Die Konstruktion

“Auf dieser Welt halte ich zwei Beschäftigungen für besonders nutzlos: Laubsägearbeiten und die Fotografie” Anton Tschechow

Auch der Düsseldorfer Fotograf Ulrich Hensel erzeugt in gewisser Weise abstrakte Fotografien – wenn auch solche, um die es mir während meines Monats als Gast-Blogger eigentlich gar nicht gehen soll. Letztlich bleibt Hensel eng in den Begrenzungen der Apparatur. Seine Tableaus sind nicht nur im Motiv sondern auch in der Ästhetik stark “in Düsseldorf” verankert. Ein Umstand, der vielleicht auch mit dem Gerücht zu tun hat, Hensel hätte zu seinen Studienzeiten ein Appartement mit Andreas Gursky bewohnt.

Doch Ästhetik ist keine Wohngemeinschaft, auch wenn man Hensels Bildern ihren Becher’schen Bildzugang durchaus ansieht. Wo die Bechers einst versucht haben, das Medium der Skulptur auf die Fotografie zu übertragen, da versucht Hensel Farbfeldmalerei und Neo-Plastizismus von einem Medium ins andere zu übertragen. In dieser Hinsicht ist er etwa verwandt mit dem jüngsten Becher Schüler Götz Diergarten, der Gleiches bereits auf Strandhäuser und U-Bahnschächte anzuwenden versucht hat. Doch gerade die so entstehende zweidimensionale Flächigkeit ist es, die ein wenig an den Laubsäge-Spott aus oben genanntem Tschechow-Zitat erinnern lässt.

Dennoch hat es etwas Beachtliches, mit welcher Stringenz der 1946 geborene Hensel seit fast zwei Jahrzehnten großformatige Bilder von Baustellen erstellt. Sein gerade erschienenes Buch “Sites” gibt einen guten Überblick über dieses Schaffen. Diese farblich und formal streng komponierten Bilder verdeutlichen, dass letztlich jede Fotografie Abstraktion ist, da sie stets von einem größeren Ganzen “wegzieht” (lat. abstrahere). Deshalb im Folgenden die interessantesten Blicke auf Hensels Realitätsschnippsel und Fundstücke.

duesseldorf__am_muehlenturm__2009 (1)

duesseldorf__friederike_fliedner_weg__i__1999 (1)

duesseldorf__breite_strasse__i__2003

Dass man mit Steinen, Bauschaum und Füllspachtel indes auch vollkommen anders umgehen kann, das zeigt die niederländische Fotokünstlerin Marlen Sleeuwits., Bauliche Konstruktionen sind bei der jungen Objekt- und Fotokünstlerin nicht nur die Objekte auf den Bildern. Konstruktionen sind die Bilder selbst. Aus Materialien, die sie zumeist in alten Bürotürmen und verlassenen Alltagsräumen findet, baut die 1980 in Enschede geborene Künstlerin Objekte und Environments , die sie in einem zweiten Prozess fotografiert und digital nachbearbeitet. So findet man hier – im Gegensatz zu Hensel – wenig optische Haltepunkte. Man sieht zunächst nur nackte monochrome Flächen, grüne Röhren, die aus dem Bildraum hinausschießen, oder durchlöchertes Weiß, durch das oranges Licht hindurchscheint. Es sind Objekte, die jeglicher Alltagserfahrung trotzen. Nur wer genauer hinschaut, erkennt den Bau- und Wohnungsschutt, aus dem sie einst zusammengesetzt worden sind.

Im zweiten Schritt erfolgt dann die Transformation durch das fotografische Bild. „Durch meine Fotos kann ich noch mehr darüber bestimmen, wie der jeweilige Raum vom Betrachter wahrgenommen wird. Ich drehe das Bild zum Beispiel auf den Kopf oder intensiviere am Ende die Farben. Manchmal nehme ich auch Dinge weg oder verändere die Perspektive“, so Sleeuwits über ihre Bilder. All dies geschieht, um zu verwirren. Denn Verwirrung und Neubetrachtung sind es, die die 34jährige erzeugen will: „Wir finden uns so oft in diesen Interieurs und Räumen wieder. Warum nehmen wir sie dann nicht richtig wahr?“

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Ulrich Hensel: Sites. Hatje Cantz 2014. 120 Seiten. 39,90 Euro

Marlen Sleeuwits wird von der Beriner Galerie Feldbuschwiesner vertreten, der ich für die Bilder danke.