Agnes Stubers Ästhetik der Stille

Die Digitalisierung hat unseren Umgang mit Bildern entschieden verändert. Die Frage nach einer Ästhetik des Digitalen drängt sich auf. Die neue Fotostory bei emerge zeigt prototypisch, wie sich Stille und Frieden auch im Digitalen transportieren lässt. Ein Review zu Agnes Stubers Pauli.

Ich lese gerade die letzten Zeilen des Romans die „Entdeckung der Langsamkeit“, als ich mit dem Text für diesen Blog beginne. Das Buch handelt von dem Entdecker Sir John Franklin, der 1847 auf der Suche nach der Nordwestpassage mit samt seiner Mannschaft im Polareis zu Tode kommt. Als die Verschollenen gefunden werden, heißt es:

„Die Zeit war zu lang für sie. Wer nicht weiß, was Zeit ist versteht kein Bild, und dieses auch nicht.“ Der Einzige, der nicht zuhörte, war der Photograph der Illustrated News, der eilends seinen Apparat, System Talbot, in Stellung brachte, um den Zustand der Skelette im Bild festzuhalten.

Seit dem Medienboom der achtziger Jahre wird die Gefahr der Übersättigung mit medialen Spektakeln verstärkt diskutiert. Der Kunsthistoriker Jonathan Crary meint, dass die sogenannte Kultur des Spektakels weniger darauf aufbaut, Menschen sehend zu machen als sie Zeit in einem Zustand der Ohnmacht erleben zu lassen. Die Medienwelt, so die These des Filmwissenschaftlers Thomas Elsaesser, produziere einen geradezu traumatischen Modus der Zuschauerschaft, der aus flexibler Aufmerksamkeit und selektiver Abstumpfung besteht und sich in der Flachheit von Erinnerungen und der Spurenlosigkeit von Gewalt äußert.

Aus der Serie "Pauli" von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Aus der Serie “Pauli” von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge


Vom Medienboom zur Ästhetik des Digitalen

Auch Film- und Videokünstler beschäftigen sich seither verstärkt mit der Omnipräsenz medialer Bilder in Film und Fernsehen, insbesondere deren narrativen und zeitlichen Strukturen. Sie verwenden vorgefundenes Material und verfremden dessen zeitlichen Ablauf, um die Konstruktion von Realität in den Medien bewusst zu machen oder die Aufmerksamkeit auf minimale Details und Ereignisse zu lenken. Douglas Gordon etwa dehnt den zweistündigen Hitchcock Film „Psycho“ auf vierundzwanzig Stunden aus. Omer Fast benutzt die Montage, um die scheinbare Geschlossenheit von Erzählungen aufzubrechen und die Konstruiertheit medialer Berichte aufzuzeigen. In seiner Arbeit „CNN Concatenated“ zerstückelt er Nachrichtenbeiträge und setzt sie zu neuen Botschaften zusammen, die sich direkt an den Zuschauer wenden (‘I need your attention. I need to know I’m being listened to’; ‘You recycle anything older than a day. Anything that carries a history is dangerous’). Fotokünstler und Kunstwissenschaftler Jeff Wall widmet sich in „Dead Troops Talk“ dem Thema Fotojournalismus und der Darstellbarkeit geschichtlichen Grauens. Indem er ein historisches Gemälde fotografisch reinszeniert, stilisiert und bis ins Groteske übersteigert, verwandelt es sich je nach Lesart in eine philosophische Tragödie oder Komödie.

Der Bildjournalismus allerdings kann sich im Gegensatz zum Künstler von seinem Anspruch, die Wahrheit zu dokumentieren per se nicht völlig lösen und ein Foto bietet im Vergleich zum Film oder zur Sprache kaum Möglichkeiten, sich selbst (kritisch) zu reflektieren. Trotzdem oder gerade deswegen muss der Fotojournalismus sich die Frage gefallen lassen, ob der Anspruch die Betrachter aufzuklären oder sogar durch emotional starke Bilder aufzuwecken, „realistisch“ ist.

Aus der Serie "Pauli" von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Aus der Serie “Pauli” von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Eine aktuellere Kritik bezieht sich auf die Ästhetik digitaler Bilder: die heutigen digitalen Bilder seien lärmend und dröhnend, ohne Stille, ohne Melodie und Duft, schreibt Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft in seinem Text „Bitte Augen schließen“. Er bezieht sich dabei auf Roland Barthes Studie zur Fotografie „Die helle Kammer.“ Darin heißt es: „Die Fotografie muss still sein. Das ist keine Frage der Diskretion, sondern der Musik. Die absolute Subjektivität erreicht man nur in einen Zustand der Stille, dem Bemühen um Stille (die Augen schließen bedeutet das Bild in der Stille zum Sprechen bringen).” Hans Text ist eine Kritik nicht nur an der Ästhetik des Digitalen sondern am Zustand der heutigen (Müdigkeits)gesellschaft, die die Zeit selbst in Geiselhaft nimmt. Er fordert eine Zeitrevolution, die der Zeit ihren Duft zurückgibt und eine Zeit des Anderen ist, weil sie sich der Beschleunigung entzieht.


Pauli: Nicht glücklich, aber in Frieden

Vor diesem Hintergrund gefragt: Was gibt es denn da zu sehen in der Serie Pauli von Agnes Stuber?

Aus der Ferne sieht man am linken Rand des ersten Bildes einen Mann über ein Eisfeld laufen. Er ist klein, wirkt etwas verloren in der weiten Landschaft und außerdem irgendwie an den Rand gerutscht. Bildbeherrschend ist die weiße Schneefläche, in der das Eis kleine Muster hinterlassen hat. Ebenfalls nur angeschnitten am oberen Bildrand ist eine Gruppe kahler Bäume zu erkennen. Das kleine rote Haus im Wald am unteren Rand des nächsten Bildes wirkt fast eben so verloren. Ein Einsiedler also, der sich in den Wald zurückgezogen hat. Beim ersten Überblick auf die Serie stellen sich bei mir folgende Assoziationen ein: Winter, Lebensabend, Kälte, schwindendes Licht, Monotonie, Einsamkeit, Leere aber auch Ruhe, Stille.

Dann seh ich die Bilder genauer an: Thema und Bildsprache erinnern zunächst an die Romantik, allerdings hat die Natur nichts Erhabenes und der Blick der Fotografin nichts Sentimentales. Auf den nächsten Bildern verliert dieser Blick seine Distanz, jedoch ohne aufdringlich zu werden. Bildfüllend das Gesicht des Mannes, dessen Ausdruck: uneindeutig. Ist er glücklich, einsam? Vielleicht nicht glücklich, aber scheinbar in Frieden mit sich und seinem kleinen Reich. Die Bildkomposition hat nichts Dynamisches und rückt scheinbar Nebensächliches, Unspektakuläres in den Fokus: den Stamm einer Birke, Schneeflocken auf einer Wollmütze, ein Fenster mit einer verwelkten Orchidee, ein Stapel Holz, Hausschuhe. Die geringe Schärfentiefe lenkt den Blick auf winzige Details, wie die Strukur einer Schneeflocke, die leise auf der Wollmütze gelandet ist.

Aus der Serie "Pauli" von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Aus der Serie “Pauli” von Agnes Stuber © Agnes Stuber / emerge

Der Blick der Fotografin ist ein einfühlsamer Blick, weil es auch der Blick des Protagonisten sein könnte. Sie konzentriert sich auf die Dinge, die für ihn wesentlich sind: Essen, Spazieren, Holzhacken, die Gesellschaft einer Katze. Die Bilder erzählen von einem unspektakulären Tagesablauf, in dem aber alles irgendwie seine Zeit und seine Mitte gefunden zu haben scheint. Eine Stärke des visuellen Geschichten-Erzählens, das zeigt diese Serie, liegt darin, andere Wahrnehmungsweisen und Zeitlichkeiten zu eröffnen. Wenn das gelingt, davon gehen phänomenologische Bildtheorien aus, kann der Betrachter mehr von der Welt und sich selbst fühlen, sehen, erfahren und erinnern als im alltäglichen Leben. Dafür müssen sich aber beide Zeit nehmen und ab und zu die Augen schließen: Fotograf und Betrachter. Agnes Stuber scheint sich die Zeit genommen zu haben.

Von Alexandra Horn, Medienwissenschaftlerin und Textredakteurin bei emerge