Eine Kiste Konkretes versus Black Box

Zu wahr, um schön zu sein.

Zugegeben, die folgende Geschichte hat sich nicht gestern ereignet, sondern liegt schon eine Weile zurück. Sie passt aber so gut zu meinem letzten Eintrag, dass ich sie Euch nicht vorenthalten möchte.

Ich habe eine kleine Kammer mit einem Regal, in dem ich Kameraequipment und Werkzeug aufbewahre. Außerdem befindet sich in dem obersten Fach ein Datenspeicher, der praktisch alles enthält, das ich jemals digital fotografiert habe. Er ist groß und ragt etwas hervor. Er ist schwer. Und hat spitze Kanten. Dies hatte bislang keine besondere Relevanz (und war auch nicht kaufentscheidend), das änderte sich aber an dem Tag schlagartig, an dem er mir entgegenfiel.

Ich stehe auf der obersten Stufe einer Leiter und nehme die Kiste aus dem Regal, die neben dem Raid steht. Keine gute Idee. Alles ist im Leben miteinander verknüpft, so auch hier: Das Raid steht auf einem Extrabrett, das Extrabrett ist mit dem regulären Regalbrett verschraubt, das Regalbrett liegt lose auf, und die Kiste bildet ein Gegengewicht. So entsteht eine direkte physikalische Beziehung zwischen dem Raid und der Kiste. Nimmt man diese weg, folgt das Computerteil den Naturgesetzen, respektive der Schwerkraft.

Das etwa 20 kg schwere Gerät kippt mir also samt Regalbrett entgegen, während ich mit beiden Händen eine Kiste mit Pentax-67-Gehäusen, verschiedenen Nikons, Polaroidrückteilen und Objektiven halte. Ich kann nichts anderes tun, als mich mit aller Kraft mit meinem Rücken dem Datenkoloss entgegenzustemmen.

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Ich komme mir vor wie in einem Film, bei dem Jacques Tati, Louis de Funès und Loriot gleichzeitig Regie führten. “Das Bild hing schief” schießt mir kurz durch den Kopf, während ich den digitalen Speicher mit meinem Rücken gegen die Wand drücke und mir dabei die scharfen Kanten in die Haut schneiden.

Eine interessante Situation, die sofort philosophische Fragen aufruft und zu allegorischen Gedankenspielchen einlädt. Eingekeilt zwischen analog und digital sozusagen. Zwischen zwei unterschiedlichen technischen Zeitaltern. Diametral verschiedene fotografische Philosophien, in einen einzigen Moment gepresst. Vor meinem Bauch ein großer Teil meiner beruflichen Vergangenheit, Equipment, mit dem meine fotografische Laufbahn begann, Erinnerungen aus der Studienzeit, Reliquien einer vergangenen Ära aus der vordigitalen Zeit. In meinem Rücken meine gesamte Arbeit aus der Zeit danach: mehrere Terabytes Bilder, die als Negative in Ordnern einige Meter Platz einnehmen würden und nun, auf meinen Schultern lastend, ebenso schwer scheinen.

Die Kiste kann ich nicht mehr zurückstellen und alles ungeschehen machen. So stehe ich vor der Wahl, was ich fallen lasse. Mechanische, herrliche Präzisionswerkzeuge, die ich zwar nicht mehr benutze, aber nach wie vor liebe, oder virtuelle Daten? Eine Kiste Konkretes oder eine Black Box? Die Vergangenheit oder die Zukunft?

Für was ich mich entscheide, ist klar. Als die Kiste aus über 2 Metern Höhe auf den Boden kracht, gibt es ein schreckliches Geräusch, und Objektive rollen über den Boden. Das Raid kann ich sicher zurück ins Regal hieven.

Ich würde gern sagen können, der Unfall hätte ein paar Narben auf meinem Rücken hinterlassen, das hat er aber nicht. Einschneidend war er aber für mich dennoch. Nie zuvor befand ich mich in einer derart klaren, aussagekräftigen, parabelartigen Situation, die von mir eine sofortige Entscheidung verlangte. Normalerweise gewöhnt man sich langsam an neue Techniken, entwickelt neue Gewohnheiten, bis man sich an alte kaum noch erinnert – ein Prozess, der sich meist über Jahre hinzieht. Selten verbindet man eine solche schleichende Veränderung mit einem bestimmten Moment wie hier. Eine Situation, die nur Metaphern beschreiben können: der Weg, den man nur vor und zurück gehen kann; der Schalter, der nur An und Aus kennt.

Ich habe mich für “vorwärts” und für “An” entschieden – es lebe die digitale Fotografie!