Peter Schuffelen

Israel, fotografiert wie durch ein ikonographisches Kaleidoskop: Andres Serranos Buch „Salvation, The Holy Land“

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Wie nähert man sich fotografisch, künstlerisch einem Land wie Israel, diesem kleinen, großen, dem „Heiligen Land“, in dem die monotheistischen Weltreligionen aufeinandertreffen wie in keinem zweiten? Und das, wenn man Andres Serrano heißt, erklärter Christ ist und von konservativen Kreisen mehrfach der Blasphemie bezichtigt wurde? Serranos internationale Karriere beginnt 1987 mit einem Paukenschlag: dem Foto eines Kruzifix’, das in einem mit Urin befüllten Plexiglasgefäß steckt und das später mehrfach attackiert und beschädigt wurde. Später experimentiert der vermeintliche Dauerskandalisierer mit Körperflüssigkeiten wie Blut und Sperma und fertigt ikonographisch anmutende Bilderzyklen von Leichen, Obdachlosen oder Vertretern des Ku Klux Klan an.

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Was also macht dieser Andres Serrano in seinem Essay über Israel? Er wählt die leise Ouvertüre. Sein bei Hatje Cantz erschienenes Buch „Salvation, The Holy Land“ – die Quintessenz eines vierwöchigen Lehraufenthalts an der Musrara School of Photography - beginnt mit Landschaftsaufnahmen. Neuland für den 1950 in Brooklyn geborenen Sohn eines Honduraners und eine Kubanerin. Kontemplative, archetypische Ansichten, die uns Abendländern seltsam vertraut vorkommen: Knorrige Bäume und steinige, karge Landschaften, Treibgut am See Genezareth oder am Toten Meer, Landschaftsbilder mit alttestamentarischer Aura: “dunkel, spirituell geheimnisvoll und bezaubernd“ (Serrano). Doch erwartungsgemäß bleibt Serrano nicht stehen bei diesen lichtbildnerischen Archetypen, deren Zeitvergessenheit noch durch die analoge Anmutung der mit einer Mamiya RB 67 auf Portra 160 eingefangenen Bilder verstärkt wird.

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Im Laufe der 225 Seiten gehen die Landschafts- allmählich in Stadtlandschaftsaufnahmen über, dann in Gruppenbilder und Portraits. Wir sehen: das warmgelbe Licht, das die Straßenlaternen in der Altstadt von Jerusalem ausschütten; eine betende Nonne im Kerzenlicht; Mönche in mythische Erscheinungen suggerierenden Doppelbelichtungen; ein zerkratztes Jesus-Poster; geschlachtete Tierkörper; israelische Soldaten und Soldatinnen; die Souks in der Altstadt Jerusalems; Checkpoints für Palästinenser; desolate Beduinenbehausungen; Esel, Ziegen, Haiköpfe; Gruppen orthodoxer Juden in schwarz-weißer Uniformität, konterkariert durch die karnevaleske Verkleidung ihrer Kinder während des jüdischen Purimfests. In einer wie beiläufig daherkommenden und keiner offensichtlichen Ordnung unterworfenen Sequenz von Streetfotografien folgen Portraits von Palästinensern und Israelis, Moslems, Juden und Christen.

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Das Buch endet mit einem langsam anschwellenden Crescendo von Familien- und Einzelportraits. Erst leise und dann immer lauter schleicht sich in diesen Studio-Aufnahmen wieder Serranos ikonenhafter Stil ein: Nonnen, wie freigestellt mit ihrer weißen Kopfbedeckung und dem schwarzen Chormantel vor schwarzem Hintergrund. Ein Mann, der unter dem „Jerusalem-Syndrom“ leidet und sich für eine Figur aus der Heiligen Schrift hält, gefolgt von Jesus-artigen Männern mit wallendem Haar und Vollbärten; ihre Blicke werden gegen Ende des Buchs immer verklärter und scheinen schließlich wie erleuchtet. Das letzte Bild holt den Betrachter dann mit einem Paukenschlag wieder zurück in die profane Wirklichkeit. Es zeigt das entstellte Gesicht eines unter der Elefantenkrankheit leidenden Mannes.

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In „Salvation“ entfaltet Serrano ein kaleidoskopartiges Panorama der israelischen/palästinensischen Gesellschaft – eine vielschichtige, subjektive, interpretationsoffene Annäherung an ein kleines, großes, geschichts- und religionstrunkenes, zerrissenes Land. Es ist ein schweres, schönes Buch mit mattem Hardcover und negativ geprägtem Titelbild. Ein vermeintlich willkürlich kompiliertes, nicht leicht zu dechiffrierendes, im besten Sinne irritierendes Buch, das seine Wirkung erst ganz allmählich entfaltet. Eins, in dem man sich verlieren kann, auch als Agnostiker oder Atheist. Ein gutes Buch.

 

PS: Noch bis zum 21.8.2016 ist im Royal Museum of Fine Arts of Belgium in Brüssel eine Ausstellung mit Bildern Serranos zu sehen.

PPS: Hiermit verabschiede ich mich als Gastautor aus dem Hatje-Cantz-Blog. Auf Wiederlesen!

 

Zwischen den Welten ist es am schönsten. Oder: Die bewegte Gegenwart der Stills

Videoprojektion von David Claerbouts."The American Room", third movement

Wirklichkeit ist für mich gesellschaftlich geformter Wahnsinn.“ (David Claerbout)

 

Im Grenzgebiet zwischen den fotografischen Stills und den Bewegtbildern nimmt der Transitverkehr in letzter Zeit deutlich zu. Es bewegt sich etwas, vor allem in eine Richtung: Immer mehr Berufsfotografen filmen, um sich ein Zubrot zu verdienen, und die Fotoindustrie verspricht: Wer 4k- (und bald 8k-)fähige Aufnahmegeräte nutzt, verpasst den decisive moment“, den entscheidenden Augenblick, nimmermehr. Denn schließlich lässt sich der ultimative Sekundenbruchteil aus dem Fluss der (Film-)bilder herausfiltern: hochaufgelöst, druckfähig, verwertbar. Bleibt die Frage: Ist der entscheidende Augenblick ebenso entscheidend, wenn er nicht dem zuckenden Auslösefinger eines genialen Fotografen geschuldet ist, sondern dem Mausklick eines begabten Editors? 

Prosaischer Workflow, poetische Wirkung. David Claerbout. Aus "The American Room"

Prosaischer Workflow, poetische Wirkung. David Claerbout. Aus “The American Room”

Rückblende: Als sich die Flugzeuge am 11.09.2001 mit sanfter Gewalt in die WTC-Tower bohrten als seien sie aus Seidenpapier, lag ich mit leicht erhöhter Temperatur sofalägrig vor dem Fernseher. Neben dem Horror, der Ungläubigkeit und der Trauer, die ich angesichts der Bilder empfand, konnte ich nach Stunden des Hin- und Herschaltens zwischen den Privaten und den Öffentlich-Rechtlichen irgendwann nicht anders als die mediale Aufbereitung selbst zu betrachten – ein klassischer Fall einer „Deformation professionelle“. Tage später, der Berufsalltag hatte mich wieder im Griff, machte sich eine Frage in meinem Kopf breit: Welches Medium vermag die Geschehnisse, das Grauen, die ganze Dimension des Wahnsinns besser abzubilden – bewegte Bilder oder das Standbild? Natürlich lässt sich so eine Frage nicht mit A oder B beantworten, schon klar. Aber: Neben den offensichtlichen Vorzügen, die allein der Film bietet, ist das Still – und nur das Still – zu etwas in der Lage, das bei 50 Frames per second verlustig geht: das Innehalten. Das Still reißt einem Moment aus den Stromschnellen der Zeit, schafft Raum für Kontemplation und verleiht dem Betrachter eine absolute Autonomie über die Zeitdauer des Betrachtens. 

Der Betrachter "geht" durch die Reihen der Zuschauer. David Claerbout. Aus "The American Room".

Der Betrachter “geht” durch die Reihen der Zuschauer. David Claerbout. Aus “The American Room”.

Knapp zehn Jahre später stieß ich auf der PHotoEspaña auf eine „Videoarbeit“ von David Claerbout. Der belgische Künstler legt die medialen und wirkungsästhetischen Unterschiede zwischen Stand- und Bewegtbildmedium frei wie ein Präparator, der einen Schmetterling aufspießt: nailed! In „The Amercian Room“, so der Titel, verwischt der Belgier die Grenze zwischen Film und Fotografie. Der Workflow ist durch und durch prosaischer Natur Zehntausende von 360-Grad-Scans, Bluebox-Shots, virtuelle Kameras und die Rechenpower von fünf parallel geschalteten Macs stecken in dem Werk (mehr zur technischen Umsetzung auf Monopol) . Das Ergebnis aber ist pure Poesie. Das gut 24-minütige, mit Klavierklängen unterlegte Video zeigt nicht mehr und nicht weniger als eiKlavierkonzert und die ergriffenen Reaktionen des Publikums Das Irritierende und zugleich Faszinierende: Während  die Kamera durch die Reihen der Zuhörer fährt, verharren diese regungslos – gefangen in ihrem Raum-Zeit-Kontinuum als plastische Fotografien. Der Betrachter von Claerbouts Werk aber bewegt sich durch ihre Reihen wie durch ein Aquarium mit gefrorenem Wasser. Stehende Filmbilder? Animierte Stills? You name it!

 

Der White Cube als Rezeptionstunnel. David Claerbout. Aus "The American Room".

Der White Cube als Rezeptionstunnel. David Claerbout. Aus “The American Room”.

Die emotionale und mediendiskursive Wirkung des Foto-Film-Hybrids, lässt sich hier nicht wirklich nacherzählen (und anders als einige wenige konzeptuell ähnlich gelagerte Arbeiten Claerbouts ist „The American Room“ nicht als Video abrufbar im Web; (man muss sich also auch noch 2016 in den White Cube begeben – welch formvollendeter Anachronismus). Claerbout jedenfalls gelingt so etwas wie die Vivisektion bewegter und unbewegter Bilder. Und dazu noch etwas Magisches. Etwas, das wir uns alle in bestimmten Lebensmomenten wünschen (wenn auch nicht gerade an Tagen wie dem 11.09): einen bestimmten Augenblick anzuhalten, hineinzutauchen und zu verweilen. Es lebe der Stillstand!

PS: Auch bei Hatje Cantz gibt’s was zu Claerbout, ganz analog und „still“- auf Papier.

 

 

 

 

 

 

„Wir sollten uns mehr um die Langeweile kümmern“: Zum Tode von Gerhard Vormwald

Gerhard Vormwald, 1999, in der FH Düsseldorf, vor einem seiner Scanner-Bilder, (c) Peter Schuffelen

Mit ein wenig Verspätung ergreife ich für diesen Monat hier das Wort – und der Anlass für meine erstes Posting ist gleich ein trauriger: Der Tod des Fotokünstlers und Fotografie-Professors Gerhard Vormwald, der Mitte März, kurz nach seinem 68. Geburtstag, verstorben ist. Ich habe noch nie einen Nachruf geschrieben, und dies hier wird auch keiner werden, jedenfalls kein klassischer. Eher so etwas wie ein öffentliches Nachsinnen über diesen zu frühen Tod. Ich habe ihn nicht wirklich gut kennengelernt, aber gut genug, um Trauer darüber zu empfinden, dass er nicht mehr da ist. An die wenigen persönlichen Begegnungen erinnere ich mich intensiv. Hochsympathisch war er mir gleich bei der ersten. Das war 1999, er war gerade erst Professor an der FH Düsseldorf geworden, und ich verabredete mich mit ihm zu einem Interview zum Thema „Digitale Bildsprache“. Da war er schon lange ein anerkannter Künstler mit Bildern im Museum Ludwig, im Kodak-Eastman House, im Centre Pompidou, hatte eine erfolgreiche Karriere als Werbe- und Editorialfotograf hinter sich (mit mehr als 60 Titeln allein für den stern). Jetzt also Professor. Ich zog dem Anlass entsprechend ein frisch gebügeltes Hemd und ein Sakko aus dem Schrank, nichts ahnend, dass ich hoffnungslos overdressed sein würde. Dann fuhr ich zur FH und fragte auf den Gängen nach „Professor Vormwald“. Ein Student sagte mir: „Der Gerhard ist irgendwo dahinten“.

 

Ich fand ihn in seinem Büro, ein schlanker Hüne im offenen Jeanshemd, auf einem hölzernen Schreibtisch sitzend. Hinter sich, auf die Tafel, hatte er einen Spruch geschrieben, dessen doppelbödiger Witz sich erst beim zweiten Lesen offenbart: „Wir sollten uns mehr um die Langeweile kümmern.“ Rückblickend erscheint mir das Bonmot wie ein Leitspruch für ein Künstlerleben, in dem das Augenzwinkernde eine tragende Rolle spielte.Wir sprachen über seine aktuellen Arbeiten, er experimentierte gerade mit fehleranfälligen digitalen Aufnahmegeräten, scannte Gesichter und historische Kameramodelle, ließ Eidotter in einer blauen Flüssigkeit durch die Luft wabern. Es war ein Gespräch auf Augenhöhe, so wie es seine Lehre war, wie ich an diesem Tag beobachten konnte und wie es mir einige seiner Studenten in späteren Gesprächen bestätigt haben. Ein Dozent, der seine Studenten ermuntert, in ihrem eigenen Weg bestärkt, der sie unbedingt ernst nahm – im akademischen Betrieb ist das eher die Ausnahme als die Regel.

Die Bescheidenheit in Bezug auf seine eigene Person und seine Offenheit habe ich auch in späteren Begegnungen immer wieder erlebt, stets hatte man das Gefühl, dass man mit dem Menschen spricht und nicht mit der öffentlichen Figur. (Er verstand sich – anders als in seinen Ding-Inszenierungen und Selbstportraits – als Mensch wohl nicht sonderlich auf die Selbstinszenierung). Wir trafen uns noch auf einigen seiner Ausstellungen, etwa zur „Autonomie der Dinge“, abstrusen Action-Stills, die unsere Sinne und unseren manchmal allzu gesunden Menschenverstand veräppeln und den physikalischen Gesetzen den Mittelfinger zeigen. Das scheinbar Unumstößliche hinterfragen, eine anarchische Lust, die Welt gegen den Strich zu bürsten, dazu ein lakonischer „Bild-Witz“. Es folgten einige Interviews, in denen er in klugen Sätzen skizzierte, wie man die eigene Kreativität wachkitzeln bzw. dauerhaft wachhalten kann oder warum er gerade die angehenden Werbefotografen, die bei ihm studierten, dazu anhielt, alles Stromlinienförmige und Marktkonforme erst einmal beiseite zu schieben.

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Das letzte Mal sprach ich ihn im Herbst letzten Jahres, ich suchte seinen Rat zu irgendeiner Story, die ich zum Thema künstlerische Strategien schrieb; es war dann doch eher ein gemeinsames Brainstorming. Außerdem schlug ich ihm eine Geschichte unter dem Arbeitstitel „So wurde ich Fotokünstler“ vor – eine Art Rückblick auf seine Karriere, angereichert mit Tipps für die nachfolgende Fotografengeneration, für das er mir dieses frühe Selbstportrait  zugeschickt hatte.

 

Gerhard Vormwald, Selbstportrait, Glasgow

Gerhard Vormwald, Selbstportrait, Glasgow

Aus redaktionellen Gründen wurde dann doch nichts daraus. Zufällig fiel mir Anfang des Jahres wieder das Portrait in die Hand, das ich bei unserer ersten Begegnung gemacht hatte. Ich legte es auf meinen Schreibtisch, um mich daran zu erinnern, es ihm zu schicken. Jetzt ist es wenigstens hier noch einmal zu sehen. Als er Anfang März starb, war ich gerade im Ausland, und so erreichte mich die Nachricht über seinen Tod erst als ich die PHOTONEWS aufschlug und einen Nachruf fand. Jetzt hat er, „der bescheidene Künstler mit Weltruf“ (Eifel-Zeitung), dort oben oder wo auch immer er jetzt gerade sein mag, die Möglichkeit sich noch intensiver um die Langeweile zu kümmern. Jedenfalls hoffe ich das. P.I.P.

Gerhard Vormwald, Paris, 1973

Gerhard Vormwald, Paris, 1973

PS: Unbedingt noch mal auf seiner Website vorbeischauen, nicht nur wegen der Klassiker, wie dem „flying black man“, sondern gerade auch bei den in den letzten Jahren entstandenen „concrete illusions“ und den grandiosen „early reportages“ aus den 70er Jahren, in denen bereits der ganze vormwaldsche Bildwitz aufblitzt.