Der Junge in der Ambulanz

Der Krieg in Syrien hat seit gestern ein weiteres ikonisches Foto dazu bekommen. Seit Donnerstagmorgen kursiert das Bild eines syrischen Jungen durch die sozialen Netzwerke, der staubig und blutverschmiert in einem Rettungswagen sitzt. Inzwischen wissen wir, dass der Junge fünf Jahre alt ist und Omran Daqneesh heißt. Er wurde kurz zuvor aus den Trümmern seines Elternhauses in Aleppo geborgen, nachdem dieses von einem Luftangriff getroffen wurde. Kriegsroutine sollte man zynisch behaupten können.
Heute morgen, im Kiosk bei mir um die Ecke, schaut mich der blutverschmierte Junge von ziemlich jeder Zeitungstitelseite aus an. Er ist über Nacht zum Symbol für den nun fünf Jahre tobenden Krieg geworden.

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Nach und nach tauchen immer mehr Informationen auf. Anscheinend hat der Rest seiner Familie das Bombardement ebenfalls überlebt. Beide Eltern und alle drei Geschwister seien allerdings ebenfalls verletzt. Auch ihr Haus sei zerstört worden. Mindestens drei Menschen starben bei dem Angriff.
Auch eine längere Version des Videos ist nun auf der Website des Guardian zu finden. Hier sieht man wie der traumatisierte Junge auf dem Arm eines Mannes aus dem zerstörten Haus getragen und in der Ambulanz auf einen Stuhl gesetzt wird. Daraufhin verschwindet der Mann wieder und die Szene in der Omran sich verstört an den Kopf fasst wird gefilmt.
Das Material wurde vom „Aleppo Media Center“ (AMC) verbreitet, eine oppositionelle Gruppierung, die das Elend im Osten Aleppo’s dokumentiert.
Mr. Ahmad, einer der lokalen Journalisten, der die Szene filmte, zeigte sich verwundert über die grosse Aufmerksamkeit die sein Video bekommt: “Als Journalist in Aleppo sehe ich tausende solcher Situationen. Omrans Fall ist nur einer von vielen…“

Ich finde Bilder wie diese werfen immer viele Fragen auf: Sollte oder muss man sie sogar zeigen? Bezwecken oder verändern sie etwas? Werden wir von ihnen manipuliert?

Schaut man sich auf Twitter um, wird klar wie das Bild instrumentalisiert wird:

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Wie kommt es, dass mache Bilder so viel Aufmerksamkeit bekommen, tausendfach geteilt und veröffentlicht werden und uns an das Grauen von Krieg, Verfolgung oder Flucht erinnern?
Ich habe gerade bei Googles Bildersuche “Injured child Syria“ eingegeben und bekam zahllose grauenhafte Bilder zu sehen. Viele deutlich schlimmer als das Foto von Omran. Einige wenige kannte ich bereits (wahrscheinlich auch nur, weil ich selber Fotojournalist bin), doch den Großteil hatte ich noch nie vorher gesehen.
Anne Barnard, Korrespondentin der New York Times für Syrien und den mittleren Osten, fragte sich das in ihrem gestrigen Artikel auch und hat folgenden Erklärungsversuch:

“Maybe it was his haircut, long and floppy up top; or his rumpled T-shirt showing the Nickelodeon cartoon character CatDog; or his tentative, confused movements in the video. Or the instant and inescapable question of whether either of his parents was left alive.“

Ich denke Schreckensbilder wie dieses, die erst in einen viralen Hype landen und daraufhin von den grossen Zeitungen und Nachrichtensendern übernommen werden, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen.
Sie müssen uns emotional hart treffen, ebenso müssen sie schocken. Dennoch dürfen sie nicht zu grausam sein. Sie brauchen etwas Unschuldiges. Denkt an das Bild des ertrunkenen Jungen an einem türkischen Strand – Aylan Kurdi war sein Name. Vor etwa einem Jahr tauchte das Bild plötzlich in sozialen Medien auf und war für einige Zeit nicht mehr aus den Nachrichten wegzudenken. Es wurde zum Symbol für die Flüchtlingskrise.
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Inhaltlich hatte das Foto einige Parallelen zu dem Bild von Omran. Beides sind Bilder von Kindern, die Opfer eines Krieges geworden sind. Beides unschuldige Jungen und beide Bilder zeigen keine abgerissenen Gliedmassen, sondern kommunizieren auf eine andere, eine subtilere Art das Schrecken des Krieges. Der “Durchschnittsbürger“ muss sie sich angucken können und doch muss sich das Bild in unser kollektives Gedächtnis einbrennen.

Zugegeben, das Foto von Omran ist blutig, aber er hat überlebt! Scheinbar wäre ein totes Kind zu hart gewesen. Auch das Video von der Szene ist genau genommen ein sehr ruhiges. Ein Junge sitzt blutverschmiert auf einem Stuhl, er schreit oder weint aber nicht, wir hören auch keine Kriegsgeräuche, keine Schüsse oder Einschläge und doch wissen wir alle welchen Horror dieser junge Mensch gerade durchmacht.

Ich bin mir sicher, dass uns dieses Bild noch einige Tage verfolgen wird. Vielleicht bekommt Oman Daqneesh sogar einen Wikipedia Eintrag. Doch dann werden werden wir ihn wahrscheinlich langsam wieder vergessen…. und der Krieg in Syrien geht weiter.