Ralf Hanselle

Ralf Hanselle, geboren 1972, arbeitet als Kunstkritiker in Berlin. Seine Texte zur Fotografie und anderen Bildmedien erscheinen regelmäßig in Publikationen wie Cicero, mare, Kunstzeitung, fotoMAGAZIN sowie in der Tageszeitung taz. In der Fotozeitschrift Profifoto kann man seit acht Jahren seine Interview-Reihe „Ralf Hanselle im Gespräch....“ verfolgen, in welcher er allmonatlich internationale Fotokünstler zu ihren Arbeiten befragt. Weit spielerischer ist seine Auseinandersetzung mit dem Medium in der Kolumne „Gegenlicht“, die seit einem Jahr in der Zeitschrift Photographie erscheint. Neben journalistischen Texten hat er in den letzten Jahren auch zahlreiche Katalog- und Buchbeiträge verfasst.

Ralf Hanselle, born in 1972, is a Berlin-based art critic. His texts on photography and other visual media appear regularly in publications such as Cicero, mare, Kunstzeitung, fotoMAGAZIN, and the taz daily newspaper. For the past eight years readers of the photography magazine Profifoto have been following his series Ralf Hanselle in Conversation…, in which he interviews international photographers about their work. His exploration of the medium is more playful in his column, “Gegenlicht," which has been appearing in Photographie magazine for a year. Besides his journalism pieces, Hanselle has also written numerous texts for catalogues and books.

Der Abdruck

Grabtuch von Turin

Grabtuch von Turin

“Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten” Lk. 24,6

In seinem Buch „Transparenzgesellschaft“ hat der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han eine interessante Beobachtung gemacht: „In der digitalen Fotografie“, so der Autor, „ist jede Negativität getilgt. Sie bedarf weder der Dunkelkammer noch der Entwicklung. Kein Negativ geht ihr voraus. Sie ist ein reines Positiv. Ausgelöscht ist das Werden, das Altern, das Sterben.”

Natürlich, es ist längst Konsens: Der „digital turn“ hat die Fotografie verändert. In Anbetracht der digital generierten Bilder sprechen nicht wenige Kunstwissenschaftler von der „Fotografie nach der Fotografie“. Gerade der Abstraktion hat das Foto als Pixelfeld ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Doch Byung-Chul Han scheint auf etwas anderes hinaus zu wollen. Einer „positiven Fotografie“ fehlt die Entwicklung – und das im doppelten Sinne des Wortes. Ihr fehlt der Schritt vom Tod zur Auferstehung. Jener „rites de passage“, den etwa der Schriftsteller Patrick Roth in seiner Erzählung „Magdalena am Grab“ beschrieben hat.

Ältere Fotografen erinnern sich an diese Wandlung noch genau. An den Moment, in dem nach Fixierung und Wässerung erstmals ein Bild im Entwicklertank erschienen war. Wie ein Geist war dieses Negativbild hereingeschwebt. Ein Bild, das von den Tonwerten quasi auf den Kopf gestellt war. Eines, aus dem dann in einem weiteren Wandlungsprozess ein Positiv entstehen sollte. Hinter Lichtschleusen und -labyrinthen ereignete sich also eine Transformation, die schon von der klassischen Fotoliteratur sträflich vernachlässigt worden war. Autoren wie Susan Sontag oder Roland Barthes sprachen zwar immer wieder von „Bild“ und „Abbild“, das „Zwischenbild“ aber ließen sie aus. Schon hier also war die Negativität getilgt. Jener dunkle Prozess, in welchem mittels toxischer Chemikalien die Transformation der Welt in etwas Anderes vonstatten ging. Vermutlich konnte nur durch diese Weglassung ein Mythos entstehen: die Mär von der Fotografie als „Fenster”, von dem “Es ist so gewesen”. Dabei lagen zwischen dem Sterben des „momentums“ und der Auferstehung des Bildes oftmals Tage – ein Triduum Sacrum, ein Tod des Bildes. Und dieser Tod blieb nicht ohne Spuren. Schließlich ist auch der auferstandene Christus nicht mehr der selbe, wie der Gekreuzigte. Der Tod ist ein Ereignisraum. Die „chambre noire“ die Grabkammer der Fotografie.

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THOMAS RUFF
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From the series: Negatives – Negatieven – Négatifs – Negatives
Chromogenic print
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Es scheint dieser Umstand zu sein, auf den Byung-Chul Han hinweist. Der Digitalfotografie fehlt jegliches Werden. Und selbst dort, wo das digitale Bild noch einmal verändert wird, geschieht dies nicht im “Dazwischen” sondern im “Danach”. Nicht das Okkulte ist der Ort der Wandlung sondern eine Software namens “Lightroom”. Da wäre es vielleicht Zeit, das Dunkel der Fotografie noch einmal ans Licht zu holen. Der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff hat das versucht. In seiner zur Zeit in Düsseldorf gezeigten Ausstellung „Lichten“, zeigt der 1958 im Schwarzwald geborene Künstler, die vergessenen „Blueprints“ der Fotografie – die Abdrucke, nicht die Drucke. „Negative“, so der Titel von Ruffs Serie, imitiert auf digitalem Weg das Bildverfahren der Cyanotypie. Dafür setzt der Künstler das Positivbild am Computer zurück ins Negativ. Eine Technik, die eigentlich nicht sonderlich schwer ist. Doch mit „Negative“ wie auch mit seiner zwei Jahre zuvor entstandenen Serie „Phg’s“ verweist der einstige Becher-Schüler auf etwas anderes: Diese Bilder sind künstliche Rückreisen zum Dunkel des Bildes. Zum Ort des Werdens, der Transformation. Sie machen auf ein Mysterium aufmerksam, das allzu oft vergessen worden ist: Denn wer durch den Tod hindurchgegangen ist, der ist nicht mehr derselbe wie zuvor. In der Wandlung ist die Aufnahme zu etwas Anderem als zum Abbild geworden. Im Tod wurde es erst zum wahren Bild.

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THOMAS RUFF
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From the series: Fotogramme – Fotogrammen – Photogrammes – Photograms
C-print
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Die Ausstellung “Lichten” mit Arbeiten von Thomas Ruff läuft noch bis zum 11. Januar in der Kunsthalle Düsseldorf.

Das Buch Thomas Ruff “Editionen 1988 – 2014” mit einem Werkverzeichnis von Jörg Schellmann ist im Oktober bei Hatje Cantz erschienen. 192 Seiten.49,80 Euro.

 

Die Tiefe

“Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.” Franz Kafka, Tagebücher.

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Partition 5 (seitlich) © Christiane Feser

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Partition 5 (gerahmt) © Christiane Feser

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens in der Tiefe liegt. Nicht in jener Tiefe, die man bei der Darstellung von Körpern als die Dritte Dimension bezeichnet. Nicht jene räumliche Tiefe, die man auf zweidimensionalen Flächen mittels Fluchten und Größenunterschiede anzudeuten versucht. Vielmehr könnte sie in jener unergründlichen Tiefe liegen, die wohl Franz Kafka bei seinem oben zitierten Tagebucheintrag vom 8. Oktober 1921 im Sinn gehabt hatte.

Ein Anderer, Werner Heisenberg, hat dieser Möglichkeit sein ganzes Leben gewidmet. Die messbare – und somit auch fotografierbare – Welt ist eine Möglichkeit. Was man indes Wirklichkeit nennt, ist als Beobachtung nie unabhängig von dem Beobachter. ”Ich hatte das Gefühl, durch die Oberfläche der atomaren Erscheinungen hindurch auf einen tiefen Grund merkwürdiger innerer Schönheit zu schauen”, schrieb Heisenberg nach dieser Entdeckung. “Es wurde mir fast schwindelig bei dem Gedanken, dass ich nun dieser Fülle von Strukturen nachgehen sollte, die die Natur dort unten vor mir ausgebreitet hatte.”

Eigentlich hätte man von diesem Moment an aufhören können, Fotos zu machen.  Zumindest hätte man Warnhinweise auf diese anbringen müssen: “Diese Wirklichkeit ist eine Möglichkeit.” Eine andere Möglichkeit ist nicht nur denkbar, sie ist wahrscheinlich. Gut möglich also, um auf Kafka zurückzukommen, dass die Herrlichkeit des Lebens in der Tiefe liegt. Dann aber wäre sie mit einem Kameraauge ohnehin nicht zu sehen. Die schärfste Tiefenschärfe reichte dort niemals hin. Im Gegenteil: mit zunehmender Schärfe stiege die Unschärfe.

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Partition 9 (gerahmt) © Christiane Feser

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Partition 9 (gerahmt) © Christiane Feser

 

Ob die Frankfurter Fotokünstlerin Christiane Feser Kafka oder Heisenberg im Sinn hatte, als sie anfing, ihre Bildräume aufzuschneiden, zu falten und auf diese Weise Fläche in außerfotografische Räumlichkeit zu überführen, ist nicht überliefert. Überliefert aber ist dieses: Die 1977 geborene Künstlerin nennt ihre Eingriffe ins Foto eine “Verschleifung”. Am Ende dieses Prozesses aus Fotografie, Re-Fotografie, Aufschneidung und Faltung haben sich Fotos in Foto-Objekte verwandelt. Das Bild hat neue Dimensionen gewonnen. Es hat hinter die Oberfläche in die Tiefe geschaut. Durch die Materialität des Papiers hindurch hat es etwas Neues sichtbar gemacht. Einen Riss. Einen Einschnitt. Eine Möglichkeit. Denkbar, wie jede andere Fotografie auch. Man muss Fesers Möglichkeit nicht für Wirklichkeit halten. Aber man sollte nach dieser Auseinandersetzung mit dem fotografischen Material durchaus einmal fragen, warum man andere Möglichkeiten für eben diese Wirklichkeit hält. Die Wirklichkeit liegt in der Tiefe. Hinter den Dimensionen des Bildes. Sie ist die Herrlichkeit des Lebens. Zumindest wäre das sehr gut denkbar. Das Gegenteil einer tiefen Wahrheit, so meinte einst Heisenberg, kann wieder eine tiefe Wahrheit sein. Nur die klassische Fotografie mit ihrem “So ist es (gewesen)” verhält sich gegenüber all den anderen Möglichkeiten nach wie vor wie ein dickköpfiges Kind.

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Partition 17. © Christiane Feser

Christiane Fesers  Arbeiten sind derzeit in der Ausstellung “New Photography from Germany” im Goethe Institut in Hong Kong zu sehen.

Ab dem 09.11. sind Arbeiten von ihr im Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt zu sehen. Zudem gibt es in der Ausstellung auch Arbeiten von Wolfgang TIllmans, dem ich vielleicht auch noch einen eigenen Beitrag widmen werde,

Freiheit braucht Revolutionen

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© Jacob Felländer

“Eine Philosophie der Fotografie ist notwendig, weil sie die einzige Form von Revolution ist, die uns noch offensteht.” Viiém Flusser

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Auf den Bildern des schwedischen Fotografen Jacob Felländer sehen die Städte aus wie nach einer Art “Urban Drift”. Als würde die Wirklichkeit expandieren. “Das ist nicht real”, müsste daher wohl das Urteil eines konventionell geschulten Auges in Anbetracht solcher Bilder lauten . “Das ist kubistisch. Vielleicht expressionistisch.” Auf jeden Fall hat es nichts mit jener Stadt- und Landschaftsdarstellung zu tun, die wir von einem Foto gewohnt wären. Doch zweifelsohne: Felländer ist Fotografie. Zwar hat es sich der 1974 geborene Schwede in den letzten Jahren angewöhnt, seine Bilder nach der Entwicklung noch einmal mit Farbe oder Kohle zu übermalen. Im Kern aber sind seine Bilder fotografisch, Es sind Bilder aus den großen Städten. Aus New York oder aus Felländers Heimat Stockholm.

Jacob Felländer hat eine ganz eigene Definition von Fotografie: “Es handelt sich um Konzepte, Regeln und Definitionen, die ich als Basis nehme und breche oder erweitere.” Lange könnte man in Anbetracht seiner Aufnahmen darüber diskutieren, wie genau sie entstanden sind. Man könnte über Technik als Technik reden: über die Möglichkeiten des Analogen, über Mehrfachbelichtungen auf einem einzigen Frame, über Tonungen und Entwicklungen. Man könnte aber auch über Technik als Philosophie reden. So wie es der Medienphilosoph Vilém Flusser in seinem Buch “Für eine Philosophie der Fotografie” getan hat. Irgendwann müsste man dann wohl erkennen, dass eine konventionelle Fotografie zunächst nichts weiter als eine Ideologie ist. Fotografie als apparativem Sehen folgt einem Programm. Es ist das Programm einer vorgeblich aufgeklärten Weltsicht: “Apparate sind Simulationen des Denkens; Spielzeuge, die “Denken” spielen”, so Flusser. “Und sie simulieren die menschlichen Denkprozesse nicht etwa gemäß jenem Verständnis des Denkens, wie es der Introspektion oder den Erkenntnissen der Psychologie und Physiologie entspricht, sondern gemäß einem Denkverständnis, wie es im cartesianischen Modell entworfen ist.”

Solange der Fotograf also nur dem in der Kamera-Apparatur vorcodierten Programm folgt, ist er nicht mehr als ein Sklave dieser aufgeklärten Ideologie. Das was er Freiheit nennt, ist nur die Freiheit innerhalb des Apparate-Programms. Wahre Freiheit aber ist die Freiheit Jacob Felländers. Zu ihr gehört der Mut, gegen das Programm der Kamera zu spielen. Erst dann nämlich wird er Bilder erzeugen, die der Wirklichkeit vermutlich näher kommen als dies etwa die klassische Dokumentarfotografie je könnte. In einem Interview jedenfalls, das dieser Tage in der Zeitschrift “Photographie” erscheinen wird, sagt Jacob Felländer etwas sehr interessantes: “Ein Schamane hat mir einmal gesagt, dass die eigentliche Wirklichkeit genauso aussieht wie auf meinen Bildern.”

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© Jacob Felländer

Die Arbeiten von Jacob Felländer sind noch bis zum 15. November in der Ausstellung “Sticking to my Guns” in der CWC Gallery in Berlin zu sehen.

 

 

Willkommen in der Wüste

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Kasimir Malewitsch: Schwarzes Quadrat. 1914

Gott wirkt in der Seele ohne alles Mittel, Bild oder Gleichnis“. Meister Eckhart, „Vom Schweigen“

Es ist alles gesagt. 175 Jahre Fotografie waren 175 Jahre Weltbelichtung. Es ist alles gezeigt: Niepces Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers in Le Gras, Daguerres Blick auf den Boulevard du Temples, Le Grays Blick auf die Wogen des Meeres ….. Cartier-Bressons Ansicht auf den Mann, der in Gart-Saint-Lazare über eine Pfütze springt. Was wollen wir also noch sehen? Wer einen Blick auf „die Welt“ erhaschen will, der sollte besser bei Google Earth eine kleine virtuelle Reise beginnen, denn weiterhin Fotografien von Orten und Sachverhalten auf dem Globus anzuschauen. Das alte Versprechen der Fotografie, die Welt in ihrem nackten Dasein zu zeigen, ist auf diesen sateliten-generierten Bildern vielleicht besser verwirklicht denn irgendwo sonst. Denn Selten war das Medium derart nah an seinem empirischen Kern; ging es der Fotografie von Beginn an doch um nicht weniger als um die Vermessung der Welt. Der Kunstkritiker Jules Janin jedenfalls schrieb 1839: “Der Daguerreotyp ist eine Graphik in der Hand Aller, er ist ein Stift, der wie der Verstand gehorcht. [...]. Er ist das treue Gedächtnis aller Denkmäler, aller Landstriche des Universums.”

Man erinnere sich also an den Anfang. Der Historienmaler Paul Delaroche soll in der Geburtsstunde der Fotografie ausgerufen haben, dass von diesem Moment an die Malerei tot sei. Die Fotografie war an ihre Stelle getreten. Im Zeitalter von Aufklärung und Empirismus schien sie bestens geeignet, ein detailgetreues Bild der Wirklichkeit abzugeben. Nirgendwo sonst schien der Traum der Renaissance, der über Relationen und Größenverhältnisse ein Abbild eines dreidimensionalen Außenraums abgeben wollte, besser verwirklicht, als auf den technisch generierten Bildern eines Louis Daguerre. Die „Renaissance als Kulturtechnik“, wie der Titel eines jüngst veröffentlichten Essays von Beat Wyss lautet, schien somit auf ihrem Höhepunkt zu sein.

Doch war das wirklich schon die Welt? Die Malerei schien da cleverer gewesen zu sein. Egal ob Romantik, Pointillismus, Kubismus oder Konstruktivismus: Man hatte gelernt, gegenüber dem offensichtlichen Augenschein skeptisch zu werden. Wirklichkeit schien etwas anderes zu sein als ein Blick aus dem Fenster oder ein Streifzug über einen Boulevard. „Meine Philosophie“, so schrieb etwa Kasimir Malewitsch in einem Brief über den Suprematismus, „lautet Vernichtung der Städte und Dörfer, Vertreibung der Natur aus der Kunst, um nichts in der Welt aber Abtötung des lebendigen Quells im Menschen.“ Radikaler hatten es zuvor nur die Futuristen formuliert. Die Fotografie aber – von Ausnahmen einmal abgesehen – klammerte sich fast schon naiv an einen dreidimensionalen Raum als „Behälter der Dinge“.

Wäre es da nicht an der Zeit einmal innezuhalten? Brauchen wir wirklich noch mehr Bilder, die vorgaukeln, eine Welt zu erklären, während sie in Wahrheit doch nur an den Erscheinungen derselbigen hängenbleiben? Ich möchte diesen Monat dazu nutzen, um Fotografien vorzustellen, die weit über den Augenschein hinausgehen. Fotografien, wie die des Berliner Fotokünstlers Stefan Heyne. Vielleicht nicht von ungefähr ruft dessen Bild „64110“, wie es jüngst in dem bei Hatje Cantz erschienenem Bildband „Naked Light“ zu sehen war, Assoziationen an das genau hundert Jahre zuvor entstandene Bild „Schwarzes Quadrat” von Malewitsch hervor.

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Stefan Heyne: 64110. 2014. aus: Stefan Heyne: Naked Light. Hatje Cantz 2014. © Stefan Heyne und VG Bildkunst

Und so wäre es vielleicht naheliegend, die Fotografien, die hier in den kommenden Tagen gezeigt werden sollen, vorschnell unter dem Label „fotografische Abstraktion“ zu subsumieren. Allen gemein jedenfalls ist, dass sie den Glauben an die „Transparenz der Fotografie“, wie sie Roland Barthes einmal irriger Weise postuliert hat, hinter sich gelassen haben.

Noch einmal Malewitsch: „Alles, was wir geliebt haben, ist verloren gegangen: Wir sind in einer Wüste … Vor uns steht ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund!“ In diesem Monat will ich mich der Wüste stellen. Denn auch in der Fotografie muss man diese durchwandern, um neues, gelobtes Land zu gewinnen.