Interview

mit Markus Schaden

Markus Schaden

Markus Schaden

Bücher zum Thema

Tobias Zielony

Tobias Zielony
Story/No Story

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2284-1
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Andreas Gursky

Andreas Gursky
Werke 80-08

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2338-1
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Abisag Tüllmann

Abisag Tüllmann
1935-1996Bildreportagen und Theaterfotografie

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2708-2
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Hiroshi Sugimoto

Hiroshi Sugimoto

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2412-8
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Die Stadt

Die Stadt
Vom Werden und Vergehen

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2659-7
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Luca Campigotto

Luca Campigotto
My Wild Places

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2719-8
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Starburst

Starburst
Color Photography in America 1970-1980

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2490-6
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Michael Reisch

Michael Reisch
New Landscapes

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2635-1
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Gregory Crewdson

Gregory Crewdson
Sanctuary

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2734-1
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Just Loomis

Just Loomis
As We Are

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2636-8
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Der Journalist Markus Weckesser im Gespräch mit Markus Schaden (*1965) über das Phänomen Fotobücher. Der Kölner ist Fotobuchhändler, Verleger, Kurator und zählt zu den besten Kennern der Szene.

Können Sie den Zeitpunkt bestimmen, an dem der Boom startete?

Der entscheidende Moment war, dass es plötzlich Bücher über Fotobücher gab. Das war so um die Jahrtausendwende. Danach sammelten die Leute plötzlich Fotobücher wie nie zuvor. Titel wie The Photobook: A History I + II von Martin Parr und Gerry Badger und 101 Photobooks von Andrew Roth wurden wie Kauflisten verwendet.

Besteht da nicht die Gefahr, dass aus Büchern reine Spekulationsobjekte werden?

Im Hinblick auf die schnellen Wertsteigerungen lässt sich eine solche Entwicklung wohl nicht vermeiden. Peter Bialobrzeskis Neontigers war in kürzester Zeit vergriffen und wird heute zu einem Vielfachen des ursprünglichen Verkaufspreises gehandelt.

Was macht Fotobücher so attraktiv?

Im Vergleich zu teuren Prints sind Fotobücher zu erschwinglichen Preisen zwischen 40 und 120 Euro erhältlich. Außerdem besitzen sie eine handliche Form und sind bequem zu transportieren. Für mich sind Fotobücher das originäre Medium der Fotografie. Im Gegensatz zu Ausstellungen, in denen die Zusammenstellung von Bildern vom jeweiligen Kurator abhängt, bleiben Fotobücher in ihrer Form unverändert.

Unterscheidet sich ein Fotobuch von einem Katalog durch die künstlerische Handschrift des Autors?

Nicht unbedingt. So wenig wie ein Fotobuch gleich ein Künstlerbuch ist. Entscheidend ist, was ausgesagt wird und ob der Inhalt eine entsprechende Form und Gestalt findet. Das muss nicht immer superhochwertiges Papier sein. Ed Ruscha hat seine ersten Bücher für drei Dollar gedruckt, auch Daido Moriyama hat anfangs billige Xerox-Prints verwendet. Oder denken Sie nur an Hans-Peter Feldmanns Fotobücher, da geht es vor allem um den Inhalt.

Achten jüngere Künstler auf so etwas wie haptische Qualitäten?

Ja, schon. Gerade Oliver Sieber, der viele seiner Bücher selbst produziert, schafft immer die Balance zwischen kleinen gestalteten Objekten und Büchern.

Welche Auswirkungen haben Techniken wie Print-on-Demand auf den Fotobuchmarkt?

Print-on-Demand hat enorm zur Popularisierung von Fotobüchern beigetragen. Auf einmal gibt es die Möglichkeit, ein bis zwei Exemplare eines Buches zu drucken. Darum werden wesentlich mehr Dummies produziert. Noch bis in die Achtzigerjahre wurden schätzungsweise 500 Titel mit einer Auflage von 5000 Stück produziert, heute ist das Verhältnis eher umgekehrt. Zugleich wurde durch das Internet die Distribution verbessert.

Stellt sich da nicht die Frage, wie man überhaupt gute Fotobücher macht, die aus der Masse an Veröffentlichungen herausragen?

Das mangelnde Wissen ist ein großes Problem. Darum biete ich die »Photobook Studies« an, wozu ich nicht nur universitäre Veranstaltungen zähle, sondern demnächst auch Portfolio-Reviews in der Kölner Lichtblick School.

Um was genau geht es dabei?

Junge Fotografen erhalten eine professionelle Einschätzung, auf welchem Stand sie mit ihren Arbeiten künstlerisch und fachtechnisch stehen. Was sind die Stärken, was die Schwächen? Wie kann ich meine Bildsprache weiterentwickeln? Wie mache ich aus einer Ansammlung von einzelnen Fotografien ein Fotobuch? Sich mit dem Medium Fotobuch zu beschäftigen, heißt für mich letztlich auch, Fotografie zu verstehen.

Wer sammelt Fotobücher? Gibt es einen bestimmten Typus?

Zunächst einmal ist festzustellen, dass das Interesse enorm gestiegen ist und weiter wächst. Die Arten von Käufern durchmischen sich. Meist hängt eine Kaufentscheidung von inhaltlichen Erwägungen ab. Viele junge Sammler starten mit Fotobüchern, weil die mehr Bilder für das gleiche Geld bieten. Fotobücher sind eine eigene Kunstform. Aber das ist bei den großen Sammlern noch nicht angekommen.

Und im musealen Bereich?

Dort leider auch nicht. In Frankreich und in den USA überlegt man, Museen für Fotobücher zu bauen, um so das Gedächtnis der Fotografie zu bewahren und zugänglich zu machen. Und hier in Köln wird derzeit erwogen, die Kunst- und Museumsbibliothek zu schließen. Die Sammlung von 80.000 Fotobüchern soll zerschlagen werden. Das macht mich sprachlos. Es gibt in deutschen Bibliotheken zu wenig Rückhalt für Fotobücher. Man sieht es daran, dass bei uns fast nur ausländische Bibliotheken einkaufen, etwa das Maison Européenne de la Photographie, wo Fotobücher gehegt und gepflegt werden. Eine Ausnahme in Deutschland ist die Bibliothek der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM).

Aber wäre es für Museen nicht preisgünstiger, Fotobücher statt Prints zu erwerben?

Ja, aber die Etats der Museen schrumpfen. In diesem Zusammenhang kann ich nur immer wieder den Autor Ulf Erdmann-Ziegler zitieren: »Aber wer sagt, dass der Fundus eines Museums zwangsläufig auf fotografischen Prints basieren muss? Genausogut könnte man bei den Büchern beginnen. Mit einem Fundus von vielleicht hundert Büchern wäre gewährleistet, dass die Geschichte der modernen fotografischen Werke für die Museumsleute selbst, für Spezialisten, Berater und Kuratoren in vorzüglichen Beispielen anzuschauen ist.«

Unterscheiden sich die Käufer in verschiedenen Ländern? Bestehen nationale Vorlieben?

Zwischen deutschen und ausländischen Kunden gibt es keine großen Unterschiede. Gekauft wird bei uns ein bisschen nach dem, wie wir das Programm gestalten. Je kleiner die Auflage, desto größer die Nachfrage.

Lange Zeit befand sich Ihr Buchladen in Sichtweite des Doms. Was hat Sie dazu bewogen, vor knapp einem Jahr kleinere Räumlichkeiten in der Albertusstraße zu beziehen?

Erst einmal befinden wir uns jetzt mittendrin. Hier ist mehr städtisches Leben, und hier kommen einfach viel mehr Leute vorbei, weil das Angebot verdichtet ist. In unmittelbarer Nähe liegen zum Beispiel zwei Fotogalerien und zwei weitere Buchhandlungen. Das ist für Kunden, gerade für Laufkundschaft, die ein bisschen stöbern will, natürlich sehr attraktiv. Die Reduzierung der Verkaufsfläche ging mit einer Umstrukturierung des Sortiments einher. Früher hatten wir eine extrem große Backlist. Jetzt legen wir den Fokus auf Neuerscheinungen und zeitgenössische Fotografie. Die Top-200-Titel haben wir immer vorrätig.

Mit dem Umzug hat sich auch Ihre Geschäftsstrategie gewandelt.

Eine Erkenntnis aus den ersten zwölf Jahren war, dass man das aufgebaute Netzwerk auch anders nutzen kann, als nur dazu, Bücher zu verkaufen. Neben dem Kerngeschäft Verkauf und Verlag haben wir die Reihe »Projects« etabliert. Dazu zählt zum einen »Marks of Honour«, ein Projekt, für das wir Fotografen gebeten haben, sich mit ihrem liebsten Fotobuch zu beschäftigen und eine Edition zu gestalten. Zum anderen haben wir »The La Brea Matrix« initiiert. Ausgehend von einer Fotografie, die Stephen Shore 1975 in Los Angeles an der La Brea Avenue aufgenommen hat, suchen sechs deutsche Fotografen vor Ort nach Referenzen.

Relativ neu sind die bereits erwähnten »Photobook Studies«. Um was geht es dabei?

Im vergangenen Jahr bekam ich von der Kölner Kunsthochschule für Medien einen Lehrauftrag, um über Fotobücher zu referieren. Anstatt einen Überblick zu geben, konzentrierte ich mich mit den Studenten darauf, die Geschichte von Ed van der Elskens Liebe in St. Germain des Prés zu analysieren. Ein Semester lang beschäftigten wir uns mit den Entstehungshintergründen und haben das Buch inhaltlich auseinandergenommen. Wir sind zu den Original-Aufnahmeorten gereist, haben Darsteller interviewt und Archive besucht. Zum Beispiel haben wir herausgefunden, dass es von dem Buch in Deutschland, England und den Niederlanden unterschiedliche Schlussvarianten gibt und die abgebildeten Models eigentlich gar nicht aus dem Jazzmilieu stammten.

Planen Sie, die Forschungsergebnisse öffentlich zugänglich zu machen?

Ja, und zwar auf der Photokina Köln (21.–26. September 2010). In der Visual Gallery präsentieren wir die Ergebnisse auf einer Art Wallpaper. Ein paar Einblicke stehen schon bei Facebook unter dem Stichwort »KHM Love« zur Verfügung.

Welches Fotobuchprojekt begeistert Sie derzeit am meisten?

Absolut begeistert bin ich von A New American Picture, das ich sehr gerne mit Hatje Cantz realisieren würde. Doug Rickards hat Bilder von Google Street View editiert, die von der Monstermaschine gemacht wurden. Also nicht von einem Fotografen aufgenommen, sondern automatisch und vom Dach eines Autos, das systematisch durch die Straßen amerikanischer Städte fährt.

Und jetzt auch durch deutsche...

Ja. Das Besondere an Rickards Projekt ist, dass es sich bei den bereits vorhandenen Bildern im besten Sinne um Straßenfotografie handelt. Die gesamte amerikanische Straßenfotografie findet sich hier wieder, von William Eggleston bis Todd Hido. Extrem verstörend ist, dass die Bilder nicht von klassischen Fotografen stammen, sondern von einem Künstler, der irgendwo in einem Vorort sitzt und nicht einmal das Haus verlassen muss.

Das klingt nach dem Prinzip Ruff. Verliert der eigentliche Aufnahmeakt an Bedeutung?

Nein, ich denke nicht. Aber wie Alec Soth bin ich der Meinung, dass das Editieren das große Thema der Zukunft ist. Wie gebe ich einzelnen Fotografien Bedeutung zurück, wie schaffe ich nachhaltige Projekte? Es wird immer wichtiger, ein künstlerisches Statement abzugeben, das Wirkung erzielt und von Dauer ist. Solche Bücher schätzen die Kunden.

Können Sie bitte ein paar Beispiele nennen?

New Topographics, der Katalog zur gleichnamigen, rekonstruierten Ausstellung von 1975, verkauft sich gut. Gut gehen auch Stephen Gill, Rinko Kawauchi, Alec Soth, Cuny Jansen. Kurzum: Bücher von Künstlern, die sich dem Medium verschrieben haben.

Und aus dem Verlagsprogramm von Hatje Cantz?

Tobias Zielonys Story / No Story ist ein Bestseller, ein echter Lichtblick. Ebenso Abisag Tüllmann, eine gute Fotografin, die gerade wiederentdeckt wird. Mitglieder der Ostkreuz-Agentur haben sich in einem sehr gut gemachten Buch dem Thema Stadt gewidmet. Info-Klassiker verkaufen sich ebenfalls hervorragend. Das Zeug zu einem solchen Klassiker hat zum Beispiel Starburst, in dem Kevin Moore die ersten großen Namen der künstlerischen Farbfotografie in den USA seit den Siebzigerjahren vorstellt und deren Einfluss auf die nachfolgende Generation untersucht.

Wie sieht es mit Büchern etablierter Künstler aus?

Von Gregory Crewdson über Andreas Gursky bis Hiroshi Sugimoto verkaufen wir einige, aber längst nicht so viele. Wir arbeiten eher wie eine Galerie, die kuratiert, auswählt und die Kunden ködert. Die Menge an Fotobüchern ist wirklich groß geworden, da verlangt es ein gutes Sortiment.

Auf welche Weise informieren sich Fotobuchsammler angesichts der Masse an Neuerscheinungen über Neuigkeiten?

Die Wege der Informationsvermittlung haben sich radikal verändert. Die Fotobuch-Community ist ziemlich kompakt und der Kern von etwa 5000 Leuten sehr aktiv, was die Informationsverbreitung angeht. Über Soziale Netzwerke und Blogs wird sehr viel kommuniziert, zum Beispiel »5B4« von Jeffrey Ladd, »Eyecurious« von Marc Feustel und »Foodforyoureyes« von Nathalie Belayche.

Bedeutet das, dass Fotobücher vor allem über das Internet verkauft werden?

Wir machen ein Drittel der Umsätze über das Internet, eines über das Ladenlokal und ein weiteres auf Messen und Festivals. Neben den bekannten Fotofestivals gibt es in Deutschland zwei Festivals, die auf Fotobücher spezialisiert sind.

Auf dem Fotofestival in Arles sind Sie seit längerem Stammgast. Was macht die Veranstaltung zu etwas Besonderem?

Ja, das stimmt: In diesem Jahr haben wir zum zehnten Mal teilgenommen, denn es geht nicht nur ums Verkaufen. Der Gedanke der »Rencontres«, der Begegnungen und Zusammentreffen, steht eindeutig im Vordergrund. Kunden, die unsere Aktivitäten ansonsten über unsere Website, Facebook und Twitter verfolgen, besuchen uns am Stand. Ein Live-Chat von Angesicht zu Angesicht. Schön ist auch, mit einem Kooperationspartner wie Hatje Cantz zusammenzuarbeiten. Das hat viel Spaß gemacht, weil man so gemeinsam Entdeckungen machen und sich austauschen kann.

Nur die neue Standplatzierung hat für Unmut gesorgt.

Die Bedingungen waren eher ungünstig. Die Buchhändler waren in einem viel zu kleinen und zudem noch unklimatisierten Zelt untergebracht. Der Andrang war riesig und unser Stand permanent überfüllt. Gebührender Platz für die Fotobuch-Community muss erst noch geschaffen werden.

Was empfehlen Sie Neueinsteigern?

Das Sammeln von Fotobüchern ist eine Passion, es geht um Leidenschaft. Darum sollte jemand, der sich für Fotobücher interessiert, seinen eigenen Vorlieben folgen, die sich natürlich im Laufe des Lebens ändern. Gut ist alles, was das Gefühl anspricht und zum Nachdenken anregt. Das können ganz unterschiedliche Themen, Künstler und Stile sein.

Womit beschäftigen Sie sich persönlich?

Im Moment wieder mit Stephen Shore, weil ich an »The La Brea Matrix« arbeite und mein Bruder die Ausstellung Der Rote Bulli kuratiert hat, in der es um den Einfluss von Shore auf Düsseldorfer Fotografen geht. Außerdem fasziniert mich alles, was mit Los Angeles zu tun hat und auch das Buch Las Vegas Studio, in dem die ursprünglichen Farbfotografien aus Lernen von Las Vegas wieder veröffentlicht sind.

Fotografieren Sie eigentlich auch selbst?

Nur zum Spaß mit meiner iPhone-Hipstamatic.

10.09.2010

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