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Fotosommer an der Elbe

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Vom Selfie bis zum Baryt-Abzug: In diesem Sommer steht Hamburg mit zahlreichen Ausstellungen ganz im Zeichen des Mediums Fotografie.

Hamburg. Hamburg im Fotofieber: Vor vier Jahren fand die 1999 von der Hamburger Fotografie-Legende F. C. Gundlach, Jahrgang 1926, gegründete Triennale der Photographie mit Ausstellungen in nahezu allen Hamburger Museen und Galerien zum bisher letzten Mal statt. 200.000 Besucher haben sie damals gesehen. Im Juni startet nun die 6. Ausgabe der Megaschau. Zwecks weiterer Schärfung des Profils wurde der international ausgerichtete, polnische Fotospezialist Krysztof Candrowicz, Jahrgang 1979, zum künstlerischen Leiter bestimmt. Erstmals hat die Phototriennale damit einen externen Kurator. Unter dem Bibelmotto „The Day Will Come“ stellt er das Thema Zukunft in den Fokus. „In der Fotografie dreht sich eigentlich alles um die Vergangenheit“, sagt Candrowicz. „Wir nehmen die Herausforderung an, die Zukunft mit den Mitteln der Fotografie vorauszusagen.“ Welche Rolle spielt die künstlerische Fotografie in einer durch Handybilder, Selfies und soziale Netzwerke visuell übersättigten Gesellschaft? Aktuellen Fragen wie dieser will die Phototriennale auf den Grund gehen.

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Phototriennale: Eva Leitolf (*1966) Überfahrt, Melilla-Almería, Mittelmeer, 2009 aus der Serie: Postcards from Europe Archivpigmentdruck auf Karton, Konsole, Postkarten, 68,6 x 83,5 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Die Gruppenschau „When There Is Hope“ zu den Themen Identität und Emigration ist in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Die Werke stammen überwiegend aus der Sammlung der Deutschen Bank. Viele Fotokünstler setzen sich in der Schau mit ihrer eigenen Migrationsgeschichte, aber auch ganz allgemein mit den Lebensbedingungen von Flüchtlingen auseinander. Mit dabei sind etwa die indische Künstlerin Dayanita Singh, der Chinese Cao Fei und der Albaner Adrian Paci. Momente der Hoffnung, Utopien und die Suche nach dem eigenen Ich in einer fremden Welt prägen die inhaltlich stark aufgeladenen Fotografien dieser Schau.

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Phototriennale: Robert Longo (geb. 1953): Ohne Titel (Drachenkopf), 2005, aus der Serie „Monster“, DZ BANK Kunstsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

>>> Fortsetzung folgt.

 

 

 

Der Tanz des Flusses.

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

Mein letzter Blog-Eintrag. Heute mit dem Hamburger Fotografen Michael Lange, der mir soeben sein druckfrisches Buch in die Hand drückte. FLUSS heißt es und ist eine Arbeit, die uns mit dem Blick des Fotografen über die Flusslandschaft des Oberrheins schweifen lässt. Michael Lange schafft immer neue Variationen: Mal sind  Wasseroberflächen herangezoomt, mal weitet sich die Perspektive auf die nebeligen Flussauen aus. Die Fotos fordern ein genaues Sehen ein. Doch das analytische Betrachten verkehrt sich schnell in kontemplative Versenkung. Die Betrachtung wird zur Einkehr. Und natürlich nutzt der Fotograf das metaphorische Potential seines Sujets. Die Fotos erzählen uns von Stille und dem Einssein mit der Natur und man möchte unter die Wasseroberflächen tauchen, um zu einer dort irgendwo vermuteten Erkenntnis zu gelangen. Dabei fügen sich Michael Langes Bilder im Buch leicht zusammen und ergeben einen Fluss im doppelten Sinne. Auf dem lasse ich mich wegtreiben. Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen diesen Monat geteilt zu haben –  Leben Sie wohl!

 

 

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

Die Lethe ist einer der Flüsse in der Unterwelt der griechischen Mythologie. Wer von dessen Wasser trinkt, vergisst alles. Das Bild kommt mir in den Sinn, wenn ich deine Bilder „trinke“. Stellen Flüsse und ihre Oberflächen ideale Projektionsflächen für dich dar?

Was für eine wunderbare Vorstellung! Man trinkt vom Wasser und vergisst das bisherige Leben, um ins Neue wiedergeboren zu werden…..

Grosse Flüsse wie der Rhein stellen eine ungeheure Energie dar; sie sind ein riesiges Kraftfeld in unablässiger Bewegung und Veränderung. Schaut man auf das Wasser, ist nichts, wie es gerade noch war. Energie zeigt sich in ungeahnten Formen, Verläufen und Mustern. Das hat mich sehr inspiriert und mir auch neue Blickwinkel geöffnet.

Man wird nicht an die Hand genommen in deinem Buch. Bis auf ein wunderbar assoziatives Gedicht gibt es keinen Text in dem Buch. Vermeidest du bewusst eine intellektuelle Annäherung an die Arbeit?

In diesem Buch wollte ich keinen interpretierenden, erklärenden Text. Die Idee war ein stilles Buch, ich wollte die Bilder als Bilder belassen, den Betrachter in seiner Rezeption möglichst wenig beeinflussen.

Es ist alles andere als nüchterne Naturdokumentation oder Topographie, was du bietest. Eine Realität, die etwa Hochwasserschutz und Umweltschutz oder Uferbebauungen beinhaltet, wird thematisch vollständig außen vorgelassen. Warum ist dein Blick eher meditativ als analytisch?

Mein Blick auf den Rhein war ein wohlwollender und nicht kritisch gelenkter Blick. Und in meinen derzeitigen Projekten ist der Fokus und das Interesse mehr nach innen als nach aussen gerichtet. Speziell in dieser Arbeit hat mich der Raum hinter dem Offensichtlichen interessiert, der Raum der Stille und Tiefe. Die Bilder können als kleine Pausen, als Oasen zum Innehalten verstanden werden.

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

 

Ist das Wesen der Stille etwas, was dich fotografisch inspiriert?

Ja. Es gibt ein tiefes Sehnen nach Stille, danach, mich in Momenten und Bildern zu verlieren. Ich mag das. Diesbezüglich war der Rhein ein wundervolles Sujet. Allerdings hat er mir auch grosse Geduld abgefordert.

Warum übrigens ausgerechnet der Rhein?

Eben weil der Rhein einer der grossen Flüsse ist. Er ist besonders. Auch wenn es überwiegend ein menschgemachter, viel befahrener Kanal zu sein scheint, hat er seine mythische und tiefe Kraft für mich nicht verloren. Immer wieder gab es überraschende Momente, in denen ungeahnte Seiten sichtbar wurden, z.B. das Strömungsverhalten im Zusammenspiel mit den Seitenarmen. Oder die unglaublichen Kräfte, die das Hochwasser freisetzt und dessen Auswirkungen. Aber ich muss zugeben, die wirkliche Dimension dieses Flusses ist mir erst gegen Ende des Projektes bewusst geworden.

Der Fluss als Sujet der Schönheit, als mythischer Ort, der immer wieder von Künstlern verarbeitet wird. War das die logische Fortführung der Vorgängerarbeit WALD? 

Keine logische, aber sicherlich ist es eine Weiterführung der WALD Arbeit und meiner Landschaftsfotografie.

Wie lange warst du unterwegs? Wie lange arbeitest du an einer Serie wie dieser und  recherchierst du deine Orte vorher?

Das Projekt entstand in einen Zeitraum von drei Jahren auf diversen Reisen, die jeweils bis zu sechs Wochen dauerten. Am Anfang gab es eine kurze Recherche-Reise, um zu sehen, ob das Thema trägt. Danach waren meine Besuche neben dem Fotografieren immer auch intensive Recherchen. Es ist entscheidend, den Ort, die Energie und die Topographie zu verstehen und die Landschaft lesen zu können. Es galt auch, den ständig wechselnden Pegel des Wassers zu verstehen: Plätze und Situationen habe sich manchmal innerhalb von Stunden extrem gewandelt. Da die fotografisch spannenden Momente oft nur von kurzer Dauer sind, hat man dann keine Zeit zum Suchen oder Ausprobieren. Das Bild muss sitzen, bzw. es ist sehr hilfreich, wenn man den optimalen Standpunkt weiß. Man könnte es auch so sagen: Es ist der Tanz der Natur, den man zu lesen lernt und dem man sich im Lauf der Zeit anpasst.

 

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

Der Großteil der Bilder ist von einer dunklen, mysteriösen Firnis überzogen. Ist Dämmerung deine bevorzugte Jagdzeit?

Ich mag das Zwielicht, den Regen, Spätherbst. Und ja, die Dämmerung ist eine besondere, magische Zeit. In der Dunkelheit auf das kommende Tageslicht zu warten, oder in der Abenddämmerung dem schwindenden Licht zu folgen, dieses Verschmelzen von Farben, Kontrasten und Dimensionen – das erleben zu dürfen, ist für mich etwas Einzigartiges und Wundervolles.

Das Buch ist wunderbar. Es funktioniert wie ein Strom, der uns mitzieht. Wer hat es gestaltet? Stellt es in diesem Fall das ideale Medium dar, um die Arbeit zu präsentieren?

Das Buch wurde von Anke Rabba in Hamburg gestaltet.

Die ideale Präsentation neben dem Buch sind Ausstellungen mit grossformatigen Prints. Das gibt mir die Möglichkeiten, Räume in einer bestimmten Atmosphäre zu gestalten und die Bilder in einer anderen Dimension zu erfahren.

Installationsansicht aus der aktuellen Ausstellung in der Alfred Erhardt Stiftung Berlin.

Installationsansicht aus der aktuellen Ausstellung in der Alfred Erhardt Stiftung Berlin.

 

Das Buch “Fluss” ist soeben bei Hatje Cantz erschienen: ISBN 978-3-7757-3962-7. 80 Seiten mit 39 Fototaf. geb., € 35,00

siehe dazu: http://www.hatjecantz.de/michael-lange-6426-0.html

Die gleichnamige Ausstellung läuft noch bis zum 28. Juni in der Alfred-Erhardt-Stiftung Berlin

siehe dazu: http://www.alfred-ehrhardt-stiftung.de/index.php?michael-lange-fluss

Alle weiteren Infos zum Fotografen:

 http://michaellange.eu

http://www.michaellange.de

 

Wie Motten ins Gesicht. Über die Arbeit “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Ihre Bilder fordern uns heraus. Hinter dem nüchternen Titel von Irina Rupperts „Soldaten 0008-0129“ verbirgt sich eine Ungeheuerlichkeit. Echte Insekten bilden Dekorationen auf Gesichtern unbekannter Soldaten. Die einen mögen diese Collagen taktlos finden, die anderen werden sich darüber amüsieren. Eine Reaktion rufen die Bilder in jedem Fall hervor. Man bezieht Stellung und verfällt sofort in einen Modus des Assoziierens.

Es sind unbekannte Antlitze, die uns Irina Ruppert präsentiert. Wir wissen nichts über die jungen Männer, allein die Uniformen geben uns minimale Informationen. Ihre Blicke sind schüchtern. Sie sind Akteure, die vielleicht enthusiastisch in den Krieg gezogen sind, sich haben fotografieren lassen und ihre Porträts nun von der Front an die Angehörigen und Liebsten geschickt haben. So sind die fotografischen Grüße bei den Daheimgebliebenen angekommen, während die darauf Abgebildeten vielleicht nie zurückgekehrt sind.

Junge Soldaten, die in den brutalen wie folgenschweren Zweiten Weltkrieg involviert waren, mit einem bis dahin ungekannten Maß an Waffengewalt und millionenfachem Sterben bis hin zum Völkermord. Männer, die sich möglicherweise als Feinde an den Fronten gegenüber gestanden haben. Irina Rupperts Arbeit trifft den Betrachter, wie es ein historisch-wissenschaftlicher Essay vielleicht niemals vermag. Die kommentarlose Collagierung sich widersprechender Elemente ist schwer erträglich, und dennoch ist man von der Kombination fasziniert und auf emotionaler wie intellektueller Ebene herausgefordert.

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Eigentlich sind es Bilder, die dem Vergessen im Müll entrissen sind. Sie werden mit toten Insekten kombiniert, denen wir uns ansonsten höchstens mit dem Staubsauger nähern. Als Betrachter beginnen wir ganz automatisch, Analogien herzustellen zwischen leblosen Tierkörpern und möglichen Kriegsopfern, zwischen Insektenapplikation und Uniformabzeichen, zwischen den verblassenden Oberflächen der lichtempfindlichen Fotos und den vertrockneten Hüllen der Insekten. Das geht so endlos weiter.

Irina Ruppert ist eine Fotografin, in deren Arbeiten sich immer ein großer Bodensatz an eigener Geschichte befindet. Das war bei ihrem „Blumenstück” so, Stillleben von Blumen in merkwürdigen Töpfen, die indirekt einen Verlust in ihrer Familie reflektieren, oder in ihrer  Serie „Rodina“, die  für sie eine Spurensuche ihrer Kindheit darstellt, für den Betrachter aber wunderbar leichte und poetische Szenen des Dorflebens in Osteuropa bereithält.

In der Soldaten-Serie setzt sich diese Aufarbeitung  fort. 1976 kommt die damals Achtjährige mit ihren Eltern und zwei Geschwistern aus Kasachstan als Russlanddeutsche nach Deutschland, der Rest ihrer älteren Geschwister darf nicht ausreisen. „Wir sind über Moldawien nach Deutschland gekommen. Wir durften nur wenig mitnehmen, Fotos überhaupt nicht. Ich bin also anders als die meisten ohne die typischen Familienalben groß geworden.“

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Identität, Spurensuche, Heimat werden viele Jahre später ihre fotografischen Themen, und man erhält eine ungefähre Idee, warum jemand wie sie anfängt, Bilder zu sammeln, die andere achtlos weggeben. Irgendwann hat sie eine große Sammlung zusammengetragen, vor allem Passbilder und Porträts, auf denen anonyme Menschen abgelichtet sind. Irina Ruppert sammelt sie einfach – ohne den Verwendungszweck genau benennen zu können.

In diese Sammelleidenschaft spielt noch etwas anderes Entscheidendes hinein. Eine Frage treibt sie bei der eigenen „Familienforschung” um: Welche Rolle hat der Großvater innegehabt? Dieser war als Russlanddeutscher in der Ukraine beim Einmarsch der  Wehrmacht von dieser zum Dienst eingezogen worden und konnte sich nach Kriegsende nach Hamburg absetzen, wo er 25 Jahre lebte – getrennt von seiner Heimat, seiner Frau und den Kindern. Das ist es, was Irina über ihren Großvater weiß. Alles andere in seiner Vergangenheit bleibt nebulös. „Als die russische Armee als Befreier kam, wurden eigentlich alle Kollaborateure in den Gulag geschickt. Mein Opa aber nicht, so dass sich für mich die Frage ergab: Wie hat er geschafft, das zu umgehen?”

Irina Ruppert hat sich eingehend mit dem Leben von Soldaten im Zweiten Weltkrieg beschäftigt. „Ich habe irgendwann angefangen, sehr viel zu lesen, z. B. die Abhörprotokolle deutscher Soldaten in britischer und amerikanischer Gefangenschaft von Sönke Neitzel und Harald Welzer, wo Soldaten sehr offen erzählen und man viel über deren Mentalität erfährt. Sehr persönliche Bekenntnisse. Das hat meine Auseinandersetzung befördert und immer wieder die Frage aufgeworfen: In welcher Form war unsere Großelterngeneration in diese Zeit involviert? Was ist passiert mit den Männern, wie sind sie  durch die Umstände geprägt?  Was hat die Menschen zu dem gemacht, was sie geworden sind?”

Letztlich hat sie keine konkreten Antworten über die Rolle ihres Großvaters erhalten, auch eine Recherche bei der Wehrmachtsauskunft blieb ohne Ergebnis.

An eine künstlerische Auseinandersetzung hat sie beim Sammeln der Bilder schon immer gedacht. Aber erst der Zufall spielt ihr die richtige Trumpfkarte zu: „Die Bilder hab ich in einer Schublade aufbewahrt. Eines Tages zog ich sie auf, und es lag eine Motte auf einem Gesicht.”

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Sie merkt: Es geschieht etwas mit ihr als Betrachterin. Es fügt sich etwas zusammen, was nicht zusammengehört. Die Fotografin nimmt also tote Käfer, Motten, Schmetterlinge und kombiniert sie  mit den Bildern der anonymen Soldaten. Sie drapiert sie auf die Bilder. Die Insekten werden zu Kopfbedeckungen, schmücken das Revers der Uniform, sitzen auf den Augen der Soldaten.  In der Beschäftigung damit ergeben sich viele Fragen. Sie führt ein Zwiegespräch: „Wie wart ihr eigentlich im Krieg? Welche Funktion habt ihr übernommen? In welcher Form wart ihr beteiligt? Habt ihr was Böses getan? Tue ich was Böses, wenn ich euch Insekten auf die Gesichter setze?”

Immer wieder collagiert Irina Ruppert neu. Dazu muss sie eine zweite Sammlung erschaffen: tote Tiere. Es hört sich morbide an, eine derartige Sammlung einzurichten (es sind nicht nur Insekten), aber die Künstlerin betreibt das Sammeln mit einem beinahe wissenschaftlichen Eifer, lernt viel über Konservierungsmöglichkeiten, baut kleine Aufbewahrungsboxen und stellt diese schließlich in einen eigens eingerichteten Kühlschrank.

Doch auch wenn sie sich mittlerweile zur Expertin für die sachgemäße Lagerung von Insekten entwickelt hat, ist ihr klar, dass das Projekt einen endlichen Charakter hat. Irgendwann wird Irina Ruppert die Tiere nicht weiter aufbewahren können. „Der Kühlschrank ist voll. Neulich fand ich einen Vogel, der seine Krallen von sich streckte. Ich dachte, der muss auch seinen Platz bekommen, und hab ihn einem jungen Soldaten zugeordnet.” Einmal hat sie ihre Arrangements ausgelegt, um dann auf eine längere Reise zu gehen. Als sie zurückkommt, haben sich Maden durch die Fotos gefressen.

 

Aus der Serie "Soldaten 0008-0129" von Irina Ruppert.

Aus der Serie “Soldaten 0008-0129″ von Irina Ruppert.

 

Ans Aufhören kann die Künstlerin derzeit noch nicht denken: „Ich habe so viele Freunde, die mir gerade Insekten zuspielen. Mein Kühlschrank ist voll mit außergewöhnlichen Insekten, überfahrenen Fröschen, Käfern aus Südfrankreich. Aber ich entwickle gerade eine Idee für eine weitere Arbeit über den Zweiten Weltkrieg.

Auch wenn sie am liebsten die  Originalfotos mit den Tieren ausstellen möchte, ist ihr bewusst, dass sie die Arrangements allein als Reproduktion präsentieren kann. Denn welche Institution könnte die richtigen Voraussetzungen für eine Ausstellung dieser ungewöhnlichen Kombinationen schaffen? Die noch viel größere Hürde: Wer wird sich  trauen, die inhaltlich provokante Arbeit auszustellen?

„Marienkäfer auf den Augen eines deutschen Soldaten. Tote Tiere als schmückendes Beiwerk auf Erinnerungsbildern. Das ist natürlich ein Tabubruch. Aber es löst gleichzeitig Diskussionen aus, und die finde ich wichtig,” sagt die Künstlerin.

Weitere Infos: http://www.irinaruppert.de

Hold the Line. Im Gespräch mit Siegfried Hansen.

 

Aus dem Buch: Siegfried Hansen - Hold the Line

Aus dem Buch: Siegfried Hansen – Hold the Line

Eine Verabredung mit dem Fotografen Siegfried Hansen in einem Hamburger Café. Anlass ist das neue Buch “Hold the Line”. Den Fotografen, der für eine sehr eigene fotografische Ästhetik steht und im Genre der Street Photography viele Bewunderer hat, kenne ich, seitdem wir einst ins Gespräch kamen und er mir einen Buchdummy vorführte, der äußerst vielversprechend war. Das endgültige Buch ist aber noch mal ganz anders und viel besser geworden. Grund genug, dieses bei Kaffee und Kuchen zu feiern und den Fotografen zu seinen Erfahrungen mit dem Büchermachen sowie zu seiner ungewöhnliche fotografische Auffassung zu befragen.

 

Soeben ist dein erstes Buch “Hold the Line“ erschienen. War damit ein Lernprozess für dich verbunden?

Definitiv, ich hab lernen müssen, mich von bestimmten Vorstellungen, wie Bilder in Büchern funktionieren, zu lösen. Ich hatte eine Vorstellung, wie mein erstes Buch aussehen sollte und hab dann einen Dummy produziert. Bis zum endgültigen Buch hat das Buch viele verschiedene Versionen gehabt und sieht jetzt völlig anders aus als ursprünglich. Ein entscheidender Lernprozess war dabei, die „best of” –Bilder in ein adäquates Buchdesign zu bringen. Sehr schnell hab ich  gemerkt, dass ich der Graphik des Buches viel mehr Aufmerksamkeit widmen musste. Es reicht eben nicht nur, nacheinander gute Bilder zu präsentieren. Ein entscheidendes Stilmittel war schließlich, die leeren Farbseiten einzufügen und mit meinen graphischen Bildern korrespondieren zu lassen. Ich hab mir viele Fragen gestellt bei der Gestaltung des Buches: einerseits wollte ich gern eine Sachlichkeit, die etwa der Bauhaus-Ästhetik entspricht,  einbringen. Dann habe ich mich viel damit beschäftigt, wie sich gute Einzelbilder zu einem Erzählfluss zusammenfügen. Aber auch Fragen der Herstellung haben mich umgetrieben. Welches Papier ist das richtige? Welche Haptik will ich erreichen?  Von welcher Beschaffenheit soll der Umschlag sein?

 

Doppelseite aus dem Buch "Hold the Line" von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Bist du für die äußerst gelungene Gestaltung alleine verantwortlich?

Ja, aber viele Entscheidungen sind durch Fragen und Zuhören entstanden. Wenn ich sehr unterschiedlichen Leuten meine Arbeiten zeigte, hab ich deren Reaktionen inhaliert. Oft kamen nämlich entscheidende Hinweise von anderen. Meine Bilder kannte ich alle zur Genüge; die Frage war, wie könnte ich die ideale Form dafür finden.

Das eigentliche Buch ist schließlich auf einem Fotoworkshop entstanden, den ich bei Wolfgang Zurborn und Markus Schaden besucht habe. Dort traf ich auch den türkischen Graphiker Okay Karadayilar. Der hat dem Buch durch das Stilmittel der leeren Farbseiten die entscheidende Richtung gegeben. Das war die Initialzündung, das Buch so zu machen, wie es jetzt auch fertig vor uns liegt. Den letzten Schliff kriegte es dann beim Druck selbst, als mir Richard Reisen vom Kettler Verlag noch entscheidende Hinweise gegeben hat. Es ist wunderbar, wenn Leute über wichtige Erfahrung verfügen und einen daran teilhaben lassen.

 

Ist es nicht auch schwierig, sich immer wieder den Meinungen anderer auszusetzen?

Ich sperre mich natürlich auch erst mal gegen Kritik, aber dann verarbeite ich die und lerne daraus. Ich hab meine Arbeit also bereitwillig vielen Leuten gezeigt und Reaktionen abgewartet. Oft habe ich dann entscheidende Hinweise erhalten, über Farbwirkungen oder Dramaturgie der Bilder und Leerseiten. Ich hab dann immer wieder Feinjustierungen vorgenommen.

Der angesprochene Fotobuch-Workshop, der eine Woche lang dauerte, hat mir entscheidend geholfen. Mehrere renommierte Fotobuchexperten haben mich dabei unterstützt, meiner Serie den richtigen Ablauf zu verpassen. Vorher haben meine Bilder teilweise zu stark gegeneinander gearbeitet.

 

Wie lange hast du an „Hold the Line“  gearbeitet?

Eineinhalb Jahren arbeitete ich an dem Buch, angefangen mit dem ersten eigenen Dummy, über mehrere Workshops, wo ich einige Grundkenntnisse über Zusammenstellung  lernte, bis zur Abgabe im Verlag.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

 

Würdest du einem Neuling, der ein Buch machen will, empfehlen, einen Workshop mit Buchexperten zu besuchen?

Auf jeden Fall. Die Erfahrung der Büchermacher ist Gold wert. Man legt 30, 40 Bilder auf den Tisch und schaut genau, wie die Experten diese Bilder zusammenschieben.  „Kill your Darlings“ – Oft denkt man dann, auf die Idee wäre ich nie gekommen, die Bilder in dieser Weise zu kombinieren. Es ist ein Lerneffekt. Nach und nach hab ich selbst mutiger Bildstrecken zusammengefügt und Aussagen damit formuliert. Ich fand es interessant, dass die Experten ganz anders auf die Bilder schauen als der Fotograf, der ein Bild mit einer bestimmten Situation verknüpft, während der Experte völlig voraussetzungsfrei daran geht und Kriterien schafft, die dem Buch dienlich sind.

 

Wie bist du zu deinem Verlag gekommen?

Der Verlag Kettler hat damals eng mit Schadens temporären PhotoBookMuseum in Köln gearbeitet, wo auch der Workshop stattfand. Richard Reisen vom Kettler Verlag kam vorbei und hat das Buch begutachtet. Es gefiel ihm so gut, dass er spontan zugesagt hat, es zu drucken.

 

Ohne irgendwelche Bedingungen?

Wie alle Fotografen musste ich natürlich (mit-)finanzieren. Das ist ja heute üblich. Aber inhaltlich gab es keine Bedingungen – es mussten nur noch kleine Entscheidungen, etwa über den Seitenumfang, getroffen worden. Als Richard Reisen meine Arbeit auf dem Workshop für gut befand und verlegen wollte, gab mir das einen entscheidenden Schub, intensiv daran zu arbeiten und es schlüssig zu Ende zu bringen.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

 

Jetzt ist das Buch fertig. Wie gut bist du im Marketing?

Ich fotografiere seit 15 Jahren. Am Anfang habe ich nur fotografiert, alles andere hat mich überhaupt nicht interessiert. Dann kamen die ersten Ausstellungen und Auszeichnungen. Ich hab irgendwann geschaut, wie machen das andere Fotografen und gemerkt, wenn man kein vernünftiges Marketing betreibt, ist man schnell von der Bildfläche verschwunden. Es sei denn, man hat einen Förderer, der das alles für einen macht. Wenn man den Gaul vom Trab nicht in den Galopp bringt, passiert nichts.

 

Wie kann man den Buchverkauf zum Galopp bringen? Hilft es dir, dass du gut in der Street Photography-Community vernetzt bist?

Ob mir das hilft, Akteur einer Community zu sein, kann ich nicht sagen. Das wird sich zeigen. Die Buchauflage ist 500, also überschaubar. Ich werde nach einem halben Jahr wissen, ob meine Idee des Buches aufgegangen ist. Finden das nur meine Hardcore-Fans gut? Oder haben darüber hinaus auch andere Leute ein Interesse? Vielleicht sind es nur die 200, 300 Leute, die mich kennen und das Buch kaufen. Dann wird es mir eine Lehre sein, dass der Markt nur Special-Interest-Kunden bedient und ich muss daraus meine Konsequenzen ziehen, ob ich weitere Bücher mache. Das erste Buch ist ein Testballon. Womit ich gute Erfahrungen mache, um meine Adressaten zu erreichen, ist tatsächlich Facebook.  Derzeit kriege ich  jeden Tag Anfragen für Bestellungen.  Das zeigt sich ganz schön bei den Anfragen zu meiner Special Edition. Ich dachte, ich hätte mit 75 Exemplaren die Edition viel zu groß gemacht.  Aber jetzt sind schon 55 Exemplare verkauft. Was mich vor allem überrascht, ist, dass Reaktionen auf die Neuerscheinung von überall auf der Welt kommen. Gestern bestellte z. B. ein Interessent aus Brasilien, davor kamen Anfragen aus Thailand.

Auch beim Verlag selbst liefen viele Vorbestellungen auf; die Leute vom Kettler Verlag sagten mir, dass sie das in der Weise gar nicht kennen, vor allem, weil die Bestellungen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland kommen.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

 

Das zeigt, dass du auch international wahrgenommen wirst. Du stehst für eine bestimmte fotografische Position. Hat dir das einen Schub gegeben, dass du in der wichtigen Anthologie „Street Photography Now“ aufgenommen bist?

Darin ist die Creme de la Creme der Street Photography versammelt, das hat mir sicher geholfen. Außerdem ist es natürlich für die Aufmerksamkeit gut, dass ich in der Street Photography-Gruppe iN-Public bin, wo Leute wie z.B. Trent Parke mitmachen. Die Gruppe besteht aus 24 Fotografen, ich bin der einzige Deutsche darin. Die Aufnahme darin war ein kleiner Ritterschlag für mich. Und das, obwohl ich völlig anders fotografiere als meine englischsprachigen Kollegen. Meine Sehweise fällt auf, es gibt niemanden, der eine ähnliche Ästhetik verfolgt.

Deine Street Photography ist ziemlich singulär. Wie bist du zu dieser Auffassung gelangt?

Eine Initialzündung war eine Ausstellung von André Kertész, die ich vor vielen Jahren in Tokyo besucht habe. Vorher hab ich ganz anders fotografiert, aber da hat sich ein Schalter umgelegt. Plötzlich habe ich erkannt, dass man Bilder graphisch gestalten kann, um  bestimmte Aussagen damit zu treffen. Kertész hat sehr viel mit Flächen gearbeitet sowie mit Vorder- und Hintergrund. Ich hab von einer Minute zur anderen meine Fotografie komplett verändert. Dann habe ich mich mit einem weiteren Klassiker wie Cartier-Bresson beschäftigt, seine klare Bildsprache imponierte mir. Der dritte einflussreiche Fotograf war Ernst Haas, bei dem ich genauestens die Farbwirkungen seiner Fotos studiert habe.

 

Wie kann man deine fotografische Vorgehensweise beschreiben?

Ich hab ein selektierendes Sehen, ich sehe in Abschnitten und bemerke zunächst die graphischen Elemente, nicht die agierenden Menschen. Ich sehe die Graphik und dann sehe ich im zweiten Blick das, was als Situation gleich passieren könnte. Schauen wir z.B. hier aus dem Fenster des Cafés,  wo wir gerade sitzen. Ich sehe vor allem die Linien der Straße und des gegenüberliegenden Gebäudes und überleg sofort, wo müsste jetzt jemand stehen, damit es eine perfekte Komposition ergäbe. Natürlich trainiere ich das Sehen, vor allem, um schnell agieren zu können. Dinge passieren einmalig und man muss seinen Fotoapparat im Schlaf beherrschen. Was stelle ich scharf oder unscharf, es gibt keine zweite Chance! Das würde wohl jeder Streetfotograf unterschreiben. Aber man muss nicht nur den Apparat beherrschen, sondern auch das Sehen trainieren. Ich suche bestimmte Ausschnitte unserer Welt aus und dann schaue ich einfach auf das, was geschieht. Es kann dann eine Spannung zwischen rein graphischer Situation und einem bestimmten Moment entstehen, wenn z.B. ein Hund in die Szene hineinläuft.

 

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Doppelseite aus dem Buch “Hold the Line” von Siegfried Hansen

Wartest du also geduldig, bis die geeignete Situation entsteht und machst dann dein Bild? Oder fotografierst du exzessiv und suchst das Beste aus?

Man könnte sich das so vorstellen, dass ich eine graphische Situation vorfinde und dann stundenlang warte, dass etwas Interessantes passiert. So funktioniert das bei mir aber nicht. Ich gehe durch die Straßen und entwickle eine extrem hohe Konzentration. Ich lauf also einfach los, etwa hier in Hamburg, von Ecke zu Ecke, sehe eine „Graphik“, überblicke schnell, ob was passiert, wenn nicht, bin ich schon weiter. Ich ordne jedes Mal, wenn ich weitergehe, mein Bildmaterial neu. Das ist ein permanenter Ablauf im Hinterkopf, ich achte immer auf Vorder- und Hintergrund. Es verlangt mir große Konzentration ab. Wenn dann irgendwo eine interessante Situation entsteht, fahre ich meine Aufmerksamkeit sofort hoch. Dann bin ich hellwach. Ich lauf z .B. von hier aus zur U-Bahn, beobachte dort bestimmte Sachen, steig vielleicht in die U-Bahn ein, steig wieder aus, sehe Spiegelungen im Fenster. So geht das in einem fort. Trotz aller Konzentration ist es für mich auch Entspannung, etwas Angenehmes, rauszugehen und mich treiben zu lassen und zu beobachten. Ich fühle mich in meinem Tun manchmal wie ein Musiker, der selbstvergessen auf seinem Instrument spielt und am Ende kommt ein neues Stück raus.

Viele denken, man macht jetzt 1000 Fotos und sucht sich dann die besten aus, der Rest ist Schrott. Ich denke, ich bewege mich in meinem Feld auf einem permanenten Niveau und arbeite gar nicht über die Masse. Das soll nicht überheblich klingen, denn dieses Level muss man sich hart und über lange Zeit erarbeiten. Und dann gibt es in den Bildern immer wieder Ausschläge nach oben, die einen richtig froh machen. Umgekehrt – wenn die Ausbeute mal nicht gut ist, bin ich nicht gleich beunruhigt, aber eigentlich passiert das nicht, denn ich sehe immer viel. Das merke ich, wenn Leute mich mal begleiten. Die sind erstaunt über das, was ich fotografiere, wie ich fotografiere und wie schnell ich fotografiere. Ich krieg dann zu hören: “Ich stand doch daneben und hab das trotzdem nicht gesehen.“

 

Das Buch “Hold the Line” ist bei Kettler erschienen. 56 S., 20 x 27 cm, ISBN 978-3-86206-435-9, 26,00 €.

Die Special Edition (Auflage 75 Ex.) umfasst das Buch und einen Print. Sie ist nummeriert und signiert und kostet 75,00 € (plus Versand). Es gibt noch wenige Exemplare beim Fotografen direkt: http://www.street-photography-hamburg.siegfried-hansen.de

Das Schwingen beim Betrachten. Über die Arbeiten von Henrik Spohler.

 

Lagerung von Leercontainern in Bilbao. (Henrik Spohler: In Between).

Lagerung von Leercontainern in Bilbao. (aus: Henrik Spohler. In Between)

 

Eine der interessantesten Positionen in der deutschen Fotografie nimmt seit Jahren Henrik Spohler ein. Den Fotografen beschäftigen die -im wahrsten Sinn des Wortes- weltumspannenden Themen, die wir zwar immer wieder politisch debattieren, von denen wir aber dennoch nur vage bildliche Vorstellungen entwickeln. Henrik Spohler recherchiert intensiv und versucht schließlich, für seine Absichten eine visuelle Entsprechung an den ausgesuchten Orten zu finden. Ein eigenartiger Effekt entsteht beim Betrachten der Ergebnisse: Seine artifiziellen Ansichten sind anregend und fordern uns zugleich intellektuell heraus.  ”Es dreht sich darum, das Wissen des Betrachters zum Schwingen zu bringen,” sagt Henrik Spohler. Genau das gelingt ihm immer wieder.

Mit welchen Inhalten beschäftigst Du Dich in Deinen vier Werkgruppen, die in Ausstellungen gezeigt und auch als Bücher erschien sind – und nun das erste Mal als Gesamtschau zur Triennale der Photographie zu sehen sein werden?

Seit dem Jahr 2000 beschäftige ich mich mit aktuellen oder zukünftigen Themen unserer Gesellschaft in Bezug auf die moderne wirtschaftliche Globalisierung. Ob das nun mein erstes Projekt „0/1 Dataflow“ war, das die technischen Infrastrukturen eines neu entstehenden Informationszeitalters zeigt. Oder die Bilder von antiseptisch wirkenden Hight-Tech Fabriken in „Global Soul“, die Fragen nach einer radikal veränderten Arbeitswelt stellen. Oder „The Third Day“, wo ich unserem verklärt, romantischem Landschaftsbild die Vision von endlosen Agrarindustrien entgegenstelle.

 

Hafeninsel Yangshan. Zufahrt Containerterminals. (aus: Henrik Spohler. In Between).

Hafeninsel Yangshan. Zufahrt Containerterminals. (aus: Henrik Spohler. In Between).

 

Sind das nicht Themen, die man präziser in bewegten Bildern fassen könnte?

Ich verfolge ja keinem journalistischen Ansatz. Meine Projekte sind eher als Untersuchungen zu aktuellen Themenfeldern zu verstehen. Es geht mir gerade darum, Gewissheiten zu vermeiden. Dabei bewegen sich meine Fotografien auf einem Grat zwischen realen Orten, die ich aufgesucht habe und meiner bildlichen Erzählung. Ich nutze die Fotografie, um eine Balance zwischen dokumentarischen und imaginären Aspekten herzustellen. Die Bilder einer Serie sind bei aller Klarheit weder inhaltlich, zeitlich noch räumlich eindeutig einzuordnen.

Zur Triennale zeigst Du deine neue, bisher unveröffentlichte Arbeit „In between“. Worum geht es da?

Im Grunde geht es um die fast schon absurde Omnipräsenz von Waren – als ein Zeichen der Globalisierung. Wer heute online ein Paar Pantoffeln bestellt, findet sie bereits morgen vor der eigenen Haustür. Egal, ob sie in Taiwan oder Südtirol hergestellt wurden. Waren, Rohstoffe und Industriegüter sind nahezu überall und zu jeder Zeit verfügbar. Die weltumspannende Logistik ist zum Rückrat von Wirtschaft geworden. Das Projekt untersucht Orte des Transits. Schnittstellen der Logistik wie Häfen und Frachtflughäfen, oder Anlagen und Areale, die sich entlang von Handelswegen gebildet haben. Gebiete, die nur dem wirtschaftlichen Funktionieren entsprechen. Orte, die isoliert betrachtet keinen Hinweis auf Länder oder Kontinente geben. Die Fotografien zeigen die Rückseiten industrieller Produktion und wirtschaftlichen Handelns. Es entstehen fiktional anmutende Motive von namenlosen Gebiet.

 

Autoverladung Emden. (aus: Henrik Spohler. In Between).

Autoverladung Emden. (aus: Henrik Spohler. In Between).

 

Henrik Spohler, Jahrgang 1965 studierte an der Folkwangschule/Universität Essen. Spohlers vielfach ausgezeichnete Arbeiten sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Er unterrichtet als Professor an der HTW Berlin im Studiengang Kommunikationsdesign. Henrik Spohler lebt in Hamburg und Berlin.

 

Distributionsanlage für Pakete am Flughafen Köln-Bonn. (aus: Henrik Spohler. In Between).

Distributionsanlage für Pakete am Flughafen Köln-Bonn. (aus: Henrik Spohler. In Between).

 

Die Ausstellung  ”When Millenium Begins” wird vom 18.06. bis 28.06.2015 anlässlich der Photo Triennale in der Barlach Halle K in Hamburg gezeigt. Neben der Ausstellung in Hamburg werden Henrik Spohlers Arbeiten dieses Jahr auch auf dem Fotofestival Mannheim Ludwigshafen Heidelberg präsentiert.

Weitere Infos:

http://www.henrikspohler.de

http://www.phototriennale.de/exhibitions/when-millennium-begins/

 

Ausflüge in den Garten.

 

http://nicomichaelsen.com

Nico Michaelsen – Botanica

 

Um mich der Erschöpfung des Großstadtdaseins zu entziehen, setze ich mich manchmal einfach auf mein Fahrrad und verreise. Meine Reise dauert kaum länger als drei Minuten, bis ich die beschauliche Stille einer exotischen Welt erreicht habe. Auf meinen Streifzügen darin bewege ich mich vielleicht zunächst in Richtung Südamerika, zu Wüstengärten, die unter den Glaspyramiden liegen oder zum chinesischen Pavillon. Einen Moment verharre ich ehrfurchtsvoll im Garten der Giftpflanzen, an anderer Stelle  studiere ich die Vegetation des europäischen Hochgebirges. Schließlich suche ich mir im Schatten des Bambus ein Plätzchen, um mich dort niederzulassen oder bewege mich in den Duftgarten, um meinen Geruchssinn zu üben.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

Es gibt ihn tatsächlich. Diesen Ort, der all dieses bietet und dessen ganze Vielfalt  man vollständig in wenigen Minuten flanierend erobern kann. Der Botanische Garten in Hamburg dient dem gestressten Großstädter zum erholsamen Verweilen, zur Inspiration oder zum ensthaften Pflanzenstudium.

 

Auch Nico Michaelsen ist ein häufiger Nutznießer dieses Gartens. Begegnet bin ich ihm dort noch nie, denn er bewegt sich auf (Gedanken-)Pfaden, die etwas abseits liegen. „Über mehrere Jahre ging ich immer wieder in den Botanischen Garten und war froh, wenn ich mit einigen brauchbaren Bildern nach Hause gekommen bin. Wenn man erst einmal ein Konzept entwickelt hat, folgt der Blick nur dessen Umsetzung, es hilft bei der Suche der Bilder und gibt die Richtung vor. Dennoch war schwer, einem Ort, den ich gut kannte, Neues abzugewinnen.“ Genau das aber gelingt ihm, Nico Michaelsen erweitert die Perspektive auf einen vertrauten Ort. Denn er verfällt – im Gegensatz zu mir – nicht ausschließlich dem ästhetischen Reiz der geformten Landschaft, wenn er mit seiner Kamera unterwegs ist. Fotografie bietet ihm ein geeignetes Mittel, über Formgebung, Ordnung  und Nutzung eines artifiziell angelegten Landschaftsraumes zu reflektieren. Seine Arbeit zeigt zugleich, wie sich ästhetische Einflüsse und gesellschaftliche Zusammenhänge in den geschaffenen Natur-Räumen sedimentieren.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

In seinen fotografischen Arbeiten unterwandert er das Ideal eines unberührten, paradiesischen Ortes. So zeigt er uns einerseits einen japanischen Garten, in leichten Nebel eingetaucht, als perfekte Illusionsmaschine (bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass der künstlich angelegte See mit einer dünnen Eisschicht überzogen ist). An anderen  Stellen im Garten sind immer wieder Zeichen der Eingriffe und der Korrekturen erkennbar: Die Stutzung natürlichen Wachstums, Beschriftungen, Absperrungen, Warnschilder, Abdeckplanen.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

 

Der Fotograf führt den Botanischen Garten als einen Ort der Sinnlichkeit vor, der gleichzeitig funktionalen Ansprüchen gerecht werden muss. Und so blicken wir in Ausstellungsräume, die Schnittstellen zwischen konsumistischen Vergnügen und didaktischem Auftrag bilden. Orte, die botanische Systematisierungen beherbergen und die intellektuelle Auseinandersetzung mit Eigenarten (und Gefährdungen) von Pflanzenarten befördern wollen. Der optische Widerspruch von isoliertem Gewächs und aufgeräumten, klinischem Raum vermittelt ein hohes Maß an Absurdität. Das ist nur ein Beispiel – das Subversive lauert überall hinter seinen analytischen Beobachtungen. Botanica irritiert den Betrachter, es amüsiert ihn und lässt ihn ein Stück weit melancholisch zurück.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

Nachtrag: Einem Zufall ist es zu verdanken, dass diese Arbeit hier heute gebloggt wird. Vor einiger Zeit kam ich mit Nico während einer Empfehlung eines Fotobuchs ins intensive Gespräch. Irgendwann erwähnte er eher schüchtern, dass er selbst fotografiere und er präsentierte die Serie „Botanica“, die mir sofort gefiel. Der gelernte Ingenieur für Biotechnologie arbeitet seit längerem in der Pharmaforschung. Auch wenn er nicht professioneller Fotograf ist, betreibt er die Fotografie mit einem professionellen Anspruch. „Ich habe schon, wie viele andere Amateure, lange und viel fotografiert, bis das Interesse verloren ging. Ich wollte keine Sonnenuntergänge, Türen und Fenster mehr fotografieren. Ich merkte schnell, was viele Hobby-Fotografen vergessen haben, dass Technik nicht alles ist. Ästhetik in Bildern hat seine Berechtigung, darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Ich begann Fotobücher zu sammeln und mich mit Fotokünstlern intensiv auseinander zu setzen. Früher kam es mir auf Ästhetik in den Bildern an, heute schaue ich auf so viel mehr. Meine Bilder, ob als Einzelbilder oder als Serie, „verdichten“ einen Gedanken, ein Gefühl oder eine Absicht. Fotografie ist ein perfektes Medium zur Vermittlung.“ Fotografie stellt für ihn eine kreative Ausdrucksweise dar, die er immer wieder neu austestet und erweitert. Und in der es für ihn immer noch mehr zu lernen gibt. Eine Serie mit dem schönen Titel „Das Norderstedter Gefühl“, die einen anderen Hamburg-Schauplatz behandelt, ist angekündigt. Ich warte mit Spannung darauf.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

Weitere Infos siehe: http://nicomichaelsen.com

Hundertdreiundvierzig Zentimeter lieben.

 

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Vor einigen Tagen fiel mir eine Zeitung in die Hand, die mich erst neugierig und dann ein wenig sprachlos machte. Auf der Titelseite in nüchterner Typographie nichts weiter als eine Größenangabe: HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER. Schlägt man die Zeitung auf, werden einem wunderbare Porträts einer jungen Frau präsentiert, die mit harschen Zitaten kontrastiert sind. Beispiel gefällig? “Treib es ab und versuch es nochmal. Es wäre unmoralisch, es in die Welt zu setzen, wenn du eine Wahl hast.” Das ist ein Tweed des Biologen und Religionskritikers Richard Dawkins, der 2013 in einer Umfrage der britischen Zeitschrift Prospect immerhin zum weltweit wichtigsten Denker gekürt worden ist. Nur eine von mehreren Aussagen, in denen ein völliges Unverständnis formuliert wird – darüber, dass Mütter und Väter eine andere Wahl treffen und sich bewusst für ein Kind mit Trisomie 21 entscheiden könnten. Behinderte Menschen haben in einer Optimierungsgesellschaft keinen Platz.

Marina hat einen Platz. Sie hat eine Familie, Freunde, eine Arbeit. Sie ist 143 cm groß,  26 Jahre alt und die Schwester der Fotografin Sabine Lewandowski. Sie ist mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen. Sabine Lewandowski präsentiert ihre Schwester in einer ungewöhnlichen Porträtserie, anbei stellt sie einen überaus persönlichen Text. Auf mich wirkt das sehr lange nach…und ich möchte mehr wissen.

 

Was war der Anlass für dein Projekt?

Sabine Lewandowski: Anlass war meine bevorstehende Bachelor-Arbeit, bei der ich mich mit einem persönlichen Thema beschäftigen wollte. Aufgrund meines familiären Hintergrunds und der immer wieder aufkommenden Diskussionen zu Trisomie 21 lag es für mich nahe, meine Sicht auf fotografische Weise darzustellen und später mit den recherchierten Zitaten zu ergänzen.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Jeder will ein Buch machen. Du hast ein Journal gemacht – warum?

Meine Intention zu HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER war, die Öffentlichkeit mit dem Thema anzusprechen und zu konfrontieren. Eine Zeitung trägt im Gegensatz zu einem Buch eine gewisse Leichtigkeit mit sich, wobei ihre Mitteilungen nicht an Gewicht verlieren, sie wird für ein breites Publikum hergestellt und von unterschiedlichen Altersgruppen wahrgenommen.

Welche Auflage machst du und wo ist die Zeitung gedruckt?

Die Zeitungen wurden bei einer Druckerei in London gedruckt, die sich auf Zeitungen spezialisiert hat. Ich habe mit einer kleinen Auflage begonnen, um das Journal finanzieren zu können. Aufgrund der hohen Nachfrage, wurde mittlerweile die 3. Auflage mit je 20 Exemplaren gedruckt.

Warum arbeitest du so stark mit Zitaten, die, um im Bild der Zeitung zu bleiben, wie Schlagzeilen wirken?

Die Zitate schaffen eine zusätzliche Ebene zu den emotionalen Bildern. Sie sind der Kontrast zu den weichen Fotos und bilden eine Haltung unserer modernen Gesellschaft ab. Sie zeigen, was einzelne Menschen beschäftigt, welche Fragen gestellt werden und wie letztendlich der Umgang mit dem Down-Syndrom ist.

Geben die drastischen Zitate nicht die Vorurteile und Meinungen einzelner verwirrter bzw. konservativer Kräfte wieder, während der gesellschaftliche Diskurs schon viel weiter vorgedrungen ist? (Inklusion als pädagogisches Schlagwort, Teilhabe in neuen Berufsfeldern etc.).

Natürlich sind es nur einzelne, von mir ausgewählte Aussagen, die in der Zeitung sehr komprimiert und geballt wirken. Es gibt durchaus positive Stimmen zum Down-Syndrom. Mit meiner Arbeit ging es mir nicht darum, die Inklusion voranzutreiben. Meiner Meinung nach sollte diese je Einzelfall entschieden werden. Vielmehr hinterfrage ich die Wertigkeit eines Menschen in der Gesellschaft, Entscheidungen über ein Leben und das Streben nach Perfektion in der Welt. Alle Zitate geben eine Haltung wieder, die den Umgang mit dem Down-Syndrom aufzeigen. Es wird ein Wertesystem vorgegeben, nachdem es unverantwortlich ist, ein Kind mit Behinderung zur Welt zu bringen. Das zeigt nicht zuletzt die hohe Abtreibungsquote von über 90% bei der Diagnose Down-Syndrom.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Wie würdest du dein Konzept zu HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMENTER allgemein beschreiben?

Mir fiel es bei dieser Arbeit schwer, von Anfang an einem durchdachten Konzept zu folgen. Ich hatte einen Gedanken und ließ mich von meiner Intuition leiten. Das Konzept hat sich sozusagen Schritt für Schritt zusammengesetzt. Bei den Fotos war es mir wichtig, das festzuhalten und wiederzugeben, was mir an Marina vertraut ist, was ich kenne und auch nach außen transportieren wollte: ganz normale Momente des Alltags und unterschiedliche Facetten, die Marinas Persönlichkeit ausmachen. Als ich mich mehr mit dem Thema der pränatalen Diagnostik, persönlichen Geschichten und den aktuellen Schlagzeilen beschäftigt habe, wuchs der Wunsch, die Arbeit mit einer weiteren Ebene zu ergänzen.

Immer wieder werden fotografische Klischees reproduziert, wenn es um einen Protagonisten mit Behinderung geht. Du schaffst eine ganz eigene Ästhetik, die die Konzentration auf die Persönlichkeit legt, auf Innerlichkeit und den Gefühlsausdruck des Individuums. Wolltest du dich von den üblichen Sozialreportagen bewusst wegbewegen?

Ja. Trisomie 21 ist ein Gendefekt, der sich zuerst an äußeren körperlichen Merkmalen ausdrückt. Die damit verbundenen Klischees sind für einen Fremden erst einmal schwer zu durchdringen. Mit einer Sozialreportage hätte ich vermutlich nur ein weiteres Klischee bedient. Marinas Down-Syndrom ist für mich zweitrangig, in erster Linie ist sie meine Schwester – mit ihrer eigenen Persönlichkeit, ihren Stärken und Schwächen. Ich wollte Momente aus ihrem Alltag und ihren unterschiedlichen Facetten festhalten – die Mischung aus beidem ergibt für mich erst eine komplexe Darstellung ihres Wesens.

„Loving her is a splendid adventure“, schreibst du ganz am Ende. Ist die Geschichte also weniger eine über eine junge Frau, die mit Trisomie 21 lebt, sondern eine, die über die Beziehung zweier Schwestern berichtet?

Natürlich erzählt die Arbeit von allem ein bisschen… Es ist die harmonische Beziehung zueinander, die diese Serie erst möglich gemacht hat.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Wie lange hast du an der Serie gearbeitet?

Das Gesamtprojekt HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER ist im Zeitraum von 15 Wochen entstanden.

Wie findet deine Schwester, dass sie Hauptperson einer Zeitung ist? 

Marina blättert jeden Morgen in der aktuellen Tageszeitung. Für sie ist es etwas Besonderes, nun ihre eigene Zeitung in den Händen zu halten. Die Bedeutung, die ihre Fotos angenommen haben, ist ihr allerdings nicht bewusst.

Fiel es dir an irgendeiner Stelle schwer, dein Privatleben zu einem fotografischen Sujet zu machen?

Da es nicht nur ein Teil meines Privatlebens, sondern auch meiner Familie ist, gab es immer wieder Momente, in denen ich mein Gewissen hinterfragt habe. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe. Mein persönlicher Bezug gibt den Fotos die Nähe und die Ausdrucksstärke, die ich als Außenstehende nicht hätte festhalten und transportieren können.

Apropos privat: Wie wichtig war es dir, einen eigenen, sehr persönlichen Text am Ende einzubauen, der deine Haltung noch einmal klarmacht und deine Schwester in kluger und anrührender Weise darstellt?

Anfangs hatte ich keinen persönlichen Text vorgesehen. Ich habe immer wieder versucht, meinen Standpunkt möglichst unkommentiert durch die Fotos wiederzugeben. In Gesprächen mit meiner Familie, Freunden und Professoren wurde mir bewusst, dass mancher Leser meine Intention zu dieser Arbeit erst durch den persönlichen Text besser erfassen kann.

Wie sind die allgemeinen Reaktionen auf die Serie?

Die Reaktionen auf die Serie waren durchgehend positiv. Viele Menschen haben interessiert nachgefragt, Zeitungen bestellt und die Fotos aufmerksam studiert. Es gab die unterschiedlichsten Gespräche. Persönliche Geschichten, die sich in der Arbeit wiedergefunden haben und Rückfragen von Menschen, die bisher gar keine Berührungspunkte mit Trisomie 21 hatten. Wenn Vorurteile vorhanden sind, versuche ich diese zu hinterfragen. Gerade bei solchen sensiblen Themen, ist es wichtig, zuzuhören und ein Verständnis zu entwickeln. Erst dann wird ein wertvolles Gespräch auf Augenhöhe möglich, ohne kämpferisch auf seinem Standpunkt zu beharren.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER, 60 S., 29 x 37,5 cm,  21,00 €

Weitere Infos: http://sabinelewandowski.com

Bis zum 23. Mai ist die Arbeit auch als Ausstellung in der Stadtbibliothek Bremen zu sehen: http://www.stabi-hb.de/Veranstaltungen.html?zg1=&zg2=&bib=&vaid=5299

Find a Fallen Star – Im Gespräch mit Regine Petersen.

 

Regine Petersen: Kanwarpura (Leading Face)

Regine Petersen. Kanwarpura (Leading Face). The Indian Iron.

In den fünfziger Jahren fällt ein Stein fällt durch das Dach eines Hauses im Alabama und verletzt eine Frau. In einem Dorf in Nordrhein-Westfalen hören Kinder ein Summen wie von einem Propeller, als plötzlich etwas zu Boden fällt. Sie finden einen Meteoriten, den sie in mehrere Stücke schlagen und untereinander aufteilen. Zwei Hirten in Rajasthan werden 2006 Zeugen eines seltenen Meteoritenfalls, der sich unweit eines Atomkraftwerks ereignet. Regine Petersen hat diese “Fälle” zum Anlass genommen, die Orte aufzusuchen, Augenzeugen zu befragen, Dokumente zu recherchieren und mit ihren eigenen assoziativen fotografischen Arbeiten zu ergänzen. Die Serien der Hamburger Fotografin wurden mehrfach ausgezeichnet und sind jetzt in einem wunderbaren neuen Buch erschienen. Ein guter Anlass, bei der Fotografin einmal nachzufragen:

 

Hast du jemals einen Meteoriten in der Hand gehalten? 

Regine Petersen: Das ist ein schöner Einstieg in ein Gespräch. Ich habe alle möglichen Meteoriten in der Hand gehalten, von kleinen steinigen Krümeln bis hin zu schweren Eisenbrocken. Ich finde, es ist ein schönes Gefühl. Sie sind schwerer, als man erwartet und die steinigen Körper haben oft eine samtige Oberfläche, die beim Flug durch die Atmosphäre entstanden ist. Ich habe auch schon selbst kleine Meteoriten in der Wüste gefunden – das ist noch aufregender.

 

Wie kommt man als Fotografin dazu, sich ausgerechnet für ein Thema wie Meteoriten zu interessieren, das eigentlich Domäne der Wissenschaft ist? Hattest du von Anfang an Vertrauen darauf, dass dein Thema sich fotografisch aufbereiten lässt?

Ich interessiere mich für wissenschaftliche Themen. Ich denke auch, dass es einige Schnittpunkte zwischen Kunst und Wissenschaft gibt, vordergründig ein Interesse an rätselhaften Dingen. Ich sehe viele Analogien zwischen Meteoriten und der Fotografie, z.B. wenn man anfängt, Meteoriten als Zeitkapseln zu betrachten. Sie sind Zeugen der Entstehung des Sonnensystems und die ersten Staubkörnchen aus der Zeit sind in ihnen noch enthalten. Die existenziellen Fragen, die wir uns stellen – wer sind wir, woher kommen wir usw., all das sehe ich auch in der Fotografie. Aber Meteoriten spielen nicht nur in der Wissenschaft eine große Rolle, sondern generell in der Menschheitsgeschichte; in der Religion und im Leben derer, die beobachtet haben, wie sie vom Himmel fallen. Man kann sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten, kosmologisch, metaphysisch, historisch oder als Sammlungsobjekt.

Aus irgendeinem Grund hatte ich nie Zweifel an dem Projekt. Auch wenn ich nicht genau wusste, wohin mich die Reise führt, hat es sich von Anfang an richtig angefühlt.

Regine Petersen: Ann.

Regine Petersen. Ann. (Stars Fell on Alabama).

Beschäftigt man sich erst mal intensiver mit dem Thema, erfährt man, dass es im Lauf der Zeit eine Reihe von verbürgten Fällen gibt. Wieso hast du gerade diese drei Fälle rausgesucht? Wofür stehen die beispielhaft?

Ja, es gibt unzählige Geschichten über Meteoritenfälle. 100 davon habe ich in einem Text-Büchlein zusammengefasst, welches ich ein paar Monate vor Find a Fallen Star herausgebracht habe. Die drei Geschichten haben mich aber nachhaltig beschäftigt und es gab interessante Entwicklungen bei der Recherche vor Ort. Die Fälle waren relativ komplex und es kristallisierten sich bei allen ähnliche Fragestellungen heraus, etwa was die Konstruktion von Geschichte betrifft. Es geht neben den Erzählungen ja auch immer darum, was nicht in Erscheinung tritt, sei es durch selektive Wahrnehmung, mangelndes Erinnerungsvermögen, unvollständige oder sich widersprechende Fakten oder Sprachbarrieren. Die Geschichten sind voller Lücken und das meiste bleibt im Verborgenen. Da ist auch einfach die Erkenntnis, dass ich, egal wie viel ich recherchiere, den Dingen schlussendlich nicht vollständig auf den Grund kommen kann. Bei jedem der drei Kapitel fand ich es außerdem interessant, wie sich das Leben der Betroffenen verändert hat, und wie sehr so ein Ehrfurcht gebietendes, kosmisches Ereignis im Kontrast stehen kann zu den Alltagsumständen vor Ort.

Mir war bei der Zusammenstellung der Kapitel allerdings wichtig, dass sie an unterschiedlichen geografischen Orten stattfinden. Meteoritenfälle sind ein globales Phänomen, und die Reaktionen darauf sind je nach kulturellem Hintergrund entsprechend unterschiedlich. Auch muss ich mich selbst immer wieder anders positionieren.

Der Aspekt des Zufalls und der Gegensätze interessiert mich. Was passiert, wenn man eine Kleinstadt in Alabama, in Nordrhein-Westfalen und ein kleines Dorf in Indien in einem Buch zusammenstellt? Es sind Orte, die für die Öffentlichkeit erstmal nicht beachtenswert erscheinen. Aber ein Meteorit fällt eben auch auf unscheinbare Orte, und die sind nicht weniger interessant und können sowohl über die persönlichen Lebensumstände der Beteiligten etwas erzählen, als auch über allgemeine Umstände der Zeit.

Regine Petersen: Merkel's Junkyard. (Stars Fell on Alabama).

Regine Petersen. Merkel’s Junkyard. (Stars Fell on Alabama).

Wie lange hast du an einem „Fall“ gearbeitet? Mich interessiert der Aspekt der Recherche. Wieso hast du Meteoritenfälle gewählt, die so lange zurück liegen oder deren Fundort so weit entfernt ist wie Indien. Bist du jemand, der sich gerne in Geschichten verbeißt und den es reizt, mit Unwägbarkeiten umzugehen?

 Die Unwägbarkeiten und Überraschungen sind der eigentliche Grund, weshalb ich das alles mache. Es geht mir in erster Linie darum, zu lernen und mit meiner Arbeit zu wachsen. Das Recherchieren macht mir dabei ebenso viel Spaß wie das Fotografieren. Im Endeffekt geht es immer darum, Dinge zu finden. Dass die Vorkommnisse aktuell sind, ist mir dabei nicht wichtig, vielleicht wäre das sogar eher hinderlich. Mich interessiert bei der Arbeit, wie Geschichte konstruiert und wie Zeit wahrgenommen wird. Das Motiv der Erinnerung und der menschlichen Fragilität, Dinge, die im starken Kontrast stehen zu einem 4.5 Milliarden alten Meteoriten, der die Erinnerung an die Anfänge noch in seinem Inneren trägt.

Wie lange ich an den jeweiligen Kapiteln gearbeitet habe kann ich Dir gar nicht genau sagen. Das war nicht linear, ich bin immer wieder zu den einzelnen Fällen zurückgekehrt. In Alabama war ich einen Monat lang vor Ort, nach Indien und Ramsdorf bin ich mehrmals gereist. Recherchiert habe ich aber eigentlich die ganze Zeit.

Regine Petersen. Angle #2 (Impact Site). (Fragments).

Regine Petersen. Angle #2 (Impact Site). (Fragments).

Wie würdest du deine Intention als Fotografin beschreiben? Ist dein fotografischer Ansatz in „Fallen Stars“ eher positivistisch zu nennen? Oder geht es darum, die Vorfälle, die oft nur auf mageren und/oder ungesicherten Tatsachen beruhen, mit Eigeninterpretation zu füllen und Fiktion zu schaffen? 

In der Fotografie liegt ja immer alles im Dazwischen und in der Ambivalenz. Erst wenn es verschiedene Perspektiven gibt, wird es interessant. Die wissenschaftliche, abgeklärte Seite ist in mir, aber ich arbeite sehr intuitiv und bin auch manchmal anfällig für magisches Denken. Bei der Fotografie ist das ähnlich, sie ist ein Fragment der Realität, welches auf etwas anderes, größeres verweist. Auf eine Komplexität, die außerhalb unserer Wahrnehmung existiert. Mit dem Wort “Fiktion” habe ich in Bezug auf meine Arbeit so meine Probleme, aber was Du über die Eigeninterpretation sagst, stimmt. Ich finde es schön, wenn Fotografie einen Raum zum Nachdenken ermöglicht.

Regine Petersen. The Contract. (Fragments).

Regine Petersen. The Contract. (Fragments).

 

Das Design deines Buches ist interessant. Die Weise, wie du dein Material letztendlich aufbereitest und in unterschiedlicher Weise und Länge präsentierst. Warum hast du die drei Themen in der Publikation so stark voneinander gelöst (Jeder Fall erscheint in einem Einzelband). Ging es dir darum, die Singularität des Ereignisses herauszuarbeiten?

Ja, genau. Das war aber eine formale Entscheidung, die erst später kam; mein erster Dummy hatte noch alle Kapitel in einem Buch. Das hat nicht funktioniert. Jeder Fall hat seine eigene Stimmung, und das erste und zweite Kapitel haben auch eine tragische Ebene. Ich fand es nicht gut, von einer Geschichte abrupt in die nächste geworfen zu werden und wollte den Personen im Buch mehr Raum geben. Es wurde dann ein Schuber mit drei Bänden daraus, der die Kapitel zusammenhält und gleichzeitig voneinander trennt.

 

Würdest du sagen, dass das Buch das geeignete Medium darstellt, um dein Thema optimal aufzubereiten (im Gegensatz zur Präsentation in einer Ausstellung)?

Für mich war es zwingend, die Arbeit in Buchform zu präsentieren, auch wenn eine Präsentation im Raum seine ganz eigenen Qualitäten hat. In der Ausstellung gibt es mehr Möglichkeiten über die Größen der Bilder und die Materialität eine Interpretation zu schaffen. Ich kann mit Sound und Objekten arbeiten. Text ist allerdings ein wichtiger Bestandteil der Arbeit, und das ist in der Ausstellung schwieriger zu realisieren. Um sich mit der Arbeit intensiver auseinanderzusetzen, ist die Buchform hier besser. Man kann sich vertiefen, zurückkehren, wenn man möchte, und neue Bedeutungsebenen herstellen.

 

Ist das Projekt mit dem Buch abgeschlossen und werden deine nächsten Themen ebenfalls naturwissenschaftlich motiviert sein?

Ich lege mich nicht so gern fest, und Fragen, die die Zukunft betreffen, bereiten mir immer ein bisschen Unbehagen. Ich habe mehrere Projekte in Planung, kleine und große, und sie haben nichts mit Meteoriten zu tun. Naturwissenschaft dient hier als ein Ausgangspunkt, aber eigentlich geht es wieder um unterschiedliche Sichtweisen auf eine Thematik.

Regine Petersen. Eye Witness (Gisalal). The Indian Iron.

Regine Petersen. Eye Witness (Gisalal). The Indian Iron.

 

Weitere Info siehe: http://www.reginepetersen.com

Regine Petersen: Find a Fallen Star. Kehrer Verlag. Heidelberg 2015. ISBN 978-3-86828-597-0. Text von Natasha Christia. Gestaltet von Henning Rogge & Regine Petersen. Drei Festeinbände im Schuber, 144 S. mit 78 Farb- und S/W-Abb., € 49,90

“Stars Fell on Alabama” ist noch bis zum 14.6. im Photoforum Pasquart in Biel zu sehen:  http://www.photoforumpasquart.ch/ und bis 7. Juni in Derby in der Quad Gallery: http://www.derbyquad.co.uk/exhibition/format15-beyond-evidence-quad-gallery

 

Auf der Straße nach Süden – en route italia.

 

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Heute läuft es so: den Flug für den Wochenendtrip bestellen, Kriterien für das Hotel in die Suchmaschine eingeben, vorgeschlagenes Hotel kurz auf Google Street View anschauen, auch schon mal ein passendes Restaurant für den Abend über eine Bewertungsplattform checken und die dazugehörigen User-Wertungen lesen; alle Tickets für das Freizeitprogramm am nächsten Tag bestellen, um unnötige Wartezeiten zu vermeiden. Zuletzt noch mal schnell schauen, wo die typischen Souvenirs am günstigsten zu kaufen sind… Heute reisen wir zu Orten, die, obwohl wir sie zum ersten Mal besuchen, vollkommen enträtselt sind. Keine Unwägbarkeiten mehr, man weiß genau, was einen erwartet und plant alles durch.

In den fünfziger Jahren gab es ein echtes erstes Mal. Ein Land wie Italien stellte den größten Sehnsuchtsort dar. Einmal die Exotik des” La Dolce Vita”  erleben!  Ein neu erworbener Wohlstand, Massenmobilität und Unternehmungsgeist in den 50er und 60er Jahren ließen diese Sehnsucht wahr werden. Nicht nur die Wirtschaftswunder-Deutschen schwärmten aus. Das war auch in anderen Ländern wie Schweden so, in der sich die wirtschaftliche Situation des Einzelnen entscheidend verbessert hatte. Manch einer erwarb also stolz sein Auto. Der Käfer stand auch bei den Skandinaviern hoch im Kurs und war das meistverkaufte Fahrzeug. Man packte also Familie und Gepäck in das neuerworbene Gefährt und machte sich auf die große Reise über die Alpen. Das Reisen war ein Abenteuer, von dem man später seinen Enkeln erzählen würde.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

“Der zweite Weltkrieg war seit fast zehn Jahren vorbei, der Glaube an die Zukunft groß und Europas Grenzen für den Transitverkehr geöffnet. Jetzt konnte man Europa mit dem eigenen Auto erforschen und dieses Auto war etwas, das man mit Stolz sein eigen nannte“, schreibt Magnus Westerborn im Begleittext seines Buches “en route italia” . Das kommt einem bekannt vor. In den Fotoalben unserer Eltern und Großeltern werden uns die Großereignisse des Lebens vorgeführt. Der Erwerb des eigenen Autos gehört selbstverständlich dazu. Und so sieht man oft die Besitzer vor ihren gerade neu erworbenen Fahrzeugen in stolzer Pose, während die Hand zärtlich über die Motorhaube streichelt. Das neue Auto wird zum eindeutigsten Statussymbol und muss in Bildern entsprechend gewürdigt sein.

Auch in der schwedischen Familie Westerborn wird 1954 ein VW angeschafft und die Eltern brechen, ohne die noch zu kleinen Kinder, ins Sehnsuchtland der Sonne, Kunst und Kultur auf.

2006 entdeckt der schwedische Fotograf Magnus Westerborn das Album seiner Eltern, das von dieser Reise Zeugnis abgibt. Der Sohn erkennt unmittelbar die Qualität dieser Serie. Denn diese erzählt mehr über das Reisen an sich als über die Attraktionen, die die Reisenden im Zielland erwartet (auch wenn man einmal den Schiefen Turm von Pisa im Hintergrund vorgeführt bekommt). In den Fotos sieht man, wie sich das Paar gegenseitig ablichtet, manchmal werden auch Plätze am Wegesrand fotografiert, Gasthöfe, an denen man übernachtet oder Haltestellen an Alpenpässen, wo man kurz die Aussicht genießt. Herr Westerborn porträtiert dann seine Frau, die an den Wagen gelehnt ist. Umgekehrt drückt Frau Westerborn auf den Auslöser, wenn der Gatte  seinen Kopf aus der Seitentür des Autos steckt. Immer ist der Käfer gut im Bild, manchmal wird er auch allein an der Straße oder während eines Stopps am Grenzübergang fotografiert. So weit, so gut.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Magnus Westerborn, der als Fotojournalist tätig ist (von ihm gibt es u.a. eine Arbeit namens “Bikeriders for Jesus”, die auch das Reisen thematisiert), interpretiert die gefundene Serie aus der Schublade der Eltern völlig neu. Er sucht aus den Bildern aus, scannt diese und bearbeitet sie und stellt die Ergebnisse schließlich zu einer lakonischen Serie zusammen. Das Konzept geht voll auf in dem wunderschön gestaltetem Buch. Die Matrix der Bilder bleibt bewusst unscharf, während sich ein Scheinwerfer auf den neuangeschafften VW  und ihre Besitzer zu richten scheint. Schärfe und Weichzeichnung sind Mittel, die in allen Bildern zum Einsatz kommen und diesen eine bizarre Wirkung verleihen. Eine Grandezza strahlt von den Abgebildeten ab, während der Raum, der sie umgibt, von einer melancholischen Leere geprägt zu sein scheint. (Der Tourismusboom ist noch in den Anfängen und die leeren Straßen vermitteln oft eine stille Sakralität). Magnus Westerborn arbeitet in seinen Bildern extrem stark mit den Mitteln der Schärfe und Unschärfe. Und es wird einem unmittelbar klar, dass diese stilistischen Mittel natürlich Metaphern darstellen…Metaphern für die Schärfe der Erinnerung und das Verschwimmen. So ist „en route italia“ eine Serie über die Eltern sowie die eigene Erinnerung und gleichzeitig beinhaltet es eine Reflexion über das Reisen und den unverwandten Blick auf das Unbekannte, das sich zu der Zeit nur originär erfahren lässt (und nicht über das Lesen von User-Wertungen). Für den Betrachter sind die Bilder fremdartig und funkeln in ihrer sentimentalen Schönheit.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Magnus Westerborn. En route italia. Wikstroom. Örebro, 2104. ISBN 978-91-979769-0-9. 44 S. mit  14 Fototafeln. Hc., ca. 25,00 € 

zu beziehen über: http://www.cafelehmitz-photobooks.com

oder direkt bei dem Fotografen, Email-Adresse: magnus@westerborn.com, (über den Fotografen ist auch eine signierte und nummerierte Edition mit Inkjet-Print erhältlich, Auflage: 25 Exemplare).

Weitere Infos: http://www.magnuswesterborn.com

 

 

 

Bühne frei für die Phantasie des Betrachters!

 

 

Kleine Welten

Frank Kunert. Auf hohem Niveau.

Heute Abend ist der große Moment. In ein paar Stunden habe ich das besondere Vergnügen, im Rahmen des 8. Hamburger Architektursommers die Ausstellung “Wunderland” in der FREELENS Galerie zu eröffnen, zu der ich den Fotografen Frank Kunert begrüßen und mit ihm ein kleines Künstlergespräch führen werde.

Mit riesigen Kisten reiste Frank Kunert vorgestern an, in denen sich Bilder und Modelle befanden. Eine turbulente Aufbauzeit liegt hinter uns, bei der  viele Entscheidungen getroffen werden mussten. Aber jetzt hängt alles…

Frank Kunert beim Aufbau eines Modells

Frank Kunert beim Aufbau eines Modells in der Ausstellung

Die Besonderheit: die Ausstellung präsentiert nicht nur die wunderbar absurden Visionen des Fotografen, darüber hinaus werden auch einige Modelle gezeigt. In der Hektik des Aufbaus fand Frank Kunert dennoch ein paar Minuten, um mir ein paar Fragen zu beantworten:

 

Bist du jemand, der lieber im Studio ist und vor sich hin werkelt? Macht es dir was aus, “in die Welt hinaus zu gehen” und Ausstellungen zu machen?

Frank Kunert: Ich sehe das schon als gewissen Gegensatz, im stillen Kämmerlein zu arbeiten und auszustellen. Manchmal bedeutet es Überwindung für mich, mich in die Öffentlichkeit hinaus zu wagen. Aber trotzdem empfinde ich das als eine lohnenswerte Herausforderung. Die Eindrücke aus der Welt da draußen beeinflussen ja auch wieder das, was ich mir erarbeite. Ich brauche aber tatsächlich ein wenig den Druck solcher Termine. Ausstellungen sind letztendlich eine gute Gelegenheit zur Kommunikation mit dem Publikum. Mir hilft es viel, mit diesem in Interaktion zu treten und zu erfahren: Wie reagieren Menschen auf meine Arbeiten? Ich erhalte gerade in den Ausstellungen viel Bestätigung für meine Arbeit und das ist schön.

 

Frank Kunert. Menu à deux.

Frank Kunert. Menu à deux.

Du zeigst in deinen Ausstellungen nicht nur die Fotos, sondern auch die abgelichteten Modelle. Besteht nicht die Gefahr, dass deren Präsentation auch zu einer Entzauberung der perfekten fotografischen Illusionen führen?

Man kann denken, dass dies zu einer Entzauberung führt, aber ich bin der Meinung, dass durch die Modelle offenbart wird, wie sehr das menschliche Auge zu täuschen ist. Das Interessante ist, dass Betrachter dann auch die Bilder anders anschauen und die verschiedenen Wirkungen des Mediums Modell und des Mediums Bild vergleichen und gleichzeitig hinterfragen. Ich finde, dass diese doppelte Rezeptionserfahrung eine Bereicherung darstellt.

Die Ausstellung ist eine Ausstellung innerhalb des  Hamburger Architektursommers 2015. Welchen Bezug  haben deine Arbeiten zur Architektur?

Für mich ist Architektur natürlich wichtig. In meinen Bildern finden sich unterschiedlichste, oft absurde Raumsituationen. Im Grunde ist es so, dass ich architektonische Bühnen baue, die der Betrachter dann in seiner Phantasie bespielen kann. Gesellschaftliche Zusammenhänge, Ängste, Hoffnungen und Träume des Menschen offenbaren sich darin. Und die grundsätzliche Frage: Wie gehen Menschen miteinander um? Das sedimentiert sich gut in der Architektur und das versuche ich, in meinen Arbeiten aufzunehmen. Ich hab übrigens immer wieder Architekten als Kunden, die ein Buch bestellen oder sich Bilder an die Wand hängen und meine Arbeit als Inspiration nehmen.

Beim Aufbau der Ausstellung in der FREELENS Galerie

Beim Aufbau der Ausstellung in der FREELENS Galerie

Was verschafft dir mehr Befriedigung? Für die Galerienwand zu arbeiten oder Bücher zu machen?

Das hat die gleiche Wertigkeit. Es ist  letztendlich eine unterschiedliche Präsentationsform. Ich finde beide Formen sehr interessant. Das Buch kann ich gut aus der Hand geben und Menschen darüber unterrichten, was ich mache. Die schauen sich das dann an und erhalten Information. Eine relativ kleine Form, man kann es überall mit hinnehmen,  verschenken und kommt mit Leuten ins Gespräch darüber. Das fasziniert mich. Bei Ausstellungen ist die Möglichkeit, Bilder im großen Format zu präsentieren und das zu zeigen, was im kleinen Format des Buches nicht sichtbar wird. Mich reizt es, mit neuen Ausstellungssituationen konfrontiert zu werden. Man stellt immer wieder seine Bilder neu zusammen und muss sich an  an die spezifischen Räumlichkeiten eines Museums oder einer Galerie anpassen. Ich möchte keines der beiden Medien missen und auch keine Rangfolge vergeben.

Du machst derzeit richtig viele Ausstellungen. Treibst du das von deiner Seite aus an oder wirst du angesprochen?

Meistens ist es so, dass die Leute auf mich zukommen. Mir fällt es eher schwer, mich an Ausstellungsinstitutionen zu wenden. Ich hab eher das Gefühl, das Kuratoren mich entdecken wollen. Es kommen immer wieder Angebote, ich schau mir das an, ob das auch von meiner Seite aus passt. Aber es sind wirklich viele interessante Ausstellungen in letzter Zeit  so zustande gekommen.

Frank Kunert. Traum vom Glück.

Frank Kunert. Traum vom Glück.

Stellst du auch im Ausland aus? Oder funktioniert der Humor deiner Bilder nur in Deutschland?

Ich hab z.B. in New York oder Seoul ausgestellt. Meine Erfahrung war, dass Menschen aus aller Welt (das merke ich auch an den Reaktionen, die mich im Netz erreichen) einen Zugang zu meiner Arbeit haben. Es ist interessant, wenn man bedenkt, dass Sichtweisen natürlich durch die verschiedenen Kulturen unterschiedlich geprägt sind. Und dennoch scheint es so, dass überall auf der Welt eine bestimmte gemeinsame Auffassung von Humor vorherrscht.

Frank Kunert. Wunderland. 07.05 bis 12.06, Mo bis Fr 11–18 Uhr
Eröffnung: Do 7. Mai, 19 Uhr

Die Bücher von Frank Kunert sind im Verlag Hatje Cantz erschienen.

Weiter Infos siehe auch:

http://www.frank-kunert.de

http://www.architektursommer.de/nc/veranstaltungen/ansicht/frank-kunert-wunderland/

http://www.hatjecantz.de/suchergebnisse-624-0.html?q=Frank+kunert

http://www.freelens.com/galerie