Die Tiefe

“Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.” Franz Kafka, Tagebücher.

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Partition 5 (seitlich) © Christiane Feser

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Partition 5 (gerahmt) © Christiane Feser

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens in der Tiefe liegt. Nicht in jener Tiefe, die man bei der Darstellung von Körpern als die Dritte Dimension bezeichnet. Nicht jene räumliche Tiefe, die man auf zweidimensionalen Flächen mittels Fluchten und Größenunterschiede anzudeuten versucht. Vielmehr könnte sie in jener unergründlichen Tiefe liegen, die wohl Franz Kafka bei seinem oben zitierten Tagebucheintrag vom 8. Oktober 1921 im Sinn gehabt hatte.

Ein Anderer, Werner Heisenberg, hat dieser Möglichkeit sein ganzes Leben gewidmet. Die messbare – und somit auch fotografierbare – Welt ist eine Möglichkeit. Was man indes Wirklichkeit nennt, ist als Beobachtung nie unabhängig von dem Beobachter. ”Ich hatte das Gefühl, durch die Oberfläche der atomaren Erscheinungen hindurch auf einen tiefen Grund merkwürdiger innerer Schönheit zu schauen”, schrieb Heisenberg nach dieser Entdeckung. “Es wurde mir fast schwindelig bei dem Gedanken, dass ich nun dieser Fülle von Strukturen nachgehen sollte, die die Natur dort unten vor mir ausgebreitet hatte.”

Eigentlich hätte man von diesem Moment an aufhören können, Fotos zu machen.  Zumindest hätte man Warnhinweise auf diese anbringen müssen: “Diese Wirklichkeit ist eine Möglichkeit.” Eine andere Möglichkeit ist nicht nur denkbar, sie ist wahrscheinlich. Gut möglich also, um auf Kafka zurückzukommen, dass die Herrlichkeit des Lebens in der Tiefe liegt. Dann aber wäre sie mit einem Kameraauge ohnehin nicht zu sehen. Die schärfste Tiefenschärfe reichte dort niemals hin. Im Gegenteil: mit zunehmender Schärfe stiege die Unschärfe.

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Partition 9 (gerahmt) © Christiane Feser

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Partition 9 (gerahmt) © Christiane Feser

 

Ob die Frankfurter Fotokünstlerin Christiane Feser Kafka oder Heisenberg im Sinn hatte, als sie anfing, ihre Bildräume aufzuschneiden, zu falten und auf diese Weise Fläche in außerfotografische Räumlichkeit zu überführen, ist nicht überliefert. Überliefert aber ist dieses: Die 1977 geborene Künstlerin nennt ihre Eingriffe ins Foto eine “Verschleifung”. Am Ende dieses Prozesses aus Fotografie, Re-Fotografie, Aufschneidung und Faltung haben sich Fotos in Foto-Objekte verwandelt. Das Bild hat neue Dimensionen gewonnen. Es hat hinter die Oberfläche in die Tiefe geschaut. Durch die Materialität des Papiers hindurch hat es etwas Neues sichtbar gemacht. Einen Riss. Einen Einschnitt. Eine Möglichkeit. Denkbar, wie jede andere Fotografie auch. Man muss Fesers Möglichkeit nicht für Wirklichkeit halten. Aber man sollte nach dieser Auseinandersetzung mit dem fotografischen Material durchaus einmal fragen, warum man andere Möglichkeiten für eben diese Wirklichkeit hält. Die Wirklichkeit liegt in der Tiefe. Hinter den Dimensionen des Bildes. Sie ist die Herrlichkeit des Lebens. Zumindest wäre das sehr gut denkbar. Das Gegenteil einer tiefen Wahrheit, so meinte einst Heisenberg, kann wieder eine tiefe Wahrheit sein. Nur die klassische Fotografie mit ihrem “So ist es (gewesen)” verhält sich gegenüber all den anderen Möglichkeiten nach wie vor wie ein dickköpfiges Kind.

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Partition 17. © Christiane Feser

Christiane Fesers  Arbeiten sind derzeit in der Ausstellung “New Photography from Germany” im Goethe Institut in Hong Kong zu sehen.

Ab dem 09.11. sind Arbeiten von ihr im Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt zu sehen. Zudem gibt es in der Ausstellung auch Arbeiten von Wolfgang TIllmans, dem ich vielleicht auch noch einen eigenen Beitrag widmen werde,