Über den Fotoblog

Jeden Monat ein anderer Experte. Wir laden bekannte Blogger und Spezialisten aus der internationalen Fotoszene ... Read more »

About the Blog

Another expert every month: We invite well-known bloggers and specialists from the international photography scene... Read more »

Das Schwingen beim Betrachten. Über die Arbeiten von Henrik Spohler.

 

Lagerung von Leercontainern in Bilbao. (Henrik Spohler: In Between).

Lagerung von Leercontainern in Bilbao. (aus: Henrik Spohler. In Between)

 

Eine der interessantesten Positionen in der deutschen Fotografie nimmt seit Jahren Henrik Spohler ein. Den Fotografen beschäftigen die -im wahrsten Sinn des Wortes- weltumspannenden Themen, die wir zwar immer wieder politisch debattieren, von denen wir aber dennoch nur vage bildliche Vorstellungen entwickeln. Henrik Spohler recherchiert intensiv und versucht schließlich, für seine Absichten eine visuelle Entsprechung an den ausgesuchten Orten zu finden. Ein eigenartiger Effekt entsteht beim Betrachten der Ergebnisse: Seine artifiziellen Ansichten sind anregend und fordern uns zugleich intellektuell heraus.  ”Es dreht sich darum, das Wissen des Betrachters zum Schwingen zu bringen,” sagt Henrik Spohler. Genau das gelingt ihm immer wieder.

Mit welchen Inhalten beschäftigst Du Dich in Deinen vier Werkgruppen, die in Ausstellungen gezeigt und auch als Bücher erschien sind – und nun das erste Mal als Gesamtschau zur Triennale der Photographie zu sehen sein werden?

Seit dem Jahr 2000 beschäftige ich mich mit aktuellen oder zukünftigen Themen unserer Gesellschaft in Bezug auf die moderne wirtschaftliche Globalisierung. Ob das nun mein erstes Projekt „0/1 Dataflow“ war, das die technischen Infrastrukturen eines neu entstehenden Informationszeitalters zeigt. Oder die Bilder von antiseptisch wirkenden Hight-Tech Fabriken in „Global Soul“, die Fragen nach einer radikal veränderten Arbeitswelt stellen. Oder „The Third Day“, wo ich unserem verklärt, romantischem Landschaftsbild die Vision von endlosen Agrarindustrien entgegenstelle.

 

Hafeninsel Yangshan. Zufahrt Containerterminals. (aus: Henrik Spohler. In Between).

Hafeninsel Yangshan. Zufahrt Containerterminals. (aus: Henrik Spohler. In Between).

 

Sind das nicht Themen, die man präziser in bewegten Bildern fassen könnte?

Ich verfolge ja keinem journalistischen Ansatz. Meine Projekte sind eher als Untersuchungen zu aktuellen Themenfeldern zu verstehen. Es geht mir gerade darum, Gewissheiten zu vermeiden. Dabei bewegen sich meine Fotografien auf einem Grat zwischen realen Orten, die ich aufgesucht habe und meiner bildlichen Erzählung. Ich nutze die Fotografie, um eine Balance zwischen dokumentarischen und imaginären Aspekten herzustellen. Die Bilder einer Serie sind bei aller Klarheit weder inhaltlich, zeitlich noch räumlich eindeutig einzuordnen.

Zur Triennale zeigst Du deine neue, bisher unveröffentlichte Arbeit „In between“. Worum geht es da?

Im Grunde geht es um die fast schon absurde Omnipräsenz von Waren – als ein Zeichen der Globalisierung. Wer heute online ein Paar Pantoffeln bestellt, findet sie bereits morgen vor der eigenen Haustür. Egal, ob sie in Taiwan oder Südtirol hergestellt wurden. Waren, Rohstoffe und Industriegüter sind nahezu überall und zu jeder Zeit verfügbar. Die weltumspannende Logistik ist zum Rückrat von Wirtschaft geworden. Das Projekt untersucht Orte des Transits. Schnittstellen der Logistik wie Häfen und Frachtflughäfen, oder Anlagen und Areale, die sich entlang von Handelswegen gebildet haben. Gebiete, die nur dem wirtschaftlichen Funktionieren entsprechen. Orte, die isoliert betrachtet keinen Hinweis auf Länder oder Kontinente geben. Die Fotografien zeigen die Rückseiten industrieller Produktion und wirtschaftlichen Handelns. Es entstehen fiktional anmutende Motive von namenlosen Gebiet.

 

Autoverladung Emden. (aus: Henrik Spohler. In Between).

Autoverladung Emden. (aus: Henrik Spohler. In Between).

 

Henrik Spohler, Jahrgang 1965 studierte an der Folkwangschule/Universität Essen. Spohlers vielfach ausgezeichnete Arbeiten sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Er unterrichtet als Professor an der HTW Berlin im Studiengang Kommunikationsdesign. Henrik Spohler lebt in Hamburg und Berlin.

 

Distributionsanlage für Pakete am Flughafen Köln-Bonn. (aus: Henrik Spohler. In Between).

Distributionsanlage für Pakete am Flughafen Köln-Bonn. (aus: Henrik Spohler. In Between).

 

Die Ausstellung  ”When Millenium Begins” wird vom 18.06. bis 28.06.2015 anlässlich der Photo Triennale in der Barlach Halle K in Hamburg gezeigt. Neben der Ausstellung in Hamburg werden Henrik Spohlers Arbeiten dieses Jahr auch auf dem Fotofestival Mannheim Ludwigshafen Heidelberg präsentiert.

Weitere Infos:

http://www.henrikspohler.de

http://www.phototriennale.de/exhibitions/when-millennium-begins/

 

Ausflüge in den Garten.

 

http://nicomichaelsen.com

Nico Michaelsen – Botanica

 

Um mich der Erschöpfung des Großstadtdaseins zu entziehen, setze ich mich manchmal einfach auf mein Fahrrad und verreise. Meine Reise dauert kaum länger als drei Minuten, bis ich die beschauliche Stille einer exotischen Welt erreicht habe. Auf meinen Streifzügen darin bewege ich mich vielleicht zunächst in Richtung Südamerika, zu Wüstengärten, die unter den Glaspyramiden liegen oder zum chinesischen Pavillon. Einen Moment verharre ich ehrfurchtsvoll im Garten der Giftpflanzen, an anderer Stelle  studiere ich die Vegetation des europäischen Hochgebirges. Schließlich suche ich mir im Schatten des Bambus ein Plätzchen, um mich dort niederzulassen oder bewege mich in den Duftgarten, um meinen Geruchssinn zu üben.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

Es gibt ihn tatsächlich. Diesen Ort, der all dieses bietet und dessen ganze Vielfalt  man vollständig in wenigen Minuten flanierend erobern kann. Der Botanische Garten in Hamburg dient dem gestressten Großstädter zum erholsamen Verweilen, zur Inspiration oder zum ensthaften Pflanzenstudium.

 

Auch Nico Michaelsen ist ein häufiger Nutznießer dieses Gartens. Begegnet bin ich ihm dort noch nie, denn er bewegt sich auf (Gedanken-)Pfaden, die etwas abseits liegen. „Über mehrere Jahre ging ich immer wieder in den Botanischen Garten und war froh, wenn ich mit einigen brauchbaren Bildern nach Hause gekommen bin. Wenn man erst einmal ein Konzept entwickelt hat, folgt der Blick nur dessen Umsetzung, es hilft bei der Suche der Bilder und gibt die Richtung vor. Dennoch war schwer, einem Ort, den ich gut kannte, Neues abzugewinnen.“ Genau das aber gelingt ihm, Nico Michaelsen erweitert die Perspektive auf einen vertrauten Ort. Denn er verfällt – im Gegensatz zu mir – nicht ausschließlich dem ästhetischen Reiz der geformten Landschaft, wenn er mit seiner Kamera unterwegs ist. Fotografie bietet ihm ein geeignetes Mittel, über Formgebung, Ordnung  und Nutzung eines artifiziell angelegten Landschaftsraumes zu reflektieren. Seine Arbeit zeigt zugleich, wie sich ästhetische Einflüsse und gesellschaftliche Zusammenhänge in den geschaffenen Natur-Räumen sedimentieren.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

In seinen fotografischen Arbeiten unterwandert er das Ideal eines unberührten, paradiesischen Ortes. So zeigt er uns einerseits einen japanischen Garten, in leichten Nebel eingetaucht, als perfekte Illusionsmaschine (bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass der künstlich angelegte See mit einer dünnen Eisschicht überzogen ist). An anderen  Stellen im Garten sind immer wieder Zeichen der Eingriffe und der Korrekturen erkennbar: Die Stutzung natürlichen Wachstums, Beschriftungen, Absperrungen, Warnschilder, Abdeckplanen.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

 

Der Fotograf führt den Botanischen Garten als einen Ort der Sinnlichkeit vor, der gleichzeitig funktionalen Ansprüchen gerecht werden muss. Und so blicken wir in Ausstellungsräume, die Schnittstellen zwischen konsumistischen Vergnügen und didaktischem Auftrag bilden. Orte, die botanische Systematisierungen beherbergen und die intellektuelle Auseinandersetzung mit Eigenarten (und Gefährdungen) von Pflanzenarten befördern wollen. Der optische Widerspruch von isoliertem Gewächs und aufgeräumten, klinischem Raum vermittelt ein hohes Maß an Absurdität. Das ist nur ein Beispiel – das Subversive lauert überall hinter seinen analytischen Beobachtungen. Botanica irritiert den Betrachter, es amüsiert ihn und lässt ihn ein Stück weit melancholisch zurück.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

Nachtrag: Einem Zufall ist es zu verdanken, dass diese Arbeit hier heute gebloggt wird. Vor einiger Zeit kam ich mit Nico während einer Empfehlung eines Fotobuchs ins intensive Gespräch. Irgendwann erwähnte er eher schüchtern, dass er selbst fotografiere und er präsentierte die Serie „Botanica“, die mir sofort gefiel. Der gelernte Ingenieur für Biotechnologie arbeitet seit längerem in der Pharmaforschung. Auch wenn er nicht professioneller Fotograf ist, betreibt er die Fotografie mit einem professionellen Anspruch. „Ich habe schon, wie viele andere Amateure, lange und viel fotografiert, bis das Interesse verloren ging. Ich wollte keine Sonnenuntergänge, Türen und Fenster mehr fotografieren. Ich merkte schnell, was viele Hobby-Fotografen vergessen haben, dass Technik nicht alles ist. Ästhetik in Bildern hat seine Berechtigung, darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Ich begann Fotobücher zu sammeln und mich mit Fotokünstlern intensiv auseinander zu setzen. Früher kam es mir auf Ästhetik in den Bildern an, heute schaue ich auf so viel mehr. Meine Bilder, ob als Einzelbilder oder als Serie, „verdichten“ einen Gedanken, ein Gefühl oder eine Absicht. Fotografie ist ein perfektes Medium zur Vermittlung.“ Fotografie stellt für ihn eine kreative Ausdrucksweise dar, die er immer wieder neu austestet und erweitert. Und in der es für ihn immer noch mehr zu lernen gibt. Eine Serie mit dem schönen Titel „Das Norderstedter Gefühl“, die einen anderen Hamburg-Schauplatz behandelt, ist angekündigt. Ich warte mit Spannung darauf.

 

Nico Michaelsen - Botanica

Nico Michaelsen – Botanica

Weitere Infos siehe: http://nicomichaelsen.com

Hundertdreiundvierzig Zentimeter lieben.

 

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Vor einigen Tagen fiel mir eine Zeitung in die Hand, die mich erst neugierig und dann ein wenig sprachlos machte. Auf der Titelseite in nüchterner Typographie nichts weiter als eine Größenangabe: HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER. Schlägt man die Zeitung auf, werden einem wunderbare Porträts einer jungen Frau präsentiert, die mit harschen Zitaten kontrastiert sind. Beispiel gefällig? “Treib es ab und versuch es nochmal. Es wäre unmoralisch, es in die Welt zu setzen, wenn du eine Wahl hast.” Das ist ein Tweed des Biologen und Religionskritikers Richard Dawkins, der 2013 in einer Umfrage der britischen Zeitschrift Prospect immerhin zum weltweit wichtigsten Denker gekürt worden ist. Nur eine von mehreren Aussagen, in denen ein völliges Unverständnis formuliert wird – darüber, dass Mütter und Väter eine andere Wahl treffen und sich bewusst für ein Kind mit Trisomie 21 entscheiden könnten. Behinderte Menschen haben in einer Optimierungsgesellschaft keinen Platz.

Marina hat einen Platz. Sie hat eine Familie, Freunde, eine Arbeit. Sie ist 143 cm groß,  26 Jahre alt und die Schwester der Fotografin Sabine Lewandowski. Sie ist mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen. Sabine Lewandowski präsentiert ihre Schwester in einer ungewöhnlichen Porträtserie, anbei stellt sie einen überaus persönlichen Text. Auf mich wirkt das sehr lange nach…und ich möchte mehr wissen.

 

Was war der Anlass für dein Projekt?

Sabine Lewandowski: Anlass war meine bevorstehende Bachelor-Arbeit, bei der ich mich mit einem persönlichen Thema beschäftigen wollte. Aufgrund meines familiären Hintergrunds und der immer wieder aufkommenden Diskussionen zu Trisomie 21 lag es für mich nahe, meine Sicht auf fotografische Weise darzustellen und später mit den recherchierten Zitaten zu ergänzen.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Jeder will ein Buch machen. Du hast ein Journal gemacht – warum?

Meine Intention zu HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER war, die Öffentlichkeit mit dem Thema anzusprechen und zu konfrontieren. Eine Zeitung trägt im Gegensatz zu einem Buch eine gewisse Leichtigkeit mit sich, wobei ihre Mitteilungen nicht an Gewicht verlieren, sie wird für ein breites Publikum hergestellt und von unterschiedlichen Altersgruppen wahrgenommen.

Welche Auflage machst du und wo ist die Zeitung gedruckt?

Die Zeitungen wurden bei einer Druckerei in London gedruckt, die sich auf Zeitungen spezialisiert hat. Ich habe mit einer kleinen Auflage begonnen, um das Journal finanzieren zu können. Aufgrund der hohen Nachfrage, wurde mittlerweile die 3. Auflage mit je 20 Exemplaren gedruckt.

Warum arbeitest du so stark mit Zitaten, die, um im Bild der Zeitung zu bleiben, wie Schlagzeilen wirken?

Die Zitate schaffen eine zusätzliche Ebene zu den emotionalen Bildern. Sie sind der Kontrast zu den weichen Fotos und bilden eine Haltung unserer modernen Gesellschaft ab. Sie zeigen, was einzelne Menschen beschäftigt, welche Fragen gestellt werden und wie letztendlich der Umgang mit dem Down-Syndrom ist.

Geben die drastischen Zitate nicht die Vorurteile und Meinungen einzelner verwirrter bzw. konservativer Kräfte wieder, während der gesellschaftliche Diskurs schon viel weiter vorgedrungen ist? (Inklusion als pädagogisches Schlagwort, Teilhabe in neuen Berufsfeldern etc.).

Natürlich sind es nur einzelne, von mir ausgewählte Aussagen, die in der Zeitung sehr komprimiert und geballt wirken. Es gibt durchaus positive Stimmen zum Down-Syndrom. Mit meiner Arbeit ging es mir nicht darum, die Inklusion voranzutreiben. Meiner Meinung nach sollte diese je Einzelfall entschieden werden. Vielmehr hinterfrage ich die Wertigkeit eines Menschen in der Gesellschaft, Entscheidungen über ein Leben und das Streben nach Perfektion in der Welt. Alle Zitate geben eine Haltung wieder, die den Umgang mit dem Down-Syndrom aufzeigen. Es wird ein Wertesystem vorgegeben, nachdem es unverantwortlich ist, ein Kind mit Behinderung zur Welt zu bringen. Das zeigt nicht zuletzt die hohe Abtreibungsquote von über 90% bei der Diagnose Down-Syndrom.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Wie würdest du dein Konzept zu HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMENTER allgemein beschreiben?

Mir fiel es bei dieser Arbeit schwer, von Anfang an einem durchdachten Konzept zu folgen. Ich hatte einen Gedanken und ließ mich von meiner Intuition leiten. Das Konzept hat sich sozusagen Schritt für Schritt zusammengesetzt. Bei den Fotos war es mir wichtig, das festzuhalten und wiederzugeben, was mir an Marina vertraut ist, was ich kenne und auch nach außen transportieren wollte: ganz normale Momente des Alltags und unterschiedliche Facetten, die Marinas Persönlichkeit ausmachen. Als ich mich mehr mit dem Thema der pränatalen Diagnostik, persönlichen Geschichten und den aktuellen Schlagzeilen beschäftigt habe, wuchs der Wunsch, die Arbeit mit einer weiteren Ebene zu ergänzen.

Immer wieder werden fotografische Klischees reproduziert, wenn es um einen Protagonisten mit Behinderung geht. Du schaffst eine ganz eigene Ästhetik, die die Konzentration auf die Persönlichkeit legt, auf Innerlichkeit und den Gefühlsausdruck des Individuums. Wolltest du dich von den üblichen Sozialreportagen bewusst wegbewegen?

Ja. Trisomie 21 ist ein Gendefekt, der sich zuerst an äußeren körperlichen Merkmalen ausdrückt. Die damit verbundenen Klischees sind für einen Fremden erst einmal schwer zu durchdringen. Mit einer Sozialreportage hätte ich vermutlich nur ein weiteres Klischee bedient. Marinas Down-Syndrom ist für mich zweitrangig, in erster Linie ist sie meine Schwester – mit ihrer eigenen Persönlichkeit, ihren Stärken und Schwächen. Ich wollte Momente aus ihrem Alltag und ihren unterschiedlichen Facetten festhalten – die Mischung aus beidem ergibt für mich erst eine komplexe Darstellung ihres Wesens.

„Loving her is a splendid adventure“, schreibst du ganz am Ende. Ist die Geschichte also weniger eine über eine junge Frau, die mit Trisomie 21 lebt, sondern eine, die über die Beziehung zweier Schwestern berichtet?

Natürlich erzählt die Arbeit von allem ein bisschen… Es ist die harmonische Beziehung zueinander, die diese Serie erst möglich gemacht hat.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Wie lange hast du an der Serie gearbeitet?

Das Gesamtprojekt HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER ist im Zeitraum von 15 Wochen entstanden.

Wie findet deine Schwester, dass sie Hauptperson einer Zeitung ist? 

Marina blättert jeden Morgen in der aktuellen Tageszeitung. Für sie ist es etwas Besonderes, nun ihre eigene Zeitung in den Händen zu halten. Die Bedeutung, die ihre Fotos angenommen haben, ist ihr allerdings nicht bewusst.

Fiel es dir an irgendeiner Stelle schwer, dein Privatleben zu einem fotografischen Sujet zu machen?

Da es nicht nur ein Teil meines Privatlebens, sondern auch meiner Familie ist, gab es immer wieder Momente, in denen ich mein Gewissen hinterfragt habe. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe. Mein persönlicher Bezug gibt den Fotos die Nähe und die Ausdrucksstärke, die ich als Außenstehende nicht hätte festhalten und transportieren können.

Apropos privat: Wie wichtig war es dir, einen eigenen, sehr persönlichen Text am Ende einzubauen, der deine Haltung noch einmal klarmacht und deine Schwester in kluger und anrührender Weise darstellt?

Anfangs hatte ich keinen persönlichen Text vorgesehen. Ich habe immer wieder versucht, meinen Standpunkt möglichst unkommentiert durch die Fotos wiederzugeben. In Gesprächen mit meiner Familie, Freunden und Professoren wurde mir bewusst, dass mancher Leser meine Intention zu dieser Arbeit erst durch den persönlichen Text besser erfassen kann.

Wie sind die allgemeinen Reaktionen auf die Serie?

Die Reaktionen auf die Serie waren durchgehend positiv. Viele Menschen haben interessiert nachgefragt, Zeitungen bestellt und die Fotos aufmerksam studiert. Es gab die unterschiedlichsten Gespräche. Persönliche Geschichten, die sich in der Arbeit wiedergefunden haben und Rückfragen von Menschen, die bisher gar keine Berührungspunkte mit Trisomie 21 hatten. Wenn Vorurteile vorhanden sind, versuche ich diese zu hinterfragen. Gerade bei solchen sensiblen Themen, ist es wichtig, zuzuhören und ein Verständnis zu entwickeln. Erst dann wird ein wertvolles Gespräch auf Augenhöhe möglich, ohne kämpferisch auf seinem Standpunkt zu beharren.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

Sabine Lewandowski. Hundertdreiundvierzig Zentimeter.

HUNDERTDREIUNDVIERZIG ZENTIMETER, 60 S., 29 x 37,5 cm,  21,00 €

Weitere Infos: http://sabinelewandowski.com

Bis zum 23. Mai ist die Arbeit auch als Ausstellung in der Stadtbibliothek Bremen zu sehen: http://www.stabi-hb.de/Veranstaltungen.html?zg1=&zg2=&bib=&vaid=5299

Find a Fallen Star – Im Gespräch mit Regine Petersen.

 

Regine Petersen: Kanwarpura (Leading Face)

Regine Petersen. Kanwarpura (Leading Face). The Indian Iron.

In den fünfziger Jahren fällt ein Stein fällt durch das Dach eines Hauses im Alabama und verletzt eine Frau. In einem Dorf in Nordrhein-Westfalen hören Kinder ein Summen wie von einem Propeller, als plötzlich etwas zu Boden fällt. Sie finden einen Meteoriten, den sie in mehrere Stücke schlagen und untereinander aufteilen. Zwei Hirten in Rajasthan werden 2006 Zeugen eines seltenen Meteoritenfalls, der sich unweit eines Atomkraftwerks ereignet. Regine Petersen hat diese “Fälle” zum Anlass genommen, die Orte aufzusuchen, Augenzeugen zu befragen, Dokumente zu recherchieren und mit ihren eigenen assoziativen fotografischen Arbeiten zu ergänzen. Die Serien der Hamburger Fotografin wurden mehrfach ausgezeichnet und sind jetzt in einem wunderbaren neuen Buch erschienen. Ein guter Anlass, bei der Fotografin einmal nachzufragen:

 

Hast du jemals einen Meteoriten in der Hand gehalten? 

Regine Petersen: Das ist ein schöner Einstieg in ein Gespräch. Ich habe alle möglichen Meteoriten in der Hand gehalten, von kleinen steinigen Krümeln bis hin zu schweren Eisenbrocken. Ich finde, es ist ein schönes Gefühl. Sie sind schwerer, als man erwartet und die steinigen Körper haben oft eine samtige Oberfläche, die beim Flug durch die Atmosphäre entstanden ist. Ich habe auch schon selbst kleine Meteoriten in der Wüste gefunden – das ist noch aufregender.

 

Wie kommt man als Fotografin dazu, sich ausgerechnet für ein Thema wie Meteoriten zu interessieren, das eigentlich Domäne der Wissenschaft ist? Hattest du von Anfang an Vertrauen darauf, dass dein Thema sich fotografisch aufbereiten lässt?

Ich interessiere mich für wissenschaftliche Themen. Ich denke auch, dass es einige Schnittpunkte zwischen Kunst und Wissenschaft gibt, vordergründig ein Interesse an rätselhaften Dingen. Ich sehe viele Analogien zwischen Meteoriten und der Fotografie, z.B. wenn man anfängt, Meteoriten als Zeitkapseln zu betrachten. Sie sind Zeugen der Entstehung des Sonnensystems und die ersten Staubkörnchen aus der Zeit sind in ihnen noch enthalten. Die existenziellen Fragen, die wir uns stellen – wer sind wir, woher kommen wir usw., all das sehe ich auch in der Fotografie. Aber Meteoriten spielen nicht nur in der Wissenschaft eine große Rolle, sondern generell in der Menschheitsgeschichte; in der Religion und im Leben derer, die beobachtet haben, wie sie vom Himmel fallen. Man kann sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten, kosmologisch, metaphysisch, historisch oder als Sammlungsobjekt.

Aus irgendeinem Grund hatte ich nie Zweifel an dem Projekt. Auch wenn ich nicht genau wusste, wohin mich die Reise führt, hat es sich von Anfang an richtig angefühlt.

Regine Petersen: Ann.

Regine Petersen. Ann. (Stars Fell on Alabama).

Beschäftigt man sich erst mal intensiver mit dem Thema, erfährt man, dass es im Lauf der Zeit eine Reihe von verbürgten Fällen gibt. Wieso hast du gerade diese drei Fälle rausgesucht? Wofür stehen die beispielhaft?

Ja, es gibt unzählige Geschichten über Meteoritenfälle. 100 davon habe ich in einem Text-Büchlein zusammengefasst, welches ich ein paar Monate vor Find a Fallen Star herausgebracht habe. Die drei Geschichten haben mich aber nachhaltig beschäftigt und es gab interessante Entwicklungen bei der Recherche vor Ort. Die Fälle waren relativ komplex und es kristallisierten sich bei allen ähnliche Fragestellungen heraus, etwa was die Konstruktion von Geschichte betrifft. Es geht neben den Erzählungen ja auch immer darum, was nicht in Erscheinung tritt, sei es durch selektive Wahrnehmung, mangelndes Erinnerungsvermögen, unvollständige oder sich widersprechende Fakten oder Sprachbarrieren. Die Geschichten sind voller Lücken und das meiste bleibt im Verborgenen. Da ist auch einfach die Erkenntnis, dass ich, egal wie viel ich recherchiere, den Dingen schlussendlich nicht vollständig auf den Grund kommen kann. Bei jedem der drei Kapitel fand ich es außerdem interessant, wie sich das Leben der Betroffenen verändert hat, und wie sehr so ein Ehrfurcht gebietendes, kosmisches Ereignis im Kontrast stehen kann zu den Alltagsumständen vor Ort.

Mir war bei der Zusammenstellung der Kapitel allerdings wichtig, dass sie an unterschiedlichen geografischen Orten stattfinden. Meteoritenfälle sind ein globales Phänomen, und die Reaktionen darauf sind je nach kulturellem Hintergrund entsprechend unterschiedlich. Auch muss ich mich selbst immer wieder anders positionieren.

Der Aspekt des Zufalls und der Gegensätze interessiert mich. Was passiert, wenn man eine Kleinstadt in Alabama, in Nordrhein-Westfalen und ein kleines Dorf in Indien in einem Buch zusammenstellt? Es sind Orte, die für die Öffentlichkeit erstmal nicht beachtenswert erscheinen. Aber ein Meteorit fällt eben auch auf unscheinbare Orte, und die sind nicht weniger interessant und können sowohl über die persönlichen Lebensumstände der Beteiligten etwas erzählen, als auch über allgemeine Umstände der Zeit.

Regine Petersen: Merkel's Junkyard. (Stars Fell on Alabama).

Regine Petersen. Merkel’s Junkyard. (Stars Fell on Alabama).

Wie lange hast du an einem „Fall“ gearbeitet? Mich interessiert der Aspekt der Recherche. Wieso hast du Meteoritenfälle gewählt, die so lange zurück liegen oder deren Fundort so weit entfernt ist wie Indien. Bist du jemand, der sich gerne in Geschichten verbeißt und den es reizt, mit Unwägbarkeiten umzugehen?

 Die Unwägbarkeiten und Überraschungen sind der eigentliche Grund, weshalb ich das alles mache. Es geht mir in erster Linie darum, zu lernen und mit meiner Arbeit zu wachsen. Das Recherchieren macht mir dabei ebenso viel Spaß wie das Fotografieren. Im Endeffekt geht es immer darum, Dinge zu finden. Dass die Vorkommnisse aktuell sind, ist mir dabei nicht wichtig, vielleicht wäre das sogar eher hinderlich. Mich interessiert bei der Arbeit, wie Geschichte konstruiert und wie Zeit wahrgenommen wird. Das Motiv der Erinnerung und der menschlichen Fragilität, Dinge, die im starken Kontrast stehen zu einem 4.5 Milliarden alten Meteoriten, der die Erinnerung an die Anfänge noch in seinem Inneren trägt.

Wie lange ich an den jeweiligen Kapiteln gearbeitet habe kann ich Dir gar nicht genau sagen. Das war nicht linear, ich bin immer wieder zu den einzelnen Fällen zurückgekehrt. In Alabama war ich einen Monat lang vor Ort, nach Indien und Ramsdorf bin ich mehrmals gereist. Recherchiert habe ich aber eigentlich die ganze Zeit.

Regine Petersen. Angle #2 (Impact Site). (Fragments).

Regine Petersen. Angle #2 (Impact Site). (Fragments).

Wie würdest du deine Intention als Fotografin beschreiben? Ist dein fotografischer Ansatz in „Fallen Stars“ eher positivistisch zu nennen? Oder geht es darum, die Vorfälle, die oft nur auf mageren und/oder ungesicherten Tatsachen beruhen, mit Eigeninterpretation zu füllen und Fiktion zu schaffen? 

In der Fotografie liegt ja immer alles im Dazwischen und in der Ambivalenz. Erst wenn es verschiedene Perspektiven gibt, wird es interessant. Die wissenschaftliche, abgeklärte Seite ist in mir, aber ich arbeite sehr intuitiv und bin auch manchmal anfällig für magisches Denken. Bei der Fotografie ist das ähnlich, sie ist ein Fragment der Realität, welches auf etwas anderes, größeres verweist. Auf eine Komplexität, die außerhalb unserer Wahrnehmung existiert. Mit dem Wort “Fiktion” habe ich in Bezug auf meine Arbeit so meine Probleme, aber was Du über die Eigeninterpretation sagst, stimmt. Ich finde es schön, wenn Fotografie einen Raum zum Nachdenken ermöglicht.

Regine Petersen. The Contract. (Fragments).

Regine Petersen. The Contract. (Fragments).

 

Das Design deines Buches ist interessant. Die Weise, wie du dein Material letztendlich aufbereitest und in unterschiedlicher Weise und Länge präsentierst. Warum hast du die drei Themen in der Publikation so stark voneinander gelöst (Jeder Fall erscheint in einem Einzelband). Ging es dir darum, die Singularität des Ereignisses herauszuarbeiten?

Ja, genau. Das war aber eine formale Entscheidung, die erst später kam; mein erster Dummy hatte noch alle Kapitel in einem Buch. Das hat nicht funktioniert. Jeder Fall hat seine eigene Stimmung, und das erste und zweite Kapitel haben auch eine tragische Ebene. Ich fand es nicht gut, von einer Geschichte abrupt in die nächste geworfen zu werden und wollte den Personen im Buch mehr Raum geben. Es wurde dann ein Schuber mit drei Bänden daraus, der die Kapitel zusammenhält und gleichzeitig voneinander trennt.

 

Würdest du sagen, dass das Buch das geeignete Medium darstellt, um dein Thema optimal aufzubereiten (im Gegensatz zur Präsentation in einer Ausstellung)?

Für mich war es zwingend, die Arbeit in Buchform zu präsentieren, auch wenn eine Präsentation im Raum seine ganz eigenen Qualitäten hat. In der Ausstellung gibt es mehr Möglichkeiten über die Größen der Bilder und die Materialität eine Interpretation zu schaffen. Ich kann mit Sound und Objekten arbeiten. Text ist allerdings ein wichtiger Bestandteil der Arbeit, und das ist in der Ausstellung schwieriger zu realisieren. Um sich mit der Arbeit intensiver auseinanderzusetzen, ist die Buchform hier besser. Man kann sich vertiefen, zurückkehren, wenn man möchte, und neue Bedeutungsebenen herstellen.

 

Ist das Projekt mit dem Buch abgeschlossen und werden deine nächsten Themen ebenfalls naturwissenschaftlich motiviert sein?

Ich lege mich nicht so gern fest, und Fragen, die die Zukunft betreffen, bereiten mir immer ein bisschen Unbehagen. Ich habe mehrere Projekte in Planung, kleine und große, und sie haben nichts mit Meteoriten zu tun. Naturwissenschaft dient hier als ein Ausgangspunkt, aber eigentlich geht es wieder um unterschiedliche Sichtweisen auf eine Thematik.

Regine Petersen. Eye Witness (Gisalal). The Indian Iron.

Regine Petersen. Eye Witness (Gisalal). The Indian Iron.

 

Weitere Info siehe: http://www.reginepetersen.com

Regine Petersen: Find a Fallen Star. Kehrer Verlag. Heidelberg 2015. ISBN 978-3-86828-597-0. Text von Natasha Christia. Gestaltet von Henning Rogge & Regine Petersen. Drei Festeinbände im Schuber, 144 S. mit 78 Farb- und S/W-Abb., € 49,90

“Stars Fell on Alabama” ist noch bis zum 14.6. im Photoforum Pasquart in Biel zu sehen:  http://www.photoforumpasquart.ch/ und bis 7. Juni in Derby in der Quad Gallery: http://www.derbyquad.co.uk/exhibition/format15-beyond-evidence-quad-gallery

 

Auf der Straße nach Süden – en route italia.

 

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Heute läuft es so: den Flug für den Wochenendtrip bestellen, Kriterien für das Hotel in die Suchmaschine eingeben, vorgeschlagenes Hotel kurz auf Google Street View anschauen, auch schon mal ein passendes Restaurant für den Abend über eine Bewertungsplattform checken und die dazugehörigen User-Wertungen lesen; alle Tickets für das Freizeitprogramm am nächsten Tag bestellen, um unnötige Wartezeiten zu vermeiden. Zuletzt noch mal schnell schauen, wo die typischen Souvenirs am günstigsten zu kaufen sind… Heute reisen wir zu Orten, die, obwohl wir sie zum ersten Mal besuchen, vollkommen enträtselt sind. Keine Unwägbarkeiten mehr, man weiß genau, was einen erwartet und plant alles durch.

In den fünfziger Jahren gab es ein echtes erstes Mal. Ein Land wie Italien stellte den größten Sehnsuchtsort dar. Einmal die Exotik des” La Dolce Vita”  erleben!  Ein neu erworbener Wohlstand, Massenmobilität und Unternehmungsgeist in den 50er und 60er Jahren ließen diese Sehnsucht wahr werden. Nicht nur die Wirtschaftswunder-Deutschen schwärmten aus. Das war auch in anderen Ländern wie Schweden so, in der sich die wirtschaftliche Situation des Einzelnen entscheidend verbessert hatte. Manch einer erwarb also stolz sein Auto. Der Käfer stand auch bei den Skandinaviern hoch im Kurs und war das meistverkaufte Fahrzeug. Man packte also Familie und Gepäck in das neuerworbene Gefährt und machte sich auf die große Reise über die Alpen. Das Reisen war ein Abenteuer, von dem man später seinen Enkeln erzählen würde.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

“Der zweite Weltkrieg war seit fast zehn Jahren vorbei, der Glaube an die Zukunft groß und Europas Grenzen für den Transitverkehr geöffnet. Jetzt konnte man Europa mit dem eigenen Auto erforschen und dieses Auto war etwas, das man mit Stolz sein eigen nannte“, schreibt Magnus Westerborn im Begleittext seines Buches “en route italia” . Das kommt einem bekannt vor. In den Fotoalben unserer Eltern und Großeltern werden uns die Großereignisse des Lebens vorgeführt. Der Erwerb des eigenen Autos gehört selbstverständlich dazu. Und so sieht man oft die Besitzer vor ihren gerade neu erworbenen Fahrzeugen in stolzer Pose, während die Hand zärtlich über die Motorhaube streichelt. Das neue Auto wird zum eindeutigsten Statussymbol und muss in Bildern entsprechend gewürdigt sein.

Auch in der schwedischen Familie Westerborn wird 1954 ein VW angeschafft und die Eltern brechen, ohne die noch zu kleinen Kinder, ins Sehnsuchtland der Sonne, Kunst und Kultur auf.

2006 entdeckt der schwedische Fotograf Magnus Westerborn das Album seiner Eltern, das von dieser Reise Zeugnis abgibt. Der Sohn erkennt unmittelbar die Qualität dieser Serie. Denn diese erzählt mehr über das Reisen an sich als über die Attraktionen, die die Reisenden im Zielland erwartet (auch wenn man einmal den Schiefen Turm von Pisa im Hintergrund vorgeführt bekommt). In den Fotos sieht man, wie sich das Paar gegenseitig ablichtet, manchmal werden auch Plätze am Wegesrand fotografiert, Gasthöfe, an denen man übernachtet oder Haltestellen an Alpenpässen, wo man kurz die Aussicht genießt. Herr Westerborn porträtiert dann seine Frau, die an den Wagen gelehnt ist. Umgekehrt drückt Frau Westerborn auf den Auslöser, wenn der Gatte  seinen Kopf aus der Seitentür des Autos steckt. Immer ist der Käfer gut im Bild, manchmal wird er auch allein an der Straße oder während eines Stopps am Grenzübergang fotografiert. So weit, so gut.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Magnus Westerborn, der als Fotojournalist tätig ist (von ihm gibt es u.a. eine Arbeit namens “Bikeriders for Jesus”, die auch das Reisen thematisiert), interpretiert die gefundene Serie aus der Schublade der Eltern völlig neu. Er sucht aus den Bildern aus, scannt diese und bearbeitet sie und stellt die Ergebnisse schließlich zu einer lakonischen Serie zusammen. Das Konzept geht voll auf in dem wunderschön gestaltetem Buch. Die Matrix der Bilder bleibt bewusst unscharf, während sich ein Scheinwerfer auf den neuangeschafften VW  und ihre Besitzer zu richten scheint. Schärfe und Weichzeichnung sind Mittel, die in allen Bildern zum Einsatz kommen und diesen eine bizarre Wirkung verleihen. Eine Grandezza strahlt von den Abgebildeten ab, während der Raum, der sie umgibt, von einer melancholischen Leere geprägt zu sein scheint. (Der Tourismusboom ist noch in den Anfängen und die leeren Straßen vermitteln oft eine stille Sakralität). Magnus Westerborn arbeitet in seinen Bildern extrem stark mit den Mitteln der Schärfe und Unschärfe. Und es wird einem unmittelbar klar, dass diese stilistischen Mittel natürlich Metaphern darstellen…Metaphern für die Schärfe der Erinnerung und das Verschwimmen. So ist „en route italia“ eine Serie über die Eltern sowie die eigene Erinnerung und gleichzeitig beinhaltet es eine Reflexion über das Reisen und den unverwandten Blick auf das Unbekannte, das sich zu der Zeit nur originär erfahren lässt (und nicht über das Lesen von User-Wertungen). Für den Betrachter sind die Bilder fremdartig und funkeln in ihrer sentimentalen Schönheit.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Aus dem Buch: Magnus Westerborn. En route italia.

Magnus Westerborn. En route italia. Wikstroom. Örebro, 2104. ISBN 978-91-979769-0-9. 44 S. mit  14 Fototafeln. Hc., ca. 25,00 € 

zu beziehen über: http://www.cafelehmitz-photobooks.com

oder direkt bei dem Fotografen, Email-Adresse: magnus@westerborn.com, (über den Fotografen ist auch eine signierte und nummerierte Edition mit Inkjet-Print erhältlich, Auflage: 25 Exemplare).

Weitere Infos: http://www.magnuswesterborn.com

 

 

 

Bühne frei für die Phantasie des Betrachters!

 

 

Kleine Welten

Frank Kunert. Auf hohem Niveau.

Heute Abend ist der große Moment. In ein paar Stunden habe ich das besondere Vergnügen, im Rahmen des 8. Hamburger Architektursommers die Ausstellung “Wunderland” in der FREELENS Galerie zu eröffnen, zu der ich den Fotografen Frank Kunert begrüßen und mit ihm ein kleines Künstlergespräch führen werde.

Mit riesigen Kisten reiste Frank Kunert vorgestern an, in denen sich Bilder und Modelle befanden. Eine turbulente Aufbauzeit liegt hinter uns, bei der  viele Entscheidungen getroffen werden mussten. Aber jetzt hängt alles…

Frank Kunert beim Aufbau eines Modells

Frank Kunert beim Aufbau eines Modells in der Ausstellung

Die Besonderheit: die Ausstellung präsentiert nicht nur die wunderbar absurden Visionen des Fotografen, darüber hinaus werden auch einige Modelle gezeigt. In der Hektik des Aufbaus fand Frank Kunert dennoch ein paar Minuten, um mir ein paar Fragen zu beantworten:

 

Bist du jemand, der lieber im Studio ist und vor sich hin werkelt? Macht es dir was aus, “in die Welt hinaus zu gehen” und Ausstellungen zu machen?

Frank Kunert: Ich sehe das schon als gewissen Gegensatz, im stillen Kämmerlein zu arbeiten und auszustellen. Manchmal bedeutet es Überwindung für mich, mich in die Öffentlichkeit hinaus zu wagen. Aber trotzdem empfinde ich das als eine lohnenswerte Herausforderung. Die Eindrücke aus der Welt da draußen beeinflussen ja auch wieder das, was ich mir erarbeite. Ich brauche aber tatsächlich ein wenig den Druck solcher Termine. Ausstellungen sind letztendlich eine gute Gelegenheit zur Kommunikation mit dem Publikum. Mir hilft es viel, mit diesem in Interaktion zu treten und zu erfahren: Wie reagieren Menschen auf meine Arbeiten? Ich erhalte gerade in den Ausstellungen viel Bestätigung für meine Arbeit und das ist schön.

 

Frank Kunert. Menu à deux.

Frank Kunert. Menu à deux.

Du zeigst in deinen Ausstellungen nicht nur die Fotos, sondern auch die abgelichteten Modelle. Besteht nicht die Gefahr, dass deren Präsentation auch zu einer Entzauberung der perfekten fotografischen Illusionen führen?

Man kann denken, dass dies zu einer Entzauberung führt, aber ich bin der Meinung, dass durch die Modelle offenbart wird, wie sehr das menschliche Auge zu täuschen ist. Das Interessante ist, dass Betrachter dann auch die Bilder anders anschauen und die verschiedenen Wirkungen des Mediums Modell und des Mediums Bild vergleichen und gleichzeitig hinterfragen. Ich finde, dass diese doppelte Rezeptionserfahrung eine Bereicherung darstellt.

Die Ausstellung ist eine Ausstellung innerhalb des  Hamburger Architektursommers 2015. Welchen Bezug  haben deine Arbeiten zur Architektur?

Für mich ist Architektur natürlich wichtig. In meinen Bildern finden sich unterschiedlichste, oft absurde Raumsituationen. Im Grunde ist es so, dass ich architektonische Bühnen baue, die der Betrachter dann in seiner Phantasie bespielen kann. Gesellschaftliche Zusammenhänge, Ängste, Hoffnungen und Träume des Menschen offenbaren sich darin. Und die grundsätzliche Frage: Wie gehen Menschen miteinander um? Das sedimentiert sich gut in der Architektur und das versuche ich, in meinen Arbeiten aufzunehmen. Ich hab übrigens immer wieder Architekten als Kunden, die ein Buch bestellen oder sich Bilder an die Wand hängen und meine Arbeit als Inspiration nehmen.

Beim Aufbau der Ausstellung in der FREELENS Galerie

Beim Aufbau der Ausstellung in der FREELENS Galerie

Was verschafft dir mehr Befriedigung? Für die Galerienwand zu arbeiten oder Bücher zu machen?

Das hat die gleiche Wertigkeit. Es ist  letztendlich eine unterschiedliche Präsentationsform. Ich finde beide Formen sehr interessant. Das Buch kann ich gut aus der Hand geben und Menschen darüber unterrichten, was ich mache. Die schauen sich das dann an und erhalten Information. Eine relativ kleine Form, man kann es überall mit hinnehmen,  verschenken und kommt mit Leuten ins Gespräch darüber. Das fasziniert mich. Bei Ausstellungen ist die Möglichkeit, Bilder im großen Format zu präsentieren und das zu zeigen, was im kleinen Format des Buches nicht sichtbar wird. Mich reizt es, mit neuen Ausstellungssituationen konfrontiert zu werden. Man stellt immer wieder seine Bilder neu zusammen und muss sich an  an die spezifischen Räumlichkeiten eines Museums oder einer Galerie anpassen. Ich möchte keines der beiden Medien missen und auch keine Rangfolge vergeben.

Du machst derzeit richtig viele Ausstellungen. Treibst du das von deiner Seite aus an oder wirst du angesprochen?

Meistens ist es so, dass die Leute auf mich zukommen. Mir fällt es eher schwer, mich an Ausstellungsinstitutionen zu wenden. Ich hab eher das Gefühl, das Kuratoren mich entdecken wollen. Es kommen immer wieder Angebote, ich schau mir das an, ob das auch von meiner Seite aus passt. Aber es sind wirklich viele interessante Ausstellungen in letzter Zeit  so zustande gekommen.

Frank Kunert. Traum vom Glück.

Frank Kunert. Traum vom Glück.

Stellst du auch im Ausland aus? Oder funktioniert der Humor deiner Bilder nur in Deutschland?

Ich hab z.B. in New York oder Seoul ausgestellt. Meine Erfahrung war, dass Menschen aus aller Welt (das merke ich auch an den Reaktionen, die mich im Netz erreichen) einen Zugang zu meiner Arbeit haben. Es ist interessant, wenn man bedenkt, dass Sichtweisen natürlich durch die verschiedenen Kulturen unterschiedlich geprägt sind. Und dennoch scheint es so, dass überall auf der Welt eine bestimmte gemeinsame Auffassung von Humor vorherrscht.

Frank Kunert. Wunderland. 07.05 bis 12.06, Mo bis Fr 11–18 Uhr
Eröffnung: Do 7. Mai, 19 Uhr

Die Bücher von Frank Kunert sind im Verlag Hatje Cantz erschienen.

Weiter Infos siehe auch:

http://www.frank-kunert.de

http://www.architektursommer.de/nc/veranstaltungen/ansicht/frank-kunert-wunderland/

http://www.hatjecantz.de/suchergebnisse-624-0.html?q=Frank+kunert

http://www.freelens.com/galerie

Verleih’ mir Flügel.

Aus dem Buch: Tina Bauer. Verleih mir Flügel.

Aus dem Buch: Tina Bauer. Verleih mir Flügel.

Ein kleines Büchlein flog mir vor ein paar Tagen zu…und ich kann mich seitdem nicht satt sehen daran. Allein das Eingangsbild! Im Land der Elfen: man sieht zwei anmutige Wesen, eines schwebt mit unsichtbaren Flügeln durch die Luft, das andere wird sich im nächsten Moment in die Höhe erheben. An anderer Stelle sehen wir merkwürdige rote Gestalten von hinten, die vor einer riesigen speienden Wasserquelle verharren. Einsame Häuser an verwunschenen Orten werden vorgeführt. Der unerschüttliche Gesichtsausdruck eines Pferdes, dessen Fell strahlend weiß glänzt, rührt mich besonders.

Die von diesen merkwürdigem Geschehen berichtet, ist die Text- und Fotojournalistin Tina Bauer und der geheimnisvolle Titel ihres Buches ist einem Gedicht von Hulda, einer literarischen Vertreterin des Symbolismus, entlehnt. Tina Bauer teilt uns in ihrem Bildzyklus ihre Kenntnisse eines ihr vertrauten Landes mit, das für viele einen Sehnsuchtsort darstellt: Island.

Da gibt es vor allem zwei Reaktionen beim Erwähnen des Landes: die einen, die es bedauern, noch nicht da gewesen zu sein. Die anderen, die fanatisch vorschwärmen: die uns sofort von der facettenreichen Landschaft erzählen, von Geysiren, Vulkanen und heißen Quellen, von Menschen und Abenteuern, von den vielen Erlebnissen, die sie mit diesem Land verbinden.

Aus dem Buch: Tina Bauer. Verleih mir Flügel.

Aus dem Buch: Tina Bauer. Verleih mir Flügel.

Tina Bauer war viele Male auf Island. Und sie kehrt immer wieder dorthin zurück. Ihre Fotos, in den Farben extrem runtergefahren, erzählen von einem sehr subjektiven Erleben dieses Ortes, der sie nachhaltig beeindruckt und verändert hat und ihr so viel bietet, dass sie immer wieder süchtig zurückkehrt. Die Fotografin benötigt gar nicht viele Bilder, um jene spezielle Atmosphäre zu erzeugen, die auch für mich das Erleben dieser Insel ausdrückt (ich gebe zu, ich gehöre zu der zweiten Gruppe).

Es sind bei ihr kleine Details und gar nicht sonderlich spektakuläre Ereignisse, die sie einfängt mit ihrer Kamera. Mehrere Male bin ich durch Island gereist und hab die Insel immer völlig anders gesehen, als es mir die pathetische Fotografie der meisten Natur- und Landschaftsfotografen weismachen will. Island ist fotografisch total erfasst, doch im Gegensatz zu einer gelackten Islandromantik wird in dieser Arbeit ein radikal-subjektiver Blick angeboten: einmal sieht man Füße, die aus dem Wasser tauchen (Diese gehören wohl der Fotografin). Einmal sehen wir aus dem Inneren eines Zeltes. Und einmal fällt der Blick aus dem Frontfenster eines Autos auf eine langgezogene Kurve, die sich durch eine Seenlandschaft schlängelt. Tina Bauer erzählt vom Unterwegs – und Alleinsein in einer rauen Landschaft. Und natürlich ist auch bei ihr Überwältigung zu spüren, aber gleichzeitig wird in ihren Ansichten immer auch ein Stück Demut mitgeliefert. Ihre Fotos sind auf ihre Weise bescheiden und daher so stark: Wir kriegen Orte präsentiert, fernab der touristischen Hotspots, leicht zu übersehen, die der Fotografin für ihre eigene Geschichte viel bedeuten. Sie sucht nicht ständig die Totale, zu der die Landschaft  uns automatisch verführt, sondern zeigt immer wieder kleine, unbedeutend erscheinende Detailansichten. Einmal sieht man die Zapfsäule einer Tankstelle, an der sie wahrscheinlich kurz angehalten hat. Alles es fügt sich wie selbstverständlich zusammen und wird zu einer, auch wenn es abgedroschen klingen mag, dichten Road-Story.

Aus dem Buch: Tina Bauer. Verleih mir Flügel.

Aus dem Buch: Tina Bauer. Verleih mir Flügel.

Tatsächlich war Tina Bauer sechs Wochen für diese Serie unterwegs. Sie wird die einzige große Hauptstraße, die Ringstraße Nr. 1, entlang gefahren sein. Dort hält sie immer wieder, entfernt sich von der Straße und führt uns zu Plätzen, die Bedeutung für sie haben. Auch ich selbst hab während meinen Reisen über die Insel bedeutsame Plätze für mich entdeckt: Seltsamerweise  waren es nicht die riesigen Wasserfälle oder die Geysire. Ich hab eine wunderbare Bibliothek an einem versteckten Ort entdeckt, eine Countrybar, in der der Wirt als Sänger auftrat und einen Plattenladen, in dem mich der Besitzer mit ungewöhnlichster Musik verzaubert hat. „Niemand kehrt von einer Reise so zurück, wie er aufgebrochen ist“, so leitet Tina Bauer ihre fotografische Serie ein. Das geht mir ebenso, und das geht mir besonders so, wenn ich beglückt aus Island zurückkehre. Ein klein wenig dieser Beglückung (man muss nicht dort gewesen sein) verschenkt dieses Buch.

 

Aus dem Buch: Tina Bauer. Verleih mir Flügel.

Aus dem Buch: Tina Bauer. Verleih mir Flügel.

Das Buch zur Fotoserie „Verleih´ mir Flügel“ ist erhältlich in einer ersten Special-Edition von 35 Exemplaren, nummeriert und signiert, gedruckt auf Munken Lynx Designpapier, fadengeheftet und in Schweizer Broschur-Bindung. Es ist für 28,- Euro zu bestellen in der Buchhandlung im Haus der Photographie, Hamburg oder direkt bei Tina Bauer: tibauna@gmail.com

Siehe auch

www.tibauna.de

www.iceland-photography.de

Unter Beobachtung.

James Bridle. Camp Chabelley, Djibouti, 10.2013. Watching the Watchers. Luftbilder von militärischen Überwachungsdrohnen, gefunden auf Online-Karten, 2013

James Bridle. Camp Chabelley, Djibouti, 10.2013. Watching the Watchers. Luftbilder von militärischen Überwachungsdrohnen, gefunden auf Online-Karten, 2013

 

Montagmorgen. Leichte Anflüge der Prokrastination ereilen mich im Angesicht der Türme von Arbeit auf meinem Schreibtisch. Was mache ich nur zuerst? Erst mal Kaffe trinken und dabei von meinem “Fenster zum Hof” beobachten, was in der Welt draußen so vor sich geht. Das tue ich wohl minutenlang, als ich plötzlich merke, dass ich aus dem Fenster gegenüber beim Beobachten beobachtet werde. Ich fühle mich ertappt, wende mich schuldbewusst meiner Arbeit zu und hab, ohne es geplant zu haben, den perfekten Einstieg ins Thema.

 

Derzeit findet in Hannover in der kleinen, feinen “Galerie für Fotografie” von Ricus Aschemann die Ausstellung “Under Surveillance / Unter Beobachtung“ statt. Dazu wurden zahlreiche Fotografen/innen (Alec Soth, Edmund Clark, Andreas Herzau u.v.a.) eingeladen, die Rolle des Beobachters, den Zustand des Beobachtetwerdens, Aspekte staatlicher Kontrolle und die vielfältigen Formen der Überwachung zu reflektieren. Die Ergebnisse bzw. Interpretationen eines emotional aufgeladenen Themas (gerade beherrscht die BND-Affäre die Schlagzeilen) sind so vielfältig wie überraschend. Der Initiator Ricus Aschemann hat für das Thema eine ungewöhnliche Präsentation geschaffen, die einen Besuch absolut lohnenswert macht.

 

Was erwartet den Besucher der Ausstellung “Under Surveillance“?

Ricus Aschemann: Die Ausstellung zeigt 23 nationale und internationale Positionen zum Thema “Unter Beobachtung/ under surveillance”. Ausgangspunkt für die gemeinsame Präsentation der Arbeiten innerhalb der Ausstellung sind Diaprojektoren, die an der Wand montiert sind und in denen jeweils ein Bild als Diapositiv präsentiert wird. Durch die Projektoren werden die Teilnehmer gezwungen, sich mit einer medialen Präsentation auseinanderzusetzen, die für alle die gleichen, unveränderbaren Bedingungen bietet.

Installationsansicht "under surveillance".

Installationsansicht  der Ausstellung “Under Surveillance”.

Wie bist du auf die ungewöhnliche Idee gekommen, Diabetrachter zum Einsatz zu bringen?

Die diascope stehen -technisch betrachtet- für das analoge Fotografie -Zeitalter. Sie bilden aber eine Brücke zur digitalen Welt. Sie sind wie kleine Fernseher oder wie das Display eines Smartphones, das ja ein sehr intimes Mittel zur Betrachtung digitaler Dateien ist. Ich wollte unbedingt eine Interaktion der Besucher der Ausstellung erzwingen, also den Zwang, sich als Betrachter mit der jeweiligen gezeigten Position bewusst, aber auch exklusiv auseinanderzusetzen. Gleichzeitig wird man durch die ungewöhnliche Haltung, die man beim Betrachten einnehmen muss (wir haben die diascope absichtlich unter Augenhöhe gehängt), vom Beobachter zum Beobachteten.

Viktoria Binschtok. body#82 aus: Suspicious Minds. 2009

Viktoria Binschtok. body#82 aus: Suspicious Minds. 2009

“Under surveillance“ – was hat dich an dem komplexen Thema gereizt? Wie ist deine Definition dessen?

Ich bin in den sechziger Jahren geboren und habe die Entwicklung unseres heutigen digitalen Lebens miterlebt. Die Freiheit des Internets, all die Möglichkeiten, die damit verbunden sind: Inhalte, die man jederzeit öffentlich machen kann. Da gibt einem einen unglaublichen Gestaltungsraum. Diesen Raum zu nutzen, ist eine Chance, birgt aber auch die Gefahr des Missbrauchs. Wie weit kann ich meine selbst geschaffene Öffentlichkeit noch kontrollieren, wo fängt Privatheit an und wann hört sie auf?  Welche Personen oder Institutionen nutzen dieses Potential an Informationen für Ihre Zwecke? Diesen Fragen muss man sich zwingend stellen, wenn man für sich und spätere Generationen einen bewussten Umgang damit schaffen will.

Warst du überrascht, wie unterschiedlich die Fotografen das Thema angehen?

Nein. Wir haben gezielt Künstler ausgesucht, die sich schon in irgendeiner Weise mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Die Bildauswahl haben wir letztendlich den Künstlern überlassen. Wie jemand arbeitet, ist bekannt. Der Überraschungsmoment war also eher gering. Die große Frage für uns war jedoch, ob die Arbeiten in einen konzeptuellen Zusammenhang gebracht werden könnten. Wir wollten eine Bandbreite zeitgenössischer Positionen zu einem Thema zeigen. Da sind dann unweigerlich auch Brüche drin. Der eine Künstler sucht eher eine ästhetische Lösung, der andere arbeitet dokumentarisch und formuliert seine Aussage politisch. Einige Künstler wie z.B. Ori Jauch haben extra eine Arbeit angefertigt, das Ergebnis haben wir dann so übernommen. Wir wollten nicht Einfluss nehmen in die Auseinandersetzung der Künstler mit Ihrer Aufgabe. Ein wenig riskant, aber es hat funktioniert.

Findest du, dass das Konzept aufgegangen ist mit den teils sehr unterschiedlichen Positionen?

Eindeutig ja.

Wie sind die Reaktionen derjenigen, die durch die Ausstellung gehen?

Die Reaktionen sind ausgesprochen positiv. Das liegt natürlich zum einen an der ungewöhnlichen Präsentation der Arbeiten. Durch die aktive Auseinandersetzung als Besucher / Beobachter findet jeder einen Zugang, “under surveillance” wird sozusagen erlebbar. Außerdem ist das Thema wirklich sehr dringlich. Jeder findet sich in dem Thema wieder. Der Besucher wird selbst inhaltlicher Teil der Ausstellung. Es ergibt sich viel Gesprächsstoff. Der Bedarf an Auseinandersetzung ist groß.

Installationsansicht  aus "Under Surveillance".

Installationsansicht der Ausstellung “Under Surveillance”.

 

Ein sehr schön gestalteter Katalog ist zu der Ausstellung erschienen. Findest du, dass er die Ausstellung bzw. die Rezeptionserfahrung widerspiegeln kann?

Unbedingt! Wir wollten ein nachhaltiges, greifbares Produkt konzipieren. Uns war von Anfang an klar, dass wir eine Publikation erstellen wollten, die den Inhalt der Ausstellung nicht einfach nur wiedergibt, sondern auch eine Ergänzung zur Ausstellung darstellen sollte. Die Fotografien werden ja ehrlicherweise in den kleinen Sichtfeldern der Diabetrachter der innewohnenden Qualität nicht immer gerecht. Wir wollten also in jedem Fall ein Medium dazugeben, das die Bilder entsprechend würdigt. Die Ausstellung selbst ist unkommentiert, im Katalog gibt es aber einen sehr guten Text des Mitkurators Maik Schlüter. Außerdem ist der Katalog natürlich die Klammer, in der sich alle, die an dem Projekt beteiligt waren, wiederfinden sollen. Dieses Projekt hatte auch das Ziel, Künstler, Kuratoren und Gestalter zusammenzubringen und sich zu vernetzen. Ausstellung und Katalog sind in diesem Fall als Einheit zu verstehen! Und er sollte natürlich auch aus ästhetischen Gesichtspunkten von bester Qualität sein.

 

Trevor Paglen. DMSP 5B/F4 form Pyramid Lake Indian Reservation (Military  Metereological Satellite; 1973-054A. 2009

Trevor Paglen. DMSP 5B/F4 from Pyramid Lake Indian Reservation. Military Metereological Satellite; 1973-054A. 2009

Kann man eigentlich die Arbeiten, also Dia und Diabetrachter, erwerben?

Nein. Es ist keine kommerzielle Ausstellung. Wenn sich jemand für die Arbeiten interessiert, kann er sich an uns wenden, wir vermitteln den Kontakt weiter. Ansonsten gibt es eben den Katalog zu kaufen, der die Bilder in bester Qualität zeigt. Neben den ästhetischen Aspekten der Präsentation in den Ausstellungsräumen und des Katalogs war uns der inhaltliche Aspekt wichtig! Wir arbeiten gerade an einer Konzeption, die Ausstellung zum Verleih auf Reisen zu schicken.

Under surveillance. 17.4.-22.6.2015 in der Galerie für Fotografie, Ricus Aschemann. Der gleichnamige Katalog ist bei Revolver Publishing erschienen.

Am 7.5.2015 findet um 19.30 Uhr ein Künstlergespräch mit dem Fotografen Andreas Herzau zum Thema statt.

weitere Informationen: http://www.ricusaschemann.de

Durch die harte Schule gehen.

Titus Simoens. Blue, See Mount Song Los Domadores.

Titus Simoens. Blue, See Mount Song Los Domadores.

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir. Aber in der Schule lernen wir. Und was geht da genau vor? Titus Simoens öffnet in seiner fotografischen Arbeit eine dem Außenstehenden verschlossene Lebenswelt. Nicht die gewöhnlichen Regelschulen haben den belgischen Fotografen interessiert. Titus Simoens hat stattdessen Lehranstalten ausgesucht, in denen die Schüler fernab der Elternhäuser speziell ausgebildet werden. Dort, wo Lehrmeister die jungen Menschen fit machen – für ein späteres Leben auf See oder eine Existenz als Kampfsportler. Den Schulen ist gemein, dass sie von starren Tagesabläufen und strenger Disziplin geprägt sind. Das Großartige an dieser Arbeit: Titus Simoens reproduziert Bilder, die rühren und so nicht unbedingt erwartbar sind.

2011 hat der Belgier sein Projekt begonnen, dass auf drei Kapitel angewachsen ist und sich insgesamt perfekt zusammenfügt, wie das nun gerade erschienene, sehr überzeugende Buch beweist. Für „Blue, See“ hat sich der Fotograf monatelang in ein Internat in Oostende begeben und die oft sehr jungen Schüler begleitet, die dort ihre schulische Ausbildung mit dem Schwerpunkt Seefahrt durchlaufen.

Eine zweite Serie „Mount Song“ zeigt den Alltag der Eleven in einer chinesischen Kung Fu-Schule. Für seine Serie “Los Dormadores” hat er schließlich Jugendliche begleitet, die in einer Boxschule auf Kuba ausgebildet werden. So unterschiedlich die vermittelten Inhalte  und Orte scheinen, werden doch ähnliche Muster erkennbar. Seine Arbeit zeigt Kinder und Jugendliche, die ihre Elternhäuser verlassen haben und sich in einem System befinden, das ihnen eiserne Disziplin abverlangt. Junge Individuen, die bereit sein müssen, sich anzupassen, um ihre Ziele erreichen zu können. Wem das nicht gelingt, wird sanktioniert und scheitert schließlich. Aber davon erzählt Titus Simoens Arbeit nur indirekt. Der Fotograf nimmt sich Zeit und taucht tief in den Schulalltag mit allen Routinen und Ritualen ein. Er begleitet die Schüler immer wieder und macht sich mit ihnen bekannt. Irgendwann wechselt seine Rolle vom fremden Gast zum selbstverständlichen Begleiter, der einfach seine Kamera dabei hat und Bilder macht.

Titus Simoens. Blue, See Mount Song Los Dormadores.

Titus Simoens. Blue, See Mount Song Los Dormadores.

Das Einverständnis zwischen Schüler und Fotografen merkt man an jeder Stelle in der sehr dichten erzählten Arbeit. Es gibt kaum Fotos, in denen sich die Schüler in Pose stellen oder in die Kamera schauen. Im Gegenteil, sie vertrauen ihm und lassen ihn an ihren Momenten kleiner Freiheiten teilhaben. Momente der gemeinschaftlichen Ausgelassenheit. Und er zeigt Freiräume, die der Einzelne sich erschafft, um allein sein zu können. Titus Simoens schafft intime Bilder, in der leichte (manchmal auch verzweifelte) Momente des Daseins aus der Härte der immergleichen Abläufe herausgeschält sind. Dann, wenn die jungen Menschen ganz bei sich sind, ihre Masken fallen lassen und Gefühle hervorbrechen. Das Buch erzählt die Geschichten in einzelnen Abschnitten: Es lassen sich verblüffende Übereinstimmungen der drei Serien bemerken. Trotz extremer soziokultureller Unterschiede (Belgien / China / Kuba) und Lehrinhalte sind wiederkehrende Muster erkennbar, die zeigen, wie Schüler in einem strengen Regelsystem zu überleben versuchen.

Blue, See Mount Song Los Domadores

Titus Simoens. Blue, See Mount Song Los Dormadores.

Dennoch weiß der Fotograf, dass es Grenzen gibt für ihn in der Teilhabe. Obwohl er tief in das Innere des Geschehens vordringt, bestehen Situationen, in denen er außen vor bleibt bzw. sich entscheidet, nicht dabei zu sein.

In einem Epilog gibt es drei umfangreiche Bildkomplexe mit unbearbeiteten, spontanen Fotos. Titus Simoens hat den Schülern selbst Kameras in die Hand gedrückt, damit sie ihre eigene Vision des Alltags anfertigen können. So wird der emphatische Blick des Fotografen noch um eine entscheidende Perspektive erweitert.

Titus Simoens. Blue, See Mount Song, Los Dormadores. Hannibal Publishing. Veurne 2015. 112 Seiten mit zahlr. Farbfotos. 24 x 32 cm, Paperback, ISBN 9789492081322. € 39,50

Siehe auch: http://www.titussimoens.be

 

Ein gefährlicher Tag, Herzflimmern und die Rührung beim Betrachten eines Plattencovers.

Cover des Albums Rats von Balthazar (PIAS)

Cover des Albums Rats von Balthazar (PIAS/Rough Trade)

 

Guten Tag, heute ist der 1. Mai. Ich bin so froh, im schönen Wonnenmonat Ihr Blogger sein zu dürfen. Sie sind gerade zurück von Kundgebung, Demonstration, Familien-Ausflug? (Bitte wahlweise ankreuzen). Freut mich, dass Sie kurz mal Zeit haben!

Ihnen ist nichts passiert? Das freut mich umso mehr!

Heute soll -statistisch gesehen- der gefährlichste Tag des Jahres sein. Traurigerweise werden am 1. Mai die meisten Verletzten in deutsche Krankenhäuser eingeliefert. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren: Spätestens am 1. Mai werden die letzten Depressionen der dunklen Jahreszeit abgeschüttelt, der Frühling treibt Blüten und neues Leben in uns und die Freiluftsaison ist endgültig eröffnet. Hormonausschüsse, übermütige Ausgelassenheit über einen arbeitsfreien Tag, vielleicht ist auch Alkohol ein Begleiter, der uns waghalsig macht. Das bleibt wohl nicht ganz ohne Folgen…mein Nachbar hat sich beim Grillen gerade leichte Brandwunden zugezogen.

Ich jedenfalls war heute schon früh wach, wollte auf keinen Fall meinen Einsatz verpassen, dann passierte mir das Folgende: „Er beschloss, sein Leben zu ändern, die Morgenstunden auszunutzen. Er stand um sechs Uhr auf, nahm eine Dusche, rasierte sich, kleidete sich an, genoss das Frühstück, rauchte ein paar Zigaretten, setzte sich an den Arbeitstisch und erwachte am Mittag.“ Das ist nicht von mir, sondern aus der Feder von Ennio Flaiano, einem italienischen Romancier, der  u.a. einige der wichtigsten Drehbücher für Fellini geschrieben hat (Nächtliches Tagebuch, Ammann Verlag, Zürich, 1988. Hrsg. v. Marie-Luise Flammersfeld).

Unkontrolliertes Wegdämmern – ich musste mich wohl noch von der Kalamität des Tags zuvor erholen. Wochenlang hatte ich mich schon darauf gefreut:  eine meiner liebsten Bands spielte zum Tanz auf. Sie kommt aus der derzeitigen Kaderschmiede des Pops: nein, nicht aus England, sondern aus Belgien. Balthazar ist großartig und eine absolute Empfehlung für diejenigen, die sie noch nicht kennen sollte. Karten waren lange besorgt, die Party konnte beginnen. Der „Rolling Stone“ hat mal ein Konzert so rezensiert: “Gänsehaut-Harmonien, Hooklines, die auch Stunden nach dem Konzert nachhallen, Bass-lastige Melodien, die Herzklappen hüpfen lassen.”

Aber anstatt das meine Herzklappen hüpften, kriegten sie ein leichtes Flimmern, als ich kurz vor Beginn von krankheitsbedingtem Ausfall hörte. Definitiv also kein Tanz in den Mai!

Was macht man nun mit einem angebrochenen Abend? Sich in Trauer ergeben und bei einem guten belgischen Bier alle Balthazar-Platten in Endlosschleife durchhören – was  dazu führte, dass der Schlaf zu kurz gekommen war und ich auf der Arbeitsplatte erwachte. Auf die Band bin ich übrigens gekommen, weil mir ein Plattencover aufgefallen war.  Judge a record by it’s cover? Das scheint tatsächlich zu funktionieren. Wie fanden Sie z.B. das letzte Alabama Shakes-Cover. Langweilig? Eben!

Auf dem „Rats“-Album von Balthazar: Ein Junge, der im Badezimmer steht und sich fertigmacht. Durch den Spiegel ist er gedoppelt. Der Junge scheint so bei sich, er bemerkt einen anderen Anwesenden (den Fotografen) gar nicht. Das Cover rührte mich schon beim ersten Mal (und tut es noch) und so schaute ich es mir lange an und erwarb dann das Album. Ich mag wirklich Scheiben, die ich nach dem Cover aussuche. Hat mich nie enttäuscht!

Titus Simoens. Aus dem Buch: Blue, See Mount Song Los Domadores.

Titus Simoens. Aus dem Buch: Blue, See Mount Song Los Domadores.

Wer aber war der Autor dieses Bildes? Das Cover ist Foto einer Serie, die der belgische Fotograf Titus Simoens produziert hat. Vor kurzem ist dessen neues Fotobuch dazu erschienen. Es heißt „Blue, See Mount Song Los Domadores“ und enthält drei Serien, die alle Schulen im Mittelpunkt haben, an denen Kinder unter strenger Disziplin zielgerichtet ausgebildet werden.

Aber jetzt werde ich gerade herausgerufen. Ich soll den Maibaum aufstellen. Hoffe, dass er mir nicht auf den Kopf fällt (siehe: gefährlicher Tag). Ein Bild schon mal als Vorgeschmack! Beim nächsten Mal kommt dann die Besprechung zu Titus Simoens großartigem Buch!  Es gibt nicht nur exzellente Popmusik und Bier aus Belgien, sondern ebensolche Fotografie.

Als Song des Tages empfehle ich: https://vimeo.com/61250731