Der lange Weg zum Familienalbum der Menschheit

© "Yo Mama's Pieta, 1996" Courtesy of Renee Cox.

Der US-Amerikaner Thomas Allen Harris dokumentiert in Through a lens darkly. Black Photographers and the emergence of people die Geschichte der Fotografie aus afroamerikanischer Sicht. In der Collage von Stimmen und Bildern betrachtet der New Yorker Filmemacher die Geschichte der USA aus gleichermaßen politischer, sozialer und ästhetischer Perspektive – eine kulturwissenschaftliche Pionierarbeit.

Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte; und sie machen Politik. Nicht umsonst lässt die Forderung nach besser ausgestatteten Bildredaktionen bei den Leitmedien nicht nach. Bilder sind Ikonen der Zeit und der Verhältnisse, aus ihnen kann man die Sicht einer Gesellschaft auf die Abgebildeten und deren soziale Stellung ableiten. Selten hat ein Dokument dies derart prägnant vor Augen geführt, wie der Dokumentarfilm Through a lens darkly. Black Photographers and the emergence of people des amerikanischen Regisseurs Thomas Allen Harris, der auf der diesjährigen Berlinale erstmals gezeigt wurde.

In Through a lens darkly ergründet der Filmemacher die mediale Abbildung der Afroamerikaner und den Prozess ihrer Selbstermächtigung über das eigene Image seit Erfindung der Fotografie. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist die Feststellung des Historikers Richard J. Powell, dass er als Student in den Geschichtsbüchern nicht das vielfältige Bild afroamerikanischen Lebens gefunden hat, dass er im Kopf hatte. Stattdessen fand er Fotografien, auf denen Afroamerikaner als Kriminelle, Gauner oder Faulpelze vorgeführt wurden. Was er fand, waren die Blaupausen für das Image der Schwarzen im nationalen Familienalbum der USA.

Das Anliegen von Thomas Allen Harris besteht darin, dieses Album neu zu sortieren und zu bestücken. Er demonstriert, wie es die black community von den Anfängen der Fotografie an verstand, die Kamera als Mittel sozialer Veränderungen für die eigenen Anliegen zu nutzen. Dies macht er deutlich, indem er die Fotografien aus der community neben die Aufnahmen der Weißen legt. Das Sichten und Analysieren des Bestehenden findet hier also ständig neben dem Aufzeigen des Revolutionären statt.

Through A Lens Darkly: Black Photographers and the Emergence of a People | © John Pinderhughes

Through A Lens Darkly: Black Photographers and the Emergence of a People | © John Pinderhughes

So stellt er den Daguerreotypien aus dem 18. Jahrhundert, auf denen Schwarze halbnackt und in Käfigen inszeniert wurden, um ihre Minderwertigkeit in der Fotografie pseudonaturwissenschaftlich zu belegen eine Ikonografie gegenüber, die schwarze Bürgerkriegsveteranen stolz und mit festem Blick als Patrioten zeigen. Gemacht wurden diese Bilder meist von schwarzen Kameraden.

Das Pendel schlägt die nächsten 100 Jahre immer wieder hin und her, wenngleich die Selbstermächtigung über das eigene Image durch die Afroamerikaner stetig zunimmt – sowohl durch den wachsenden Einfluss afroamerikanischer Fotografen als auch durch die Wandlung der eigenen Wahrnehmung. Diese Veränderung des Selbstbildes spiegelt die gesellschaftspolitischen Verhältnisse in den USA, in denen sich innerhalb von zwei bis drei Generationen der Einfluss und die Mitwirkungsmöglichkeiten radikal verändert haben. Aus den Sklaven sind bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts politische Mandatsträger geworden.

Einen extremen Rückfall gab es erneut mit dem Aufkommen der Werbefotografie. In den Anzeigen und Annoncen zu Beginn des 20. Jahrhunderts taucht das negative Stereotyp des wilden Schwarzen wieder auf.  Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs schlägt das Pendel wieder kurz in die andere Richtung. Mit dem Image des schwarzen Soldaten emanzipieren sich die afrikanischen Einwanderer der USA.

Auszug aus Roy DeCarvaras „Sweet Flypaper of Life“

Auszug aus Roy DeCarvaras „Sweet Flypaper of Life“

Für die Ewiggestrigen ein nicht zu ertragender Anblick. Der Mob greift, überwältigt vom wachsenden Ansehen der Schwarzen als gute amerikanische Bürger, zur Lynchjustiz. Schwarze werden öffentlich gefangengenommen, verprügelt, verbrannt oder gehängt. Auf den Fotografien, die dies belegen, sieht man, dass mit der Selbstjustiz die gesellschaftspolitische Lage kippt. Die öffentlichen Hinrichtungen werden zu sozialen Happenings, bei denen gelacht und gefeiert wird. Unten der Tanz, oben die aufgeknüpften Schwarzen – aus diesen Aufnahmen schreit der Schmerz der Humanität.

Eine der wichtigsten Wegmarken der US-amerikanischen Ikonografie des Schwarzen Mannes liegt in der Black-Panter-Bewegung. In dieser Phase haben vor allem afroamerikanischen Fotografen wie Gordon Parks und Ernest Witwers mit ihren politischen Fotografien oder Chuck Stewart mit seinen Inszenierungen der afroamerikanischen Jazz-Stars zum Wandel der Perspektiven beigetragen. Es macht einen Unterschied, wer die Fotos macht, stellt die Professorin für Fotografie und Künstlerin Carla Williams in Harris Film fest.

Der New Yorker Filmemacher hat mit zahlreichen aktiven Fotografen, Künstlern und Historikern über ihre Arbeiten gesprochen, in denen die Rückeroberung der Macht über das eigene Bild eine große Rolle spielt. Zu seinen Gesprächspartnern gehören unter anderem Renée Cox, Hank Willis Thomas, Jamal Shabazz und natürlich Deborah Williams. Sie alle sind geprägt von Roy DeCarvaras bewegenden Harlem-Fotografien, die er 1955 in Sweet Flypaper of Life publiziert hatte. Dessen sensible und lebensnahe Aufnahmen gaben dem Image der Afroamerikaner ihre geraubte Würde zurück.

Seit DeCarvaras spielen schwarze Künstler selbstbewusst mit den weißen Stereotypen und Klischees, um diese ad absurdum zu führen und von sich selbst ein würdevolles menschliches Antlitz zu schaffen. Es geht darum, den Blick auf Afroamerikaner von der negativen Last des Schwarzseins zu befreien und ihre Akzeptanz als gleichwertige Menschen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit – zu etablieren. Die Selbstinszenierung Yo Mama’s Pieta von Renée Cox am Anfang des Beitrags ist ein gutes Beispiel dafür. Aus der Fotografie brüllt der Satz „Seht, welch ein Mensch!“ aus dem Johannesevangelium.

Screenshot von Jamel Shabazz' Portraits (http://www.jamelshabazz.com/js_portraits.html)

Screenshot von Jamel Shabazz’ Portraits (http://www.jamelshabazz.com/js_portraits.html)

Harris hat zwischen die historischen Fotografien und Aufnahmen, anhand derer er das Image der Afroamerikaner in den letzten 150 Jahren veranschaulicht, Gesprächsauszüge und Arbeiten der oben genannten geschnitten, um einen ständigen Dialog zwischen gestern und heute stattfinden zu lassen. Aus dem Off lässt immer wieder Fragen zur Identität und Ikonografie der Schwarzen in den USA und deren gesellschaftlicher Bedeutung einfließen. So entsteht in der Kollage von Stimmen und Fotografien eine politische, soziale und ästhetische Geschichte der USA, wie sie bislang noch niemand erzählt hat.

„Wir müssen uns selbst unabhängig von Zeit und Raum betrachten“, kommentiert Thomas Allen Harris am Ende seiner eindrucksvollen Dokumentation, um ein „Familienalbum der Menschheit zu schaffen, in dem wir uns als ebenbürtig ansehen“.

Hier ist ein Auszug aus dem Film zu sehen