Der Abdruck

Grabtuch von Turin

Grabtuch von Turin

“Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten” Lk. 24,6

In seinem Buch „Transparenzgesellschaft“ hat der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han eine interessante Beobachtung gemacht: „In der digitalen Fotografie“, so der Autor, „ist jede Negativität getilgt. Sie bedarf weder der Dunkelkammer noch der Entwicklung. Kein Negativ geht ihr voraus. Sie ist ein reines Positiv. Ausgelöscht ist das Werden, das Altern, das Sterben.”

Natürlich, es ist längst Konsens: Der „digital turn“ hat die Fotografie verändert. In Anbetracht der digital generierten Bilder sprechen nicht wenige Kunstwissenschaftler von der „Fotografie nach der Fotografie“. Gerade der Abstraktion hat das Foto als Pixelfeld ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Doch Byung-Chul Han scheint auf etwas anderes hinaus zu wollen. Einer „positiven Fotografie“ fehlt die Entwicklung – und das im doppelten Sinne des Wortes. Ihr fehlt der Schritt vom Tod zur Auferstehung. Jener „rites de passage“, den etwa der Schriftsteller Patrick Roth in seiner Erzählung „Magdalena am Grab“ beschrieben hat.

Ältere Fotografen erinnern sich an diese Wandlung noch genau. An den Moment, in dem nach Fixierung und Wässerung erstmals ein Bild im Entwicklertank erschienen war. Wie ein Geist war dieses Negativbild hereingeschwebt. Ein Bild, das von den Tonwerten quasi auf den Kopf gestellt war. Eines, aus dem dann in einem weiteren Wandlungsprozess ein Positiv entstehen sollte. Hinter Lichtschleusen und -labyrinthen ereignete sich also eine Transformation, die schon von der klassischen Fotoliteratur sträflich vernachlässigt worden war. Autoren wie Susan Sontag oder Roland Barthes sprachen zwar immer wieder von „Bild“ und „Abbild“, das „Zwischenbild“ aber ließen sie aus. Schon hier also war die Negativität getilgt. Jener dunkle Prozess, in welchem mittels toxischer Chemikalien die Transformation der Welt in etwas Anderes vonstatten ging. Vermutlich konnte nur durch diese Weglassung ein Mythos entstehen: die Mär von der Fotografie als „Fenster”, von dem “Es ist so gewesen”. Dabei lagen zwischen dem Sterben des „momentums“ und der Auferstehung des Bildes oftmals Tage – ein Triduum Sacrum, ein Tod des Bildes. Und dieser Tod blieb nicht ohne Spuren. Schließlich ist auch der auferstandene Christus nicht mehr der selbe, wie der Gekreuzigte. Der Tod ist ein Ereignisraum. Die „chambre noire“ die Grabkammer der Fotografie.

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THOMAS RUFF
neg◊india_07, 2014
From the series: Negatives – Negatieven – Négatifs – Negatives
Chromogenic print
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Es scheint dieser Umstand zu sein, auf den Byung-Chul Han hinweist. Der Digitalfotografie fehlt jegliches Werden. Und selbst dort, wo das digitale Bild noch einmal verändert wird, geschieht dies nicht im “Dazwischen” sondern im “Danach”. Nicht das Okkulte ist der Ort der Wandlung sondern eine Software namens “Lightroom”. Da wäre es vielleicht Zeit, das Dunkel der Fotografie noch einmal ans Licht zu holen. Der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff hat das versucht. In seiner zur Zeit in Düsseldorf gezeigten Ausstellung „Lichten“, zeigt der 1958 im Schwarzwald geborene Künstler, die vergessenen „Blueprints“ der Fotografie – die Abdrucke, nicht die Drucke. „Negative“, so der Titel von Ruffs Serie, imitiert auf digitalem Weg das Bildverfahren der Cyanotypie. Dafür setzt der Künstler das Positivbild am Computer zurück ins Negativ. Eine Technik, die eigentlich nicht sonderlich schwer ist. Doch mit „Negative“ wie auch mit seiner zwei Jahre zuvor entstandenen Serie „Phg’s“ verweist der einstige Becher-Schüler auf etwas anderes: Diese Bilder sind künstliche Rückreisen zum Dunkel des Bildes. Zum Ort des Werdens, der Transformation. Sie machen auf ein Mysterium aufmerksam, das allzu oft vergessen worden ist: Denn wer durch den Tod hindurchgegangen ist, der ist nicht mehr derselbe wie zuvor. In der Wandlung ist die Aufnahme zu etwas Anderem als zum Abbild geworden. Im Tod wurde es erst zum wahren Bild.

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THOMAS RUFF
r.phg.02_I, 2014
From the series: Fotogramme – Fotogrammen – Photogrammes – Photograms
C-print
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Die Ausstellung “Lichten” mit Arbeiten von Thomas Ruff läuft noch bis zum 11. Januar in der Kunsthalle Düsseldorf.

Das Buch Thomas Ruff “Editionen 1988 – 2014” mit einem Werkverzeichnis von Jörg Schellmann ist im Oktober bei Hatje Cantz erschienen. 192 Seiten.49,80 Euro.