Herr Genereller regt sich auf

Ich lese einen Artikel über die neue E-Klasse von Mercedes. Der Hang der Autodesigner, das Innere der Autos, insbesondere des Oberklassesegments, mit barockem Unsinn auszukleiden und so abzudämmen, dass kein Geräusch der Außenwelt mehr eindringt, ist zwar geschmacklich eine Entgleisung und unter ökologischen Gesichtspunkten wegen der Gewichtszunahme kontraproduktiv, aber als Ausnahme noch zu ertragen. Dass jedoch die Karosserien (nicht nur die von Mercedes, sondern insgesamt) immer bulliger werden, und die Fenster im selben Maße immer kleiner, bis sie – insbesondere im Fondbereich – zu schmalen Sehschlitzen verkommen, ist symptomatisch für die oft zitierte “moderne” Gesellschaft und Ausdruck von Asozialität: Was interessiert mich der Rest der Welt? Sich von der Umwelt abschotten ist die Devise. Auf dem Weg von A nach B igelt man sich ein in kleine Kokons, Raumkapseln gleich. Drinnen ist es heimelig, draußen ist die böse Welt. Keine analoge, ungefilterte Wahrnehmung (Licht trifft auf Baum, wird reflektiert und landet auf Netzhaut), sondern digitalisierte, zerstückelte und neu zusammengesetzte, gefilterte, zensierte Häppchen via Infotainmentsystem. Vorhang zu, Bildschirm an – die Kids auf den hinteren Plätzen werden bespaßt mit Xbox und X-Men. Fahren Sie weiter, es gibt nichts zu sehen!

(Jetzt ein Wort, das ich als vorwärtsgewandter, moderner Künstler vielleicht besser nicht verwenden sollte, aber egal, man kann es sich manchmal nicht aussuchen: Das F-Wort ist “früher”.)

Früher habe ich während langer Autofahrten stundenlang aus dem Fenster gesehen, mit Menschen in anderen Autos kommuniziert, indem ich selbstgemalte Zettel an die Scheibe hielt oder einfach nur winkte, Häuser und Kühe und andere Dinge zählte (irgendwas zu zählen gab’s immer) oder Nummernschilder erriet (was mangels Google nicht überprüft werden konnte und oft zu seltsamen Städtenamen führte). Kurz: Die Phantasie wurde angeregt, und man war im direkten Austausch mit der Umwelt und nahm sie wahr.

(Es sprach der Großvater in mir, jetzt wieder der Fotokünstler.)

Was das mit Fotografie zu tun hat? Nichts, aber meine Fotoarbeiten haben etwas damit zu tun.

Zwar sind sie nicht die unmittelbaren Illustrationen einer aus den Fugen geratenen Welt, nicht die Visualisierungen eines verzweifelten Menschen zwischen zwei Generationen, der nicht weiß, welchem Zeitalter er sich verbundener fühlt, dem analogen oder dem digitalen. Im Gegenteil empfinde ich es als Privileg, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der man sich noch per direkter Sprache verabredete, und heute in einem Alter zu sein, in dem ich noch alle (zumindest die nötigsten) Sinne beisammen habe, um die Vorteile der Digitalisierung genießen und die tollen neuen Möglichkeiten der Bildbearbeitung nutzen zu können. Ich fahre ein 50 Jahre altes Rad und bearbeite meine Fotografien mit den neuesten Programmen – das geht prima, und nichts löst sich in Unlogikwölkchen auf (Danke, Douglas Adams, für dieses tolle Wort).

Und doch schwingen meine Vorbehalte gegenüber einem unreflektierten Konsum und einer grenzenlosen Nutzung aller technischen Neuerungen und den damit einhergehenden sozialen Veränderungen in meinen Arbeiten deutlich mit. Abweisende Häuserfassaden mit Mustern kleiner, quadratischer Fenster, die – an Lochstreifen erinnernd – einen digitalen Code enthalten zu scheinen und die Menschen dahinter verschwinden lassen. Leitungen einer petrochemischen Industrieanlage, die aus dem Nichts kommen, im Nichts verschwinden, und dazwischen synapsengleich etwas auszutauschen scheinen – ein Sinnbild für nicht nachvollziehbare Kommunikation, die Black Box als White Space sozusagen. Metallschrott auf einem Recyclinghof als molekulare Grundstruktur alles Technischen, geschreddert und in seiner neuen Anordnung wieder organisch anmutend und an Venen und menschliche Organe erinnernd, auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, zwischen Seele und künstlicher Intelligenz.

A propos künstliche Intelligenz – und jetzt komme ich wieder zu meinem Auftrag, aus meinem Alltag zu berichten: “Guten Morgen Herr Genereller, Ihre Tests liegen zur Begutachtung bereit.” lese ich vor 2 Tagen in der Email einer bekannten Düsseldorfer Produktionsfirma. Der Fortschritt schreitet voran und treibt mitunter seltsame Blüten. Die neue Mercedes E-Klasse kann weitestgehend autonom fahren, und die Texterkennung des Email-Programms ist ebenso überambitioniert. Sie macht nicht mehr das, wofür sie entwickelt wurde, nämlich einen Text zu “erkennen”, sondern sie glaubt zu wissen, was der Nutzer schreiben möchte. Und so wird aus einem individuellen Namen etwas Allgemeines, etwas Generelles eben.

Gefeller, ich heiße Gefeller, verdammt nochmal!

 

FR 01, aus Blank, 2010, 117 x 136 cm

FR 01, aus Blank, 2010, 117 x 136 cm

 

IP 12, aus Blank, 2012, 117 x 174 cm

IP 12, aus Blank, 2012, 117 x 174 cm

 

IP 20, aus Blank, 2014, 117 x 85 cm

IP 20, aus Blank, 2014, 117 x 85 cm