Damian Zimmermann

Damian Zimmermann, geboren 1976, lebt und arbeitet als Journalist und Fotograf in Köln. Er schreibt u.a. im Kölner Stadt-Anzeiger, in der Photonews, in der taz, im österreichischen Standard und auf seinem Blog über Fotoausstellungen, -bücher und Festivals. Gemeinsam mit Nadine Preiß hat er zudem das Projekt „Paare – Menschenbilder aus der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ realisiert.

Damian Zimmermann, born in 1976, lives and works as a journalist and photographer in Cologne. He is a regular contributor to the Kölner Stadt-Anzeiger, Photonews, taz, the austrian Standard and his own blog on photography exhibitions, books, and festivals. With Nadine Preiss, he initiated the project “Pairs—Images of People from the Federal Republic of Germany at the Beginning of the Twenty-First Century.”

Wiedereröffnung von “The Family of Man”

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Nina Leen, Time & Life © Getty Images

 

Zum Abschluss meines Gastauftrittes auf dem Hatje Cantz Fotoblog (im Juli übernimmt Jörg M. Colberg das Ruder) möchte ich auf eine ganz besondere Ausstellung hinweisen, die am 5. Juli im Schloss des luxemburgischen Städtchens Clervaux nach fast drei Jahren Pause wiedereröffnet wird: “The Family of Man”. Die von Edward Steichen initiierte und kuratierte Ausstellung wurde 1955 im Museum of Modern Art in New York (MoMa) gezeigt und reiste danach um die Welt, wo sie in 150 (!) Museen gezeigt wurde, bis sie schließlich 1994 als Dauerausstellung in Clervaux installiert wurde. “The Family of Man” wird bis heute als Manifest für den Frieden und die fundamentale Gleichheit der Menschen angesehen, ausgedrückt durch die humanistische Fotografie der Nachkriegszeit. Was man sich heute kaum vorstellen kann: Man hat damals die (naive) Hoffnung gehabt, die Welt dadurch nachhaltig zu verbessern.

Dabei ist der Ansatz weiterhin äußerst interessant: Steichen zeigte nicht nur bekannte Fotografen wie Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Dorothea Lange, Robert Doisneau, August Sander oder Ansel Adams, sondern rief jeden auf, Fotos einzureichen, so dass am Ende 503 Aufnahmen
von 273 Fotografen aus 68 Ländern zu sehen waren. 2003 wurde “The Family of Man” schließlich ins Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen, einige Fotografien wie beispielsweise das Familienfoto von Nina Leen befinden sich sogar auf der Voyager Golden Record, die seit 1977 durch unser Sonnensystem fliegt.

Man kann also von der Ausstellung halten, was man will. Zweifelsohne ist es jedoch großartig, dass es sie überhaupt noch zu sehen gibt – wo sonst hat man die Möglichkeit, sich eine so legendäre Fotografieausstellung mehr oder weniger im Original anzuschauen? Für mich gehört ein Besuch von “The Family of Man” deshalb für jeden zum Pflichtprogramm, der sich intensiver mit Fotografie, ihrer Bedeutung, ihren Möglichkeiten und den mit ihr verbundenen Hoffnungen und Erwartungen beschäftigt.

The Family of Man, Schloss von Clervaux, Luxemburg, Mi. bis So. 12-18 Uhr, im Januar und Februar ist die Ausstellung geschlossen. 

 

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Alfred Eisenstaedt, Time & Life © Getty Images

 

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© Nachlass von Garry Winogrand, Courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

 

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Jack Delano, Farm Security Administration © Library of Congress

Und noch ein Magazin: Streulicht

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Cover der zweiten Ausgabe von “Streulicht – Magazin für Fotografie und Artverwandtes” © Mario Kiesenhofer & Amelie Zadeh

 

Nach Album möchte ich noch ein zweites, junges Magazin vorstellen: “Streulicht – Magazin für Fotografie und Artverwandtes” lautet der vollständige Titel. Im Gegensatz zu Album, das ja als übergroße Tageszeitung daherkommt, sieht Streulicht fast schon wie ein gebundenes Buch aus. Ein Buch, mit einem kreisrunden Loch in der Mitte, durch das man auf die dahinterliegende Seite schauen kann/soll/muss. Das gefällt mir sehr gut, ist es doch ein konsequentes Spiel sowohl mit den technischen als auch mit den gestalterischen Möglichkeiten des Mediums Fotografie.

Herausgegeben wird Streulicht von Amelie Zadeh und Roland Fischer-Briand aus Wien, die Artdirektion hat Mario Kiesenhofer übernommen. Zwei monothematische Ausgaben (1. Performance, 2. Order/Disorder) sind bislang erschienen, und während man sich bei Album aussuchen kann, ob man lieber die deutsche oder die englische Ausgabe hat, ist Streulicht komplett bilingual. Inhaltlich versteht sich Streulicht selbst als “Ausstellungsformat, um sich innerhalb fotografischer Bildpraxis zu artikulieren. Durch die Verschaltung von Theorie und Praxis verstehen wir Fotografie als Kulturtechnik. Diese dialogische Form (Theorie / Praxis 1:2) bildet den Raster, durch den Bildwelten abgetastet werden, ohne sie zu zersetzen und festzuschreiben. Demnach halten wir die Grenze zwischen Text- und Bildbeiträgen permeabel – sie soll einen individuellen Zugang der Beitragenden ermöglichen, Gedanken auch in Bildern zu formulieren und vice versa.”

Leider lesen sich manche Texte in Streulicht genauso hölzern-akademisch wie diese Selbstdarstellung, was meine Begeisterung für das Magazin ein wenig dämpft – die Beiträge stammen unter anderem von Kulturwissenschaftlern und Kunsthistorikern. Nicht, dass ich etwas gegen Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker hätte, aber meist sind die nicht gerade für eine flotte Schreibe, Praxisbezogenheit und Leidenschaft bekannt. Natürlich gibt es auch andere Texte, vor allem aber gibt es auch sehr gute fotografische Arbeiten zu entdecken. Fotografische Arbeiten, die sich allerdings nicht selten in die Bereiche Konzeptkunst, Performance, Bildhauerei – eben Artverwandtes – ausbreiten, was für mich auch eine Besonderheit von Streulicht ist. Schließlich wird im Kunstbetrieb noch immer häufig zwischen “Fotograf” und “Künstler, der das Medium Fotografie nutzt” unterschieden. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema.

Streulicht – Magazin für Fotografie und Artverwandtes. Das Heft kostet 20 Euro, beziehen kann man es in Deutschland über die Buchhandlung Walther König oder online über den Salon für Kunstbuch.

 

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Ansichten aus Streulicht #2 © Mario Kiesenhofer & Amelie Zadeh

“Il Canal Grande de Venezia” von E. Fioriolo

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“Il Canal Grande de Venezia” von E. Fiorioli, erschienen als Ebook bei MAPP Editions

 

Wer an das fotografische Werk von Ed Ruscha denkt, dem kommen schnell seine Luftaufnahmen von Parkplätzen, erschienen im Buch “Thirtyfour Parking Lots in Los Angeles”, sowie seine Tankstellenansichten in Twentysix Gasoline Stations in den Sinn. Und natürlich auch sein legendäres Leporello Every Building on the Sunset Strip von 1966: Mit einer auf einem Pickup montierten Nikon ist er die Straße hoch und wieder runter gefahren und hat dabei jedes Gebäude fotografiert und die Aufnahmen schließlich zusammengefügt – Google Streetview lässt grüßen. Damit gilt Ruscha als Pionier dieser sehr speziellen Art der Alltags-Dokumentarfotografie.

Bei MAPP Editions, dem Ebook-Ableger von MACK Books, ist nun allerdings ein “Buch” erschienen, dass daran zweifeln lässt. Denn “Il Canal Grande de Venezia” von E. Fioriolo ist bereits 1931 erschienen und es zeigt eben den gesamten Canal Grande ab der Ponte della Costituzione bis zum Dogenpalast mit der Seufzerbrücke – und zwar in zwei unabhängig voneinander durchzublätternden Reihen: oben sehen wir die Nord-, unten die Südseite. Mal abgesehen davon, dass schon 35 Jahre vor Ruscha jemand auf die Idee dieser Extrem-Dokumentation gekommen ist, so sind bei Fioriolo die einzelnen Bilder auch deutlich besser zusammengesetzt. Es gibt kaum Brüche bei den Übergängen, alles wirkt fast wie aus einem Guß – zumindest, soweit ich das nach der Darstellung auf meinem Bildschirm beurteilen kann; da ich kein iPad habe, konnte ich mir diese Version auch nicht anschauen.

Gleichzeitig erinnert mich das Ebook natürlich auch an Berlin, Fruchtstraße am 27. März 1952, das ja erst im vergangenen Jahr erschienen ist und das mich auf seine ganz eigene Art begeistert. Und das übrigens ebenfalls 14 Jahre vor Ed Ruschas Leporello vom Sunset Strip fotografiert wurde.

Il Canal Grande de Venezia von E. Fioriolo, MAPP Editions, 1,99 Britische Pfund

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Album, Magazin für Fotografie

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Die Titelseite von ALBUM, MAGAZIN FÜR FOTOGRAFIE #1

 

An dieser Stelle möchte ich einmal eine Zeitschrift vorstellen: “Album, Magazin für Fotografie”. Es wurde zwar bereits 2010 gegründet, ich habe es aber erst kürzlich entdeckt und bin insgesamt sehr begeistert von der im Nordischen Format daherkommenden Publikation. Für die, die nicht wissen, was das bedeutet: Aufgeschlagen misst Album satte 80 mal 57 Zentimeter. Damit ist das von Victor Balko, Oliver Dignal, Stefan Stark und der Hochschule für Gestaltung Offenbach herausgegebene Magazin äußert unhandlich. Das kann schon bei Zeitungen wie der Süddeutschen oder der Zeit etwas lästig sein, aber bei Album sorgt es für einen gewissen Stresslevel beim Lesen – zumindest bei Leuten wie mir, die vermeiden wollen, dass das gute Stück Knicke und Eselsohren bekommt, denn die drei bislang erschienenen Ausgaben, die jeweils einem Themenschwerpunkt gewidmet sind, machen wirklich was her.

In der Regel wird auf jeder Doppelseite ein fotografisches Projekt vorgestellt, das meist von einem sehr guten Text erklärt oder ergänzt wird. Die bisherigen Hefte hießen “Introducing”, “Same/Same” und “The White Album” und beschäftigten sich mit Themen, die das Medium Fotografie an sich hinterfragen, auf die Probe stellen und – um eine blöde Kritikerfloskel zu nutzen – ausloten. Während in der ersten Ausgabe noch viel ausprobiert und experimentiert wurde (was nicht heißt, dass es dort nicht trotzdem einen roten Faden gibt), waren die beiden nachfolgenden Hefte bereits monothematisch angelegt: In Heft 2 geht es um “die Möglichkeit des einzigartigen Bildes” und in Heft 3 um “Unsichtbarkeit in der Fotografie”.

Die Macher selbst beschreiben Album als “ein Spiegel, ein Sprungbrett, eine Spielfläche: ein Magazin für Fotografie. Eines, das sich der Fotografie ganz grundsätzlich verschrieben hat und den vielgestaltigen Aspekten, die sie ausmachen: Die Fotografie als Thema in Bild und Text im Sinne einer sprachlichen Auseinandersetzung. Oder, allgemein gesprochen, die Fotografie wie man sie wahrnimmt und wie wir sie ernst nehmen.” Und das machen sie so konsequent und harmonisch, dass das Ergebnis fast wie der Katalog zu einer Ausstellung wirkt, in der über Fotografie und die unterschiedlichsten Phänomene, die sich aus dem Medium ergeben, nachgedacht wird.

Dass das hier so besonders gut funktioniert und viele Themen vorkommen und angesprochen werden, mit denen ich mich selbst schon beschäftigt habe, könnte daran liegen, dass Album von Fotografen und nicht von Kunsthistorikern oder anderen Theoretikern gemacht wird. Der Ansatz der Album-Redaktion ist sehr praxisbezogen, zeugt aber zugleich von einer intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Medium – eine Auseinandersetzung, die ich bei Menschen, die selbst nicht fotografieren, nur sehr selten entdecke. Bei ihnen finde ich meist eine tiefe Sprachlosigkeit, die mittels kunsthistorischer Krücken überwunden werden muss. Das jedoch geht häufig genug schief, weil die Fotografie sich anderen Problemen ausgesetzt sieht als beispielsweise die Malerei oder weil Nicht-Fotografen fotografische Vorgehensweisen (technisch, gestalterisch und konzeptionell) nicht gut genug kennen und Manipulationen hilflos ausgeliefert sind. Ich will an dieser Stelle nur das Beispiel des renommierten Kunsthistorikers nennen, der sich in der “Lebensmittel”-Ausstellung von Michael Schmidt wunderte, dass dessen Fleischwurst nicht so lecker aussah wie in den Werbeprospekten des Supermarkts – schließlich sei es aber doch die gleiche Wurst, wie er ratlos feststelle.

Es wäre schön, wenn Album hier Abhilfe schaffen könnte.

Album, Magazin für Fotografie. Das Heft kostet zehn Euro und kann wahlweise auf deutsch oder englisch bestellt werden. Zudem gibt es zu jeder Ausgabe eine Edition mit Künstlern aus dem Magazin.

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aus der Serie “Waiting for Mahdi” von Pujan Shakupa, erschienen in ALBUM #1

 

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aus der Serie “Club” von Clemens Bechmann, erschienen in ALBUM #1

 

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aus der Serie “Wassertürme” von Thomas Weyand, erschienen in ALBUM #1