Andreas Gefeller

Herr Genereller regt sich auf

Ich lese einen Artikel über die neue E-Klasse von Mercedes. Der Hang der Autodesigner, das Innere der Autos, insbesondere des Oberklassesegments, mit barockem Unsinn auszukleiden und so abzudämmen, dass kein Geräusch der Außenwelt mehr eindringt, ist zwar geschmacklich eine Entgleisung und unter ökologischen Gesichtspunkten wegen der Gewichtszunahme kontraproduktiv, aber als Ausnahme noch zu ertragen. Dass jedoch die Karosserien (nicht nur die von Mercedes, sondern insgesamt) immer bulliger werden, und die Fenster im selben Maße immer kleiner, bis sie – insbesondere im Fondbereich – zu schmalen Sehschlitzen verkommen, ist symptomatisch für die oft zitierte “moderne” Gesellschaft und Ausdruck von Asozialität: Was interessiert mich der Rest der Welt? Sich von der Umwelt abschotten ist die Devise. Auf dem Weg von A nach B igelt man sich ein in kleine Kokons, Raumkapseln gleich. Drinnen ist es heimelig, draußen ist die böse Welt. Keine analoge, ungefilterte Wahrnehmung (Licht trifft auf Baum, wird reflektiert und landet auf Netzhaut), sondern digitalisierte, zerstückelte und neu zusammengesetzte, gefilterte, zensierte Häppchen via Infotainmentsystem. Vorhang zu, Bildschirm an – die Kids auf den hinteren Plätzen werden bespaßt mit Xbox und X-Men. Fahren Sie weiter, es gibt nichts zu sehen!

(Jetzt ein Wort, das ich als vorwärtsgewandter, moderner Künstler vielleicht besser nicht verwenden sollte, aber egal, man kann es sich manchmal nicht aussuchen: Das F-Wort ist “früher”.)

Früher habe ich während langer Autofahrten stundenlang aus dem Fenster gesehen, mit Menschen in anderen Autos kommuniziert, indem ich selbstgemalte Zettel an die Scheibe hielt oder einfach nur winkte, Häuser und Kühe und andere Dinge zählte (irgendwas zu zählen gab’s immer) oder Nummernschilder erriet (was mangels Google nicht überprüft werden konnte und oft zu seltsamen Städtenamen führte). Kurz: Die Phantasie wurde angeregt, und man war im direkten Austausch mit der Umwelt und nahm sie wahr.

(Es sprach der Großvater in mir, jetzt wieder der Fotokünstler.)

Was das mit Fotografie zu tun hat? Nichts, aber meine Fotoarbeiten haben etwas damit zu tun.

Zwar sind sie nicht die unmittelbaren Illustrationen einer aus den Fugen geratenen Welt, nicht die Visualisierungen eines verzweifelten Menschen zwischen zwei Generationen, der nicht weiß, welchem Zeitalter er sich verbundener fühlt, dem analogen oder dem digitalen. Im Gegenteil empfinde ich es als Privileg, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der man sich noch per direkter Sprache verabredete, und heute in einem Alter zu sein, in dem ich noch alle (zumindest die nötigsten) Sinne beisammen habe, um die Vorteile der Digitalisierung genießen und die tollen neuen Möglichkeiten der Bildbearbeitung nutzen zu können. Ich fahre ein 50 Jahre altes Rad und bearbeite meine Fotografien mit den neuesten Programmen – das geht prima, und nichts löst sich in Unlogikwölkchen auf (Danke, Douglas Adams, für dieses tolle Wort).

Und doch schwingen meine Vorbehalte gegenüber einem unreflektierten Konsum und einer grenzenlosen Nutzung aller technischen Neuerungen und den damit einhergehenden sozialen Veränderungen in meinen Arbeiten deutlich mit. Abweisende Häuserfassaden mit Mustern kleiner, quadratischer Fenster, die – an Lochstreifen erinnernd – einen digitalen Code enthalten zu scheinen und die Menschen dahinter verschwinden lassen. Leitungen einer petrochemischen Industrieanlage, die aus dem Nichts kommen, im Nichts verschwinden, und dazwischen synapsengleich etwas auszutauschen scheinen – ein Sinnbild für nicht nachvollziehbare Kommunikation, die Black Box als White Space sozusagen. Metallschrott auf einem Recyclinghof als molekulare Grundstruktur alles Technischen, geschreddert und in seiner neuen Anordnung wieder organisch anmutend und an Venen und menschliche Organe erinnernd, auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, zwischen Seele und künstlicher Intelligenz.

A propos künstliche Intelligenz – und jetzt komme ich wieder zu meinem Auftrag, aus meinem Alltag zu berichten: “Guten Morgen Herr Genereller, Ihre Tests liegen zur Begutachtung bereit.” lese ich vor 2 Tagen in der Email einer bekannten Düsseldorfer Produktionsfirma. Der Fortschritt schreitet voran und treibt mitunter seltsame Blüten. Die neue Mercedes E-Klasse kann weitestgehend autonom fahren, und die Texterkennung des Email-Programms ist ebenso überambitioniert. Sie macht nicht mehr das, wofür sie entwickelt wurde, nämlich einen Text zu “erkennen”, sondern sie glaubt zu wissen, was der Nutzer schreiben möchte. Und so wird aus einem individuellen Namen etwas Allgemeines, etwas Generelles eben.

Gefeller, ich heiße Gefeller, verdammt nochmal!

 

FR 01, aus Blank, 2010, 117 x 136 cm

FR 01, aus Blank, 2010, 117 x 136 cm

 

IP 12, aus Blank, 2012, 117 x 174 cm

IP 12, aus Blank, 2012, 117 x 174 cm

 

IP 20, aus Blank, 2014, 117 x 85 cm

IP 20, aus Blank, 2014, 117 x 85 cm

 

 

 

Farben sind Opportunisten

Oh, ein Fotoblog! Ob ich einen schreiben möchte, werde ich gefragt. Ist das nicht sowas, wo man sein Leben mit der Community teilt, sein Frühstücksei fotografiert und in die Runde fragt, ob sie das Gelb des Dotters auch so schön findet? Ehrlich gesagt, bin ich nicht sehr vertraut mit den sozialen Medien, zwar stolpere ich beim Googeln manchmal bei Facebook, Xing oder sonstwo rein, darf dann aber nicht weiterlesen, weil ich kein Mitglied bin, nicht dazu gehöre. Nein, nein, mein Frühstücksei müsste ich nicht fotografieren, wird mir versichert, und überhaupt reichten ein paar aktuelle Beschreibungen aus meinem Alltag. Das trifft sich gut, da gerade in diesem Monat viel passiert, über das ich schreiben könnte. Und dass ich nicht viel schreiben muss, passt auch, da ich wenig Zeit habe.
Na, dann mal los.

01_Druck_b

Vor 2 Wochen wurde mein neues Buch Blank gedruckt. Seit 2001 mein fünftes bei Hatje Cantz, es gab also genug Zeit, Routine zu entwickeln. Alles easy: kurz zur Druckerei, auf die Bögen schauen, alles toll finden und wieder nach Hause. – Von wegen. Neue Arbeit, neues Buch, neues Papier, neue Druckerei, neue Maschine, neue Drucker. Für Routine ist da nicht viel Raum. Dass nichts Schlimmes passieren würde, weiß ich noch nicht, als ich morgens um 8 die Druckerei Grammlich südlich von Stuttgart betrete, und so bin ich etwas aufgeregt.

Seltsam, wie beruhigend sich der Geruch von Farbe und Lösungsmitteln bei mir auswirkt. Ich bin in einer Siebdruckerei groß geworden und offensichtlich bin ich positiv konditioniert: Die Erinnerung an eine spannende Kindheit zwischen Farbregalen und Papierbergen entspannt mich. Damals wurde während der Arbeit geraucht (der Zigarettenrauch vermischte sich herrlich mit den Lösungsmitteldämpfen), Bier getrunken und später am betriebseigenen Grill mit dem Farbspachtel, mit dem man kurz zuvor noch die Farbe umgerührt hatte, die Wurst umgedreht – aber das ist eine andere Geschichte aus einer anderen Zeit an einem anderen Ort. Hier passiert sowas heute nicht. Zum Glück.

Denn Farben sind eine sehr, sehr heikle Sache, und Rauch und Alkohol begünstigen eine Beurteilung nicht. Farben ändern sich wie Meinungen, sie sind Opportunisten und passen sich an. Schaue ich mir den Druckbogen an der Maschine unter Normlicht an, ist er klar und kalt, schaue ich ihn mir in einer anderen Ecke an, ist er gelb, gehe ich damit nach draußen in den Schatten der Halle, ist er blau, und in der Sonne ist er einfach nur viel zu hell. Am Morgen anders als am Nachmittag und wieder anders in der Nacht. Das Papier des Buchs ist weiß, das der Originaldrucke, die ich als Referenz mitgebracht habe, gelb. Die Drucker (alle 8 Stunden ist Schichtwechsel, und so lerne ich während des 19-stündigen Druckvorgangs 3 sehr nette, wache Mitarbeiter kennen, während ich immer müder werde) helfen, wo sie können, aber letztlich hat jeder ein anderes Farbempfinden und ich meine eigene Vorstellung vom Endergebnis, so dass mir die finale Entscheidung über die Farbe keiner abnehmen kann.

Andreas Gefeller und Christine Stäcker, Hatje Cantz

Andreas Gefeller und Christine Stäcker, Hatje Cantz

Außerdem sprechen die Drucker eine eigene Sprache, und ich meine nicht Schwäbisch: Sagen sie “Blau”, meinen sie “Cyan”, statt “Magenta” sagen sie “Rot”, nur “Gelb” bleibt “Gelb”, und “Schwarz” bleibt auch, was es ist – der Druckbetrieb ist eine verrückte Welt, in der wie in Alice’s Wonderland nichts ist, wie es scheint – die Farbe eines Bildes, seine Schärfe, das Papier, alles scheint sich stetig zu verändern, und wenn man sich einmal umdreht und wieder einen Blick auf den Druck wirft, hat er seine Gestalt verändert. Man muss seinen Augen trauen und darf es gleichzeitig nicht. Mein wichtigster und verlässlicher Partner ist daher eine Graukarte. Die verändert zwar je nach Situation auch ihre Farbe, ist diese aber identisch mit dem Druck, weiß ich, dass der wohl neutral sein muss.

Aber der Kampf mit der Farbe ist nicht der einzige, den ich austrage. Ich kämpfe mit meiner eigenen Courage. In meiner neuen Serie Blank treibe ich die Auseinandersetzung mit dem Thema Wahrnehmung und Relationen auf die Spitze. Licht ist ein Informationsträger, zu viel Information kann man nicht mehr verarbeiten, zu viel Licht blendet. So werden meine extrem überbelichteten Bilder zu einer Metapher für Informationsflut mit größtenteils blanken Flächen, die auch die Ränder des Fotos verschwinden lassen: Wo hört das Bild auf, wo fängt das Papier an? Breitet sich das Bild auf dem Papier aus oder frisst sich das Papier in das Bild hinein? Ein Bild ohne Ränder: Unsere Sehgewohnheit sträubt sich dagegen. Ich muss daran denken, dass kürzlich Konzertbesucher, die bei einem Stück von Steve Reich, das nach einem klassischen Stück gespielt wurde, buhten und aus Protest den Saal verließen. Reich hatte auf den 3/4-Takt geschissen und unsere Hörgewohnheit gebrochen. Funktioniert das auch in der Fotografie? Oder hätte ich doch besser wie üblich einen leichten Ton als Hintergrund drucken sollen?

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Zwar fehlt mir in einem eigens für Künstler eingerichteten Aufenthaltsraum nichts an Komfort und ich döse tatsächlich zwischen zwei Kontrollgängen kurz weg, aber gegen Ende bin ich so k.o., dass es sehr verlockend ist, den letzten Druckbogen einfach so durchzuwinken. Später bin ich dem Drucker sehr dankbar, dass er morgens um 2 darauf besteht, eine neue Schwarz-Platte zu machen, um die tiefen Töne (wo es sie denn gibt) ein bisschen besser zu modulieren. Eine Buchproduktion ist Teamwork, und im Gegensatz zu einer Küche darf in der Druckerei jeder ein bisschen nachwürzen.

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Wieder zurück in Düsseldorf, liegt die Rolle mit den Musterdrucken einige Tage in meinem Atelier, und ich traue mich nicht, reinzuschauen. Erst auf Bitten eines Freundes öffne ich sie und wir sind beide begeistert, wie gut der Druck aussieht. Vielen Dank, Daniel Grammlich, für Deine Geduld und Bereitschaft, wo nötig als Feinkorrektur eine neue Druckplatte zu machen, Dank auch an die netten Mitarbeiter und – nicht zu vergessen – meine tolle Graukarte! Wenn jetzt bei der Bindung, der Prägung und dem transparenten Schutzumschlag nichts schief läuft, liegt das Buch in etwa 2 Wochen fertig bei mir auf dem Tisch – Ihr werdet es als erste erfahren.