Kunstlexikon

Zero

Günther Uecker »Das gelbe Bild«

Günther Uecker, »Das gelbe Bild«, 1957, Detail

Bücher zum Thema

ZERO

ZERO
Internationale Künstler-Avantgarde der 50er/60er Jahre

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-1747-2
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Sammlung Lenz Schönberg. Leben in Kunst

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Zwanzig Kapitel

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Above Zero

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ISBN 978-3-7757-2437-1
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Ende der Malerei, neuer Anfang der Kunst: Zero markiert quasi den Nullpunkt (Zero = Null) vor dem neuen künstlerischen Beginn.

»Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang.« (Aus dem Zero-Manifest, 1963)

»Die Kunst ist heute nicht mehr der Vollzug des Betrachtens vor einem vollkommenen Gegenstand, sondern die Kunst selbst ist ein lebendiger Akt geworden. Sie verwirklicht sich im leeren Menschen. Das Bild an sich ist nicht von Bedeutung, nur ein auslösender Faktor für das Sichtbarmachen einer Idee, eines Impulses.« (Günther Uecker, 1965)

Der Beginn der Avantgarde in Deutschland hat einen Namen: Zero. Ihr Auftritt im Frühjahr 1958 hat das Gesicht der deutschen Nachkriegskunst so tiefgreifend und nachhaltig verändert, dass die Auswirkungen bis in die Gegenwart bemerkbar sind. Begonnen hatte alles in Düsseldorf. Dort teilten sich die beiden ehemaligen Kommilitonen Otto Piene (*1928) und Heinz Mack (*1931), der Not gehorchend, ein Atelier in einer ehemaligen Lagerhalle. Als Reaktion auf die mangelnden Möglichkeiten, junge Kunst an die ?–ffentlichkeit zu bringen, räumten sie ihre Utensilien im Hinterhof des Hauses auf der Gladbacher Straße beiseite und baten am 11. April 1957 zur ersten von neun Abendausstellungen.

Keine zwei Monate später eröffnete der ehemalige Maler Alfred Schmela seine Galerie in der Altstadt. Sie entwickelte sich schon bald zu einem Begegnungszentrum für die internationale Avantgarde und setzte einen maßgeblichen Impuls für die Entwicklung des Düsseldorfer Kunstbetriebs. Für Mack und Piene war bereits die erste Ausstellung dort ein zukunftweisendes Ereignis: Gewidmet war sie dem bis dahin in Deutschland völlig unbekannten Yves Klein (1928–1962) und seinen monochromen Arbeiten.

Kleins Werkschau erregte großes Aufsehen in der »farbüberfluteten« Welt des Abstrakten Expressionismus, und der charismatische Künstler verstand es, seine Kollegen zu beeindrucken. Er schürte ihre Ablehnung des Informel und des Tachismus und lehrte sie, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Klein gilt als direkter Anreger für Zero. Seine Idee von der Monochromie bot Anlass, sich zunächst mit dem Phänomen Farbe auseinander zu setzen. Piene und Mack sahen in Klein das Ende der Malerei, aber auch einen neuen Anfang der Kunst: Zero markiert quasi den Nullpunkt (Zero = Null) vor dem neuen künstlerischen Beginn. Man begann also zu experimentieren, und Piene entdeckte die Möglichkeit, statt eines Pinsels Raster als Mittel einer strengen Reihung, einer nicht-manuellen Kunst, für die Gestaltung von Farbe einzusetzen.

Die siebte Abendausstellung am 24. April 1958 brachte die neuen künstlerischen Gestaltungsprinzipien dann radikal auf den Punkt: Die Farbe wurde in Richtung Monochromie reduziert, an die Stelle einer gestischen Malweise trat die Dynamik der Bildfläche und der Verzicht auf Komposition. Licht, Bewegung und Struktur dienten dazu, ursprüngliche Farbqualitäten zu entfalten. Es erschien außerdem die Zeitschrift »ZERO 1« als ein Organ der Selbstdarstellung, mit dem die Künstler erstmals Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Sie wurde ihr Text- und Bildbericht, dokumentierte ihre Gedanken und Thesen und förderte den Kontakt zu Gleichgesinnten auch außerhalb Düsseldorfs.

Inzwischen war auch Günther Uecker (*1930) zu der Gruppe gestoßen, seit 1958 als Gast, ab 1961 als aktiver Zero-Künstler. Der unabhängig voneinander eingeschlagene Weg – fort von der Komposition, hin zur gleichmäßig strukturierten Fläche und die Thematisierung von Licht und Bewegung – weist deutliche Parallelen auf. Wie Klein begannen die Zero-Künstler den Raum in das künstlerische Werk einzubeziehen und begleiteten ihre Ausstellungen mit öffentlichen Aktionen.

Am 2. Oktober 1958 erschien zur achten Abendausstellung »ZERO 2«. Mack veröffentlichte seinen Aufsatz »Die Ruhe der Unruhe«, ein poetisches Zero-Bekenntnis im Geiste Hegel´scher Dialektik. Er pries eine Kunst, die Dynamik und Rhythmus liebt. Das Sichtbarmachen der Bewegung des Lichts, die Vibration, wird zum Markenzeichen. Mack entdeckte ein neues Medium, als er versehentlich auf eine Metallfolie trat, die auf einem Sisalteppich lag. Als er die Folie aufhob hielt er den Abdruck der Teppich-Struktur in Händen. Das silberne serielle Relief erzeugte auf optische Weise eine Bewegung. Er schrieb: »Spiegelblank poliert genügt ein geringes Relief, um die Ruhe des Lichts zu erschüttern und in Vibrationen zu bringen. Die mögliche Schönheit dieser Gebilde wäre ein reiner Ausdruck der Schönheit des Lichtes«.

Die Lichtimpulse oder Lichtvibrationen Macks wurden ab 1959 durch motorische Bewegung ergänzt. Der Anstoß ging von Jean Tinguely (1925–1991) aus, als dieser bei Schmela ausstellte. Seine Versuche, Geschwindigkeit als Mittel der Entmaterialisierung einzusetzen, decken sich mit den Absichten Macks, Pienes und Ueckers. Die Bewegung, die im Auge des Betrachters entsteht, wird erweitert durch ein In-Bewegung-Setzen des Objektes oder der Lichtquelle. Nun schufen sie »Lichtobjekte«, »Lichtdynamos«, rotierende Drehscheiben und »Lichtballette«. Mit den Motoren erschien ein theatralisches Moment in der Kunst. Piene sah 1961 das »Licht- und Himmelstheater« voraus, Mack träumte von einem »artifiziellen Garten« in der Sahara. »Dynamo« wurde zum Leitmotiv.

1959 hatten die drei Künstler im Antwerpener Hessenhuis den ersten internationalen Auftritt, und es blieb nicht dabei. Als erste deutsche Kunstrichtung der Nachkriegszeit konnten sie auch in der neuen Kunstmetropole New York Erfolge feiern. Darüber hinaus pflegten sie Kontakte zu geistesverwandten Künstlern, Düsseldorf wurde zu einem Anziehungspunkt der internationalen Kunstszene. Daniel Spoerri und Dieter Rot ließen sich zeitweilig nieder, Christian Megert blieb, Castellani, Fontana und Manzoni stellten aus, Marcel Broodthaers wirkte hier, Nam June Paik kam, Joseph Beuys erhielt eine Professur.

»ZERO 3«, die wichtigste und umfangreichste Ausgabe des Magazins, zeigte 1961, auf dem Höhepunkt der internationalen Zero-Aktivitäten, einen neuen Standort auf. Was sich mit der Ablösung vom Tafelbild durch das Objekt, den Einbezug realer Bewegung und wirklichen Lichts allmählich vollzogen hatte, lief auf den Anspruch hinaus, Kunst und Lebensraum durch ästhetische Gestaltung miteinander zu verknüpfen. »ZERO 3« propagierte eine Symbiose von Natur, Mensch und Technik. Damit sind die Übergänge von Zero, Fluxus, Neuem Realismus und Konzeptkunst fließend. 1966 löste sich die Gruppe Zero in Deutschland auf.

20.03.2006 Monika Wolz

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