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Colonia Dignidad: Wie Fotojournalismus aktuelle Debatten begleitet

Kaum ein Teil der deutschen Geschichte ist so skurril wie die der „Colonia Dignidad“. Der gleichnamige Film mit Emma Watson und Daniel Brühl bewirkte, dass auch die Politik sich dem Thema wieder angenommen hat. Einen fotojournalistischen Beitrag zur Debatte liefert Jann Höfer mit seiner Arbeit „Wie nasser Zement“. Ein Porträt über den Wandel einer Gemeinschaft.

Die Rückseite des Freihauses, indem Paul Schäfer sein privates Zimmer hatte. Das ehemalige Badezimmer wurde von den Bewohnern zerstört. Schäfer verging sich hauptsächlich im diesem an den Jungen der ehemaligen Colonia Dignidad. © Jann Höfer

Die Rückseite des Freihauses, indem Paul Schäfer sein privates Zimmer hatte. Das ehemalige Badezimmer wurde von den Bewohnern zerstört. Schäfer verging sich hauptsächlich in diesem an den Jungen der ehemaligen Colonia Dignidad. © Jann Höfer

 

Eine christliche Sekte verpackt in ein deutsches Musterdorf 400 km südlich von Santiago de Chile. Die Colonia Dignidad (zu deutsch: „Kolonie der Würde“) gründete sich 1961 als Folgeorganisation der 1959 in Deutschland aufgelösten „Private Sociale Mission“. Dieser radikalchristlichen Gruppe stand Paul Schäfer vor, ein evangelischer Laienprediger und ehemaliger Sanitäter der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Nachdem er in Deutschland wegen Missbrauch zweier Kinder gesucht wurde, tauchte er mit einigen seiner Anhänger unter. Zwei Jahre später tauchten sie in Chile wieder auf und gründeten den „Staat im Staate“. Nach dem Pinochet-Putsch gegen die sozialistische Regierung 1973 diente dieser Ort nicht nur zum Handel mit Waffen, sondern wurde von Pinochets Geheimpolizei auch als Foltergefängnis genutzt. Paul Schäfer selbst nutzte seine Stellung in der Gemeinschaft aus, um seiner Pädophilie zu frönen.

 

Ein autarkes Musterdorf mit Nazi-Verbindungen

Auf dem Farmgelände der Colonia Dignidad kümmerten sich währenddessen über 300 Menschen um die Versorgung der Gemeinschaft. Die Autarkiebestrebungen wurden unter härtester Zwangsarbeit durchgesetzt und bis auf wenige Güter konnte sich die Gemeinschaft komplett selbstversorgen. Nach außen wahrten sie den Anblick einer Gemeinschaft, die sich deutschen Traditionen und einem gottesfürchtigen Leben verpflichtet fühlten. Diesen Idealen hängen die weniger als 200 heute noch verbleibenden Anwohner nach wie vor an.

Bis heute ranken sich viele Mythen um die Nazi-Verbindungen des deutschen Musterdorfs. Über die „Rattenlinien“ und mit Hilfe der OdeSSA (kurz für: Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen) konnten viele Täter des NS-Regimes in Südamerika untertauchen. Eines der bekanntesten Beispiele dürfte der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann sein, der von Agenten des Mossad in Argentinien gefasst und 1962 in Israel für seine Verbrechen hingerichtet wurde. Bei der Verfolgung von NS-Tätern in Südamerika kam auch immer wieder die Colonia Dignidad in den Fokus. So gibt es mehrere Berichte, unter anderem des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal, wonach der Lagerarzt des Vernichtungslagers Ausschwitz Josef Mengele in der Colonia zweitweise Unterschlupf gefunden hat.

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Offiziell zum Schutz vor den Kommunisten, ließ Schäfer einen Zaun um die Colonia Dignidad errichten. Ausgestattet mit Stolperdraht und Infrarotsensoren diente er jedoch mehr dazu die Flucht der Bewohner zu verhindern. © Jann Höfer


„So ähnlich muss Theresienstadt gewesen sein.“

Nachdem lange Jahre sowohl die chilenische Diktatur als auch die deutschen Diplomaten vor Ort die Aktivitäten in der Colonia Dignidad gedeckt haben, begannen in den 80er Jahren in Deutschland die ersten Ermittlungen. Im Jahr 1997 wurden zum dritten Male Ermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft aufgenommen, die zu einem Haftbefehl gegen Schäfer führten. Wieder war dieser zur Flucht gezwungen und konnte erst 2005 in Argentinien verhaftet werden. Im anschließenden Prozess wurde er in 20 Fällen dem Kindesmissbrauch überführt und starb 2010 im Alter von 88 Jahren im Gefängnis in Santiago de Chile. Die Gemeinschaft auf dem Gelände der Colonia Dignidad besteht bis heute fort.

Angestoßen durch den gleichnamigen Film begann eine politische Debatte um die Verfehlungen der deutschen Diplomatie. Im April 2016 gestand Außenminister Frank Steinmeier ein, dass es Verfehlungen in der deutschen Politik gab. Um die Aufarbeitung zu befördern ließ er die geheimen Akten des Auswärtigen Amtes zu dem Thema offenlegen. Auch Bundespräsident Joachim Gauck bemüht sich um die Wiederaufarbeitung. Während seines Besuches in Chile Mitte 2016 äußerte er sich zu dem Fehlverhalten der deutschen Staatsbediensteten. Diplomaten hätten jahrelang weggesehen und das Geschehen vor Ort gedeckt. Und das, obwohl die Kolonie nicht ohne Kritik war. So notierte der deutsche Diplomat Dieter Haller nach einem Besuch in der Kolonie: „So ähnlich muss Theresienstadt gewesen sein.“ Doch es gab schon damals deutsche Politiker, wie zum Beispiel Franz Josef Strauß, die Colonia zum Teil mehrmals besuchten – ohne Kritik zu äußern.

Thomas mit Frau Elke und seinen Töchtern. Sein Vater Kurt gehörte zum engsten Kreis Schäfers. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Thomas setzt sich dafür ein, dasss er am Wochenende Freigang bekommt. © Jann Höfer

Thomas mit Frau Elke und seinen Töchtern. Sein Vater Kurt gehörte zum engsten Kreis Schäfers. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Thomas setzt sich dafür ein, dass er am Wochenende Freigang bekommt. © Jann Höfer

Aufarbeitung braucht vielfältige Perspektiven

Die fotojournalistische Arbeit von Jann Höfer liefert einen wichtigen Beitrag für eine differenzierte Debatte. Während sich die Berichterstattung und die Politik auf die Geschichte der Colonia konzentriert, zeigt Höfer, wie die Gegenwart der Menschen dort aussieht. Was ist übrig von der totalitären Sekte? Wer ist geblieben, nachdem bekannt wurde, was hinter verschlossenen Türen vor sich ging?

Was uns Jann Höfer zeigt, sind Menschen und Familien, die durch jahrelange Zwangsarbeit gezeichnet sind und zwischen Tätern und Opfern gewohnt und gelebt haben. Wir sehen das Haus, in dem Paul Schäfer reihenweise Kinder missbraucht hat und das Hotel, dass den Fortbestand der Gemeinschaft sichern soll. Der Tourismus ist zu einem neuen Standbein der radikalchristlichen Gemeinschaft geworden. Sie veranstalten Volksfeste und bieten Erholung an den Orten, wo früher Oppositionelle gefoltert und ermordet wurden.

Wie in Zukunft mit dem Ort, seiner Geschichte und Gegenwart umgegangen wird, muss sich noch zeigen. Die Arbeit von Jann Höfer zeigt den Status quo einer entwurzelten Gemeinschaft auf der Suche nach einer neuen Perspektive.

Stefan Weger ist Textredakteur bei emerge.

 

Die komplette Arbeit “Wie nasser Zement” von Jann Höfer findet ihr seit heute auf emerge.


Hiermit verabschiedet sich emerge vom Hatje Cantz fotoblog. Vielen Dank! Wer weiter an unseren Geschichten oder an unserer neuen Printausgabe zum Thema „Naher Osten“ interessiert ist, kann uns bei Facebook, twitter und Instagram folgen oder hier unseren Newsletter abonnieren.

Neue Perspektiven finden. Ein Interview mit Sibylle Fendt.

Fotoprojekte nehmen oft mehrere Monate bis Jahre in Anspruch. Gerät man dabei in eine Sackgasse braucht es Mut, um die Perspektive zu ändern und neu anzufangen. Sibylle Fendt sprach mit uns über ihre Arbeit zum Thema Flucht, für welche auch sie sich aus ihrer Komfortzone herauswagen musste.

 

Liebe Sibylle, in deinem aktuellen Projekt widmest du dich dem Thema Flucht. Wie hast du dich diesem Thema genähert?

Ich habe Ende 2014 mit meiner Arbeit „Eine Reise durch deutsches Flüchtlings(krisen-)Land“ begonnen, wofür ich ein Stipendium von der VG Bild-Kunst erhielt. In dieser Arbeit baue ich auf meiner Serie „Sehr geehrte Frau K.“ aus den Jahren 2011 und 2012 auf. Während ich mich dort mit der Situation von Flüchtlingen in Berlin auseinandersetzte, begab ich mich nun in ganz Deutschland auf die Suche nach Orten des staatlichen und bürokratischen Umgangs mit Flüchtlingen.

Bevor im Spätsommer 2015 die sogenannte Flüchtlingskrise begann, hatte ich unter ganz anderen Prämissen meine Arbeit angefangen. Zu dieser Zeit war die Zahl der Flüchtlinge noch weitaus überschaubarer. Selbst wenn es damals weniger als 80.000 Anträge im Jahr gab, so mussten Flüchtlinge sehr lange auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens warten. Und das bei teilweise unzumutbaren Zuständen in den Unterkünften.

Durch die zunehmende Zahl an Flüchtlingen im Sommer 2015 musste ich völlig neu auf mein Thema schauen und neue Kriterien an meine Bilder stellen. Mir wurde deutlich, dass Deutschland im europäischen Vergleich auch einiges besser machte. Während dieser permanenten Veränderungen, wo die heutige Situation morgen schon historisch sein könnte, habe ich mich immer wieder auf die Suche nach Orten der Krise gemacht.

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Schreibtisch eines BAMF-Mitarbeiters in der Rückführungseinrichtung Bamberg, 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Ursprünglich hast du damit angefangen Portraits von Flüchtlingen zu machen – wie kam es dazu, dass du letztendlich vor allem Orte fotografiert hast?

In meiner ersten Serie wollte ich eine Handvoll Flüchtlinge über einen längeren Zeitraum begleiten. Diese Arbeitsweise habe ich auch bei vorangegangenen Projekten verfolgt. Doch ich merkte schnell, dass bei den Flüchtlingen nur wenig passierte und ich deswegen fotografisch wenig erzählen konnte. Zur selben Zeit lernte ich viele Orte kennen, die Flüchtlinge während ihres Verfahrens durchlaufen und spürte ihren symbolhaften Wert. Ich besuchte verschiedene Behörden, die Abschiebehaft, die Ausländerbehörde und verschiedene Unterkünfte. Diese Orte haben alle ganz unterschiedliche Strukturen und sagen viel darüber aus, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird. Meine Kollegen bestärkten mich darin, mich auf die Orte zu konzentrieren um auch eine für mich neue Arbeitsweise auszuprobieren. Außerdem merkte ich, dass es mir schwer fiel nachzuempfinden, was diese Menschen erlebt haben. Ich habe nichts in meinem eigenen Leben, womit ich ihre Erfahrungen vergleichen könnte. Mir fehlte schlichtweg eine Idee um dieses Lebensgefühl darzustellen.

Traglufthalle Metten, sie wurde als Entlastung der Erstaufnahme Deggendorf errichtet, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Traglufthalle Metten, sie wurde als Entlastung der Erstaufnahme Deggendorf errichtet, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Geparkte Schlepperfahrzeuge auf dem Gelände der Bundeswehr Freyung, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Geparkte Schlepperfahrzeuge auf dem Gelände der Bundeswehr Freyung, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Registratur, BAMF Nürnberg, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Registratur, BAMF Nürnberg, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du dir gesagt hast „So wie ich das jetzt fotografiere, funktioniert das nicht, ich muss einen anderen Ansatz wählen“? Und wie schwer war es für dich, diesen neuen Ansatz umzusetzen?

Einen solchen Schlüsselmoment gab es eigentlich nicht. Es war eher eine Reaktion auf die unzähligen fotografischen Arbeiten, die in den Jahren 2015, 2016 und eigentlich auch schon vorher entstanden sind. Diese Arbeiten von heroisierten Flüchtlingen, diese dramatischen Emotionen und das Leid sowie andererseits die Dankbarkeit und Freude. Ich wollte bewusst einen Kontrapunkt setzen und nach einer Möglichkeit suchen, wie man diese Geschichten auch leiser erzählen kann.

Konntest du etwas aus dieser neuen Arbeitsweise für dich lernen?

Bei bestimmten Themen muss man über seinen eigenen Schatten springen und die bevorzugte Art und Weise zu fotografieren verlassen. Gleichzeitig habe ich es sehr vermisst, Menschen zu fotografieren. Die konzeptionelle Arbeit und die damit verbundenen Recherchen haben mich dann doch sehr angestrengt.

Bearbeitungsstraße Passau, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Bearbeitungsstraße Passau, Januar 2016 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Essensausgabe, Patrick Henry Village, Heidelberg, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Essensausgabe, Patrick Henry Village, Heidelberg, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Container-Küche der Notunterkunft Bauschlott einen Tag vor Bezug, Februar 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Container-Küche der Notunterkunft Bauschlott einen Tag vor Bezug, Februar 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Gibt es ein Bild, das du besonders symbolhaft für das leise Erzählen findest?

Das ist schwierig. Die Geschichte ist zu komplex, um sie auf ein Bild zu reduzieren. Spannend finde ich einerseits die eher harmlosen Fotos aus den Büros. Die Aktenberge sind mal größer, mal kleiner. Mal herrscht eine gewisse Ordnung, mal eine gewisse Unordnung. Man merkt einfach, hier sitzen Beamte, abgeschottet von den Eindrücken und den Schicksalen des einzelnen Menschen. Im Kontrast dazu gibt es Bilder von Unterkünften, bei denen man schon näher an den Schicksalen der Menschen dran ist.

Auch interessant finde ich die Bilder von Flüchtlingsunterkünften, insbesondere von Notunterkünften. Hier spürt man, dass – in typisch deutscher Manier – möglichst zielstrebig und akkurat versucht wurde eine gute Unterkunft zu errichten. Doch dann bricht dieser Ordnungswille zusammen und das System muss kapitulieren, weil man schlichtweg nicht auf die Massen an Menschen vorbereitet war.

Temporärer Betraum, Traglufthalle Metten, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Traglufthalle Metten, Januar 2016, die Bewohner haben sich in einer Ecke einen Gebetsraum eingerichtet © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Temporärer Betraum, Esslingen, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Temporärer Betraum, Esslingen, August 2015 © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Schlafraum in der Notunterkunft Patrick-Henry-Village, Juli 2015, hier wurden im Sommer 2015 4000 Flüchtlinge beherbergt. Die Notunterkunft war im Gespräch zu einer offiziellen Erstaufnahme umfunktioniert zu werden © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Schlafraum in der Notunterkunft Patrick-Henry-Village, Juli 2015, hier wurden im Sommer 2015 4000 Flüchtlinge beherbergt. Die Notunterkunft war im Gespräch zu einer offiziellen Erstaufnahme umfunktioniert zu werden © Sibylle Fendt / Ostkreuz

Woran arbeitest du gerade?

Wie das im Leben so ist, widerspreche ich mir mit meiner neuen Arbeit. Während meiner mehrwöchigen Touren durch die Bundesrepublik, bin ich im Februar 2015 auf eine Flüchtlingsunterkunft im Schwarzwald gestoßen. Sie wurde vor etwa 10 bis 15 Jahren in einer ehemaligen Pension mitten in der urdeutschen Landschaft des Schwarzwaldes eingerichtet. Zurzeit leben an die 30 Männer in dieser abgelegenen und sehr vernachlässigten Unterkunft.

Sie warten zum Teil sehr lange auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens. Im Schnitt sind die Männer dort bis zu zwei Jahre untergebracht und viele von ihnen werden danach in eine sogenannte Anschlussunterbringung verlegt.

Als ich dort zum ersten Mal war kam mir sofort der Gedanke nach einer kleinen, abgeschlossenen Geschichte vor Ort. Und zwar aus einem denkbar einfachen Grund: Wegen der Lage können die Leute dort nicht weg. Das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Zuerst dachte ich, dass ein männlicher Fotograf eigentlich besser geeignet sei dafür. Doch ich stellte trotzdem eine Anfrage und bekam erstaunlicherweise die Zusage. Nun darf ich mich dort frei bewegen und so lange und so oft fotografieren wie ich will. Dabei habe ich unendlich viel Zeit mich mit ihnen auseinander zu setzen. Unter diesen Voraussetzungen kann ich eine sehr intime Arbeit mit und über diese Flüchtlinge machen.

Danke dir für das Interview.

Sibylle Fendt ist seit 2010 Mitglied der Agentur Ostkreuz. Neben ihrer fotografischen Arbeit unterrichtet sie Fotografie an der Ostkreuzschule und der FH Hannover.

Das Gespräch führte Doro Zinn, Fotografin und Bildredakteurin bei emerge.

We need Change – Bilder im Auslandsbildjournalismus

Ein Gastbeitrag von n-ost.

n-ost ist das größte Netzwerk von Foto- und Textjournalist*innen mit Schwerpunkt auf Osteuropa. Stefan Günther leitet die Bildredaktion von n-ost. Für uns schreibt er über die Herausforderungen von Bildjournalisten in der Auslandsberichterstattung und präsentiert die Texte mehrerer internationeler Fotografen von der n-ost Medienkonferenz „Translating Worlds“.

 

In der Auslandsbildberichterstattung erliegt man noch schneller als im vertrauten Nachrichtenumfeld der Macht der einfachen Bilder. Betrachter, Redakteure, aber auch die Fotografen selbst scheuen oft die Komplexität der Welt, über die berichtet werden soll zugunsten von einfach verständlichen Mustern.

Die Aufgabe von journalistischen Bildern (oder des einen Teaserbildes) tendiert immer mehr in Richtung Werbebild oder Schubladenetikett. Die Funktion des Bildes, Interesse für ein Thema zu wecken, ist grundsätzlich gut. Gerade der Auslandsjournalismus muss oft verstärkt um Wahrnehmung seiner Themen kämpfen. Denn wen interessiert es in Zeiten von Beiträgen über reale und fiktive Probleme mit Flüchtlingen in Deutschland, warum beispielsweise die Menschen in Mazedonien auf die Straße gehen?
Trotzdem dürfen alle Beteiligten in der Bilderkette nicht der Versuchung nachgeben, das einfach lesbare und das den bereits existierenden Vorstellungen entsprechende Bild zu bevorzugen. Über (Agentur-)Bilder, die losgelöst von ihrem Entstehungskontext beliebig die These des Beitrages untermauern, wird unterbewusst vermutlich sehr stark die Wahrnehmung der Sachverhalte im Beitrag geprägt. Gerade weil die Bilder so einfach lesbar erscheinen und trotz des Wissens um das selektive Wesen der Fotografie werden sie als vermeintlicher Beleg einer These der Redaktion akzeptiert.

Die Autoren der folgenden drei ausgewählten, von n-ost in Auftrag gegebenen Thesen zum aktuellen Internationalen Fotojournalismus formulieren Lösungsansätze für die erwähnten Spannungsfelder. Dabei geht es einmal um die oben beschriebenen inhaltlichen Probleme bei der Auswahl von Bildern im Produktions- und Redaktionsprozess und der damit verbundenen Steuerung von Wahrnehmung der Welt. Zum anderen geht es um konstruktive Überlegungen, wie man mit modernen und vielleicht ungewöhnlichen visuellen Mitteln der Komplexität der Welt und der stereotypen Verwendung von Bildern in den Medien begegnen kann.

Stefan Günther, Leitung Bild bei n-ost

 

We need change / Dario Bosio

Two images from the series “On the Identity of a Tomato Picker”

Two images from the series “On the Identity of a Tomato Picker” by Dario Bosio

The complete series here.

Photojournalism needs to think beyond the frame.

The repetition of the same tropes, over and over again, has done nothing to foster a better understanding of the world.

On the contrary, it has flattened the depiction of every crisis into a handful of clichés which are quickly forgotten, and the lack of uniqueness of the images fail to make a lasting impression on the audience. Instead, we should be open to working with techniques not traditionally part of photojournalism. Photographers should borrow from portraiture, still life, or even be willing to contaminate our images with external elements. Most importantly, though, we need more openness from the publications themselves. It is futile to bend the frame if nobody publishes the work. The powers that be must break the rules and try something different because the same old thing is not working in our magazines and newspapers anymore. We must be brave enough to jump into the void and experiment, to produce and publish that which breaks the mold.

Dario Bosio specializes in documentary photography. He also works as an editor and a curator. In 2015 he worked as a photo editor at Metrography, the first Iraqi photo agency. He co-produced the project, “Map of Displacement.”

 

A New Narrative / Delizia Flaccavento

From the series, “Not only Boko Haram” by Delizia Flaccavento

From the series, “Not only Boko Haram” by Delizia Flaccavento

Although there are more photojournalists than ever operating across the globe today, images published in media outlets continue to pander to stereotypes, providing a monotonous narrative of suffering and destruction to the exclusion of all else.

As prior World Press Photo jury secretary Stephen Mayes once noted, “The afflicted, the poor, the injured are photographed way in excess of their actual numbers… 90 percent of the pictures is about 10 percent of the world…From the infinity of human experience, the list of subjects covered by WPP entrants would fill a single page, and could be reduced even to three lines: the disposed and the powerless; the exotic; anywhere but home.”

Take Nigeria, for example, which is usually only featured through the lens of corruption or Boko Haram, the terror group operating in the north. There is a lot more to Nigeria, though.

With the project, “Not only Boko Haram,” I decided to feature a group of nuns running a school for 1,000 students of all ages. The school includes room and board for 100 girls too poor to be able to afford school otherwise, a clinic for the poor and a community service and home visitation program in what was once Biafra. I chose this school to show a side of Nigeria that is often ignored by international media: joyous, despite poverty; stubborn in the face of hardship; and embracing life through sports, music and dance.

Delizia Flaccavento works as a freelance photographer, mainly focusing on social topics. She teaches documentary photography at Bahcesehir University in Istanbul and has collaborated with various NGOs.

 

Bending Visibility / Nils Bröer

From the series, "Silent Histories," by Kazuma Obara

From the series, “Silent Histories,” by Kazuma Obara

More images from this series can be found here.

The future of photojournalism will be driven by overcoming the classic narrative techniques of linear storytelling to tell stories differently.

By awarding Japanese photographer Kazuma Obara’s “Exposure” series first prize in the 2016 People stories category, the World Press Photo Jury made a point of supporting innovation – a hint as to what the future of photojournalism could look like. It also brings back an essential discussion: The question of how to integrate non-traditional and innovative layers to underscore the story visually.

The series consists of eight frames shot on medium-format film found close to the Chernobyl nuclear power plant. It explores the life of a young woman who was one of the victims of the reactor accident.

What makes this series special is the texture of the photo, which was created by merging different elements to create visual interdependency. The monochromatic images are grainy and bleached out. Radiation has put its stamp on the material – and the photo – both impairing and defining what the viewer sees – and sending an implicit message of the decay caused by radiation.

Nils Bröer studied Cultural Sciences and Media and Mass Communication Sciences. He works as a photojournalist and reporter for various magazines and also keeps busy as an author, answering questions pertaining to photographic theory.

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Die Beiträge entstanden im Rahmen des Fotoexperten-Workshops „Beyond the Frame“ auf der n-ost Medienkonferenz „Translating Worlds“ im November 2015 in Berlin.

Alle Thesen, sowie ein E-Paper mit zusätzlichen Essays von Medienexperten u.a. von Donald Weber gibt es auf ostpol, dem onlinemagazin von n-ost.

n-ost ist Medien-NGO und beliefert unter anderem Medien mit Bildern und Texten aus Osteuropa. Dabei arbeitet n-ost in seinem Berichtgebiet langfristig mit freien Bild und Textjournalisten zusammen, die entweder dort leben oder sich regelmäßig dort aufhalten. So entstehen, auch in der Zusammenarbeit mit Textjournalisten, Beiträge, die eine differenzierte Einordnung ermöglichen. Alle Informationen, auch zu den anderen Tätigkeitsfelder von n-ost: www.n-ost.org

Agnes Stubers Ästhetik der Stille

Die Digitalisierung hat unseren Umgang mit Bildern entschieden verändert. Die Frage nach einer Ästhetik des Digitalen drängt sich auf. Die neue Fotostory bei emerge zeigt prototypisch, wie sich Stille und Frieden auch im Digitalen transportieren lässt. Ein Review zu Agnes Stubers Pauli.

Ich lese gerade die letzten Zeilen des Romans die „Entdeckung der Langsamkeit“, als ich mit dem Text für diesen Blog beginne. Das Buch handelt von dem Entdecker Sir John Franklin, der 1847 auf der Suche nach der Nordwestpassage mit samt seiner Mannschaft im Polareis zu Tode kommt. Als die Verschollenen gefunden werden, heißt es:

„Die Zeit war zu lang für sie. Wer nicht weiß, was Zeit ist versteht kein Bild, und dieses auch nicht.“ Der Einzige, der nicht zuhörte, war der Photograph der Illustrated News, der eilends seinen Apparat, System Talbot, in Stellung brachte, um den Zustand der Skelette im Bild festzuhalten.

Seit dem Medienboom der achtziger Jahre wird die Gefahr der Übersättigung mit medialen Spektakeln verstärkt diskutiert. Der Kunsthistoriker Jonathan Crary meint, dass die sogenannte Kultur des Spektakels weniger darauf aufbaut, Menschen sehend zu machen als sie Zeit in einem Zustand der Ohnmacht erleben zu lassen. Die Medienwelt, so die These des Filmwissenschaftlers Thomas Elsaesser, produziere einen geradezu traumatischen Modus der Zuschauerschaft, der aus flexibler Aufmerksamkeit und selektiver Abstumpfung besteht und sich in der Flachheit von Erinnerungen und der Spurenlosigkeit von Gewalt äußert.

Aus der Serie "Pauli" von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Aus der Serie “Pauli” von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge


Vom Medienboom zur Ästhetik des Digitalen

Auch Film- und Videokünstler beschäftigen sich seither verstärkt mit der Omnipräsenz medialer Bilder in Film und Fernsehen, insbesondere deren narrativen und zeitlichen Strukturen. Sie verwenden vorgefundenes Material und verfremden dessen zeitlichen Ablauf, um die Konstruktion von Realität in den Medien bewusst zu machen oder die Aufmerksamkeit auf minimale Details und Ereignisse zu lenken. Douglas Gordon etwa dehnt den zweistündigen Hitchcock Film „Psycho“ auf vierundzwanzig Stunden aus. Omer Fast benutzt die Montage, um die scheinbare Geschlossenheit von Erzählungen aufzubrechen und die Konstruiertheit medialer Berichte aufzuzeigen. In seiner Arbeit „CNN Concatenated“ zerstückelt er Nachrichtenbeiträge und setzt sie zu neuen Botschaften zusammen, die sich direkt an den Zuschauer wenden (‘I need your attention. I need to know I’m being listened to’; ‘You recycle anything older than a day. Anything that carries a history is dangerous’). Fotokünstler und Kunstwissenschaftler Jeff Wall widmet sich in „Dead Troops Talk“ dem Thema Fotojournalismus und der Darstellbarkeit geschichtlichen Grauens. Indem er ein historisches Gemälde fotografisch reinszeniert, stilisiert und bis ins Groteske übersteigert, verwandelt es sich je nach Lesart in eine philosophische Tragödie oder Komödie.

Der Bildjournalismus allerdings kann sich im Gegensatz zum Künstler von seinem Anspruch, die Wahrheit zu dokumentieren per se nicht völlig lösen und ein Foto bietet im Vergleich zum Film oder zur Sprache kaum Möglichkeiten, sich selbst (kritisch) zu reflektieren. Trotzdem oder gerade deswegen muss der Fotojournalismus sich die Frage gefallen lassen, ob der Anspruch die Betrachter aufzuklären oder sogar durch emotional starke Bilder aufzuwecken, „realistisch“ ist.

Aus der Serie "Pauli" von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Aus der Serie “Pauli” von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Eine aktuellere Kritik bezieht sich auf die Ästhetik digitaler Bilder: die heutigen digitalen Bilder seien lärmend und dröhnend, ohne Stille, ohne Melodie und Duft, schreibt Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft in seinem Text „Bitte Augen schließen“. Er bezieht sich dabei auf Roland Barthes Studie zur Fotografie „Die helle Kammer.“ Darin heißt es: „Die Fotografie muss still sein. Das ist keine Frage der Diskretion, sondern der Musik. Die absolute Subjektivität erreicht man nur in einen Zustand der Stille, dem Bemühen um Stille (die Augen schließen bedeutet das Bild in der Stille zum Sprechen bringen).” Hans Text ist eine Kritik nicht nur an der Ästhetik des Digitalen sondern am Zustand der heutigen (Müdigkeits)gesellschaft, die die Zeit selbst in Geiselhaft nimmt. Er fordert eine Zeitrevolution, die der Zeit ihren Duft zurückgibt und eine Zeit des Anderen ist, weil sie sich der Beschleunigung entzieht.


Pauli: Nicht glücklich, aber in Frieden

Vor diesem Hintergrund gefragt: Was gibt es denn da zu sehen in der Serie Pauli von Agnes Stuber?

Aus der Ferne sieht man am linken Rand des ersten Bildes einen Mann über ein Eisfeld laufen. Er ist klein, wirkt etwas verloren in der weiten Landschaft und außerdem irgendwie an den Rand gerutscht. Bildbeherrschend ist die weiße Schneefläche, in der das Eis kleine Muster hinterlassen hat. Ebenfalls nur angeschnitten am oberen Bildrand ist eine Gruppe kahler Bäume zu erkennen. Das kleine rote Haus im Wald am unteren Rand des nächsten Bildes wirkt fast eben so verloren. Ein Einsiedler also, der sich in den Wald zurückgezogen hat. Beim ersten Überblick auf die Serie stellen sich bei mir folgende Assoziationen ein: Winter, Lebensabend, Kälte, schwindendes Licht, Monotonie, Einsamkeit, Leere aber auch Ruhe, Stille.

Dann seh ich die Bilder genauer an: Thema und Bildsprache erinnern zunächst an die Romantik, allerdings hat die Natur nichts Erhabenes und der Blick der Fotografin nichts Sentimentales. Auf den nächsten Bildern verliert dieser Blick seine Distanz, jedoch ohne aufdringlich zu werden. Bildfüllend das Gesicht des Mannes, dessen Ausdruck: uneindeutig. Ist er glücklich, einsam? Vielleicht nicht glücklich, aber scheinbar in Frieden mit sich und seinem kleinen Reich. Die Bildkomposition hat nichts Dynamisches und rückt scheinbar Nebensächliches, Unspektakuläres in den Fokus: den Stamm einer Birke, Schneeflocken auf einer Wollmütze, ein Fenster mit einer verwelkten Orchidee, ein Stapel Holz, Hausschuhe. Die geringe Schärfentiefe lenkt den Blick auf winzige Details, wie die Strukur einer Schneeflocke, die leise auf der Wollmütze gelandet ist.

Aus der Serie "Pauli" von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Aus der Serie “Pauli” von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Der Blick der Fotografin ist ein einfühlsamer Blick, weil es auch der Blick des Protagonisten sein könnte. Sie konzentriert sich auf die Dinge, die für ihn wesentlich sind: Essen, Spazieren, Holzhacken, die Gesellschaft einer Katze. Die Bilder erzählen von einem unspektakulären Tagesablauf, in dem aber alles irgendwie seine Zeit und seine Mitte gefunden zu haben scheint. Eine Stärke des visuellen Geschichten-Erzählens, das zeigt diese Serie, liegt darin, andere Wahrnehmungsweisen und Zeitlichkeiten zu eröffnen. Wenn das gelingt, davon gehen phänomenologische Bildtheorien aus, kann der Betrachter mehr von der Welt und sich selbst fühlen, sehen, erfahren und erinnern als im alltäglichen Leben. Dafür müssen sich aber beide Zeit nehmen und ab und zu die Augen schließen: Fotograf und Betrachter. Agnes Stuber scheint sich die Zeit genommen zu haben.

Von Alexandra Horn, Medienwissenschaftlerin und Textredakteurin bei emerge

Junger Fotojournalismus im Fokus

Liebe Leserinnen und Leser,

mit großer Freude übernehmen wir von emerge ab heute für einen Monat den Hatje Cantz Fotoblog. Im Laufe der nächsten Wochen werden wir unseren Fokus auf jungen Fotojournalismus legen. Wir möchten euch spannende fotografische Positionen vorstellen und euch zeigen vor welchen Herausforderungen Fotojournalisten*innen heutzutage stehen.

 

Der digitale Wandel

Die Medienlandschaft hat sich durch den digitalen Wandel dramatisch verändert. Die klassischen Printmedien kämpfen weiterhin gegen schwindende Auflagenzahlen und suchen nach neuen Geschäftsmodellen, um in der digitalen Zukunft bestehen zu können. Inmitten dieser Umwälzungen finden sich junge Fotojournalisten*innen vor den großen Unsicherheiten eines Lebens als Freiberufler wieder: schlechte Honorare, wachsender Konkurrenzdruck und verschwindend geringe Chancen für eine Festanstellung. Hinzu kommt die schnelle technologische Entwicklung, welche auch die Anforderungen an das Berufsbild ständig verändern. Zunehmend erwarten Redaktionen, dass Fotojournalisten*innen über die reine Fotografie hinaus auch multimediale Inhalte (Video, Audio) liefern und textliche Elemente beisteuern oder etwa ein Interview mit einem Protagonisten führen können. Der klassische Fotojournalismus entwickelt sich in eine modernere und noch komplexerer Form: Visual Journalism. Hierbei ist es selbstverständlich, dass Fotojournalismus, Videojournalismus, Dokumentarfilm und interaktives Storytelling im Web sich zunehmend überschneiden. Es entstehen neue visuelle Reportageformen, die vor allem über digitale Kanäle gestreut werden. Dies stellt auch die Ausbildungsstätten für Fotojournalisten*innen vor neue Anforderungen. Der wunderbare Fotograf und Filmemacher Tim Hetherington, der leider 2011 in Misrata, Libyen während seiner Arbeit getötet wurde, brachte es schon 2010 auf den Punkt:

“I encourage the students to look at many different forms. Not to say, ‘I am a photographer,’ but to say: ‘I am an image maker. I make still or moving images in real-life situations, unfiltered and un-photoshopped. I am going to look into how I can put this into different streams for different audiences; maybe some on the Web, some in print.“

 

Mut, Haltung, Verantwortung

Während manch einer nostalgisch zurückblickt auf die „goldenen Zeiten“, in denen man mit journalistischer Fotografie noch gutes Geld verdienen konnte, schaut die junge Generation nach vorne und sucht sich neue Wege, um ihre Geschichten zu erzählen und zu vermarkten.

Sie tun dies mit einer beeindruckenden Überzeugung und großem Mut. Und sie sind besser ausgebildet als je zuvor. Die zunehmend journalistisch-fundierte Ausbildung sorgt dafür, dass die junge Generation mehr will als starke Bilder – sie wollen starke Geschichten. Ihr Handwerk besteht darin ein gesellschaftsrelevantes Thema zu finden und sich diesem angemessen zu nähern. Sie entwickeln eine Bildsprache und wählen unterschiedliche, dem Thema angepasste Erzählformen. Zusehends spielen dabei auch die Verwendung von multimedialen Elementen und Online-Publikationen eine Rolle und fordern gegenüber der klassischen Zeitungs- und Zeitschriftenfotografie ihre Stellung ein.

Aus der Serie "Was bleibt?" von Ricardo Wiesinger © Ricardo Wiesinger / emerge

Aus der Serie “Was bleibt?” von Ricardo Wiesinger © Ricardo Wiesinger / emerge

Mit diesen Entwicklungen gehen aber auch ständige Herausforderungen und eine große Verantwortung einher, die Fotojournalisten*innen übernehmen müssen. Man kann durch die Auswahl und Zusammenstellung bestimmter Bilder auch einer Person schaden, z.B. in dem man Fakten verdreht oder den Kontext verzerrt. Gerade auch weil Foto- und Textjournalisten*innen immer seltener im Team auf Reportagereise gehen, müssen Fotografierende genau wie schreibende Journalisten*innen sehr gründlich recherchieren, sich tiefergehend mit ihrem Thema auseinandersetzen und das Vertrauen ihrer Protagonisten gewinnen. Schließlich gehen sie damit an die Öffentlichkeit und schaffen Aufmerksamkeit. Dies hat wiederum Risiken zur Folge, denn gerade bei der Veröffentlichung im Internet kann eine Geschichte auch in kürzester Zeit starke Verbreitung finden. Diese Verantwortung muss jedem bewusst sein. Gerade deshalb ist es wichtig eine fundierte Ausbildung zu durchlaufen und nach journalistischen Grundsätzen und Sorgfaltspflichten zu arbeiten.

 

Fotojournalismus ist unverzichtbar

Trotz aller Schwierigkeiten sind wir überzeugt, dass junger Fotojournalismus unglaublich lebendig ist und die zeitgenössischen Arbeiten mitunter stärker sind als je zuvor. Die Arbeiten, welche heutzutage entstehen, brauchen Wochen, Monate, manchmal Jahre, um am Ende eine Kraft und Tiefe zu entwickeln, mit der sie sich von der alltäglichen Bilderflut absetzen können. Doch kaum eine Redaktion verfügt noch über die Ressourcen, um solche Projekte zu finanzieren. De facto müssen Fotojournalist*innen also in Vorleistung gehen und sich selbst finanzieren, im Idealfall durch andere journalistische Fotojobs, aber auch durch Porträt-, Corporate-, Event-, Produkt oder sogar Hochzeitsfotografie, oder im Zweifelsfall eben doch durch gänzlich andere berufliche Standbeine. Auch neue Wege wie Crowdfunding oder das Anbieten von Weiterbildungen können der Finanzierung dienen. Das ein oder andere Stipendium gibt es glücklicherweise auch noch – leider nur viel zu wenige.

Aus der Serie "Kurze Beine, große Schritte" von Patrick Junker © Patrick Junker / emerge

Aus der Serie “Kurze Beine, große Schritte” von Patrick Junker © Patrick Junker / emerge

Und dennoch gibt es unzählige Fotojournalisten*innen, die sich nicht dafür zu schade sind, die unbeliebten Jobs zu machen, um die nächste Reise für das Herzensprojekt zu finanzieren. Diesen Leuten gilt eine ordentliche Portion Anerkennung und Respekt, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag zum öffentlichen Diskurs, und das nicht primär für Geld, sondern aus Überzeugung und einer Haltung heraus, die Missstände auf dieser Welt nicht einfach hinnehmen zu wollen. Gerade wenn sie Geschichten erzählen, die abseits des Medienrummels stattfinden und eine differenzierte, menschliche Sicht auf Themen ermöglichen, tun sie der Gesellschaft einen unschätzbaren Dienst.

Für genau diese jungen Fotojournalisten*innen haben wir vor über fünf Jahren unsere Plattform geschaffen. Wir konnten es nicht ertragen, dass wunderbare Geschichten aufgrund schwindender Veröffentlichungsoptionen in der Schublade landen und nicht gesehen werden.

Kevin Mertens
Gründer und Chefredakteur

(un)Wanted bei BredaPhoto 2016

Nächsten Monat beginnt das Fotofestival “BredaPhoto“. Wie der Name schon sagt, das Festival findet in Breda im Süden der Niederlande statt. Ich werde dort auch mit einer Ausstellung vertreten sein. Zu dem Anlass möchte ich gerne ein paar Sätze über das Festival sowie mein Projekt schreiben.

Vor einigen Monaten bekam ich eine Anfrage, ob ich eine neue Serie für das diesjährige Festival fotografieren will. Es ist eins der größten Fotofestivals der Niederlande und findet dieses Jahr zum 7. Mal statt. Ich war persönlich noch nie dort, aber habe bereits einige interessante Dinge über das Festival gehört. Die Ausstellungen sind auf über 25 Locations in der ganzen Stadt verteilt, insgesamt stellen rund 70 Fotografen ihre Arbeiten aus und es werden um die 80 000 Besucher erwartet. Mainact ist der Magnumfotograf Carl de Keyzer mit seiner Arbeit “Cuba, La Lucha“, wofür er die kubanische Transformation vom kommunistischen Regime hin zum Kapitalismus dokumentierte.
Doch es gibt auch eine Vielzahl anderer Aktivitäten, wie eine Masterclass, verschiedene Lesungen und Diskussionsrunden oder Führungen und Workshops. Das Festival beginnt am 15. September und endet am 30. Oktober.

Announcing the BredaPhoto 2016 theme from BredaPhoto on Vimeo.

Das diesjährige, Thema des Festivals lautet “You“. Ich konnte anfangs nicht viel mit diesem vorgegebenen, abstrakten Thema anfangen. Es erinnerte mich irgendwie an die Aufnahmeprüfungen fürs Fotografiestudium. Damals musste ich mich auch mit Themen wie “Heimat“ oder “Kontrast“ herumschlagen, um einen der begehrten Studienplätze zu bekommen. Ich hatte aber große Lust an dem Festival mitzuwirken und nahm dies als Anlass ein neues Projekt zu beginnen.

Zu meiner Arbeit:
Da es in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen gibt, die auf selbstständige Weise ihr Geld verdienen, war die Idee des Kurators, eine Reportage über ein Unternehmen zu machen, das auf innovative Art und Weise eine Lösung für ein bestehendes Problem gefunden hat.
Nach einigem Grübeln hatte ich die Idee, eine Geschichte über ein Unternehmen zu fotografieren, auf das ich schon vor längerer Zeit aufmerksam geworden war. Ich war damals auf einem Festival in Amsterdam und aß dort Gänsebrust bei einem improvisierten Essensstand. Es schmeckte gut, allerdings brach ich mir an einem Schrotkorn beinahe einen Zahn aus. Auf die Frage ob und wo denn die Gans geschossen wurde erzählte die Köchin mir, dass sie auf dem Amsterdamer Flughafen erlegt wurde. Ich kam mit ihr ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass sie zusammen mit ihrem Freund, Essen aus Schädlingstieren zubereitet – sie nennen sich “Die Küche des unerwünschten Tieres”.
Ich musste gleich an diese Begegnung denken, als mir der Kurator von seiner Idee erzählte. Ich nahm also Kontakt mit ihnen auf und bekam eine Zusage. Kurz darauf begann ich Nicolle und Rob, die beiden Initiatoren des Projektes fotografisch zu begleiten.
Die beiden sind ein Künstlerpaar, das die Küche des unerwünschten Tieres ins Leben gerufen hat. Sie wollen auf die Verschwendung von Fleisch von Schädlingstieren, was sich perfekt für den menschlichen Verzehr eignet, aufmerksam machen.
Auf der Karte der Beiden stehen, außer Flughafengänsen, noch eine Vielzahl anderer Tiere, die der Mensch als minderwertig betrachtet. Sie verwenden beispielsweise Stadttauben, Bisamratten, Flusskrebse, Ponys, Füchse oder Krähen für ihre Gerichte. Am besten laufen Gänsekroketten und der “My little Pony Burger“.
Ich habe aber nicht nur Nicolle und Rob begleitet, sondern bin auch mit auf die Jagd nach Schädlingen gegangen. So habe ich z.B. einen “Schädlingsbekämpfer“ beim Taubenfangen in Amsterdam oder eine Flusskrebsfischerin bei der Arbeit begleitet.
Bei dem Festival werden 21 Bilder aus der Serie ausgestellt. Die Ausstellung befindet sich bei STEK, einer Art kreativem Industriegebiet auf dem Festivalgelände. Ich werde die erste Woche in Breda sein und bin gespannt darauf.

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Elefantenumzug Malawi

Ich möchte heute gerne ein aktuelles Projekt vorstellen. Ich war im letzten Monat in Malawi und habe eine groß angelegte Elefantenumsiedlung fotografiert. Für diejenigen die nicht wissen wo Malawi liegt (ich hatte bis dato auch keine Ahnung), hier mal eine Karte.

Malawi

Ich war dort im Auftrag der niederländischen Tageszeitung “De Volkskrant“, für die ich schon viele Aufträge im Ausland fotografiert habe. Ich schätze mich sehr glücklich, für diese Zeitung arbeiten zu können. Welche andere (Tages)Zeitung schickt noch Schreiber und Fotografen für 10 Tage in die afrikanische Savanne, um eine Reportage umzusetzen?

Wir haben die erste Phase der Umsiedlung von insgesamt rund 500 Tieren begleitet. Die “Capture“, also das einfangen der Tiere, fand im südlich gelegenen “Liwonde National Park“ statt. Dieser Park verfügt noch über eine relativ stabile Elefantenpopulation. Das Management wurde vor kurzem von der gemeinnützige Naturschutz-Organisation „African Parks“ mit Sitz in Südafrika übernommen.
Da der Wildpark für afrikanische Verhältnisse nicht besonders groß ist, kommt es in Liwonde immer wieder zu Problemen mit Elefanten, die in Dörfer eindringen und dort Felder verwüsten. Um dies zu verhindern, aber auch um die Tiere besser vor Wilderern schützen zu können, wurde die Entscheidung zu dieser wohl größten Elefantenumsiedlung aller Zeiten getroffen. Neue Heimat der Tiere ist das etwa 350 Kilometer weiter nördlich gelegene „Nkotakota Wildlife Reserve“. Hier hat African Parks eine Schutzzone eingerichtet, die von einem hochmodernen Elektrizitätszaun umrandet ist. So soll kein Wilderer mehr rein und kein Elefant mehr raus kommen.
Vor wenigen Tagen erreichte uns allerdings die Nachricht, dass ein Elefantenbulle aus der Schutzzone ausgebrochen ist und eine 40 Kilometer lange Spur von Verwüstung in den umliegenden Dörfern hinterlassen hat. Er tötete drei Menschen und wurde letztendlich von Rangern erschossen. Dies hinterlässt doch einen bitteren Beigeschmack bei der ansonsten sehr erfolgreichen Aktion.

Ich persönlich bin ausnahmsweise ziemlich zufrieden mit dem Trip. Meist habe ich nach intensiven Reisen die Angst, nicht fertig geworden zu sein oder etwas verpasst zu habe. Dieses Gefühl hielt sich bei unserer Abreise aus Malawi aber in Grenzen.
Dazu kommt, dass es natürlich ein extrem fotogenes Thema war und wir als Team von Fotograf und Schreiber gut funktioniert haben (was nicht immer selbstverständlich ist). Das Thema an sich fand ich sehr spannend. Ich arbeite häufig an Themen die einen Bezug zu der Natur haben. Mich reizt es zu dokumentieren wie der Mensch in die Natur eingreift, sie lenkt, sie sich zu nutzen macht oder sie ausbeutet. Ich habe in der Vergangenheit schon viele Reportagen zu diesen Themen fotografiert. Bergbau, Abholzung oder auch andere Tierumsiedlungen – irgendwie beginne ich einen roten Faden zu erkennen, bei Themen die mir am Herzen liegen.

Der Junge in der Ambulanz

Der Krieg in Syrien hat seit gestern ein weiteres ikonisches Foto dazu bekommen. Seit Donnerstagmorgen kursiert das Bild eines syrischen Jungen durch die sozialen Netzwerke, der staubig und blutverschmiert in einem Rettungswagen sitzt. Inzwischen wissen wir, dass der Junge fünf Jahre alt ist und Omran Daqneesh heißt. Er wurde kurz zuvor aus den Trümmern seines Elternhauses in Aleppo geborgen, nachdem dieses von einem Luftangriff getroffen wurde. Kriegsroutine sollte man zynisch behaupten können.
Heute morgen, im Kiosk bei mir um die Ecke, schaut mich der blutverschmierte Junge von ziemlich jeder Zeitungstitelseite aus an. Er ist über Nacht zum Symbol für den nun fünf Jahre tobenden Krieg geworden.

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Nach und nach tauchen immer mehr Informationen auf. Anscheinend hat der Rest seiner Familie das Bombardement ebenfalls überlebt. Beide Eltern und alle drei Geschwister seien allerdings ebenfalls verletzt. Auch ihr Haus sei zerstört worden. Mindestens drei Menschen starben bei dem Angriff.
Auch eine längere Version des Videos ist nun auf der Website des Guardian zu finden. Hier sieht man wie der traumatisierte Junge auf dem Arm eines Mannes aus dem zerstörten Haus getragen und in der Ambulanz auf einen Stuhl gesetzt wird. Daraufhin verschwindet der Mann wieder und die Szene in der Omran sich verstört an den Kopf fasst wird gefilmt.
Das Material wurde vom „Aleppo Media Center“ (AMC) verbreitet, eine oppositionelle Gruppierung, die das Elend im Osten Aleppo’s dokumentiert.
Mr. Ahmad, einer der lokalen Journalisten, der die Szene filmte, zeigte sich verwundert über die grosse Aufmerksamkeit die sein Video bekommt: “Als Journalist in Aleppo sehe ich tausende solcher Situationen. Omrans Fall ist nur einer von vielen…“

Ich finde Bilder wie diese werfen immer viele Fragen auf: Sollte oder muss man sie sogar zeigen? Bezwecken oder verändern sie etwas? Werden wir von ihnen manipuliert?

Schaut man sich auf Twitter um, wird klar wie das Bild instrumentalisiert wird:

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Wie kommt es, dass mache Bilder so viel Aufmerksamkeit bekommen, tausendfach geteilt und veröffentlicht werden und uns an das Grauen von Krieg, Verfolgung oder Flucht erinnern?
Ich habe gerade bei Googles Bildersuche “Injured child Syria“ eingegeben und bekam zahllose grauenhafte Bilder zu sehen. Viele deutlich schlimmer als das Foto von Omran. Einige wenige kannte ich bereits (wahrscheinlich auch nur, weil ich selber Fotojournalist bin), doch den Großteil hatte ich noch nie vorher gesehen.
Anne Barnard, Korrespondentin der New York Times für Syrien und den mittleren Osten, fragte sich das in ihrem gestrigen Artikel auch und hat folgenden Erklärungsversuch:

“Maybe it was his haircut, long and floppy up top; or his rumpled T-shirt showing the Nickelodeon cartoon character CatDog; or his tentative, confused movements in the video. Or the instant and inescapable question of whether either of his parents was left alive.“

Ich denke Schreckensbilder wie dieses, die erst in einen viralen Hype landen und daraufhin von den grossen Zeitungen und Nachrichtensendern übernommen werden, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen.
Sie müssen uns emotional hart treffen, ebenso müssen sie schocken. Dennoch dürfen sie nicht zu grausam sein. Sie brauchen etwas Unschuldiges. Denkt an das Bild des ertrunkenen Jungen an einem türkischen Strand – Aylan Kurdi war sein Name. Vor etwa einem Jahr tauchte das Bild plötzlich in sozialen Medien auf und war für einige Zeit nicht mehr aus den Nachrichten wegzudenken. Es wurde zum Symbol für die Flüchtlingskrise.
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Inhaltlich hatte das Foto einige Parallelen zu dem Bild von Omran. Beides sind Bilder von Kindern, die Opfer eines Krieges geworden sind. Beides unschuldige Jungen und beide Bilder zeigen keine abgerissenen Gliedmassen, sondern kommunizieren auf eine andere, eine subtilere Art das Schrecken des Krieges. Der “Durchschnittsbürger“ muss sie sich angucken können und doch muss sich das Bild in unser kollektives Gedächtnis einbrennen.

Zugegeben, das Foto von Omran ist blutig, aber er hat überlebt! Scheinbar wäre ein totes Kind zu hart gewesen. Auch das Video von der Szene ist genau genommen ein sehr ruhiges. Ein Junge sitzt blutverschmiert auf einem Stuhl, er schreit oder weint aber nicht, wir hören auch keine Kriegsgeräuche, keine Schüsse oder Einschläge und doch wissen wir alle welchen Horror dieser junge Mensch gerade durchmacht.

Ich bin mir sicher, dass uns dieses Bild noch einige Tage verfolgen wird. Vielleicht bekommt Oman Daqneesh sogar einen Wikipedia Eintrag. Doch dann werden werden wir ihn wahrscheinlich langsam wieder vergessen…. und der Krieg in Syrien geht weiter.

Drohnen, überall Drohnen!

Passend zum Neustart in Hamburg habe ich mit zwei Freunden in eine professionelle Drohne investiert. Ich bin eigentlich nicht besonders an Technik interessiert, doch dieses Stück Hightech ist sehr beeindruckend. Es ist eine DJI Inspire 1 Raw (falls das jemandem was sagt…), kostet mit Zubehör rund 7000€ und ist vollgestopft mit schlauen Sensoren und blinkenden Lämpchen.
Wir haben uns aus verschiedenen Gründen entschlossen eine Drohne anzuschaffen. Wie gesagt, die Technik ist nicht der Hauptfokus, vielmehr ist es die neue Perspektive als Zusatz zu dem was wir als Fotojournalisten eh machen – Nämlich Geschichten erzählen. Natürlich müssen wir zu diesem Zweck Herr dieses komplexen Gerätes werden und die vielen Knöpfe betätigen können. Dies kostet Zeit Nerven und Übung. Nach einer ersten Bruchlandung in einer Tanne ist das Gerät allerdings gerade im “Krankenhaus“.

Übung macht den Meister. Illegaler Drohnenflug im Garten. © Julius Schrank

Übung macht den Meister. Illegaler Drohnenflug im Garten. © Julius Schrank

Wenn man sich in der Welt der Luft und Drohnenfotografie mal umschaut, fällt mir auf, dass die Leute eher technikversierte Amateure als professionelle Fotografen sind. Deshalb gibt es zahlreiche Anbieter für Drohnenaufnahmen. Meist findet man auf deren Websites Aufnahmen von Firmengeländen, Hochzeiten oder Blumenfeldern. No offence, doch ich denke eine Drohne bietet auch im Bereich der journalistischen Fotografie viele Möglichkeiten und ist weit unterschätzt. Bei meiner Recherche fiel mir auf, dass es noch nicht viele Beispiele gibt, bei denen die Vogelperspektive als erzählerisches Mittel für journalistische Geschichten genutzt wird.
Ein paar Arbeiten habe ich jedoch gefunden und möchte diese gerne vorstellen:

Thomas van Houtryve’s Arbeit „Blue Sky Days“ ist so eine. Van Houtryve hat in den USA Luftbilder von Situationen gemacht, die an den US Drohnenkrieg in Pakistan oder dem Jemen erinnern, der bisher tausende Zivilisten das Leben kostet hat. Er nimmt uns mit in die Welt eines Drohnenpiloten der U.S.Army der aus einem Kontrollzentrum in Nevada oder New Mexico über Leben und Tod am anderen Ende der Welt entscheidet. Dazu überflog Van Houtryve Orte und Situationen des alltäglichen Lebens in den USA. Von oben betrachtet hätten diese Bilder ebenso im afghanisch-pakistanischem Grenzgebiet gemacht sein können. Schaut man genauer hin, entpuppt sich zum Beispiel die Ansammlung betender Muslime als eine Yogasession im Park von San Francisco.

Suspect behavior - People exercise in a public park in San Francisco. Aus der Serie "Blue Sky Days". © Tomas van Houtryve

Suspect behavior – Menschen beim Workout in einem öffentlichen Park in San Francisco. Aus der Serie “Blue Sky Days”. © Tomas van Houtryve

Ein weiteres Beispiel ist die Arbeit des italienischen Fotografen Rocco Rorandelli. Er fotografierte die Flüchtlingsroute quer durch Europa aus der Vogelperspektive. Seine Aufnahmen zeigen Menschen auf der Flucht, irgendwo zwischen Griechenland und Deutschland. Auf dem ersten Blick wirken die Bilder anonym, aus großer Distanz aufgenommen, fast wie Ausschnitte aus einer Landkarte. Doch schaut man genauer, offenbaren sie zahlreiche Details – der Müll entlang des Weges, Schlangen bei einer Essensausgabe, Menschen die sich gegenseitig aus dem Matsch ziehen.
Mich erinnern einige der Aufnahmen an Ameisenstraßen, die sich durch die Natur ziehen. Irgendwie planlos und doch scheinen alle ein Ziel zu verfolgen.

Aus Rocco Rorandelli's Serie: "Trans Europe Migration".

Aus Rocco Rorandelli’s Serie: “Trans Europe Migration”.

Fakt ist: Drohnen sind angesagt und ein neuer Verkaufshit. Vor kurzem war ich im Mediamarkt und sah dort ein Angebot von ca. 20 Drohnen in verschiedensten Ausführungen und Preiskategorien. Es gibt auch bereits ein Drohnen-Pendant zu Instagram; Es heißt (wie auch sonst)  “Dronestagram“. Letzten Monat wurde zum dritten mal der “International Drone Photography Award“ von Dronestagram und National Geographic verliehen. Es wurden über 6000 Bilder eingesendet….

Allerdings werden Drohnen mittlerweile weitaus breiter eingesetzt als zum Fotos machen und Krieg führen. So wurde Ende 2014 in Londons größtem Kultur und Konferenzzentrum, dem “Barbican“ eine life musik-performance mit verkleideten Drohnen aufgeführt: Das Loop>>60Hz. Dabei wurde die Stimme des Sängers von den Drohnen, an denen Lautsprecher befestigt waren, durch den Theatersaal getragen. Auch der Cirque du Soleil entwickelte eine beeindruckende Performance bei der Mensch und 10 Quadrocopter synchron miteinander Tanzten.

Wie sich die Drohenfotografie in Bereich der erzählerischen Fotografie weiterentwickeln wird bleibt abzuwarten. Ich denke, wir werden in Zukunft noch einige innovative Projekte zu sehen bekommen.

Neue Stadt, neues Leben…… und jetzt?

Dies ist also mein erster Blogeintrag. Unbekanntes Terrain. In der Regel beschränkten sich meine schreiberischen Fähigkeiten auf Exposés und das Beantworten von E-mails.

Wie oben angekündigt bin ich Fotojournalist und habe die letzten 6 Jahre in den Niederlanden gelebt und hauptsächlich auch dort gearbeitet. In erster Linie war ich als News- und Porträtfotograf für eine große Tageszeitung tätig. Als fester Freier – immer auf Abruf, immer on-the-road. Seit wenigen Wochen habe ich die Vorzüge eines mehr-oder-weniger festen Einkommens aufgegeben und bin mit Freundin und junger Tochter nach Hamburg gezogen.

Ich möchte diesen Blog unter anderem nutzen, um über Erfahrungen, Herausforderungen und Chancen zu schreiben, die ein solcher Standortwechsel für einen (doch noch relativ) jungen Fotografen mit sich bringt. Ebenso will ich etwas von meinen aktuellen Arbeiten und Projekten zeigen. Ich freu mich drauf….

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