Das Feld

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Adrian Sauer: 16.777.216 Farben, 2010, dig. c-print, alu dibond, framed, 125 x 476 cm, ed. 5+2 a.p.

“Wenn Du es begreifst, dann ist es nicht Gott”. Augustinus

Eine Fotografie ist ein Feld. Begrenzt durch seine vier Kanten entwickelt sich in ihm eine Bedeutung. Und doch weist jedes Feld über sich selbst hinaus. Im Vergleich zu anderen Medien der Kunst scheint dies das Eigentümliche der Fotografie zu sein. Selten waren die Ränder der Bilder so permeabel. Fotografie ohne die angrenzenden Feder von Welt und Wirklichkeit scheint eigentlich nicht denkbar zu sein. Immer scheint das Außen in das Innen des Bildes hineinzufließen. Was wären die Fördertürme von Bernd und Hila Becher ohne den Mief des Ruhrgebietes, was wäre Walker Evans’ Lobgesang auf die “Famous Men” ohne die Armut der “Great Depression”. Die Rahmungen der Fotografie sind immer schwach. Stets wird die Ordnung des Feldes durchzogen von der Ordnung einer Welt drumherum – einer Welt, die weit über Bild und Betrachter hinausreicht.

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16.777.216 Farben, 2010, detail

Adrian Sauers Bild “16.777.216 Farben” aber ist da anders. Selten hatte eine Fotografie eine derart starke Ordnung in sich selbst. Fast ist es, als könne die Außenwelt ihr nichts mehr anhaben. Denn “16.777216 Farben” beinhaltet nicht mehr, als alle Farben, die man mit dem gebräuchlichen 8-Bit-RGB-Farbsystem darstellen kann. Angeordnet in zufälliger Reihung ist jede Farbe genau einmal in diesem Bild enthalten.

Sauer betreibt Informationsspaltung. Er seziert das digitale Bild bis hinab zu seiner kleinsten Einheit. Vielleicht kommt es da nicht von ungefähr, dass der 1976 geborene Berliner Sohn eines Physikers ist (sein Vater ist der Physikochemiker Joachim Sauer). “16.777.216 Farben” jedenfalls erinnert stark an das kalte Verlangen, zum Kern der Sache vorzudringen. Adrian Sauer sucht das “Gottesteilchen”; das, was jedes Bild im Innersten zusammenhält. Als einstiger Meisterschüler von Timm Rautert ist er ein Empiriker der Fotografie. Seine Bilder haben nichts von Guernica oder Mona Lisa, viel aber vom Bohrschen Atommodell. Doch irgendwie wirkt das Ergebnis “protestantisch blutleer”. Je mehr Sauer zum Kern vorgedrungen ist, je mehr hat er das Bild von den Feldern jenseits der Ränder isoliert. Je größer die Teilung, je toter die Fläche.

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Adrian Sauer: 16.777.216 Farben als Feuerwerk, 2011, digital c-print, framed, 100 cm x 130 cm, ed. 3+1 a.p.

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16.777.216 Farben als Feuerwerk, 2011, digital c-print, framed, 100 cm x 130 cm, ed. 3+1 a.p.

Viel ließe sich über Sauers Farbpixel sagen. Viel scheint es zu verraten über die Beschaffenheit von Form und Farbe, über Bildstruktur und “Bildmolekül”. Doch bei allem, was Sauer mit ”16.777.216 Farben” über die Grundlagen der Fotografie freilegt; eine Frage lässt er offen: Warum wirkt dieses Bild so kalt und tot? Es war der in diesem Mai verstorbene Quantenphysiker Hans-Peter Dürr, der hierauf vielleicht eine Antwort gewusst hätte. “Ich möchte den Begriff Teilchen oder Atome nicht mehr benutzen”, so Dürr. “Ich sage stattdessen Passierchen oder Wirks.” Für den Quantenphysiker war die Sache logisch. Im Innern der Welt finden sich nicht Teilchen, im Innern wirken Möglichkeiten – Verbindungen ohne materielle Grundlage. Übertragen auf die Fotografie hieße das, dass man im Kern der Bilder nicht Pixel und Korn finden wird. Im Kern hat man sich stets neu ergebende Zusammenhänge und immerwährende Lebendigkeit. Auch die abstrakte Fotografie sollte das beachten. Jedes Bildteil steht in einer Verbindung zum Bildfeld und zu den unzähligen Feldern drumherum. Abstraktion mit dem Seziermesser ist zwar möglich, erscheint mir persönlich aber zu skelettiert.

Unter dem Titel “Form und Farbe” sind die Arbeiten von Adrian Sauer aktuell in der Beriner Galerie Klemm’s zu sehen.