Find a Fallen Star – Im Gespräch mit Regine Petersen.

 

Regine Petersen: Kanwarpura (Leading Face)

Regine Petersen. Kanwarpura (Leading Face). The Indian Iron.

In den fünfziger Jahren fällt ein Stein fällt durch das Dach eines Hauses im Alabama und verletzt eine Frau. In einem Dorf in Nordrhein-Westfalen hören Kinder ein Summen wie von einem Propeller, als plötzlich etwas zu Boden fällt. Sie finden einen Meteoriten, den sie in mehrere Stücke schlagen und untereinander aufteilen. Zwei Hirten in Rajasthan werden 2006 Zeugen eines seltenen Meteoritenfalls, der sich unweit eines Atomkraftwerks ereignet. Regine Petersen hat diese “Fälle” zum Anlass genommen, die Orte aufzusuchen, Augenzeugen zu befragen, Dokumente zu recherchieren und mit ihren eigenen assoziativen fotografischen Arbeiten zu ergänzen. Die Serien der Hamburger Fotografin wurden mehrfach ausgezeichnet und sind jetzt in einem wunderbaren neuen Buch erschienen. Ein guter Anlass, bei der Fotografin einmal nachzufragen:

 

Hast du jemals einen Meteoriten in der Hand gehalten? 

Regine Petersen: Das ist ein schöner Einstieg in ein Gespräch. Ich habe alle möglichen Meteoriten in der Hand gehalten, von kleinen steinigen Krümeln bis hin zu schweren Eisenbrocken. Ich finde, es ist ein schönes Gefühl. Sie sind schwerer, als man erwartet und die steinigen Körper haben oft eine samtige Oberfläche, die beim Flug durch die Atmosphäre entstanden ist. Ich habe auch schon selbst kleine Meteoriten in der Wüste gefunden – das ist noch aufregender.

 

Wie kommt man als Fotografin dazu, sich ausgerechnet für ein Thema wie Meteoriten zu interessieren, das eigentlich Domäne der Wissenschaft ist? Hattest du von Anfang an Vertrauen darauf, dass dein Thema sich fotografisch aufbereiten lässt?

Ich interessiere mich für wissenschaftliche Themen. Ich denke auch, dass es einige Schnittpunkte zwischen Kunst und Wissenschaft gibt, vordergründig ein Interesse an rätselhaften Dingen. Ich sehe viele Analogien zwischen Meteoriten und der Fotografie, z.B. wenn man anfängt, Meteoriten als Zeitkapseln zu betrachten. Sie sind Zeugen der Entstehung des Sonnensystems und die ersten Staubkörnchen aus der Zeit sind in ihnen noch enthalten. Die existenziellen Fragen, die wir uns stellen – wer sind wir, woher kommen wir usw., all das sehe ich auch in der Fotografie. Aber Meteoriten spielen nicht nur in der Wissenschaft eine große Rolle, sondern generell in der Menschheitsgeschichte; in der Religion und im Leben derer, die beobachtet haben, wie sie vom Himmel fallen. Man kann sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten, kosmologisch, metaphysisch, historisch oder als Sammlungsobjekt.

Aus irgendeinem Grund hatte ich nie Zweifel an dem Projekt. Auch wenn ich nicht genau wusste, wohin mich die Reise führt, hat es sich von Anfang an richtig angefühlt.

Regine Petersen: Ann.

Regine Petersen. Ann. (Stars Fell on Alabama).

Beschäftigt man sich erst mal intensiver mit dem Thema, erfährt man, dass es im Lauf der Zeit eine Reihe von verbürgten Fällen gibt. Wieso hast du gerade diese drei Fälle rausgesucht? Wofür stehen die beispielhaft?

Ja, es gibt unzählige Geschichten über Meteoritenfälle. 100 davon habe ich in einem Text-Büchlein zusammengefasst, welches ich ein paar Monate vor Find a Fallen Star herausgebracht habe. Die drei Geschichten haben mich aber nachhaltig beschäftigt und es gab interessante Entwicklungen bei der Recherche vor Ort. Die Fälle waren relativ komplex und es kristallisierten sich bei allen ähnliche Fragestellungen heraus, etwa was die Konstruktion von Geschichte betrifft. Es geht neben den Erzählungen ja auch immer darum, was nicht in Erscheinung tritt, sei es durch selektive Wahrnehmung, mangelndes Erinnerungsvermögen, unvollständige oder sich widersprechende Fakten oder Sprachbarrieren. Die Geschichten sind voller Lücken und das meiste bleibt im Verborgenen. Da ist auch einfach die Erkenntnis, dass ich, egal wie viel ich recherchiere, den Dingen schlussendlich nicht vollständig auf den Grund kommen kann. Bei jedem der drei Kapitel fand ich es außerdem interessant, wie sich das Leben der Betroffenen verändert hat, und wie sehr so ein Ehrfurcht gebietendes, kosmisches Ereignis im Kontrast stehen kann zu den Alltagsumständen vor Ort.

Mir war bei der Zusammenstellung der Kapitel allerdings wichtig, dass sie an unterschiedlichen geografischen Orten stattfinden. Meteoritenfälle sind ein globales Phänomen, und die Reaktionen darauf sind je nach kulturellem Hintergrund entsprechend unterschiedlich. Auch muss ich mich selbst immer wieder anders positionieren.

Der Aspekt des Zufalls und der Gegensätze interessiert mich. Was passiert, wenn man eine Kleinstadt in Alabama, in Nordrhein-Westfalen und ein kleines Dorf in Indien in einem Buch zusammenstellt? Es sind Orte, die für die Öffentlichkeit erstmal nicht beachtenswert erscheinen. Aber ein Meteorit fällt eben auch auf unscheinbare Orte, und die sind nicht weniger interessant und können sowohl über die persönlichen Lebensumstände der Beteiligten etwas erzählen, als auch über allgemeine Umstände der Zeit.

Regine Petersen: Merkel's Junkyard. (Stars Fell on Alabama).

Regine Petersen. Merkel’s Junkyard. (Stars Fell on Alabama).

Wie lange hast du an einem „Fall“ gearbeitet? Mich interessiert der Aspekt der Recherche. Wieso hast du Meteoritenfälle gewählt, die so lange zurück liegen oder deren Fundort so weit entfernt ist wie Indien. Bist du jemand, der sich gerne in Geschichten verbeißt und den es reizt, mit Unwägbarkeiten umzugehen?

 Die Unwägbarkeiten und Überraschungen sind der eigentliche Grund, weshalb ich das alles mache. Es geht mir in erster Linie darum, zu lernen und mit meiner Arbeit zu wachsen. Das Recherchieren macht mir dabei ebenso viel Spaß wie das Fotografieren. Im Endeffekt geht es immer darum, Dinge zu finden. Dass die Vorkommnisse aktuell sind, ist mir dabei nicht wichtig, vielleicht wäre das sogar eher hinderlich. Mich interessiert bei der Arbeit, wie Geschichte konstruiert und wie Zeit wahrgenommen wird. Das Motiv der Erinnerung und der menschlichen Fragilität, Dinge, die im starken Kontrast stehen zu einem 4.5 Milliarden alten Meteoriten, der die Erinnerung an die Anfänge noch in seinem Inneren trägt.

Wie lange ich an den jeweiligen Kapiteln gearbeitet habe kann ich Dir gar nicht genau sagen. Das war nicht linear, ich bin immer wieder zu den einzelnen Fällen zurückgekehrt. In Alabama war ich einen Monat lang vor Ort, nach Indien und Ramsdorf bin ich mehrmals gereist. Recherchiert habe ich aber eigentlich die ganze Zeit.

Regine Petersen. Angle #2 (Impact Site). (Fragments).

Regine Petersen. Angle #2 (Impact Site). (Fragments).

Wie würdest du deine Intention als Fotografin beschreiben? Ist dein fotografischer Ansatz in „Fallen Stars“ eher positivistisch zu nennen? Oder geht es darum, die Vorfälle, die oft nur auf mageren und/oder ungesicherten Tatsachen beruhen, mit Eigeninterpretation zu füllen und Fiktion zu schaffen? 

In der Fotografie liegt ja immer alles im Dazwischen und in der Ambivalenz. Erst wenn es verschiedene Perspektiven gibt, wird es interessant. Die wissenschaftliche, abgeklärte Seite ist in mir, aber ich arbeite sehr intuitiv und bin auch manchmal anfällig für magisches Denken. Bei der Fotografie ist das ähnlich, sie ist ein Fragment der Realität, welches auf etwas anderes, größeres verweist. Auf eine Komplexität, die außerhalb unserer Wahrnehmung existiert. Mit dem Wort “Fiktion” habe ich in Bezug auf meine Arbeit so meine Probleme, aber was Du über die Eigeninterpretation sagst, stimmt. Ich finde es schön, wenn Fotografie einen Raum zum Nachdenken ermöglicht.

Regine Petersen. The Contract. (Fragments).

Regine Petersen. The Contract. (Fragments).

 

Das Design deines Buches ist interessant. Die Weise, wie du dein Material letztendlich aufbereitest und in unterschiedlicher Weise und Länge präsentierst. Warum hast du die drei Themen in der Publikation so stark voneinander gelöst (Jeder Fall erscheint in einem Einzelband). Ging es dir darum, die Singularität des Ereignisses herauszuarbeiten?

Ja, genau. Das war aber eine formale Entscheidung, die erst später kam; mein erster Dummy hatte noch alle Kapitel in einem Buch. Das hat nicht funktioniert. Jeder Fall hat seine eigene Stimmung, und das erste und zweite Kapitel haben auch eine tragische Ebene. Ich fand es nicht gut, von einer Geschichte abrupt in die nächste geworfen zu werden und wollte den Personen im Buch mehr Raum geben. Es wurde dann ein Schuber mit drei Bänden daraus, der die Kapitel zusammenhält und gleichzeitig voneinander trennt.

 

Würdest du sagen, dass das Buch das geeignete Medium darstellt, um dein Thema optimal aufzubereiten (im Gegensatz zur Präsentation in einer Ausstellung)?

Für mich war es zwingend, die Arbeit in Buchform zu präsentieren, auch wenn eine Präsentation im Raum seine ganz eigenen Qualitäten hat. In der Ausstellung gibt es mehr Möglichkeiten über die Größen der Bilder und die Materialität eine Interpretation zu schaffen. Ich kann mit Sound und Objekten arbeiten. Text ist allerdings ein wichtiger Bestandteil der Arbeit, und das ist in der Ausstellung schwieriger zu realisieren. Um sich mit der Arbeit intensiver auseinanderzusetzen, ist die Buchform hier besser. Man kann sich vertiefen, zurückkehren, wenn man möchte, und neue Bedeutungsebenen herstellen.

 

Ist das Projekt mit dem Buch abgeschlossen und werden deine nächsten Themen ebenfalls naturwissenschaftlich motiviert sein?

Ich lege mich nicht so gern fest, und Fragen, die die Zukunft betreffen, bereiten mir immer ein bisschen Unbehagen. Ich habe mehrere Projekte in Planung, kleine und große, und sie haben nichts mit Meteoriten zu tun. Naturwissenschaft dient hier als ein Ausgangspunkt, aber eigentlich geht es wieder um unterschiedliche Sichtweisen auf eine Thematik.

Regine Petersen. Eye Witness (Gisalal). The Indian Iron.

Regine Petersen. Eye Witness (Gisalal). The Indian Iron.

 

Weitere Info siehe: http://www.reginepetersen.com

Regine Petersen: Find a Fallen Star. Kehrer Verlag. Heidelberg 2015. ISBN 978-3-86828-597-0. Text von Natasha Christia. Gestaltet von Henning Rogge & Regine Petersen. Drei Festeinbände im Schuber, 144 S. mit 78 Farb- und S/W-Abb., € 49,90

“Stars Fell on Alabama” ist noch bis zum 14.6. im Photoforum Pasquart in Biel zu sehen:  http://www.photoforumpasquart.ch/ und bis 7. Juni in Derby in der Quad Gallery: http://www.derbyquad.co.uk/exhibition/format15-beyond-evidence-quad-gallery