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Bildbände

Der Alltag ist immer schneller. Pläne, die man macht, sind nicht selten noch vor ihrer Umsetzung von der Wirklichkeit überholt. Entsprechend erging es mir in den vergangenen vier Wochen als Gastblogger dieser Seite. Einige Pläne fielen dem schnellen Alltag zum Opfer. Um meine Vorhaben zumindest noch in Kurzform anzubringen, folgt nun eine Art Abschlusstelegramm.

+++ Projekt Bildband +++

Ein Beitrag, der mir seit Monaten unter den Fingern brennt, hier aber doch nicht abschließend und umfänglich Platz finden konnte, sollte sich dem Revival von Klassikerausgaben widmen. Zwar sind diese nicht selten Begleitausgaben zu großen Retrospektiven, aber auch die würden nicht gezeigt, wenn sie keine Besucher anlockten. Die überbordenden Bilderwelten, die aus allen Medien auf uns niedergehen, scheinen die Sehnsucht nach dem genauen Blick der großen Meister zu wecken. Die neu aufgelegten oder erstmals zusammengestellten Werkschauen der vergangenen drei Jahre reichen von August Sander (Menschen des 20. Jahrhunderts, Schirmer/Mosel) über Henri Cartier-Bresson (Sein 20. Jahrhundert, Schirmer/Mosel) bis Imogen Cunningham (Imogen Cunningham, Kehrer Verlag), von den Ungarn André Kertész (André Kertész, Hatje Cantz), Brassaï  (Flaneur durch das nächtliche Paris, Schirmer/Mosel) und Martin Munkácsi (Martin Munkácsi, Steidl) über die US-Amerikaner Diane Arbus (Revelations, Schirmer/Mosel) und Walker Evans (Decade by Decade, Hatje Cantz) bis hin zu dem Briten Cecil Beaton (The Essential Cecil Beaton, Schirmer/Mosel). All diese Bände (siehe Sammelabbildung) sind randvoll mit eindrucksvollen Fotografien in Schwarz-Weiß, die im Verlauf nicht nur vom besonderen Blick der jeweiligen Fotografen auf die Welt erzählen, sondern die Geschichte der Fotografie als Kulturgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor dem Auge des Betrachters vorbeiziehen lassen.

+++ Projekt Comic & Fotografie +++

Guibert-BändeEin weiteres unvollendetes Projekt sollte die grenzüberschreitende Verarbeitung von Fotografie in der Neunten Kunst vertiefen. Niemand hat diese Kunst bis zu einer solchen Perfektion getrieben, wie der französische Comickünstler Emmanuel Guibert. In seiner dreibändigen Comic-Dokumentation Der Fotograf (Edition Moderne) erzählt er die Geschichte einer Afghanistan-Expedition der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ in den 1980er Jahren mit Text, Bild und den Fotografien von Didier Lefèvre. In der augenöffnenden Comic-Reportage Reisen zu den Roma (Edition Moderne) verwendete er die Aufnahmen von Alain Keler, um vom bunten Leben der Roma in Ost- und Westeuropa zu berichten. In seinem Porträt gelingt es ihm, gleichermaßen die bittere Armut vieler Roma als auch ihren unbändigen Lebensmut zu zeigen. Emmanuel Kubiert ist einer der größten und vielfältigsten Comickünstler der Gegenwart. In seinen Arbeiten macht er die Fotografie zu dem, was sie im Kern ist: Zu einem Teil der Bilderwelten.

+++ Projekt Streetart +++

800px-TRIPTYQUE.HD.50X70Wenn wir schon bei so „wilden Künsten“ sind, machen wir einen Schritt weiter. Zu dem französischen Streetart-JR und seinen unglaublichen, phänomenalen Fotowelten, die er raumgreifend über alles legt, was sich ihm bietet. Ob seine überdimensionalen Schwarz-Weiß-Fotografien die Häuserwände in Metropolen wie Paris oder Berlin erobern oder er den Bewohnerinnen einer Favela in Rio de Janeiro ein Gesicht gibt, indem er zahlreiche ihrer Porträts auf die Häuserwände kleben lässt – der Franzose verfolgt dabei immer einen gesellschaftspolitischen Anspruch. JRs öffentliche Kunstwerke sind bildgewaltige Denkanstöße, die Auf- und Wachrütteln, und uns, wie im Fall seines Face2Face-Projekts, mit unseren Vorurteilen konfrontieren. Bei dem Nahost-Projekt Face2Face hatte er die Porträts von Juden, Christen und Muslimen, die die gleichen Berufe hatten, im Westjordanland und benachbarten Siedlungen nebeneinander angebracht und so für Empörung, Verwirrung und Nachdenken (in dieser Reihenfolge) gesorgt. In Baden-Baden kann man aktuell erleben, wie genau das funktioniert. Mit dem Projekt Unframed in Baden-Baden bringt er nicht nur das tief sitzende deutsch-französische Drama in den öffentlichen Raum und kurbelt damit den Austausch und die Debatte darüber an, sondern eröffnet zugleich den Besuchern seiner Ausstellung, selbst Teil seiner Kunst zu werden. Aus Gründen des Copyrights können wir hier nicht mehr Fotografien zeigen. Sie finden aber zahlreiche Aufnahmen der genialen Projekte von JR auf seiner Website www.jr-art.net.

+++ Projekt Literatur & Fotografie +++

Trojanow_24341_MR.inddDer Schriftsteller und Weltenbummler Ilija Trojanow hat mit Wo Orpheus begraben liegt (Hanser Verlag) eine Hommage an sein Geburtsland Bulgarien geschrieben. Darin hat er in kurzen Erzählungen die Legenden und Mythen, die mit dem Nebel über den Balkan ziehen, eingewoben. Diese warmen und emphatischen Geschichten spielen sich zwischen Metropole und Provinz, Moloch und Paradies ab, sind zeitlich ebenso im heute wie im gestern verortet. Orpheus liegt wohl irgendwo im raumzeitlichen Nirgendwo begraben. Illustriert sind die kurzen Erzählungen mit den wunderschönen und passgenauen Fotografien von Christian Muhrbeck, die den Hinweis, dass sie nicht die in den Texten beschriebenen Personen abbilden, benötigen.

Zischler_BerlinHans Zischler ist, was den Raum betrifft, nicht ganz so weit gereist. Er trat eine Exkursion in die Zeit an. Über 40 Jahre reiste er auf seinen Promenaden zurück in die Berliner Geschichte, um mit offenen Augen die Dinge aufzuspüren, die viele schon längst nicht mehr sehen. Seine Stadterkundung Berlin ist zu groß für Berlin (Verlag Galiani Berlin) ist eine tiefen- und geschichtsschürfende Reportage, in der er der Stadtarchitektur bilderreich und wortgewandt die bekannten, unbekannten und vergessenen Geschichten entlockt, die die Seele dieser immer wieder viel zu groß gedachten und am Ende doch klein gebauten Stadt ausmachen.

+++ Projekt Der ultimative Ratgeber +++

9783832194611.jpg.17275Allen Fotobegeisterten sei zuletzt ein Ziegelstein Fotografie-Historie empfohlen. Die von Juliet Hacking herausgegebene, golden eingeschlagene und fast zwei Kilogramm schwere Einführung in die Welt der Fotografie bietet mehr als nur einen umfassenden Überblick über ihre technische und künstlerische Entwicklung. Die erläuternden Texte in FOTOGRAFIE. Die ganze Geschichte (Dumont Verlag) der renommierten Autoren lesen sich wie eine Schule des Betrachtens, in der gelehrt wird, wie man Fotografien liest, um ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken. Es gibt keine Enzyklopädie, in der alles drin steckt, aber in diesem prächtig aufgearbeiteten Nachschlage- und Überblickswerk fehlt nichts.

Mir bleibt an dieser Stelle, mich beim Hatje Cantz Verlag für diese einmalige Gelegenheit zu bedanken, einen Monat lang über Fotografie und deren vieldimensionale Verwendung nachzudenken und zu schreiben, was immer mir gefiel.