschend ist die weiße Schneefläche, in der das Eis kleine Muster hinterlassen hat. Ebenfalls nur angeschnitten am oberen Bildrand ist eine Gruppe kahler Bäume zu erkennen. Das kleine rote Haus im Wald am unteren Rand des nächsten Bildes wirkt fast eben so verloren. Ein Einsiedler also, der sich in den Wald zurückgezogen hat. Beim ersten Überblick auf die Serie stellen sich bei mir folgende Assoziationen ein: Winter, Lebensabend, Kälte, schwindendes Licht, Monotonie, Einsamkeit, Leere aber auch Ruhe, Stille.

Dann seh ich die Bilder genauer an: Thema und Bildsprache erinnern zunächst an die Romantik, allerdings hat die Natur nichts Erhabenes und der Blick der Fotografin nichts Sentimentales. Auf den nächsten Bildern verliert dieser Blick seine Distanz, jedoch ohne aufdringlich zu werden. Bildfüllend das Gesicht des Mannes, dessen Ausdruck: uneindeutig. Ist er glücklich, einsam? Vielleicht nicht glücklich, aber scheinbar in Frieden mit sich und seinem kleinen Reich. Die Bildkomposition hat nichts Dynamisches und rückt scheinbar Nebensächliches, Unspektakuläres in den Fokus: den Stamm einer Birke, Schneeflocken auf einer Wollmütze, ein Fenster mit einer verwelkten Orchidee, ein Stapel Holz, Hausschuhe. Die geringe Schärfentiefe lenkt den Blick auf winzige Details, wie die Strukur einer Schneeflocke, die leise auf der Wollmütze gelandet ist.

Aus der Serie "Pauli" von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Aus der Serie “Pauli” von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Der Blick der Fotografin ist ein einfühlsamer Blick, weil es auch der Blick des Protagonisten sein könnte. Sie konzentriert sich auf die Dinge, die für ihn wesentlich sind: Essen, Spazieren, Holzhacken, die Gesellschaft einer Katze. Die Bilder erzählen von einem unspektakulären Tagesablauf, in dem aber alles irgendwie seine Zeit und seine Mitte gefunden zu haben scheint. Eine Stärke des visuellen Geschichten-Erzählens, das zeigt diese Serie, liegt darin, andere Wahrnehmungsweisen und Zeitlichkeiten zu eröffnen. Wenn das gelingt, davon gehen phänomenologische Bildtheorien aus, kann der Betrachter mehr von der Welt und sich selbst fühlen, sehen, erfahren und erinnern als im alltäglichen Leben. Dafür müssen sich aber beide Zeit nehmen und ab und zu die Augen schließen: Fotograf und Betrachter. Agnes Stuber scheint sich die Zeit genommen zu haben.

Von Alexandra Horn, Medienwissenschaftlerin und Textredakteurin bei emerge