Peter Lindhorst

Ein Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns. Der Satz ist von Franz Kafka. Von Cliff Richard stammt: Rote Lippen sind dem Himmel ja so nah. Peter Lindhorst wird just in dem Moment geboren, als der Nr.1-Hitparadenkracher Rote Lippen soll man küssen aus allen bundesrepublikanischen Transistorradios krächzt. Peter Lindhorst liebt Bücher, die Kraft besitzen, Eisblöcke in uns zu zersprengen. Während andere frühzeitig auf die Kraft des Küssens setzten, war für ihn die Bibliothek der Ort, der dem Himmel am nächsten kam. Frühe Leidenschaft bedeutet berufliche Derterminiertheit: Irgendwas mit Büchern! In einem linksalternativen Buchladen (eine untergegangene Welt) ausgebildet, wechselte er schließlich politische gegen ästhetische Inhalte ein und war lange in Kunst- und Fotobuchhandlungen (eine untergehende Welt) tätig. Irgendwann entschied er sich, das Leben außerhalb der Bücherauslagen kennenlernen zu wollen. Nach einem Studium der Kulturwissenschaften konnte er nicht wirklich loslassen: er arbeitete für verschiedene Fotobuchverlage. Heute ist er freier Autor, schreibt für Magazine und fügt (Foto-)Büchern Texte bei. Er bloggt für PHOTONEWS-Blogbuch und Leica Fotografie International. Er ist Kurator der Hamburger FREELENS Galerie und hat mit Kai Cassuben soeben die Schriftenreihe des Instituts für Erhabenheit und Prägung ins Leben gerufen. Sonntags kann man ihn ab und zu in einer Fotobuchhandlung arbeitend vorfinden. Er hat nie mehr Charts-Musik gehört.

A book must be the axe for the frozen sea within us. The sentence is from Franz Kafka. From Cliff Richard: Red lips are the seventh heaven so close. Peter Lindhorst was born exactly at the time that the number one hit Lucky Lips crackled out of all of the transistor radios in West Germany. Lindhorst loves books that have the power to burst the blocks of ice within us. While others depended on the power of the kiss early on, the library was seventh heaven to him. Early passion means professional determination: something to do with books! Trained in a left-leaning, alternative bookstore (now a lost world), he ultimately exchanged political content for aesthetic content and spent a long time working in art and photography bookshops (a world that is rapidly sinking). At some point he decided to become more familiar with life outside of book displays. Even after earning a degree in cultural studies, he could not really let go, however, and worked for a variety of photography book publishers. Today he is a freelance author, writing for magazines and photography books. He blogs for PHOTONEWS-Blogbuch and Leica Fotografie International. He is also curator of the FREELENS Galerie in Hamburg. Lindhorst and a friend even founded the monograph series for the Institut für Erhabenheit und Prägung (Institute for Sublimity and Influence). On occasional Sundays he can be found working in a photography bookstore. He never listened to the hit parade again.

Der Tanz des Flusses.

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

Mein letzter Blog-Eintrag. Heute mit dem Hamburger Fotografen Michael Lange, der mir soeben sein druckfrisches Buch in die Hand drückte. FLUSS heißt es und ist eine Arbeit, die uns mit dem Blick des Fotografen über die Flusslandschaft des Oberrheins schweifen lässt. Michael Lange schafft immer neue Variationen: Mal sind  Wasseroberflächen herangezoomt, mal weitet sich die Perspektive auf die nebeligen Flussauen aus. Die Fotos fordern ein genaues Sehen ein. Doch das analytische Betrachten verkehrt sich schnell in kontemplative Versenkung. Die Betrachtung wird zur Einkehr. Und natürlich nutzt der Fotograf das metaphorische Potential seines Sujets. Die Fotos erzählen uns von Stille und dem Einssein mit der Natur und man möchte unter die Wasseroberflächen tauchen, um zu einer dort irgendwo vermuteten Erkenntnis zu gelangen. Dabei fügen sich Michael Langes Bilder im Buch leicht zusammen und ergeben einen Fluss im doppelten Sinne. Auf dem lasse ich mich wegtreiben. Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen diesen Monat geteilt zu haben –  Leben Sie wohl!

 

 

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

Die Lethe ist einer der Flüsse in der Unterwelt der griechischen Mythologie. Wer von dessen Wasser trinkt, vergisst alles. Das Bild kommt mir in den Sinn, wenn ich deine Bilder „trinke“. Stellen Flüsse und ihre Oberflächen ideale Projektionsflächen für dich dar?

Was für eine wunderbare Vorstellung! Man trinkt vom Wasser und vergisst das bisherige Leben, um ins Neue wiedergeboren zu werden…..

Grosse Flüsse wie der Rhein stellen eine ungeheure Energie dar; sie sind ein riesiges Kraftfeld in unablässiger Bewegung und Veränderung. Schaut man auf das Wasser, ist nichts, wie es gerade noch war. Energie zeigt sich in ungeahnten Formen, Verläufen und Mustern. Das hat mich sehr inspiriert und mir auch neue Blickwinkel geöffnet.

Man wird nicht an die Hand genommen in deinem Buch. Bis auf ein wunderbar assoziatives Gedicht gibt es keinen Text in dem Buch. Vermeidest du bewusst eine intellektuelle Annäherung an die Arbeit?

In diesem Buch wollte ich keinen interpretierenden, erklärenden Text. Die Idee war ein stilles Buch, ich wollte die Bilder als Bilder belassen, den Betrachter in seiner Rezeption möglichst wenig beeinflussen.

Es ist alles andere als nüchterne Naturdokumentation oder Topographie, was du bietest. Eine Realität, die etwa Hochwasserschutz und Umweltschutz oder Uferbebauungen beinhaltet, wird thematisch vollständig außen vorgelassen. Warum ist dein Blick eher meditativ als analytisch?

Mein Blick auf den Rhein war ein wohlwollender und nicht kritisch gelenkter Blick. Und in meinen derzeitigen Projekten ist der Fokus und das Interesse mehr nach innen als nach aussen gerichtet. Speziell in dieser Arbeit hat mich der Raum hinter dem Offensichtlichen interessiert, der Raum der Stille und Tiefe. Die Bilder können als kleine Pausen, als Oasen zum Innehalten verstanden werden.

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

 

Ist das Wesen der Stille etwas, was dich fotografisch inspiriert?

Ja. Es gibt ein tiefes Sehnen nach Stille, danach, mich in Momenten und Bildern zu verlieren. Ich mag das. Diesbezüglich war der Rhein ein wundervolles Sujet. Allerdings hat er mir auch grosse Geduld abgefordert.

Warum übrigens ausgerechnet der Rhein?

Eben weil der Rhein einer der grossen Flüsse ist. Er ist besonders. Auch wenn es überwiegend ein menschgemachter, viel befahrener Kanal zu sein scheint, hat er seine mythische und tiefe Kraft für mich nicht verloren. Immer wieder gab es überraschende Momente, in denen ungeahnte Seiten sichtbar wurden, z.B. das Strömungsverhalten im Zusammenspiel mit den Seitenarmen. Oder die unglaublichen Kräfte, die das Hochwasser freisetzt und dessen Auswirkungen. Aber ich muss zugeben, die wirkliche Dimension dieses Flusses ist mir erst gegen Ende des Projektes bewusst geworden.

Der Fluss als Sujet der Schönheit, als mythischer Ort, der immer wieder von Künstlern verarbeitet wird. War das die logische Fortführung der Vorgängerarbeit WALD? 

Keine logische, aber sicherlich ist es eine Weiterführung der WALD Arbeit und meiner Landschaftsfotografie.

Wie lange warst du unterwegs? Wie lange arbeitest du an einer Serie wie dieser und  recherchierst du deine Orte vorher?

Das Projekt entstand in einen Zeitraum von drei Jahren auf diversen Reisen, die jeweils bis zu sechs Wochen dauerten. Am Anfang gab es eine kurze Recherche-Reise, um zu sehen, ob das Thema trägt. Danach waren meine Besuche neben dem Fotografieren immer auch intensive Recherchen. Es ist entscheidend, den Ort, die Energie und die Topographie zu verstehen und die Landschaft lesen zu können. Es galt auch, den ständig wechselnden Pegel des Wassers zu verstehen: Plätze und Situationen habe sich manchmal innerhalb von Stunden extrem gewandelt. Da die fotografisch spannenden Momente oft nur von kurzer Dauer sind, hat man dann keine Zeit zum Suchen oder Ausprobieren. Das Bild muss sitzen, bzw. es ist sehr hilfreich, wenn man den optimalen Standpunkt weiß. Man könnte es auch so sagen: Es ist der Tanz der Natur, den man zu lesen lernt und dem man sich im Lauf der Zeit anpasst.

 

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

Der Großteil der Bilder ist von einer dunklen, mysteriösen Firnis überzogen. Ist Dämmerung deine bevorzugte Jagdzeit?

Ich mag das Zwielicht, den Regen, Spätherbst. Und ja, die Dämmerung ist eine besondere, magische Zeit. In der Dunkelheit auf das kommende Tageslicht zu warten, oder in der Abenddämmerung dem schwindenden Licht zu folgen, dieses Verschmelzen von Farben, Kontrasten und Dimensionen – das erleben zu dürfen, ist für mich etwas Einzigartiges und Wundervolles.

Das Buch ist wunderbar. Es funktioniert wie ein Strom, der uns mitzieht. Wer hat es gestaltet? Stellt es in diesem Fall das ideale Medium dar, um die Arbeit zu präsentieren?

Das Buch wurde von Anke Rabba in Hamburg gestaltet.

Die ideale Präsentation neben dem Buch sind Ausstellungen mit grossformatigen Prints. Das gibt mir die Möglichkeiten, Räume in einer bestimmten Atmosphäre zu gestalten und die Bilder in einer anderen Dimension zu erfahren.

Installationsansicht aus der aktuellen Ausstellung in der Alfred Erhardt Stiftung Berlin.

Installationsansicht aus der aktuellen Ausstellung in der Alfred Erhardt Stiftung Berlin.

 

Das Buch “Fluss” ist soeben bei Hatje Cantz erschienen: ISBN 978-3-7757-3962-7. 80 Seiten mit 39 Fototaf. geb., € 35,00

siehe dazu: http://www.hatjecantz.de/michael-lange-6426-0.html

Die gleichnamige Ausstellung läuft noch bis zum 28. Juni in der Alfred-Erhardt-Stiftung Berlin

siehe dazu: http://www.alfred-ehrhardt-stiftung.de/index.php?michael-lange-fluss

Alle weiteren Infos zum Fotografen:

 http://michaellange.eu

http://www.michaellange.de

 

Wie Motten ins Gesicht. Über die Arbeit “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Ihre Bilder fordern uns heraus. Hinter dem nüchternen Titel von Irina Rupperts „Soldaten 0008-0129“ verbirgt sich eine Ungeheuerlichkeit. Echte Insekten bilden Dekorationen auf Gesichtern unbekannter Soldaten. Die einen mögen diese Collagen taktlos finden, die anderen werden sich darüber amüsieren. Eine Reaktion rufen die Bilder in jedem Fall hervor. Man bezieht Stellung und verfällt sofort in einen Modus des Assoziierens.

Es sind unbekannte Antlitze, die uns Irina Ruppert präsentiert. Wir wissen nichts über die jungen Männer, allein die Uniformen geben uns minimale Informationen. Ihre Blicke sind schüchtern. Sie sind Akteure, die vielleicht enthusiastisch in den Krieg gezogen sind, sich haben fotografieren lassen und ihre Porträts nun von der Front an die Angehörigen und Liebsten geschickt haben. So sind die fotografischen Grüße bei den Daheimgebliebenen angekommen, während die darauf Abgebildeten vielleicht nie zurückgekehrt sind.

Junge Soldaten, die in den brutalen wie folgenschweren Zweiten Weltkrieg involviert waren, mit einem bis dahin ungekannten Maß an Waffengewalt und millionenfachem Sterben bis hin zum Völkermord. Männer, die sich möglicherweise als Feinde an den Fronten gegenüber gestanden haben. Irina Rupperts Arbeit trifft den Betrachter, wie es ein historisch-wissenschaftlicher Essay vielleicht niemals vermag. Die kommentarlose Collagierung sich widersprechender Elemente ist schwer erträglich, und dennoch ist man von der Kombination fasziniert und auf emotionaler wie intellektueller Ebene herausgefordert.

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Eigentlich sind es Bilder, die dem Vergessen im Müll entrissen sind. Sie werden mit toten Insekten kombiniert, denen wir uns ansonsten höchstens mit dem Staubsauger nähern. Als Betrachter beginnen wir ganz automatisch, Analogien herzustellen zwischen leblosen Tierkörpern und möglichen Kriegsopfern, zwischen Insektenapplikation und Uniformabzeichen, zwischen den verblassenden Oberflächen der lichtempfindlichen Fotos und den vertrockneten Hüllen der Insekten. Das geht so endlos weiter.

Irina Ruppert ist eine Fotografin, in deren Arbeiten sich immer ein großer Bodensatz an eigener Geschichte befindet. Das war bei ihrem „Blumenstück” so, Stillleben von Blumen in merkwürdigen Töpfen, die indirekt einen Verlust in ihrer Familie reflektieren, oder in ihrer  Serie „Rodina“, die  für sie eine Spurensuche ihrer Kindheit darstellt, für den Betrachter aber wunderbar leichte und poetische Szenen des Dorflebens in Osteuropa bereithält.

In der Soldaten-Serie setzt sich diese Aufarbeitung  fort. 1976 kommt die damals Achtjährige mit ihren Eltern und zwei Geschwistern aus Kasachstan als Russlanddeutsche nach Deutschland, der Rest ihrer älteren Geschwister darf nicht ausreisen. „Wir sind über Moldawien nach Deutschland gekommen. Wir durften nur wenig mitnehmen, Fotos überhaupt nicht. Ich bin also anders als die meisten ohne die typischen Familienalben groß geworden.“

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Identität, Spurensuche, Heimat werden viele Jahre später ihre fotografischen Themen, und man erhält eine ungefähre Idee, warum jemand wie sie anfängt, Bilder zu sammeln, die andere achtlos weggeben. Irgendwann hat sie eine große Sammlung zusammengetragen, vor allem Passbilder und Porträts, auf denen anonyme Menschen abgelichtet sind. Irina Ruppert sammelt sie einfach – ohne den Verwendungszweck genau benennen zu können.

In diese Sammelleidenschaft spielt noch etwas anderes Entscheidendes hinein. Eine Frage treibt sie bei der eigenen „Familienforschung” um: Welche Rolle hat der Großvater innegehabt? Dieser war als Russlanddeutscher in der Ukraine beim Einmarsch der  Wehrmacht von dieser zum Dienst eingezogen worden und konnte sich nach Kriegsende nach Hamburg absetzen, wo er 25 Jahre lebte – getrennt von seiner Heimat, seiner Frau und den Kindern. Das ist es, was Irina über ihren Großvater weiß. Alles andere in seiner Vergangenheit bleibt nebulös. „Als die russische Armee als Befreier kam, wurden eigentlich alle Kollaborateure in den Gulag geschickt. Mein Opa aber nicht, so dass sich für mich die Frage ergab: Wie hat er geschafft, das zu umgehen?”

Irina Ruppert hat sich eingehend mit dem Leben von Soldaten im Zweiten Weltkrieg beschäftigt. „Ich habe irgendwann angefangen, sehr viel zu lesen, z. B. die Abhörprotokolle deutscher Soldaten in britischer und amerikanischer Gefangenschaft von Sönke Neitzel und Harald Welzer, wo Soldaten sehr offen erzählen und man viel über deren Mentalität erfährt. Sehr persönliche Bekenntnisse. Das hat meine Auseinandersetzung befördert und immer wieder die Frage aufgeworfen: In welcher Form war unsere Großelterngeneration in diese Zeit involviert? Was ist passiert mit den Männern, wie sind sie  durch die Umstände geprägt?  Was hat die Menschen zu dem gemacht, was sie geworden sind?”

Letztlich hat sie keine konkreten Antworten über die Rolle ihres Großvaters erhalten, auch eine Recherche bei der Wehrmachtsauskunft blieb ohne Ergebnis.

An eine künstlerische Auseinandersetzung hat sie beim Sammeln der Bilder schon immer gedacht. Aber erst der Zufall spielt ihr die richtige Trumpfkarte zu: „Die Bilder hab ich in einer Schublade aufbewahrt. Eines Tages zog ich sie auf, und es lag eine Motte auf einem Gesicht.”

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Sie merkt: Es geschieht etwas mit ihr als Betrachterin. Es fügt sich etwas zusammen, was nicht zusammengehört. Die Fotografin nimmt also tote Käfer, Motten, Schmetterlinge und kombiniert sie  mit den Bildern der anonymen Soldaten. Sie drapiert sie auf die Bilder. Die Insekten werden zu Kopfbedeckungen, schmücken das Revers der Uniform, sitzen auf den Augen der Soldaten.  In der Beschäftigung damit ergeben sich viele Fragen. Sie führt ein Zwiegespräch: „Wie wart ihr eigentlich im Krieg? Welche Funktion habt ihr übernommen? In welcher Form wart ihr beteiligt? Habt ihr was Böses getan? Tue ich was Böses, wenn ich euch Insekten auf die Gesichter setze?”

Immer wieder collagiert Irina Ruppert neu. Dazu muss sie eine zweite Sammlung erschaffen: tote Tiere. Es hört sich morbide an, eine derartige Sammlung einzurichten (es sind nicht nur Insekten), aber die Künstlerin betreibt das Sammeln mit einem beinahe wissenschaftlichen Eifer, lernt viel über Konservierungsmöglichkeiten, baut kleine Aufbewahrungsboxen und stellt diese schließlich in einen eigens eingerichteten Kühlschrank.

Doch auch wenn sie sich mittlerweile zur Expertin für die sachgemäße Lagerung von Insekten entwickelt hat, ist ihr klar, dass das Projekt einen endlichen Charakter hat. Irgendwann wird Irina Ruppert die Tiere nicht weiter aufbewahren können. „Der Kühlschrank ist voll. Neulich fand ich einen Vogel, der seine Krallen von sich streckte. Ich dachte, der muss auch seinen Platz bekommen, und hab ihn einem jungen Soldaten zugeordnet.” Einmal hat sie ihre Arrangements ausgelegt, um dann auf eine längere Reise zu gehen. Als sie zurückkommt, haben sich Maden durch die Fotos gefressen.

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Ans Aufhören kann die Künstlerin derzeit noch nicht denken: „Ich habe so viele Freunde, die mir gerade Insekten zuspielen. Mein Kühlschrank ist voll mit außergewöhnlichen Insekten, überfahrenen Fröschen, Käfern aus Südfrankreich. Aber ich entwickle gerade eine Idee für eine weitere Arbeit über den Zweiten Weltkrieg.

Auch wenn sie am liebsten die  Originalfotos mit den Tieren ausstellen möchte, ist ihr bewusst, dass sie die Arrangements allein als Reproduktion präsentieren kann. Denn welche Institution könnte die richtigen Voraussetzungen für eine Ausstellung dieser ungewöhnlichen Kombinationen schaffen? Die noch viel größere Hürde: Wer wird sich  trauen, die inhaltlich provokante Arbeit auszustellen?

„Marienkäfer auf den Augen eines deutschen Soldaten. Tote Tiere als schmückendes Beiwerk auf Erinnerungsbildern. Das ist natürlich ein Tabubruch. Aber es löst gleichzeitig Diskussionen aus, und die finde ich wichtig,” sagt die Künstlerin.

Weitere Infos: http://www.irinaruppert.de

Hold the Line. Im Gespräch mit Siegfried Hansen.

 

Aus dem Buch: Siegfried Hansen - Hold the Line

Aus dem Buch: Siegfried Hansen – Hold the Line

Eine Verabredung mit dem Fotografen Siegfried Hansen in einem Hamburger Café. Anlass ist das neue Buch “Hold the Line”. Den Fotografen, der für eine sehr eigene fotografische Ästhetik steht und im Genre der Street Photography viele Bewunderer hat, kenne ich, seitdem wir einst ins Gespräch kamen und er mir einen Buchdummy vorführte, der äußerst vielversprechend war. Das endgültige Buch ist aber noch mal ganz anders und viel besser geworden. Grund genug, dieses bei Kaffee und Kuchen zu feiern und den Fotografen zu seinen Erfahrungen mit dem Büchermachen sowie zu seiner ungewöhnliche fotografische Auffassung zu befragen.

 

Soeben ist dein erstes Buch “Hold the Line“ erschienen. War damit ein Lernprozess für dich verbunden?

Definitiv, ich hab lernen müssen, mich von bestimmten Vorstellungen, wie Bilder in Büchern funktionieren, zu lösen. Ich hatte eine Vorstellung, wie mein erstes Buch aussehen sollte und hab dann einen Dummy produziert. Bis zum endgültigen Buch hat das Buch viele verschiedene Versionen gehabt und sieht jetzt völlig anders aus als ursprünglich. Ein entscheidender Lernprozess war dabei, die „best of” –Bilder in ein adäquates Buchdesign zu bringen. Sehr schnell hab ich  gemerkt, dass ich der Graphik des Buches viel mehr Aufmerksamkeit widmen musste. Es reicht eben nicht nur, nacheinander gute Bilder zu präsentieren. Ein entscheidendes Stilmittel war schließlich, die leeren Farbseiten einzufügen und mit meinen graphischen Bildern korrespondieren zu lassen. Ich hab mir viele Fragen gestellt bei der Gestaltung des Buches: einerseits wollte ich gern eine Sachlichkeit, die etwa der Bauhaus-Ästhetik entspricht,  einbringen. Dann habe ich mich viel damit beschäftigt, wie sich gute Einzelbilder zu einem Erzählfluss zusammenfügen. Aber auch Fragen der Herstellung haben mich umgetrieben. Welches Papier ist das richtige? Welche Haptik will ich erreichen?  Von welcher Beschaffenheit soll der Umschlag sein?

 

Doppelseite aus dem Buch "Hold the Line" von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Bist du für die äußerst gelungene Gestaltung alleine verantwortlich?

Ja, aber viele Entscheidungen sind durch Fragen und Zuhören entstanden. Wenn ich sehr unterschiedlichen Leuten meine Arbeiten zeigte, hab ich deren Reaktionen inhaliert. Oft kamen nämlich entscheidende Hinweise von anderen. Meine Bilder kannte ich alle zur Genüge; die Frage war, wie könnte ich die ideale Form dafür finden.

Das eigentliche Buch ist schließlich auf einem Fotoworkshop entstanden, den ich bei Wolfgang Zurborn und Markus Schaden besucht habe. Dort traf ich auch den türkischen Graphiker Okay Karadayilar. Der hat dem Buch durch das Stilmittel der leeren Farbseiten die entscheidende Richtung gegeben. Das war die Initialzündung, das Buch so zu machen, wie es jetzt auch fertig vor uns liegt. Den letzten Schliff kriegte es dann beim Druck selbst, als mir Richard Reisen vom Kettler Verlag noch entscheidende Hinweise gegeben hat. Es ist wunderbar, wenn Leute über wichtige Erfahrung verfügen und einen daran teilhaben lassen.

 

Ist es nicht auch schwierig, sich immer wieder den Meinungen anderer auszusetzen?

Ich sperre mich natürlich auch erst mal gegen Kritik, aber dann verarbeite ich die und lerne daraus. Ich hab meine Arbeit also bereitwillig vielen Leuten gezeigt und Reaktionen abgewartet. Oft habe ich dann entscheidende Hinweise erhalten, über Farbwirkungen oder Dramaturgie der Bilder und Leerseiten. Ich hab dann immer wieder Feinjustierungen vorgenommen.

Der angesprochene Fotobuch-Workshop, der eine Woche lang dauerte, hat mir entscheidend geholfen. Mehrere renommierte Fotobuchexperten haben mich dabei unterstützt, meiner Serie den richtigen Ablauf zu verpassen. Vorher haben meine Bilder teilweise zu stark gegeneinander gearbeitet.

 

Wie lange hast du an „Hold the Line“  gearbeitet?

Eineinhalb Jahren arbeitete ich an dem Buch, angefangen mit dem ersten eigenen Dummy, über mehrere Workshops, wo ich einige Grundkenntnisse über Zusammenstellung  lernte, bis zur Abgabe im Verlag.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

 

Würdest du einem Neuling, der ein Buch machen will, empfehlen, einen Workshop mit Buchexperten zu besuchen?

Auf jeden Fall. Die Erfahrung der Büchermacher ist Gold wert. Man legt 30, 40 Bilder auf den Tisch und schaut genau, wie die Experten diese Bilder zusammenschieben.  „Kill your Darlings“ – Oft denkt man dann, auf die Idee wäre ich nie gekommen, die Bilder in dieser Weise zu kombinieren. Es ist ein Lerneffekt. Nach und nach hab ich selbst mutiger Bildstrecken zusammengefügt und Aussagen damit formuliert. Ich fand es interessant, dass die Experten ganz anders auf die Bilder schauen als der Fotograf, der ein Bild mit einer bestimmten Situation verknüpft, während der Experte völlig voraussetzungsfrei daran geht und Kriterien schafft, die dem Buch dienlich sind.

 

Wie bist du zu deinem Verlag gekommen?

Der Verlag Kettler hat damals eng mit Schadens temporären PhotoBookMuseum in Köln gearbeitet, wo auch der Workshop stattfand. Richard Reisen vom Kettler Verlag kam vorbei und hat das Buch begutachtet. Es gefiel ihm so gut, dass er spontan zugesagt hat, es zu drucken.

 

Ohne irgendwelche Bedingungen?

Wie alle Fotografen musste ich natürlich (mit-)finanzieren. Das ist ja heute üblich. Aber inhaltlich gab es keine Bedingungen – es mussten nur noch kleine Entscheidungen, etwa über den Seitenumfang, getroffen worden. Als Richard Reisen meine Arbeit auf dem Workshop für gut befand und verlegen wollte, gab mir das einen entscheidenden Schub, intensiv daran zu arbeiten und es schlüssig zu Ende zu bringen.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

 

Jetzt ist das Buch fertig. Wie gut bist du im Marketing?

Ich fotografiere seit 15 Jahren. Am Anfang habe ich nur fotografiert, alles andere hat mich überhaupt nicht interessiert. Dann kamen die ersten Ausstellungen und Auszeichnungen. Ich hab irgendwann geschaut, wie machen das andere Fotografen und gemerkt, wenn man kein vernünftiges Marketing betreibt, ist man schnell von der Bildfläche verschwunden. Es sei denn, man hat einen Förderer, der das alles für einen macht. Wenn man den Gaul vom Trab nicht in den Galopp bringt, passiert nichts.

 

Wie kann man den Buchverkauf zum Galopp bringen? Hilft es dir, dass du gut in der Street Photography-Community vernetzt bist?

Ob mir das hilft, Akteur einer Community zu sein, kann ich nicht sagen. Das wird sich zeigen. Die Buchauflage ist 500, also überschaubar. Ich werde nach einem halben Jahr wissen, ob meine Idee des Buches aufgegangen ist. Finden das nur meine Hardcore-Fans gut? Oder haben darüber hinaus auch andere Leute ein Interesse? Vielleicht sind es nur die 200, 300 Leute, die mich kennen und das Buch kaufen. Dann wird es mir eine Lehre sein, dass der Markt nur Special-Interest-Kunden bedient und ich muss daraus meine Konsequenzen ziehen, ob ich weitere Bücher mache. Das erste Buch ist ein Testballon. Womit ich gute Erfahrungen mache, um meine Adressaten zu erreichen, ist tatsächlich Facebook.  Derzeit kriege ich  jeden Tag Anfragen für Bestellungen.  Das zeigt sich ganz schön bei den Anfragen zu meiner Special Edition. Ich dachte, ich hätte mit 75 Exemplaren die Edition viel zu groß gemacht.  Aber jetzt sind schon 55 Exemplare verkauft. Was mich vor allem überrascht, ist, dass Reaktionen auf die Neuerscheinung von überall auf der Welt kommen. Gestern bestellte z. B. ein Interessent aus Brasilien, davor kamen Anfragen aus Thailand.

Auch beim Verlag selbst liefen viele Vorbestellungen auf; die Leute vom Kettler Verlag sagten mir, dass sie das in der Weise gar nicht kennen, vor allem, weil die Bestellungen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland kommen.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

 

Das zeigt, dass du auch international wahrgenommen wirst. Du stehst für eine bestimmte fotografische Position. Hat dir das einen Schub gegeben, dass du in der wichtigen Anthologie „Street Photography Now“ aufgenommen bist?

Darin ist die Creme de la Creme der Street Photography versammelt, das hat mir sicher geholfen. Außerdem ist es natürlich für die Aufmerksamkeit gut, dass ich in der Street Photography-Gruppe iN-Public bin, wo Leute wie z.B. Trent Parke mitmachen. Die Gruppe besteht aus 24 Fotografen, ich bin der einzige Deutsche darin. Die Aufnahme darin war ein kleiner Ritterschlag für mich. Und das, obwohl ich völlig anders fotografiere als meine englischsprachigen Kollegen. Meine Sehweise fällt auf, es gibt niemanden, der eine ähnliche Ästhetik verfolgt.

Deine Street Photography ist ziemlich singulär. Wie bist du zu dieser Auffassung gelangt?

Eine Initialzündung war eine Ausstellung von André Kertész, die ich vor vielen Jahren in Tokyo besucht habe. Vorher hab ich ganz anders fotografiert, aber da hat sich ein Schalter umgelegt. Plötzlich habe ich erkannt, dass man Bilder graphisch gestalten kann, um  bestimmte Aussagen damit zu treffen. Kertész hat sehr viel mit Flächen gearbeitet sowie mit Vorder- und Hintergrund. Ich hab von einer Minute zur anderen meine Fotografie komplett verändert. Dann habe ich mich mit einem weiteren Klassiker wie Cartier-Bresson beschäftigt, seine klare Bildsprache imponierte mir. Der dritte einflussreiche Fotograf war Ernst Haas, bei dem ich genauestens die Farbwirkungen seiner Fotos studiert habe.

 

Wie kann man deine fotografische Vorgehensweise beschreiben?

Ich hab ein selektierendes Sehen, ich sehe in Abschnitten und bemerke zunächst die graphischen Elemente, nicht die agierenden Menschen. Ich sehe die Graphik und dann sehe ich im zweiten Blick das, was als Situation gleich passieren könnte. Schauen wir z.B. hier aus dem Fenster des Cafés,  wo wir gerade sitzen. Ich sehe vor allem die Linien der Straße und des gegenüberliegenden Gebäudes und überleg sofort, wo müsste jetzt jemand stehen, damit es eine perfekte Komposition ergäbe. Natürlich trainiere ich das Sehen, vor allem, um schnell agieren zu können. Dinge passieren einmalig und man muss seinen Fotoapparat im Schlaf beherrschen. Was stelle ich scharf oder unscharf, es gibt keine zweite Chance! Das würde wohl jeder Streetfotograf unterschreiben. Aber man muss nicht nur den Apparat beherrschen, sondern auch das Sehen trainieren. Ich suche bestimmte Ausschnitte unserer Welt aus und dann schaue ich einfach auf das, was geschieht. Es kann dann eine Spannung zwischen rein graphischer Situation und einem bestimmten Moment entstehen, wenn z.B. ein Hund in die Szene hineinläuft.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Wartest du also geduldig, bis die geeignete Situation entsteht und machst dann dein Bild? Oder fotografierst du exzessiv und suchst das Beste aus?

Man könnte sich das so vorstellen, dass ich eine graphische Situation vorfinde und dann stundenlang warte, dass etwas Interessantes passiert. So funktioniert das bei mir aber nicht. Ich gehe durch die Straßen und entwickle eine extrem hohe Konzentration. Ich lauf also einfach los, etwa hier in Hamburg, von Ecke zu Ecke, sehe eine „Graphik“, überblicke schnell, ob was passiert, wenn nicht, bin ich schon weiter. Ich ordne jedes Mal, wenn ich weitergehe, mein Bildmaterial neu. Das ist ein permanenter Ablauf im Hinterkopf, ich achte immer auf Vorder- und Hintergrund. Es verlangt mir große Konzentration ab. Wenn dann irgendwo eine interessante Situation entsteht, fahre ich meine Aufmerksamkeit sofort hoch. Dann bin ich hellwach. Ich lauf z .B. von hier aus zur U-Bahn, beobachte dort bestimmte Sachen, steig vielleicht in die U-Bahn ein, steig wieder aus, sehe Spiegelungen im Fenster. So geht das in einem fort. Trotz aller Konzentration ist es für mich auch Entspannung, etwas Angenehmes, rauszugehen und mich treiben zu lassen und zu beobachten. Ich fühle mich in meinem Tun manchmal wie ein Musiker, der selbstvergessen auf seinem Instrument spielt und am Ende kommt ein neues Stück raus.

Viele denken, man macht jetzt 1000 Fotos und sucht sich dann die besten aus, der Rest ist Schrott. Ich denke, ich bewege mich in meinem Feld auf einem permanenten Niveau und arbeite gar nicht über die Masse. Das soll nicht überheblich klingen, denn dieses Level muss man sich hart und über lange Zeit erarbeiten. Und dann gibt es in den Bildern immer wieder Ausschläge nach oben, die einen richtig froh machen. Umgekehrt – wenn die Ausbeute mal nicht gut ist, bin ich nicht gleich beunruhigt, aber eigentlich passiert das nicht, denn ich sehe immer viel. Das merke ich, wenn Leute mich mal begleiten. Die sind erstaunt über das, was ich fotografiere, wie ich fotografiere und wie schnell ich fotografiere. Ich krieg dann zu hören: “Ich stand doch daneben und hab das trotzdem nicht gesehen.“

 

Das Buch “Hold the Line” ist bei Kettler erschienen. 56 S., 20 x 27 cm, ISBN 978-3-86206-435-9, 26,00 €.

Die Special Edition (Auflage 75 Ex.) umfasst das Buch und einen Print. Sie ist nummeriert und signiert und kostet 75,00 € (plus Versand). Es gibt noch wenige Exemplare beim Fotografen direkt: http://www.street-photography-hamburg.siegfried-hansen.de

Das Schwingen beim Betrachten. Über die Arbeiten von Henrik Spohler.

 

Lagerung von Leercontainern in Bilbao. (Henrik Spohler: In Between).

Lagerung von Leercontainern in Bilbao. (aus: Henrik Spohler. In Between)

 

Eine der interessantesten Positionen in der deutschen Fotografie nimmt seit Jahren Henrik Spohler ein. Den Fotografen beschäftigen die -im wahrsten Sinn des Wortes- weltumspannenden Themen, die wir zwar immer wieder politisch debattieren, von denen wir aber dennoch nur vage bildliche Vorstellungen entwickeln. Henrik Spohler recherchiert intensiv und versucht schließlich, für seine Absichten eine visuelle Entsprechung an den ausgesuchten Orten zu finden. Ein eigenartiger Effekt entsteht beim Betrachten der Ergebnisse: Seine artifiziellen Ansichten sind anregend und fordern uns zugleich intellektuell heraus.  ”Es dreht sich darum, das Wissen des Betrachters zum Schwingen zu bringen,” sagt Henrik Spohler. Genau das gelingt ihm immer wieder.

Mit welchen Inhalten beschäftigst Du Dich in Deinen vier Werkgruppen, die in Ausstellungen gezeigt und auch als Bücher erschien sind – und nun das erste Mal als Gesamtschau zur Triennale der Photographie zu sehen sein werden?

Seit dem Jahr 2000 beschäftige ich mich mit aktuellen oder zukünftigen Themen unserer Gesellschaft in Bezug auf die moderne wirtschaftliche Globalisierung. Ob das nun mein erstes Projekt „0/1 Dataflow“ war, das die technischen Infrastrukturen eines neu entstehenden Informationszeitalters zeigt. Oder die Bilder von antiseptisch wirkenden Hight-Tech Fabriken in „Global Soul“, die Fragen nach einer radikal veränderten Arbeitswelt stellen. Oder „The Third Day“, wo ich unserem verklärt, romantischem Landschaftsbild die Vision von endlosen Agrarindustrien entgegenstelle.

 

Hafeninsel Yangshan. Zufahrt Containerterminals. (aus: Henrik Spohler. In Between).

Hafeninsel Yangshan. Zufahrt Containerterminals. (aus: Henrik Spohler. In Between).

 

Sind das nicht Themen, die man präziser in bewegten Bildern fassen könnte?

Ich verfolge ja keinem journalistischen Ansatz. Meine Projekte sind eher als Untersuchungen zu aktuellen Themenfeldern zu verstehen. Es geht mir gerade darum, Gewissheiten zu vermeiden. Dabei bewegen sich meine Fotografien auf einem Grat zwischen realen Orten, die ich aufgesucht habe und meiner bildlichen Erzählung. Ich nutze die Fotografie, um eine Balance zwischen dokumentarischen und imaginären Aspekten herzustellen. Die Bilder einer Serie sind bei aller Klarheit weder inhaltlich, zeitlich noch räumlich eindeutig einzuordnen.

Zur Triennale zeigst Du deine neue, bisher unveröffentlichte Arbeit „In between“. Worum geht es da?

Im Grunde geht es um die fast schon absurde Omnipräsenz von Waren – als ein Zeichen der Globalisierung. Wer heute online ein Paar Pantoffeln bestellt, findet sie bereits morgen vor der eigenen Haustür. Egal, ob sie in Taiwan oder Südtirol hergestellt wurden. Waren, Rohstoffe und Industriegüter sind nahezu überall und zu jeder Zeit verfügbar. Die weltumspannende Logistik ist zum Rückrat von Wirtschaft geworden. Das Projekt untersucht Orte des Transits. Schnittstellen der Logistik wie Häfen und Frachtflughäfen, oder Anlagen und Areale, die sich entlang von Handelswegen gebildet haben. Gebiete, die nur dem wirtschaftlichen Funktionieren entsprechen. Orte, die isoliert betrachtet keinen Hinweis auf Länder oder Kontinente geben. Die Fotografien zeigen die Rückseiten industrieller Produktion und wirtschaftlichen Handelns. Es entstehen fiktional anmutende Motive von namenlosen Gebiet.

 

Autoverladung Emden. (aus: Henrik Spohler. In Between).

Autoverladung Emden. (aus: Henrik Spohler. In Between).

 

Henrik Spohler, Jahrgang 1965 studierte an der Folkwangschule/Universität Essen. Spohlers vielfach ausgezeichnete Arbeiten sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Er unterrichtet als Professor an der HTW Berlin im Studiengang Kommunikationsdesign. Henrik Spohler lebt in Hamburg und Berlin.

 

Distributionsanlage für Pakete am Flughafen Köln-Bonn. (aus: Henrik Spohler. In Between).

Distributionsanlage für Pakete am Flughafen Köln-Bonn. (aus: Henrik Spohler. In Between).

 

Die Ausstellung  ”When Millenium Begins” wird vom 18.06. bis 28.06.2015 anlässlich der Photo Triennale in der Barlach Halle K in Hamburg gezeigt. Neben der Ausstellung in Hamburg werden Henrik Spohlers Arbeiten dieses Jahr auch auf dem Fotofestival Mannheim Ludwigshafen Heidelberg präsentiert.

Weitere Infos:

http://www.henrikspohler.de

http://www.phototriennale.de/exhibitions/when-millennium-begins/