Die Rahmung des Rahmens – Von Brechts ‚Kriegsfibel’ zu Adam Broomberg & Oliver Chanarin: ‘War Primer 2′

Oliver Chanarin & Adam Broomberg: War Primer 2, 2011.
Aus: Adam Broomberg & Oliver Chanarin ‘War Primer 2′ 2011.

 

 

In meinem ersten Beitrag habe ich über die Figur des Rahmens geschrieben. Mit der Funktion des Rahmens lässt sich aus meiner Sicht hervorragend der komplette Prozess der Bildpolitiken beschreiben, in die Fotografien eingebunden sind. Wenn die Fotografie die Ereignisse nicht nur abbildet und vermittelt, sondern sie im Bild überhaupt erst herstellt, bleibt zu fragen, ob es eine Möglichkeit gibt, die strukturierende Funktion des Rahmens, die sich meistens unsichtbar zu machen sucht, in irgendeiner Form zu durchbrechen. Inwiefern kann also eine Bedeutungsverschiebung im Sinne eines Sichtbarmachens des Rahmens bzw. einer Rahmung des Rahmens erreicht werden?

Gerade künstlerische Arbeiten suchen oftmals über medienreflexive Verfahren, die eine kritische Prüfung der Beschränkung, die über die Deutung der Wirklichkeit verhängt wurde, einzuleiten. Sie arbeiten am Rahmen selbst und damit an einer Verschiebung der Grenze zwischen Eingegrenztem und Ausgegrenztem, Sichtbarem und Unsichtbarem.

Ein frühes Beispiel hierfür ist für mich Berthold Brechts ‚Kriegsfibel’. Die erste Fassung der ‚Kriegsfibel’ stellte Brecht 1944-45 noch im Exil fertig, veröffentlicht wurde sie aber erst 1955 im Eulenspiegel-Verlag, herausgegeben von Ruth Berlau. Mit dem Ziel, sein an der Dramatik geschultes Konzept der ‚Verfremdung’ zu übertragen, nutzte Brecht für die ‚Kriegsfibel’ das Verfahren der Montage. Im Oktober 1940 begann er, vorrangig aus der aktuellen Tagespresse ausgeschnittene Bilder mit vierzeiligen Gedichten zu kombinieren. Mit dem Verfahren des Ausschneidens, De- und Neumontierens suchte Brecht sein Material zu ‚exponieren’ und dabei die Versteh- und Lesbarkeit der einzelnen Elemente zu verschieben. Ähnlich wie in seiner Theorie zum epischen Theater strebte Brecht mit den so entstehenden Bild-Text-Montagen einen Effekt der Verfremdung an. Sieht man sich Brechts Tafeln der ‚Kriegsfibel’ intensiver an, wird deutlich wie er über seine Technik, die heterogenen Bild- und Textmaterialien miteinander zu kombinieren und zu konfrontieren, Ergänzungen, Widersprüche, Gegensätze und Kommentare herstellt und dabei Bedeutung eher evoziert als festschreibt.

Mehr als 50 Jahre nach Brechts Erstveröffentlichung der ‚Kriegsfibel’ greifen Adam Broomberg und Oliver Chanarin Brechts Arbeit auf, um das Verfahren der Montage über die Neukontextualisierung von Fotografien an Brechts Buch fortzusetzen und das Spiel mit der Bedeutung weiterzutreiben. Für ihr Projekt ‚War Primer 2‘ erstanden sie 100 Original-Exemplare von Brechts Ausgabe der ‚Kriegsfibel’ (englisch ‚War Primer‘), um diese ihrem eigenen künstlerischen Verfahren zu unterwerfen. Dafür konfrontieren sie Brechts Bild-Text-Kombinationen zum zweiten Weltkrieg mit Bildern der aktuellen Kriegs- und Krisenberichterstattung.

aus: Oliver Chanarin & Adam Broomberg: War Primer 2, 2011.

Aus:  ’Adam Broomberg & Oliver Chanarin ‘War Primer 2′, 2011.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An diesem Beispiel kann man sehen, wie in Brechts ‚Kriegsfibel’ über einen sehr engen Bildausschnitt ein weiblicher Körper erkennbar wird, dessen Hände mit einer schwarzen Substanz beschmutzt sind. Der Textkontext (Brechts vierzeiliges Gedicht) verweist auf die im zweiten Weltkrieg versenkten Schiffe vor der spanischen Küste. Broomberg & Chanarin konfrontieren nun in ihrer Intervention Brechts Bild-Text-Kombination mit einem Foto, das über einen ähnlich begrenzten Bildausschnitt, die Bedeutungsfelder ‚weiblicher Körper’, ‚schwarz’ und ‚im Meer gefunden’ interpretiert, indem sie auf Brechts Tafel eine am 3. August 2006 aufgenommene Fotografie von Arturo Rodriguez montieren, die eine sonnenbadende Touristin am Strand von Tejita Beach auf Teneriffa zeigt, die einem von 46 an eben diesem Strand gelandeten Flüchtlingen zu Hilfe eilt. Der historische Bezug wird so um eine aktuelle Deutungsdimension erweitert.

Aus: Oliver Chanarin & Adam Broomberg 'War Primer 2', 2011.

Aus: Adam Broomberg & Oliver Chanarin ‘War Primer 2′, 2011.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Broomberg & Chanarins künstlerisches Verfahren der De- und Neukontextualisierung ist eine grandiose Arbeit an den Konstruktionsbedingungen medialer Bilder, die die diskursive Rahmung derselben zum Thema macht und so die bedeutungskonstituierende Funktion des Rahmens zu verschieben sucht.

Das komplette Buch ‚War Primer 2’ findet sich als Download unter: http://mappeditions.com/publications/war-primer-2

Weitere Informationen unter: http://www.broombergchanarin.com/war-primer-2/