Die Vorgeschichte

20141112_130606_installationview_realsurreal

Blick in die Ausstellung “RealSurreal”
Foto: Marek Kruszewski

“Die Formen des Bildes sind gegenüber der Schönheits- und Erkenntnisfunktion autonom.” Conrad Fiedler (1887)

Manche Ausstellungstitel sind irreführend. “RealSurreal” gehört vermutlich mit dazu. Im Kunstmuseum in Wolfsburg sind unter dieser Überschrift zur Zeit Höhepunkte aus der Sammlung des Münchner Filmproduzenten Dietmar Siegert zu sehen. Es sind Fotografien aus den Jahren 1920 – 1950. Doch auch der Untertitel ist verwirrend “Das Neue Sehen. Meisterwerke der Avantgarde Fotografie”. Hier kommt eines zum anderen: Realismus, Surrealismus, Neues Sehen. Später auch noch Neue Sachlichkeit und Poetismus. “Das Sammeln oder die (Un-)Ordnung der Dinge” ist denn auch treffend ein im Ausstellungskatalog enthaltenes Interview mit Dietmar Siegert betitelt.

20141112_130824_installationview_realsurreal

Blick in die Ausstellung “RealSurreal”
Foto: Marek Kruszewski

Doch wie immer man die Arbeiten im Obergeschoss des Wolfsburger Kunstmuseums auch katalogisieren will, sie enthalten neben der typisch mimetischen Lichtbildkunst auch zahlreiche Höhepunkte aus der Geschichte der abstrakten Fotografie. Schon das erste Kabinett bietet eine interessante Hinführung. In einer Art historischem Vorspann gibt es hier unter anderem ein Bild des Talbot-Assistenten Nevil Story Maskeline zu sehen. Ein Spitzengewebe aus dem Jahr 1840. Nun wäre dieses Foto einer frühe Klöppel-Arbeit an sich vermutlich nicht interessant. Doch sie ist eines der frühesten Zeugnisse der kameralosen Fotografie. Ein Fotogramm, das weit vor den Experimenten eines Man Rays, Lázló Moholy-Nagys oder Christian Schads entstanden ist.

Deren Arbeiten gibt es im Hauptteil der Ausstellung zu sehen. Eine ganze Wand etwa hat man den Rayographien Man Rays freigeräumt. Dazwischen gibt es Schattenbilder von Raoul Hausmann und Versuchsreihen von Edmund Collein. Es gibt Sandwich-Montagen von Jean Dréville und Solarisationen von Maurice Tabard. Fotogravuren, Frottagen, Collagen…. Alles, was die Avantgarde schon wusste und was heute neu entdeckt werden will.

20141009_141655_brassai

Brassaï
Gelegenheitsmagie (Keimende Kartoffel), 1931

Denn wer nach Wolfsburg fährt, der schaut dieser Tage nicht nur auf das Neue Sehen, der besichtigt auch eine kleine Geschichte der Auflösung (im Untergeschoss gibt es dazu passend eine Ausstellung zu Imi Knoebel). Das, was ich in den letzten Wochen als fotografisches Phänomen der Gegenwart habe präsentieren wollen, ist im Kern eben wesentlich älter. In gewisser Weise feiert die abstrakte Fotografie in diesem Jahr sogar ihren 155. Geburtstag. Damals, im Jahr 1859, schrieb der Schriftsteller und Hobby-Fotograf Oliver Wendell Holmes einen für damalige Leser vielleicht merkwürdig klingenden Satz: “Wir fürchten und fast ein wenig davor, Mutmaßungen über die Zukunft der Photographie anzustellen. Die Form wird in Zukunft vom Stoff geschieden sein. Tatsächlich ist der Stoff im Sinne eines sichtbaren Objekts nicht mehr von großem Nutzen, außer als Gußform, durch welche die Form ihre Gestalt erhält.“

Christian P Schmieder

Man Ray
Rayographie (Spirale), 1923

Die Ausstellung “RealSurreal” ist noch bis zum 06.04.2015 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Wienand Verlag erschienen.