Es ist ein Buch! Oder: Leere Batterie erzeugt Spannung

Beinah hätte ich am Freitag die Anlieferung des Vorabexemplars meines neuen Buchs Blank verpasst, weil die Batterie der Klingelanlage meines Ateliers leer war. Der Kurier war schon auf dem Weg zurück zu seinem Auto, als ich ihn zufällig sah. Hätte ich ihn nicht abgefangen, wäre ich weitere 2 Tage bis zum nächsten Anlieferungsversuch auf die Folter gespannt. Dann gälte: Leere Batterie erzeugt Spannung!

buch-auspacken

Ich öffne den Karton. Mal wieder ein Grund, aufgeregt zu sein. Seltsamerweise denke ich an eine Schweineschlachtung, die ich vor etwa 20 Jahren in der Ukraine fotografierte. Zwei Männer hielten das Tier fest, während ein Dritter ein langes Messer in das Herz stach, und das Schwein minutenlang quiekte, bis es die Augen verdrehte und endlich starb. Eigentlich ein schlimmer Anblick, der aber erträglicher wurde, indem ich das Geschehen unter dem Tuch meiner Großbildkamera betrachtete, auf der Mattscheibe, um 180 Grad gedreht. Wie gefiltert im Fernsehen. Vielleicht kein Zufall, dass die Bildfläche sowohl des TVs als auch der Kamera “Mattscheibe” heißt.

Jetzt ist es ähnlich. Ich fotografiere das Auspacken und schaue dabei mehr auf das Display meines iPhones als auf das Buch selbst, das ich inzwischen in den Händen halte. Mein Blog-Auftrag, meinen Alltag zu dokumentieren, lenkt angenehm ab und beruhigt. Dabei ist es natürlich ganz das Gegenteil einer Schlachtung – ich wohne keiner Tötung, sondern einer Geburt bei: Ein neues Buch erblickt das Tageslicht!

Dokumentationsauftrag erfüllt, Handy auf die Seite, mal einen direkten Blick riskieren. Wow! Fettes Teil, super Cover, hab ich das gemacht? Ich erwähnte es bereits in einem anderen Zusammenhang: Neben meinen Augen ist meine Nase ein wichtiges Sinnesorgan. Also Nase rein. Geruch? Super – so, wie er zu sein hat, würzig mit einem Hauch Fernweh. Stärke des Papiers, Haptik, Blättertest: bestanden. Jetzt die Tonwerte: im vorderen und hinteren Bereich krasse Schwärzen, noch tiefer als ich sie in Erinnerung und erhofft hatte, sehr gut! Und jetzt die hellen Bilder, um die es bei Blank maßgeblich geht: sehr, sehr geil. Fein und scharf. Zarte Übergänge bis in die Bereiche, in denen das Papierweiß Überhand nimmt. Das Konzept geht auf, die Randlosigkeit irritiert, wird aber als Konzept akzeptiert, das sich konsequent im Verlauf des Buchs entfaltet. Zumindest in meinen Augen.

Und doch bleibt ein Stück Restzweifel, den ich kurz nach Erhalt meiner Bücher immer habe und der sich erst nach ein paar Wochen verflüchtigt (mit Ausnahme eines Buches, das ich auch heute noch für nicht gelungen halte). In der Zeit nach dem Druck bin ich ein Seismograph, der auf hypersensibel geeicht ist. Wie ein Gerät, das eigentlich Kontinentalverschiebungen im Erdinnern messen soll, stattdessen aber zusammenzuckt, weil jemand in der Nachbarschaft eine Autotür zuschlägt. Ich habe mich Monate, eigentlich Jahre, mit den Tonwerten meiner Bilder und dem Layout des Buches beschäftigt, und so sehe ich jede kleinste Abweichung vom Original. Ein Bild hätte einen Hauch mehr Tiefe haben müssen, ein anderes ist 1 Punkt zu gelb, und ein weiteres hätte ich um 3 mm nach links schieben können. Noch fehlt mir der Blick für das Ganze. Ich zähle Sandkörner und merke nicht, wie schön der Strand ist, auf dem ich sitze. Ich werde nicht gern ausgelacht, aber als meine Frau genau das tut, nachdem ich ihr von meinen Zweifeln erzählt habe und sie das Buch gesehen hat, bin ich beruhigt.

Aber schaut selbst.

01_MG_9204 02_MG_919203_MG_9193 05_MG_9195 06_MG_9196 07_MG_9197 09_MG_9199 10_MG_9200 11_MG_9201 13_MG_9203