emerge

emerge räumt jungem, modernem Fotojournalismus den Raum und Rang ein, den er verdient und den er in einschlägigen Publikationen nur noch selten findet. Wir zeigen online und gedruckt, wie unterschiedlich und vielfältig junger Fotojournalismus heute ist und präsentieren erzählenswerte Geschichten von hier wie dort: Foto-Essays, die vom Leben der Menschen erzählen, Reportagen aus Krisen- und Kriegsgebieten, aus dem Alltagsleben, Geschichten von bekannten und unbekannten Orten. Seit mittlerweile sechs Jahren fassen wir moderne Multimedia-Produktionen und klassische Dokumentarstrecken auf einer gemeinsamen Foto-Plattform zusammen. So unterschiedlich die einzelnen Arbeiten auf emerge auch sind – alle eint ihr inhaltlicher Gehalt, eine spezifische visuelle Kraft und der unabhängige Blick des Fotografen/der Fotografin. Wir suchen und sichten permanent neue außergewöhnliche Foto- Dokumentationen, stetig füllt sich das emerge Online-Magazin. Unser Archiv umfasst inzwischen über 150 Reportagen. Nachdem wir im letzten Jahr erfolgreich unser erstes Print-Magazin zum Thema „Migration“ herausgegeben haben, arbeiten wir aktuell an unserer zweiten Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Naher Osten“. Zur emerge Redaktion gehören: Christoph Eiben, Anastasia Hermann, Alexandra Horn, Mehran Karimi, Max Mauthner, Kevin Mertens, Stefan Weger, Claudia Lenz und Doro Zinn.

emerge is a magazine for young foto journalism.

Junger Fotojournalismus im Fokus

Liebe Leserinnen und Leser,

mit großer Freude übernehmen wir von emerge ab heute für einen Monat den Hatje Cantz Fotoblog. Im Laufe der nächsten Wochen werden wir unseren Fokus auf jungen Fotojournalismus legen. Wir möchten euch spannende fotografische Positionen vorstellen und euch zeigen vor welchen Herausforderungen Fotojournalisten*innen heutzutage stehen.

 

Der digitale Wandel

Die Medienlandschaft hat sich durch den digitalen Wandel dramatisch verändert. Die klassischen Printmedien kämpfen weiterhin gegen schwindende Auflagenzahlen und suchen nach neuen Geschäftsmodellen, um in der digitalen Zukunft bestehen zu können. Inmitten dieser Umwälzungen finden sich junge Fotojournalisten*innen vor den großen Unsicherheiten eines Lebens als Freiberufler wieder: schlechte Honorare, wachsender Konkurrenzdruck und verschwindend geringe Chancen für eine Festanstellung. Hinzu kommt die schnelle technologische Entwicklung, welche auch die Anforderungen an das Berufsbild ständig verändern. Zunehmend erwarten Redaktionen, dass Fotojournalisten*innen über die reine Fotografie hinaus auch multimediale Inhalte (Video, Audio) liefern und textliche Elemente beisteuern oder etwa ein Interview mit einem Protagonisten führen können. Der klassische Fotojournalismus entwickelt sich in eine modernere und noch komplexerer Form: Visual Journalism. Hierbei ist es selbstverständlich, dass Fotojournalismus, Videojournalismus, Dokumentarfilm und interaktives Storytelling im Web sich zunehmend überschneiden. Es entstehen neue visuelle Reportageformen, die vor allem über digitale Kanäle gestreut werden. Dies stellt auch die Ausbildungsstätten für Fotojournalisten*innen vor neue Anforderungen. Der wunderbare Fotograf und Filmemacher Tim Hetherington, der leider 2011 in Misrata, Libyen während seiner Arbeit getötet wurde, brachte es schon 2010 auf den Punkt:

“I encourage the students to look at many different forms. Not to say, ‘I am a photographer,’ but to say: ‘I am an image maker. I make still or moving images in real-life situations, unfiltered and un-photoshopped. I am going to look into how I can put this into different streams for different audiences; maybe some on the Web, some in print.“

 

Mut, Haltung, Verantwortung

Während manch einer nostalgisch zurückblickt auf die „goldenen Zeiten“, in denen man mit journalistischer Fotografie noch gutes Geld verdienen konnte, schaut die junge Generation nach vorne und sucht sich neue Wege, um ihre Geschichten zu erzählen und zu vermarkten.

Sie tun dies mit einer beeindruckenden Überzeugung und großem Mut. Und sie sind besser ausgebildet als je zuvor. Die zunehmend journalistisch-fundierte Ausbildung sorgt dafür, dass die junge Generation mehr will als starke Bilder – sie wollen starke Geschichten. Ihr Handwerk besteht darin ein gesellschaftsrelevantes Thema zu finden und sich diesem angemessen zu nähern. Sie entwickeln eine Bildsprache und wählen unterschiedliche, dem Thema angepasste Erzählformen. Zusehends spielen dabei auch die Verwendung von multimedialen Elementen und Online-Publikationen eine Rolle und fordern gegenüber der klassischen Zeitungs- und Zeitschriftenfotografie ihre Stellung ein.

Aus der Serie "Was bleibt?" von Ricardo Wiesinger © Ricardo Wiesinger / emerge

Aus der Serie “Was bleibt?” von Ricardo Wiesinger © Ricardo Wiesinger / emerge

Mit diesen Entwicklungen gehen aber auch ständige Herausforderungen und eine große Verantwortung einher, die Fotojournalisten*innen übernehmen müssen. Man kann durch die Auswahl und Zusammenstellung bestimmter Bilder auch einer Person schaden, z.B. in dem man Fakten verdreht oder den Kontext verzerrt. Gerade auch weil Foto- und Textjournalisten*innen immer seltener im Team auf Reportagereise gehen, müssen Fotografierende genau wie schreibende Journalisten*innen sehr gründlich recherchieren, sich tiefergehend mit ihrem Thema auseinandersetzen und das Vertrauen ihrer Protagonisten gewinnen. Schließlich gehen sie damit an die Öffentlichkeit und schaffen Aufmerksamkeit. Dies hat wiederum Risiken zur Folge, denn gerade bei der Veröffentlichung im Internet kann eine Geschichte auch in kürzester Zeit starke Verbreitung finden. Diese Verantwortung muss jedem bewusst sein. Gerade deshalb ist es wichtig eine fundierte Ausbildung zu durchlaufen und nach journalistischen Grundsätzen und Sorgfaltspflichten zu arbeiten.

 

Fotojournalismus ist unverzichtbar

Trotz aller Schwierigkeiten sind wir überzeugt, dass junger Fotojournalismus unglaublich lebendig ist und die zeitgenössischen Arbeiten mitunter stärker sind als je zuvor. Die Arbeiten, welche heutzutage entstehen, brauchen Wochen, Monate, manchmal Jahre, um am Ende eine Kraft und Tiefe zu entwickeln, mit der sie sich von der alltäglichen Bilderflut absetzen können. Doch kaum eine Redaktion verfügt noch über die Ressourcen, um solche Projekte zu finanzieren. De facto müssen Fotojournalist*innen also in Vorleistung gehen und sich selbst finanzieren, im Idealfall durch andere journalistische Fotojobs, aber auch durch Porträt-, Corporate-, Event-, Produkt oder sogar Hochzeitsfotografie, oder im Zweifelsfall eben doch durch gänzlich andere berufliche Standbeine. Auch neue Wege wie Crowdfunding oder das Anbieten von Weiterbildungen können der Finanzierung dienen. Das ein oder andere Stipendium gibt es glücklicherweise auch noch – leider nur viel zu wenige.

Aus der Serie "Kurze Beine, große Schritte" von Patrick Junker © Patrick Junker / emerge

Aus der Serie “Kurze Beine, große Schritte” von Patrick Junker © Patrick Junker / emerge

Und dennoch gibt es unzählige Fotojournalisten*innen, die sich nicht dafür zu schade sind, die unbeliebten Jobs zu machen, um die nächste Reise für das Herzensprojekt zu finanzieren. Diesen Leuten gilt eine ordentliche Portion Anerkennung und Respekt, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag zum öffentlichen Diskurs, und das nicht primär für Geld, sondern aus Überzeugung und einer Haltung heraus, die Missstände auf dieser Welt nicht einfach hinnehmen zu wollen. Gerade wenn sie Geschichten erzählen, die abseits des Medienrummels stattfinden und eine differenzierte, menschliche Sicht auf Themen ermöglichen, tun sie der Gesellschaft einen unschätzbaren Dienst.

Für genau diese jungen Fotojournalisten*innen haben wir vor über fünf Jahren unsere Plattform geschaffen. Wir konnten es nicht ertragen, dass wunderbare Geschichten aufgrund schwindender Veröffentlichungsoptionen in der Schublade landen und nicht gesehen werden.

Kevin Mertens
Gründer und Chefredakteur