»I owe everything to Landshoff«

Martin Munkácsi »Greta Garbo on vacation« (1932), Hermann Landshoff »Der gestreifte Sonnenschirm« (1957), Martin Munkácsi »Nude with parasol« (1935) | Foto von Hermann Landshoff © Münchner Stadtmuseum/Sammlung Fotografie, Archiv Hermann Langhoff / courtesy Schirmer/Mosel

Kein geringerer als der bedeutende Modefotograf Richard Avedon sollte sich für sein Werk bei dem in München geborenen Fotografen Hermann Landshoff bedanken. Als Assistent machte er gemeinsam mit Landshoff seine ersten Modefotografien. Nun ist Landshoffs ebenso reichhaltiges wie brillantes Werk erstmals in einem Bildband versammelt.

Die ehemalige Assistentin von Man Ray und Wiederentdeckerin von Eugène Atget und seinen Paris-Aufnahmen Berenice Abbott stand am Anfang von Hermann Landhoffs einmaliger Galerie von Fotografen-Porträts, die er zwischen 1942 und 1961 anfertigte. Es zeigt sie als Königin eines Mediums auf einem Holzthron, die Augen aufmerksam entschlossen, fast etwas überwach, nach vorn gerichtet. Vor ihr rollt sich auf dem Tisch ein Fotoabzug. Diese Aufnahme bildet den Auftakt für Landhoffs »Photographen-Pantheon«, wie die Sammlung der von ihm geschätzten und abgebildeten Fotografen betitelt wird. In seiner Kompaktheit gleitet unser Blick durch dieses Pantheon wie ein Wandersmann durch die Geschichte des Mediums Fotografie.

Richard Avedon, New York 1948

Richard Avedon, New York 1948 | © Münchner Stadtmuseum/Sammlung Fotografie, Archiv Hermann Langhoff / courtesy Schirmer/Mosel

Aktuell kann man im Münchener Stadtmuseum tatsächlich durch diese Aufnahmen wandeln. Die neben zahlreichen anderen Landshoff-Werken noch bis zum 21. April ausgestellte Sammlung enthält neben dem Porträt von Berenice Abbott Bildnisse von Altmeistern wie Walker Evans, Paul Strand, Alfred Stieglitz, Cecile Beaton, Ansel Adams, Margaret Bourke-White, Edward Weston, Gordon Parks oder WeeGee sowie der am Anfang ihrer Karriere stehenden Fotografen wie Robert Frank, Irving Penn und Richard Avedon. Dazu kommen die Aufnahmen von Modefotografen wie George Hoyningen-Huene, George Platt Lynes, John Rawlings, Toni Frissell, Maurice Tabard und Serge Balkin sowie zahlreiche jüdische Emigranten wie Erwin Blumenfeld, Martin Munkácsi, André Kertesz, Lisette Model, Roman Vishniac, Alfred Eisenstaedt, Fritz Goro und Andreas Feininger. Hermann Landshoff hat seine Kollegen mal in ihren Studios, mal in ihren Privaträumen abgebildet. Teils wirken die Aufnahmen wie Gelegenheits-Schnappschüsse, teils sind es bewusste Inszenierungen der Künstler inmitten ihrer Arbeits-, Werk- und Lebenswelt.

Robert Frank und seine Frau Mary, geborene Lockspeisen, mit Tochter Andrea, New York 1956 | © Münchner Stadtmuseum/Sammlung Fotografie, Archiv Hermann Langhoff / courtesy Schirmer/Mosel

Robert Frank und seine Frau Mary, geborene Lockspeisen, mit Tochter Andrea, New York 1956 | © Münchner Stadtmuseum/Sammlung Fotografie, Archiv Hermann Langhoff / courtesy Schirmer/Mosel

Ferner finden sich in Landshoffs Werk Porträts von europäischen Künstlern wie Max Ernst, Richard Lindner, Leonora Carrington, Alexander Calder, Jean Hélion, Jacques Lipchitz, Hans Arp oder Ossip Zadkine, die in New York im Umfeld der Galeristin Peggy Guggenheim eine neue künstlerische Heimat fanden, sowie die spektakulären Gruppen- und Einzelporträts von Künstlern im Umfeld der Surrealisten André Breton und Marcel Duchamp, darunter Die Surrealisten in den Balkonfenstern im Haus von Peggy Guggenheim (1942). Die intimen Aufnahmen zeigen, dass Landshoff nicht einfach nur ein Fotograf war, der sein Handwerk beherrschte, sondern dass er Teil der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit war.

Max Ernst im Stadthaus von Peggy Guggenheim, New York 1942 | © Münchner Stadtmuseum/Sammlung Fotografie, Archiv Hermann Langhoff / courtesy Schirmer/Mosel

Max Ernst im Stadthaus von Peggy Guggenheim, New York 1942 | © Münchner Stadtmuseum/Sammlung Fotografie, Archiv Hermann Langhoff / courtesy Schirmer/Mosel

Als wäre das noch nicht genug existieren Landshoff-Porträts unter anderem von dem Grafiker und Schriftsteller Kurt Seligmann, dem Architekten und Designer Frederick J. Kiessler, dem Architekten Walter Gropius, dem Industriedesigner Raymond Loewy, dem Maler Abraham Rattner, dem Journalisten Max Osborn, dem Schriftsteller Keo Lerman, dem Karikaturisten und Maler Saul Steinberg (eine bewundernde Verneigung des ehemaligen Karikaturisten Landshoff), der Bilhauerin Eva Hesse (zur gerade beendeten Ausstellung ihres beeindruckenden Spätwerks in der Hamburger Kunsthalle ist bei Hatje Cantz ein toller Bildband erschienen), dem Musikkritiker Alfred Einstein, dem damaligen Chefredakteur der französischen Vogue Michael de Brunhoff oder dem derzeitigen Art Director von Mademoiselle Brad Thompson. Allein dieser stark verkürzte Einblick in Landshoffs fulminante Porträt-Galerie macht deutlich, wie interdisziplinär und grenzüberschreitend-verbunden Kunst, Design, Architektur, Medien und Journalismus in den 1940er und 1950er Jahren gearbeitet haben.

Für die Vielfalt der Kunst hatte Landshoff einiges übrig, davon zeugen seine Musiker-, Schauspieler- und Autorenporträts von Wanda Landowska über Walter Huston bis zu Annette Kolb. Aber auch vor Wissenschaft und Technik machte er nicht Halt, weshalb an dieser Stelle die Aufnahmen von prominenten Physikern wie Albert Einstein, Robert Oppenheimer und anderen Mitgliedern des Los Alamos-Projektes nicht verschwiegen werden sollen. Insgesamt umfasst das Hermann Landshoff Archiv 3.536 Aufnahmen, neben den zahlreichen Porträts auch Fotoreportagen aus Kuba, New York und Spanien und – natürlich – seine Modearbeiten.

Die Fahrradfahrerinnen, Modelle Anne Norring und Ann Theophane Graham, New York 1946

Die Fahrradfahrerinnen, Modelle Anne Norring und Ann Theophane Graham, New York 1946 | © Münchner Stadtmuseum/Sammlung Fotografie, Archiv Hermann Langhoff / courtesy Schirmer/Mosel

Für seine Modeaufnahmen – darunter auch spektakuläre und für seine Zeit außergewöhnliche Unterwasser-Fotografien – lies sich Landshoff von Erwin Blumenfeld und Martin Munkácsi anstecken, die mit ihren Aufnahmen die Modefotografie ihrer Zeit revolutionierten. Nirgendwo wird Landshoffs Verehrung für Martin Munkácsi deutlicher, als in der Aufnahme Der gestreifte Sonnenschirm von 1957, die kaum zu übersehen eine Hommage Greta Garbo on vacation (1932) und Nude with parasol (1935). Beim amerikanischen Modemagazin Harpers Bazaar arbeitete er unter dem legendären Art Director Alexey Brodovitch als Modefotograf und etablierte den neuen – und an Richard Avedon und andere weitergebenen – Stil, Modelle außerhalb des Studios in einer lebensnahen Umgebung abzulichten. Avedon sollte später seinen Hut vor Landshoff ziehen: »I owe everything to Landshoff«.

Selbstportrait Hermann Landshoff, New York 1942

Selbstportrait Hermann Landshoff, New York 1942 | © Münchner Stadtmuseum/Sammlung Fotografie, Archiv Hermann Langhoff / courtesy Schirmer/Mosel

In der Geschichte der Fotografie legendär und der Interpretation offen ist seit jeher das Selbstporträt, gegenwärtig durch die eilfertigen Selfies in Verruf geraten. Auch Hermann Landshoff war ein großer Freund des Selbstporträts, nahezu ausschließlich lichtete er sich mit einer Kamera im Bild ab. Dahinter verbirgt sich eine kleine Geschichte, die der Verleger Andreas Landshoff in seinem Beitrag zum Bildband erzählt. »Aber, typisch für Hermann, jeder neue Vorschlag wurde von ihm mit den Worten abgetan: „Das kann man nicht photographieren“, um dann – nach langem Zureden – doch einzuwilligen. Was er uns allerdings nicht sagte, war, dass er eigens für jeden neuen Auftrag eine neue Kamera nach detaillierten Vorgaben bestellte, obwohl er bereits einen großen Schrank voller Kameras aus aller Welt besaß. Und so flossen die gesamten, höchstmöglichen  Vorschüsse, die beiden zu einem etwas sorgloserem Leben verhelfen sollten, in die nicht gerade verarmte Photoindustrie.«

Die Selbstporträts haben aber noch eine darüber hinausgehende Bedeutung, sie geben Landshoff selbst einen Platz in dem von ihm gefertigten »Photographen-Pantheon«. Denn wer Hermann Landshoff als Hoffotograf der Alt- und Neumeister der Fotografie betrachtet, unterschätzt sein Werk. Landshoff steht nicht außerhalb des von ihm entworfenen Gruppenbilds in Porträts, er sitzt mittendrin. Völlig zurecht!

WEB_Landshoff_Cover_fullUlrich Pohlmann & Andreas Landshoff (Hrsg.): Hermann Landshoff. Porträt Mode Architektur. Retrospektive 1930-1970
Mit Texten von Martin Elste, Ivo Kranzfelder, Esther Ruelfs, Ulrich Pohlmann & Andreas Landshoff
Schirmer/Mosel Verlag 2013
280 Seiten. 317 Abbildungen in Farbe und Duotone.
58,- Euro