Haley Morris-Cafieros „The Watchers“

© Haley Morris-Cafiero

Flander

Sunscreen

TurtleEs sind diese Blicke, die uns in Erinnerung bleiben werden: Abschätzend, herablassend in der jugendlich-dumpfen Arroganz derjenigen, die ein paar Kilo weniger auf den Knochen haben. Direktes, aufdringliches Gegaffe genormter Durchschnittsbürger mit amüsiertem Grinsen und offenmundigem Staunen hinter dem Rücken einer Frau mit anderen Körpermaßen. Die zum Bild gefrorene Einstellung zeigt sich uns in der entlarvenden Mikrogeste während eines – ohne Kamera kaum wahrnehmbaren – Sekundenbruchteils.

Keiner dieser Passanten ahnte zum Zeitpunkt der Aufnahme, dass sein Blick integraler Bestandteil eines künstlerischen Anliegens werden könnte. Er bemerkte nicht einmal, dass er im Mittelpunkt einer mühseligen, weil völlig unberechenbaren Fotosession stand. Jetzt ist er Teil von Haley Morris-Cafieros Langzeitprojekt The Watchers. Der Beobachtende wird selbst beäugt. Von Haley, von uns und von der Gesellschaft.

Haley Morris-Cafiero inszeniert sich im öffentlichen Raum. Das heißt: sie stellt sich hin, skatet entlang einer Strandpromenade, schleckt ziemlich unspektakulär an ihrem Softeis oder wartet einfach nur. Vor ihr: eine Kamera mit Selbstauslöser, vielleicht auch mal Assistenten hinter ihrer Kamera. Den Rest übernehmen die Passanten. Denn ab jetzt wird jene spontane Interaktion festgehalten, die zwischen dieser scheinbar so gänzlich in sich ruhenden Amerikanerin und anderen anwesenden Personen auf diesen öffentlichen Plätzen stattfindet.

In dieser gänzlich eigenständigen Mischung aus öffentlich inszenierter Portrait- und sozialpolitisch engagierter Dokumentarfotografie schreiben also Zufallsbegegnungen die Story. Wir können uns vorstellen, wie viel Leerlauf das Warten auf jene signifikanten Aufnahmen mit sich bringt, die erst die spätere Bildschirm-Analyse offenlegen wird. Erst in ihrer Summe kann dann aus vielen fixierten Einzelreaktionen ein relevantes Statement werden.

Manchmal spiegelt sich der fiese Blick der Betrachter selbst in deren Körperhaltung. Dann wird aus einer davor verborgenen „Einstellung“ plötzlich eine direkte, gestikuläre „Stellungnahme“, wenn etwa der Polizist in New Orleans die Abgebildete mit einer Macho-Pose hinterrücks dekoriert. Dann zeigen sich offene Formen der Ablehnung und Diskriminierung, die viele dieser Menschen öffentlich nie artikulieren würden. Oder etwa doch?

Haley Morris-Cafieros Bilder sind mittlerweile zu einer kleinen viralen Sensation geworden, zum Medienereignis mit Nachrichtenwert, das Amerika zur Reflektion gezwungen hat. Und noch bevor dieser Tage ihr crowdfinanzierter Bildband „The Watchers“ von der Magenta Foundation publiziert worden ist, hat die auch als Professorin am Memphis College of Art lehrende Künstlerin im Web viel Zuspruch, aber auch offene Hass-Kommentare geerntet. Auszüge dieser verbalen Reaktionen nahm sie nun ebenfalls in ihren wichtigen Bildband auf.

Das dort beschriebene Phänomen des diskriminierenden Blicks ist natürlich keineswegs landesspezifisch, wie Haley über einen Zeitraum von nun bereit fünf Jahren dokumentiert hat. Als Aufnahmeorte wählte neben US-Metropolen unter anderem auch öffentliche Räume in Berlin, Barcelona, Paris oder Prag.

Ist unsere Gesellschaft tatsächlich schon von derart konstruierten Körperidealen besessen, dass Abweichungen vom diesem künstlichen Schönheitstypus mit Hass und Spott abgestraft werden? Weil Barbie-Puppen, Lara Croft-Figuren und, ja selbst die „Silikone“ Pamela Anderson Generationen auf Slim-Fit-Format geeicht haben? Haley Cafiero-Morris arbeitet hier im doppelten Sinne mit einer Spiegelreflexkamera. Sie hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, der ihre Reflexe aufzeigt.

„The Watchers“ erscheint mir deshalb in seinem konzeptionellen, ästhetischen und gesellschaftspolitischen Ansatz als eines der spannendsten Fotoprojekte seit Jahren.

Foto: © Haley Morris-Cafiero