Über den Fotoblog

Jeden Monat ein anderer Experte. Wir laden bekannte Blogger und Spezialisten aus der internationalen Fotoszene ... Read more »

About the Blog

Another expert every month: We invite well-known bloggers and specialists from the international photography scene... Read more »

Weihnachtsbuch-Tipp von Ines Sutter, Herstellerin: Filip Dujardin. Fictions

20141209_113903_resized

Ein dicker Bauch ist auch eine statische Herausforderung.

00003802

Zum Buch

 

Weihnachtsbuch-Tipp von Karin Osbahr, Project Managerin: Jacqueline Hassink. View, Kyoto. On Japanese Gardens and Temples

JAP_Kyoto_2

Kyoto war über 1000 Jahre Kaiserstadt und hat 1600 buddhistische Tempel und 400 Shinto-Schreine. Dieses alles wäre beinahe im August 1945 vernichtet worden, denn über Kyoto als primäres Ziel sollte, wäre es nach den amerikanischen Militärs gegangen, die ersten Atombombe abgeworfen werden. Dank des damaligen Kriegsministers Henry Stimson, der um die kulturelle und religiöse Bedeutung Kyotos wusste, blieb diese Stadt verschont. Und so können wir uns auch heute noch der zahlreichen Tempelanlagen und Gärten erfreuen.

Kyoto ist eine Großstadt mit 1,5 Millionen Einwohner, was man, kaum dass man eine Tempelanlage betreten hat, bald vergisst. In den bekanntesten wie dem Ryoan-ji wuseln zwar die Touristen, doch vermitteln auch da die Kare-san-sui (Zengärten) große Ruhe. Denn schnell wird klar, dass die pedantisch geharkten Muster in den Kieselfächen, die um ein paar wenige Felsen fließen, aus einem Akt der Meditation entstanden sind.

JAP_Kyoto_1

Jacqueline Hassink hat in Kyoto ein paar wenige – 29 kommen aber immerhin zusammen – dieser Tempelanlagen fotografiert, menschenleer. Sie zeigt uns Innenräume, Gärten und die Interaktion von Innenraum und Garten, was zu interessanten Betrachtungen führen kann, etwa wenn streng geometrisch gestaltete, nahezu leere Räume auf eine üppige runde, bunte, plüschige Natur treffen. In dieser Gartenkultur ist nicht das Moos der Feind des Rasens, sondern der Rasen Feind des Mooses. Dadurch dass die Tempel aus Holz sind und große Öffnungen zum Garten hin haben, ist die Natur auch immer Teil des Gebäudes. Hassink hat die Aufnahmen zu verschiedenen Jahreszeiten gemacht, so während der allseits beliebten Kirschblüte, aber auch im Winter, wenn Schneetupfen auf kahlen Ästen liegen.

Dieses auch haptisch hochinteressante Buch hat zudem den Deutschen Fotobuchpreis in Silber bekommen.

Zum Buch

Weihnachtsbuch-Tipp von Kathrin Hardock, Herstellungsassistenz: Olaf Otto Becker. Broken Line

neues BildOOB

Ein Naturthriller für kuschlige Winterabende

Was gibt es Schöneres, als es sich bei Kälte im Wohnzimmer vor Kamin (oder Heizung) gemütlich zu machen? Eine Tasse Tee und ein spannendes Buch – mehr braucht man für einen gemütlichen Abend nicht.

Die von Olaf Otto Becker in drei Sommern aufgenommenen Bilder dokumentieren Grönlands Landschaft, die geprägt ist von Wasser in all seinen Aggregatzuständen. Auf den ersten Blick sind die Aufnahmen einfach nur schön und laden zum Träumen ein – und wo lässt es sich besser von eisiger Kälte träumen als in behaglicher Atmosphäre im eigenen Wohnzimmer?

Wer sich jetzt fragt, worin bei so wildromantischen Landschaftsaufnahmen der Thrill-Faktor besteht, der stelle sich diesen Landstrich in 100 Jahren vor: Wie viele Eisberge und Gletscher dann noch existieren werden und wie viele schneefreie Flächen der “Grüninsel” selbst im Winter sichtbar sein werden, kann keiner verlässlich vorhersagen.

Dies als Prophezeiung verstanden, wird erst die Zukunft die Auflösung dieses Thrillers bringen. Aber wem bei der weihnachtlichen Besinnlichkeit langweilig wird, der kann sich mit diesem Buch wieder sanft auf den Boden der klimatischen Tatsachen holen lassen.

Zum Buch

Weihnachtsbuch-Tipp von Meike Gatermann, Presseleitung: Julian Röder “World Wide Order”

Cover2

International bekannt wurde Julian Röder (*1981), Mitglied der Fotoagentur Ostkreuz, mit seiner Serie The Summets über Protestmärsche, Demonstrationen und Gegenmärsche zu G8- und EU-Gipfeln.  Die Vermummung gehört sozusagen zum Anfang seiner Karriere. Und die ist beachtlich. Gerade hat Julian Röder den Ellen-Auerbach-Preis erhalten, das Fotobuch den Deutschen Fotobuchpreis in silber.

Doppelseite silber Doppelseite

Der Zusammenhang von Macht, Geld und Wirtschaft interessiert ihn. Dabei bleibt Julian Röder am Rande des Geschehens stehen, beobachtet und trifft dann eine Szenerie im Kern. Oder Patronen auf einer Waffenmesse in Abu Dhabi glitzern im Scheinwerferlicht wie Diamanten in einer Schmuckauslage. Mich hat bei dem Buch der Blick aufs Wesentliche oder scheinbar Nebensächliche von Julian Röder fasziniert. Und genauso wie man bei seinen Bildern einen zweiten Blick riskieren sollte, unterstützt auch die Herstellung des Buchs durch unterschiedliche Papiere und  teilweisen Lackdruck sowohl die drei verschiedenen Werkreihen als auch die Hochglanzfassade so mancher Wirtschaftsbranchen.

Doppelseite schwarz

00003855

zum Buch

Übrigens sind seine Bilder noch bis zum 3. Februar in der Guardini Stiftung in Berlin zu sehen.

Weihnachtsbuch-Tipp von Martina Mailänder, KQ-DAILY Online-Redaktion: Andreas Magadanz “Stammheim”

STAMMHEIM_Cover_Treppenhaus_mm2014

Wegen seiner wenig heimeligen Atmosphäre eigentlich kein Titel für unter den Weihnachtsbaum, aber ein viel zu starkes zeitgeschichtliches Buchmonument, als dass es in der Backlist verborgen bleiben sollte: STAMMHEIM von Andreas Magdanz.

Der Band dokumentiert in nüchtern kühlen Schwarzweiß-Fotografien die Räumlichkeiten der Stuttgarter JVA, die zum Synonym geworden sind für den Terror Ende der 1970er-Jahre, als den führenden Köpfe der Rote Armee Fraktion hier der Prozess gemacht und dafür eigens ein neuer Hochsicherheitstrakt errichtet wurde. Dieser galt lange ob seines architektonischen Zuschnitts und der damit verbundenen Sicherheitstechnik als Musterbeispiel im Ländle. Noch heute steht die JVA im Norden Stuttgarts im (Ver-)Ruf ein hartes Pflaster selbst für die harten Jungs zu sein.

Doch in dem Mehrzweckbau von damals sitzt heute keiner mehr ein, er muss dem baulichen Zeitgeist der Gegenwart weichen. Bevor die Bagger angerückt sind, durfte Andreas Magdanz 2010/2011 mit einer digitalen Großbildkamera im Innern der JVA und aus der Luft dokumentieren, wie die Wohnblöcke der Justizvollzugsbeamten direkt hinter der Mauer mit Stacheldraht obenauf liegen, welche Unordnung in der Kleiderkammer herrschte und wie man die ungelüftete Muffigkeit der Mehrpersonen-Zellen förmlich riechen kann.

Dass man dabei auf ein Fensterkreuz starrt, an dem sich Gundrun Ensslin erhängt hat? Nichts im Bild deutet darauf hin. So sachlich präzise und trotzdem ästhetisch kann Dokumentar-Fotografie sein.

00003457

Zum Buch

Manifest des Tabularismus

Manifest des Tabularismus

Sieben Thesen für die Erneuerung der Fotografie

  1. Von heute an ist die Fotografie tot. Alle Abbilder sind gemacht; alle Wiedergaben sind verfertigt. Und doch ist man der Welt nicht nähergekommen. Die letzten Bilder stehen noch aus. Der Tabularismus umfasst die letzten Bilder der Fotografie.

  2. Der Tabularismus ist Zeichen und keine Bezeichnung. Er bezeugt nicht, was in der Welt ist; er ist die Welt selber. Er ist Bild und niemals Abbild. Mit dem Tabularismus kommt die Fotografie zu sich selbst.

  3. Der Tabularismus ist ein Zerstörer. Er rüttelt an der Hülle des Weltraums und untergräbt den Behälter der sichtbaren Dinge. Selbst die stürzende Linie wird von ihm noch gebrochen. Mit jeglichen Fluchten steht er im Krieg.

  4. Der Tabularismus ist Schöpfer. Von den Rändern des Sichtbaren her nimmt er sein Licht; von den Erkenntnisresten nimmt er die Schatten. Das Licht und das Dunkel sind seine wahren Motive.

  5. Der Tabularismus ist Spiel. Er ist Tanz und Zerstreuung; er ist Annäherung und Loslösung. Er sucht nicht nach Wahrheit; jede Wahrheit ist Täuschung. Authentisch ist der Tabularismus nur zu sich selbst.

  6. Der Tabularismus ist Kunst. Und als Kunst ist er Freiheit. Er sprengt den Korpus der Apparaturen; er bricht den Willen der Kameraboxen. Jedes harte Gehäuse steht quer zu der Freiheit.

  7. Der Tabularismus ist Zukunft. Und doch ist er eingebettet in eine Geschichte. Er hat Traditionen; er hat Mütter und Väter. Im Dunkel der Aufklärung warten sie auf die Rückkehr des Lichts.

Ralf Hanselle und Stefan Heyne im November 2014

Der Nullpunkt

“Man sieht, was man am besten aus sich sehen kann” C. G. Jung

Der Anfang war das Ende. Als der französische Physiker Francois Arago am 19. August 1839 der Weltöffentlichkeit die Fotografie vorstellte, da war das in gewisser Weise ein Endpunkt. Natürlich, die Technik wurde noch verfeinert. Auf die Daguerreotypie folgte das Negativverfahren, auf Glasplatten folgten Rollfilme. Doch eigentlich war an diesem Sommertag vor 175 Jahren die Sache im wahrsten Sinne des Wortes im Kasten. Das Ziel war erreicht. Das Bild innerhalb einer Kamera lies sich auf chemischen Weg fixieren. Alles andere waren nur “fine tunings”. Selbst als Steven Sasson 1975 ein Bild erstmals nicht mehr chemisch sondern auf elektronischem Wege einschrieb, war das im Grunde genommen nur ein Remake der alten Idee. Mit der Daguerreotypomanie, die die europäische Öffentlichkeit 1839 erfasst haben soll, schien aller Welt klar zu sein, was Fotografie ist.

large-marco_breuer-zero_base-east_gallery-6

Marco Breuer. Ausstellungsansicht in der Yossi Milo Gallery

Vielleicht ist es bei so viel Gewissheit kein Wunder, dass der deutsch-amerikanische Fotokünstler Marco Breuer in der hiesigen Foto-Szene nahezu ein Unbekannter geblieben ist. In einem Land, in dem man alles weiß und in dem man in fotokünstlerischen Dingen zudem noch recht erfolgreich ist, muss man nichts mehr hinterfragen. Die großen Debatten sind geführt. Das Bild ist im Kasten. Ganz anders ist das in Breuers-Wahlheimat New York. Hier lebt der 1966 in Landshut geborene Künstler seit mehr als zwanzig Jahren. In den USA zählt Breuer zu den wichtigsten Fotokünstlern seiner Generation. Seine Werke sind dort längst in allen großen Ausstellungshäusern vertreten - vom Getty Museum über das MoMA bis zum ICP. 

large-marco_breuer-untitled_c_1379

Untitled (C-1379), 2013
Chromogenic Paper, burned/scraped
20″ × 16″ (50.8 × 40.6 cm)
Unique

Wieso also hat es der Prophet im eigenen Land so schwer? Vielleicht liegt die Breuer-Ignoranz in Deutschland ja tatsächlich an der festen Gewissheiten darüber, was eine Fotografie zu sein habe. In dem Land, in dem Christian Schad einst seine Schadographien entwickelt , in dem Lázló Moholy-Nagy merkwürdige Gegenstände auf unbelichtetes Fotopapier gelegt und Gottfried Jäger sogenannte Lochblendenstrukturen entwickelt hat, hat man den Fotografie-Begriff in den letzten Jahrzehnten etwas ausgedünnt. Eine Fotografie ist heute irgendwas mit Hochöfen, mit Plattenbauten oder Mittelschichtsmief . Keineswegs aber ist sie das, was Marco Breuer darunter versteht: lichtempfindliches Papier.

large-marco_breuer-untitled_c_1469

Untitled (C-1469), 2014
Chromogenic Paper, exposed/embossed/folded/burned/scraped
20 1/8″ × 14 1/8″ (51.1 × 35.9 cm)
Unique

Man kann vieles mit diesem Papier anstellen: Im Stile der Avantgarden kann man Krawatten, Tapeten und Kaffeefilter darauf legen und es anschließend belichten. Man kann es ritzen, wässern, sogar anzünden. All das hat Marco Breuer in den zurückliegenden Jahren getan. Das Ergebnis sind Spuren des Experimentellen. EInschreibungen des Zufälligen. Materialuntersuchungen. Fotobefragungen. Bilder, die ohne Umwege vom Künstler auf das Material gegangen sind. Sie stellen die Frage nach dem, was Fotografie ist, auf radikale Weise neu. Ist Fotografie ein festgeschriebener Prozess? Ein Weg vom Objekt über die Kamera auf das Papier? Ist sie ein Bildträger? Ein Bedeutungsfeld? Was meinen wir eigentlich genau, wenn wir von Fotografie reden? Vielleicht ist sie vor allem dieses: ein großes Geheimnis. Dann wären Breuers Arbeiten Fotografie im bis dato besten Sinne des Wortes. Dann wäre 1839 nicht das Ende sondern ein immerwährender Anfang. Der Kasten jedenfalls wäre wieder offen.

large-marco_breuer-untitled_c_1478

Untitled (C-1478), 2014
Chromogenic Paper, burned/scraped
20 3/8″ × 16 1/4″ (51.8 × 41.3 cm)
Unique

Die Vorgeschichte II

jaeger_ausstellung

Ausstellungsansicht “Die Bielefelder Schule – Fotokunst im Kontext”

Nachdem ich gestern bereits kurz auf eine Ausstellung in Wolfsburg zur Avantgarde und zum Neuen Sehen aufmerksam gemacht habe, will ich hier noch auf einen anderen, mittlerweile historischen Zweig der Abstraktion hinweisen: die Bielefelder Schule. Auch wenn der Begriff etwas umstritten und die Schule alles andere als monolithisch ist, so hat sie mit Fotologen wie Gottfried Jäger oder Karl Martin Holzhäuser interessante Grundlagenforscher zur Fotografie hervorgebracht. Jägers frühe Anlehnungen an die konkrete Kunst der 1960er Jahre und seine sogenannte “Generative Fotografie”, die er zusammen mit Kilian Breier oder Hein Gravenhorst entwickelt hat, waren eine bewusste Abkehr von der in den Nachkriegsjahrzehnten dominierenden “subjektiven fotografie” eines Otto Steinert. Es ging Jäger und den anderen Bielefelder Künstlern nicht mehr um den abbildenden Charakter sondern um die bildgebenden Potentiale der Fotografie. Später, in den 1980er Jahren, unternahm Gottfried Jäger, der in diesem Jahr mit dem Kulturpreis der DGPh geehrt worden ist, auch interessante Materialbefragungen, die als ästhetische Vorläufer der Arbeiten Christiane Fesers oder Marco Breuers gelten könnten.

jaeger

Gottfried Jäger, Generative Arbeiten, Lochblendenstruktur 3.8.14 F, 1967; Camera obscura-Arbeit, Silbergelatineprint, 50×50cm, 2008

In Bielefeld selbst ist derzeit eine umfangreiche Ausstellung zur “Bielefelder Schule” zu sehen. Diese enthält neben den oben beschriebenen Pionierleistungen aber auch zahlreiche andere Positionen, die im Laufe der letzten 50 Jahre an der FH der Stadt entwickelt worden sind. Dabei ist die von Enno Kaufhold kuratierte Rückschau mit zwei Etagen und zahlreichen Nebenräumen derart geräumig, dass auch die Arbeiten von Jäger und Holzhäuser am Ende nicht zu kurz kommen. Besonders ein Blick in die kleinen Nebenräume, in denen unter anderem experimentelle kleine Videos von Gottfried Jäger gezeigt werden, lohnt sich. Zudem sollte man auch die zahlreichen Fotobildbände aus den 70er bis 90er Jahren nicht vergessen. Was damals bereits zum Thema fotografische Abstraktion publiziert worden ist, stellt vieles von heute in den Schatten. Und bei manchen ausgestellten Büchern wünschte man sich eine Neuauflage.

holzhaeuser

Karl Martin Holzhäuser, Licht-Bilder, Lichtmalerei, 180.18.2003; Licht auf SW-Barytpapier, Unikat, 120×120cm

 

Und wer darüberhinaus auch noch “klassische” Fotografie sehen will, der sollte die Serien von Katharina Bosse, Andrea Diefenbach oder Jürgen Escher nicht verpassen. Besonders Bosses “A Portrait of the Artist as a young Mother” ist ein Höhepunkt der Bielefelder Ausstellung.

innenansicht1

Ausstellungsansicht “Die Bielefelder Schule – Fotokunst im Kontext”

“Die Bielefelder Schule – Fotokunst im Kontext”. Noch bis zum 7.12.2014. Alte Stadtbibliothek. Bielefeld.

Die Vorgeschichte

20141112_130606_installationview_realsurreal

Blick in die Ausstellung “RealSurreal”
Foto: Marek Kruszewski

“Die Formen des Bildes sind gegenüber der Schönheits- und Erkenntnisfunktion autonom.” Conrad Fiedler (1887)

Manche Ausstellungstitel sind irreführend. “RealSurreal” gehört vermutlich mit dazu. Im Kunstmuseum in Wolfsburg sind unter dieser Überschrift zur Zeit Höhepunkte aus der Sammlung des Münchner Filmproduzenten Dietmar Siegert zu sehen. Es sind Fotografien aus den Jahren 1920 – 1950. Doch auch der Untertitel ist verwirrend “Das Neue Sehen. Meisterwerke der Avantgarde Fotografie”. Hier kommt eines zum anderen: Realismus, Surrealismus, Neues Sehen. Später auch noch Neue Sachlichkeit und Poetismus. “Das Sammeln oder die (Un-)Ordnung der Dinge” ist denn auch treffend ein im Ausstellungskatalog enthaltenes Interview mit Dietmar Siegert betitelt.

20141112_130824_installationview_realsurreal

Blick in die Ausstellung “RealSurreal”
Foto: Marek Kruszewski

Doch wie immer man die Arbeiten im Obergeschoss des Wolfsburger Kunstmuseums auch katalogisieren will, sie enthalten neben der typisch mimetischen Lichtbildkunst auch zahlreiche Höhepunkte aus der Geschichte der abstrakten Fotografie. Schon das erste Kabinett bietet eine interessante Hinführung. In einer Art historischem Vorspann gibt es hier unter anderem ein Bild des Talbot-Assistenten Nevil Story Maskeline zu sehen. Ein Spitzengewebe aus dem Jahr 1840. Nun wäre dieses Foto einer frühe Klöppel-Arbeit an sich vermutlich nicht interessant. Doch sie ist eines der frühesten Zeugnisse der kameralosen Fotografie. Ein Fotogramm, das weit vor den Experimenten eines Man Rays, Lázló Moholy-Nagys oder Christian Schads entstanden ist.

Deren Arbeiten gibt es im Hauptteil der Ausstellung zu sehen. Eine ganze Wand etwa hat man den Rayographien Man Rays freigeräumt. Dazwischen gibt es Schattenbilder von Raoul Hausmann und Versuchsreihen von Edmund Collein. Es gibt Sandwich-Montagen von Jean Dréville und Solarisationen von Maurice Tabard. Fotogravuren, Frottagen, Collagen…. Alles, was die Avantgarde schon wusste und was heute neu entdeckt werden will.

20141009_141655_brassai

Brassaï
Gelegenheitsmagie (Keimende Kartoffel), 1931

Denn wer nach Wolfsburg fährt, der schaut dieser Tage nicht nur auf das Neue Sehen, der besichtigt auch eine kleine Geschichte der Auflösung (im Untergeschoss gibt es dazu passend eine Ausstellung zu Imi Knoebel). Das, was ich in den letzten Wochen als fotografisches Phänomen der Gegenwart habe präsentieren wollen, ist im Kern eben wesentlich älter. In gewisser Weise feiert die abstrakte Fotografie in diesem Jahr sogar ihren 155. Geburtstag. Damals, im Jahr 1859, schrieb der Schriftsteller und Hobby-Fotograf Oliver Wendell Holmes einen für damalige Leser vielleicht merkwürdig klingenden Satz: “Wir fürchten und fast ein wenig davor, Mutmaßungen über die Zukunft der Photographie anzustellen. Die Form wird in Zukunft vom Stoff geschieden sein. Tatsächlich ist der Stoff im Sinne eines sichtbaren Objekts nicht mehr von großem Nutzen, außer als Gußform, durch welche die Form ihre Gestalt erhält.“

Christian P Schmieder

Man Ray
Rayographie (Spirale), 1923

Die Ausstellung “RealSurreal” ist noch bis zum 06.04.2015 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Wienand Verlag erschienen.

Das Feld

AS_16mFarben_long

Adrian Sauer: 16.777.216 Farben, 2010, dig. c-print, alu dibond, framed, 125 x 476 cm, ed. 5+2 a.p.

“Wenn Du es begreifst, dann ist es nicht Gott”. Augustinus

Eine Fotografie ist ein Feld. Begrenzt durch seine vier Kanten entwickelt sich in ihm eine Bedeutung. Und doch weist jedes Feld über sich selbst hinaus. Im Vergleich zu anderen Medien der Kunst scheint dies das Eigentümliche der Fotografie zu sein. Selten waren die Ränder der Bilder so permeabel. Fotografie ohne die angrenzenden Feder von Welt und Wirklichkeit scheint eigentlich nicht denkbar zu sein. Immer scheint das Außen in das Innen des Bildes hineinzufließen. Was wären die Fördertürme von Bernd und Hila Becher ohne den Mief des Ruhrgebietes, was wäre Walker Evans’ Lobgesang auf die “Famous Men” ohne die Armut der “Great Depression”. Die Rahmungen der Fotografie sind immer schwach. Stets wird die Ordnung des Feldes durchzogen von der Ordnung einer Welt drumherum – einer Welt, die weit über Bild und Betrachter hinausreicht.

16mFarb_detail

16.777.216 Farben, 2010, detail

Adrian Sauers Bild “16.777.216 Farben” aber ist da anders. Selten hatte eine Fotografie eine derart starke Ordnung in sich selbst. Fast ist es, als könne die Außenwelt ihr nichts mehr anhaben. Denn “16.777216 Farben” beinhaltet nicht mehr, als alle Farben, die man mit dem gebräuchlichen 8-Bit-RGB-Farbsystem darstellen kann. Angeordnet in zufälliger Reihung ist jede Farbe genau einmal in diesem Bild enthalten.

Sauer betreibt Informationsspaltung. Er seziert das digitale Bild bis hinab zu seiner kleinsten Einheit. Vielleicht kommt es da nicht von ungefähr, dass der 1976 geborene Berliner Sohn eines Physikers ist (sein Vater ist der Physikochemiker Joachim Sauer). “16.777.216 Farben” jedenfalls erinnert stark an das kalte Verlangen, zum Kern der Sache vorzudringen. Adrian Sauer sucht das “Gottesteilchen”; das, was jedes Bild im Innersten zusammenhält. Als einstiger Meisterschüler von Timm Rautert ist er ein Empiriker der Fotografie. Seine Bilder haben nichts von Guernica oder Mona Lisa, viel aber vom Bohrschen Atommodell. Doch irgendwie wirkt das Ergebnis “protestantisch blutleer”. Je mehr Sauer zum Kern vorgedrungen ist, je mehr hat er das Bild von den Feldern jenseits der Ränder isoliert. Je größer die Teilung, je toter die Fläche.

AS_Fireworks_1(framed)

Adrian Sauer: 16.777.216 Farben als Feuerwerk, 2011, digital c-print, framed, 100 cm x 130 cm, ed. 3+1 a.p.

AS_Fireworks_2(framed)

16.777.216 Farben als Feuerwerk, 2011, digital c-print, framed, 100 cm x 130 cm, ed. 3+1 a.p.

Viel ließe sich über Sauers Farbpixel sagen. Viel scheint es zu verraten über die Beschaffenheit von Form und Farbe, über Bildstruktur und “Bildmolekül”. Doch bei allem, was Sauer mit ”16.777.216 Farben” über die Grundlagen der Fotografie freilegt; eine Frage lässt er offen: Warum wirkt dieses Bild so kalt und tot? Es war der in diesem Mai verstorbene Quantenphysiker Hans-Peter Dürr, der hierauf vielleicht eine Antwort gewusst hätte. “Ich möchte den Begriff Teilchen oder Atome nicht mehr benutzen”, so Dürr. “Ich sage stattdessen Passierchen oder Wirks.” Für den Quantenphysiker war die Sache logisch. Im Innern der Welt finden sich nicht Teilchen, im Innern wirken Möglichkeiten – Verbindungen ohne materielle Grundlage. Übertragen auf die Fotografie hieße das, dass man im Kern der Bilder nicht Pixel und Korn finden wird. Im Kern hat man sich stets neu ergebende Zusammenhänge und immerwährende Lebendigkeit. Auch die abstrakte Fotografie sollte das beachten. Jedes Bildteil steht in einer Verbindung zum Bildfeld und zu den unzähligen Feldern drumherum. Abstraktion mit dem Seziermesser ist zwar möglich, erscheint mir persönlich aber zu skelettiert.

Unter dem Titel “Form und Farbe” sind die Arbeiten von Adrian Sauer aktuell in der Beriner Galerie Klemm’s zu sehen.