Interview

mit André Odier

André Odier

André Odier
Geschäftsführer des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, Berlin

Bücher zum Thema

Das Universum Klee

Das Universum Klee

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2272-8
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Jeff Koons

Jeff Koons
Celebration

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2311-4
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Kult des Künstlers

Der Kulturjournalist Marcus Woeller im Gespräch mit André Odier über die spektakulären Ausstellungen in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

Die Staatlichen Museen zu Berlin zeigen im Herbst eine Serie von Ausstellungen mit ganz unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten zum Thema Kult des Künstlers. Was steckt dahinter?

Die Idee dazu hatte Peter-Klaus Schuster, der damit jetzt auch seinen Abschied aus Berlin feiert. Er wollte gern zu diesem Anlass ein großes Festival haben und der Kult des Künstlers ist etwas, worüber er schon lange nachgedacht hat. Ähnlich wie bei der Jahrhundertausstellung 2000 wollte er jetzt den Künstler selbst als großes Thema nehmen. Als Direktor der Nationalgalerie hat er natürlich ihre drei Häuser involviert und der Reihe ein intelligentes Konzept hinterlegt. So wird am Kulturforum die Unsterblichkeit des Künstlerkults präsentiert, sie stellt sozusagen diese große Idee dar. Die Alte Nationalgalerie, die Neue Nationalgalerie und der Hamburger Bahnhof zeigen Beispiele. Nicht die großen Namen wie Pablo Picasso, Claude Monet oder Édouard Manet, sondern eher Künstler, die man nicht erwartet.

In der Neuen Nationalgalerie werden Werke von Paul Klee und Jeff Koons präsentiert.

Die eine Ausstellung heißt Das Universum Klee und das bedeutet Paul Klee von A bis Z. Es geht um seine großen Themen, von der Kindheit bis zum Bauhaus, um Träume, Angst, Landschaften, Sterne - also das ganze Werk. Wir wollten unbedingt seine universalen Ideen darstellen, denn die meisten Klee-Ausstellungen zeigen immer nur Ausschnitte. Wir wollen die ganze Spannweite, die es bei Klee gibt, illustrieren. Bei Jeff Koons ist es ganz anders: Wir nehmen nur eine Serie, Celebration. Die besteht aus Plastiken und Gemälden. Wir zeigen daraus elf Riesenskulpturen oben in der Halle.

Klee und Koons sind sehr gegensätzliche Künstler. Wie hat Koons darauf reagiert mit Klee in einem Haus ausgestellt zu werden?

Koons war ganz begeistert, seine Arbeiten zusammen mit Paul Klee zu zeigen. Er sieht sogar einige Assoziationen zwischen seinem Werk und Klees Kunst. Koons Celebration-Serie bearbeitet das Thema der Welt der Kinder, und Paul Klee versucht immer wieder Kinderzeichnungen zu ergründen und vollkommen frei von irgendwelchen Vorgedanken zu spielen. Da gibt es eine Überschneidung. In der Tat gibt es aber zwischen Koons und Klee einen totalen Bruch auf einer anderen Ebene, was auch spannend ist. Letztlich zeigen diese Ausstellungen Beispiele davon, was ein Künstler ist, was die Kunst kann und wo der Kult beginnt.

Koons ist Künstler und gleichzeitig sein eigener Marketingexperte, er beschäftigt ein knapp hundertköpfiges Team und gilt als Kontrollfreak. Wie plant man eine Ausstellung mit so einem Medienmenschen?

Ach, das war nicht viel komplizierter als bei anderen Künstlern. Künstler von diesem Rang sind gern informiert über alles was wir machen. Ich denke, das kommt daher, dass sie einfach perfekt arbeiten wollen. Auch wenn sie sich sehr geehrt fühlen, in der Nationalgalerie gezeigt zu werden, haben sie gleichzeitig Angst und wollen ganz genau prüfen, was passiert. Wir waren bei der Vorbereitung zwei-, dreimal bei Koons, und er war in Berlin. So nähert man sich peu à peu. Die Amerikaner wollen prinzipiell immer sehr viele Informationen. Aber auch wenn wir denken, dass dieses und jenes nur sekundäre Informationen sind, geben wir sie dennoch gern weiter. Es war mit Koons also nicht viel komplizierter als mit anderen. Gerade haben wir mit Jannis Kounellis eine Ausstellung gemacht, der war auch geradezu informationssüchtig. Aber das finde ich alles in allem okay, denn wir arbeiten gut zusammen und Kommunikation ist sehr, sehr wichtig. Wir bespielen ständig die Nationalgalerie, aber die meisten Künstler sind eben nur einmal zu Gast; daher müssen wir mit allen eine gute Kommunikation haben, als Basis für eine gute Arbeit. Sie wissen dann was wir machen, was wir sozusagen als ihr Partner mit ihnen vorhaben und meistens äußern sie sich gar nicht dazu - sie wollen nur informiert werden und sagen: Great! Very nice! Sie sind im Bilde und schwimmen nicht irgendwo herum, sondern sind richtig neben uns und fahren so mit uns in Richtung Eröffnung. Außerdem, Kontrollfreaks sind wir eigentlich alle ...

Haben Sie mehr mit dem Menschen Jeff Koons zu tun oder mit dem CEO der Marke Jeff Koons?

Das kann man gar nicht so richtig trennen. Wir haben Koons ja nicht umsonst ausgesucht für den Kult des Künstlers, er ist da wirklich eine ganz besondere Persönlichkeit. Wir wollten für die obere Halle des Mies-van-der-Rohe-Baus einen Zeitgenossen, jemand der diesen Künstlerkult als Person repräsentiert und dessen Persönlichkeit stark im Vordergrund steht und von der Kunst nicht trennbar ist. Wir haben Koons genommen, aber es gab auch andere Namen. Die Person Jeff Koons ist auch die Kultfigur Jeff Koons - ein wunderbares Konstrukt. Mit wem ich zu tun habe? Ich habe mit einer sehr angenehmen, höflichen Person zu tun, die sehr freundlich ist und sehr professionell.

Zurzeit läuft die Aufsehen erregende Ausstellung von Koons im Schloss von Versailles, die verhältnismäßig negativ besprochen wurde. Schadet das der Berliner Ausstellung eher oder nutzt es? Oder anders gefragt, ist schlechte Publicity auch gute Publicity?

Dazu zitiere ich Elizabeth Taylor, die einmal gesagt hat: »I don't care what they say about me as long as they talk about me.« So weit würde ich bestimmt nicht gehen, aber ich finde es ganz gut, wenn die Kunst auch aneckt. Die Kritik, die es hauptsächlich gibt an der Präsentation in Versailles, ist in erster Linie die Verbindung des Ortes mit der Kunst. Im Centre Pompidou wäre das vielleicht anders gewesen - ich weiß es nicht. Bei uns sind die Voraussetzungen jedenfalls völlig anders, obwohl es eine Parallele gibt zwischen Versailles und der Neuen Nationalgalerie. Dort haben wir sozusagen das Nonplusultra einer gewissen Architektur aus einer gewissen Zeit und hier in Berlin haben wir mit Mies van der Rohe auch das Beste, den Tempel der Moderne: reduziert, minimal, weniger wäre gar nichts. Das fand Jeff Koons sehr, sehr aufregend. Direkt nach Versailles mit dem ganzen Rokoko, Blattgold und rotem Prunk in die Neue Nationalgalerie zu kommen, wo das Licht ein Problem ist, wo es zu hell ist, wo die Räumlichkeit zu hoch ist, wo es einfach leer ist! Großartige Verhältnisse für eine neue Präsentation seiner Arbeiten, fand Koons, um sie unter einem ganz anderen Aspekt zeigen zu können. Ich war in Versailles und mir hat es ganz gut gefallen, es passte gut zu den Räumen. Bei der ganzen Aufregung fiel ein lustiges Zitat: Es wäre so, als würde man der Mona Lisa einen Schnurrbart anmalen. Für uns Kunstleute ist eine solche Kritik natürlich sehr amüsant!

Sie sind der Geschäftsführer des Vereins der Freunde der Nationalgalerie. Wie bewerben Sie den Kult des Künstlers?

Ganz plakativ bei Jeff Koons. Wir werben mit den Objekten: bunt, mit großer Schrift drüber, sodass das eigentlich so schreiende Objekt etwas überdeckt wird vom Namen. Wie beim Kult des Künstlers eben - der Name kommt vor seinem Werk, weil der Künstler auch sein Werk ist. Im Fall von Koons auf jeden Fall. Bei Paul Klee wollten wir es ganz anders machen. Da arbeiten wir mit verschiedenen Motiven. Auf der Werbung finden Sie unten die Schrift auf einer Farbfläche mit dem Namen Paul Klee und darüber ein Kunstwerk. Unangetastet, rein! Bei Koons arbeiten wir hauptsächlich mit zwei Motiven, mit dem Herz und mit dem Hund, bei Klee haben wir ungefähr neun Motive, denn wir wollen die Bandbreite zeigen. Jeder von uns hatte einen anderen Klee im Kopf und die wollten wir alle hervorholen. Bei Jeff Koons ist es einfach: Bumm! Knall! Da ist die Farbe, da ist der Name. Man soll keine Luft mehr bekommen, nicht mehr atmen können. So wie die Kunstwerke, die Tonnen wiegen, soll auch die Werbung wirken.

Merchandising spielt ja sicher auch eine große Rolle?

Bei Klee passt eine große Kinderabteilung sehr gut. Es gibt so viele Motive mit Tieren. Aber auch das Thema Essen wollen wir auf eine lustige Art und Weise ansprechen. Deshalb überlegen wir eine Kombination mit Kochstars und dazu kommt dann Klee mit Themen wie »Das gebratene Huhn« oder »Hennen und Eier«. Außerdem gehen wir das Thema »Engel und Himmel« an. Zu Jeff Koons setzen wir einfach auf Materialität. Die Oberfläche der Kunstwerke ist der Anfang unserer Ideen. Da will ich aber nicht zu viel verraten. Wir werden natürlich auch Plakate, Drucke und Postkarten verkaufen. Ich freue mich besonders auf die Poster, die in der Präsentation in der Neuen Nationalgalerie selbst produzieren werden. Das ist etwas, was die Leute gern mögen und wonach sie oft fragen.

Der Verein der Freunde der Nationalgalerie war lange geprägt durch Peter Raue, jetzt ist Christina Weiss die Direktorin. Hat sich damit etwas an der Ausrichtung des Vereins geändert?

Nein, nicht wirklich. Wir wollen weiterhin zusammen unsere beiden Hauptziele verfolgen: Ausstellungen zu ermöglichen und Erwerbungen für die Nationalgalerie zu machen. Wir wollen Ausstellungen machen, die sich finanziell gesehen lohnen, um damit wichtigere aber finanziell nicht rentable Ausstellungen zu ermöglichen. Blockbuster werden wir bestimmt weiterhin noch machen, wenn es sich auf allen Ebenen lohnt! Wir haben auch gar kein Problem damit, diese Blockbuster zu machen, weil sie natürlich - und darauf achten wir besonders - einen guten Inhalt haben. Es müssen immer gute Ausstellungen sein, wir tragen ja den Namen der Nationalgalerie mit. Und Kunstausstellungen werden heutzutage ja immer kostspieliger.

Koons war wahrscheinlich nicht gerade billig.

Sehr teuer! Unwahrscheinlich teuer! Wir zahlen nicht einen Pfennig an Jeff Koons dafür, dass wir seine Werke bekommen, aber wir haben Leihgaben aus Asien und mehrere aus Amerika. Der Hund wiegt mehrere Tonnen, ein riesiger gelber Diamant über zwei Tonnen, alles das können wir nicht einfach in die Nationalgalerie rollen, sondern müssen einen Kran kommen lassen, der alles in das Haus bringt und haben ein spezielles Aufbauteam aus Amerika. Die Logistik dafür ist wirklich alles andere als einfach. Daher wird das ordentlich teuer! Aber einen van Gogh herzubringen ist genauso teuer.

Peter Vetsch, der langjährige Pressechef der Art Basel, wechselt im nächsten Jahr nach Berlin, um dort die künstlerische Leitung des Art Forums zu übernehmen. Reizt Sie der Gedanke, selbst auch ins Kuratorenfach zu wechseln?

Ja, ich fände es ganz gut. Natürlich reizt mich das Kuratieren. Ich bin zwar kein Kunsthistoriker, sondern habe Literatur studiert. Aber ich weiß, wo ich herkomme, und ich mache dieses Business seit zwölf Jahren. Deshalb habe ich einiges dazugelernt und auch schon zwei Ausstellungen kuratiert: kleinere Geschichten, keine lauten ... Aber genauso spannend fände ich, das, was ich gelernt habe, an der Universität der kommenden Generation zu vermitteln. Zu zeigen, wie Ausstellungen gemacht werden, wie man viele Leute dahin bekommt, wie Kunst und Kommerz zusammengehen können. Das funktioniert meines Erachtens nur unter bestimmten Voraussetzungen: Die Kunst muss einfach immer zuerst kommen, das Niveau muss da sein. Wenn es Qualität hat, kann man alles machen - Qualität rettet alles.

30.10.2008

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