Wols Photograph. Der gerettete Blick

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Was gibt es schöneres, als einen Klassiker zu entdecken, von dem man gar nicht so genau wusste, dass er einer ist. Der Katalog der Ausstellung »Wols Photograph. Der gerettete Blick«, die bis Ende Juni im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist, bietet diese Möglichkeit.

Wols alias Alfred Otto Wolfgang Schulze ist den meisten als Maler und Grafiker ein Begriff. In diesem Bereich ist er auch eine feste Größe, als Erfinder des Tachismus und des Informel. Sein beeindruckendes fotografisches Werk aber – im Wesentlichen im Pariser Exil zwischen 1932 und 1939 entstanden – geriet neben seinen malerischen und graphischen Arbeiten nahezu in Vergessenheit. Eine Tragödie, wie man spätestens mit der wunderbaren Dokumentation seiner Fotografien in den eigenen Händen feststellen muss.

Wols: Ohne Titel [Paris - Eifelturm], 1937 Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Paris - Eifelturm], 1937
Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Nicole Bouban, Herbst 1932 – Oktober 1933 / Januar 1935 – 1937 Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Nicole Bouban, Herbst 1932 – Oktober 1933 / Januar 1935 – 1937
Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Le Pavillon de la Suisse – Drahtfigurine], 1937 Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Le Pavillon de la Suisse – Drahtfigurine], 1937
Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Der prächtige und noble Bildband zur Ausstellung versammelt zahlreiche der spektakulären Porträtaufnahmen, die Wols in seinem Bekannten- und Freundeskreis in Paris gemacht hat, u. a. von Max Ernst und dessen zweiter Ehefrau Marie-Berthe, die surrealistischen Literaten Jacques Prévert und Roger Gilbert-Lecomte, dem Schauspieler Raymond Bussières sowie von Simone Schiffrin mit ihrem Sohn André, dem späteren und kürzlich verstorbenen Verleger. Daneben finden sich die Aufnahmen zahlreicher nicht oder nur wenig bekannter Schönheiten – wie man dies bei den avantgardistischen Künstlern seiner Zeit kennt. Ein jeder hatte seine Muse, Wols’ hieß Nicole Bouban – von der sich traumwandlerisch schöne und kongenial inszenierte Aufnahmen in dem Band finden.

Wols: Ohne Titel [Pavillon de l’Élégance – Création de la maison Alix (Germaine Krebs)], 1937 © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Pavillon de l’Élégance – Création de la maison Alix (Germaine Krebs)], 1937
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Stillleben – Pampelmuse], 1938 – August 1939 Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Stillleben – Pampelmuse], 1938 – August 1939
Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Paris – Palisade], Herbst 1932 – Oktober 1933 / Januar 1935 – August 1939 Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Paris – Palisade], Herbst 1932 – Oktober 1933 / Januar 1935 – August 1939
Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Natürlich wird der Einfluss und Anspruch der Pariser Kunst- und Fotografenszene in den 1930er Jahren rund um Man Ray, Brassaï und André Kertesz in Wols Aufnahmen deutlich, aber man erkennt auch seine eigene ausdrucksstarke Handschrift in der Wahl der Perspektiven und Motive sowie dem Spiel mit Licht und Schatten – nicht nur in den Porträts, sondern auch in den zahlreichen Parisaufnahmen, seinen Modefotografien vom Pavillon de l’Élégance auf der Pariser Weltausstellung 1937 oder in den Stillleben und Fotogrammen, die den Band abschließen. In diesen wird am anschaulichsten deutlich, dass wir mit den Fotografien Wols – ähnlich wie bei László Moholy-Nagy – die Arbeiten eines Wegbereiters der experimentellen Fotografie in der Hand haben.

Wols: Ohne Titel [Paris – Flohmarkt] Herbst 1932 – Oktober 1933 / Januar 1935 – 1936 © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Paris – Flohmarkt] Herbst 1932 – Oktober 1933 / Januar 1935 – 1936
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Stillleben – Esstisch] 1937 © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel [Stillleben – Esstisch] 1937
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Max Ernst Herbst 1932 – Oktober / Januar 1935 – 1936 © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Max Ernst Herbst 1932 – Oktober / Januar 1935 – 1936
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Die Texte dieses Fotobandes rücken Wols fotografisches Werk in den Kontext seiner Zeit und geben ihm erstmals einen festen Platz im Gesamtwerk des Künstlers. Und sie machen deutlich, dass sich Wols mit seiner Kunst den Typisierungen und Kategorisierungen entzieht. Gerade das macht die Anziehungskraft dieser Fotografien auf uns heute aus.

00003605Wols Photograph: Der gerettete Blick
Hrsg. Michael Hering, Vorwort von Hartwig Fischer, Bernhard Maaz, Gereon Sievernich, Texte von Michael Hering, Nina Schleif, Claudia Schnitzer, Gespräch mit Laszlo Glozer von Michael Hering, Gestaltung von Sarah Nöllenheidt
Hatje Dantz Verlag 2013
448 Seiten, 802 Abbildungen
68,- Euro

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